E-Books in Bibliotheken: Lizenzmodelle

E-Books in Bibliotheken: Ein Lizenz-Dschungel, der uns alle angeht

Als unser Team kürzlich ein brandaktuelles Buch in der Onleihe der Wiener Büchereien vormerken wollte und eine Wartezeit von mehreren Monaten angezeigt bekam, wurde uns klar, wie kaputt das System hinter dem digitalen Verleih tatsächlich ist. Da sitzen wir also, mitten im 21. Jahrhundert, und warten auf eine Datei, als stünden wir in einer Nachkriegsrationierungsschlange. Was als bequeme Alternative zum physischen Bibliotheksbesuch gedacht war, entpuppt sich zunehmend als bürokratisches Minenfeld, das den Zugang zu Wissen künstlich verknappt.

Die Illusion vom unendlichen digitalen Regal

Wer eine Bibliothek betritt, erwartet Regale voller Bücher – und im digitalen Raum scheint diese Erwartung ins Unermessliche zu wachsen. Schließlich kostet eine Kopie einer Datei praktisch nichts, also müsste doch jedes E-Book unbegrenzt verfügbar sein. Die Realität in der Onleihe der Wiener Büchereien, die rund 120.000 digitale Medien umfasst, sieht allerdings anders aus. Statt eines unendlichen Regals erleben wir eine digitale Mangelwirtschaft. Wo ein gedrucktes Buch gleichzeitig von mehreren Leserinnen und Lesern nacheinander ausgeliehen werden kann, ohne dass es sich abnutzt, wird die elektronische Version künstlich limitiert.

Der entscheidende Unterschied liegt im sogenannten Erschöpfungsgrundsatz. Wenn eine Bibliothek ein physisches Buch kauft, erschöpft sich das Verbreitungsrecht des Verlags mit diesem Verkauf. Die Bibliothek kann das Exemplar verleihen, so oft sie will, bis es zerfällt. Bei E-Books greift dieser Grundsatz nicht, weil das Urheberrecht digitale Werke anders behandelt. Hier erwirbt die Bibliothek keine Eigentümerschaft an einem Gegenstand, sondern lediglich ein Nutzungsrecht, das der Verlag nach Belieben einschränken kann. Juristisch betrachtet kauft die Bücherei Wien also gar kein Buch, sondern mietet eine Lizenz – und das unter Bedingungen, die der Vermieter diktiert. Dieses Konstrukt hebelt den Grundgedanken der öffentlichen Bibliothek als demokratische Wissensinstitution systematisch aus.

Die gängigsten Lizenzmodelle und ihre Tücken

Die Verlagsbranche hat ein ganzes Arsenal an Lizenzmodellen entwickelt, die eines gemeinsam haben: Sie maximieren die Einnahmen und minimieren die Nutzungsrechte der Bibliotheken. Für Leserinnen und Leser bedeutet das Wartezeiten, Frustration und die bittere Erkenntnis, dass digitaler Fortschritt nicht automatisch mehr Zugang bedeutet. Unser Team hat die drei häufigsten Modelle unter die Lupe genommen:

  • One-Copy-One-User: Das vorherrschende Modell im deutschsprachigen Raum simuliert die physische Welt auf absurdeste Weise. Ein lizenziertes E-Book kann immer nur von einer Person gleichzeitig ausgeliehen werden. Ist das Buch vergeben, entsteht eine digitale Warteschlange, die sich über Monate ziehen kann. Für Bestseller bedeutet das: Wer nicht innerhalb der ersten Stunden zugreift, wartet unter Umständen ein halbes Jahr. Die Bibliothek könnte zwar weitere Lizenzen erwerben, doch bei den überhöhten Preisen sprengt das schnell das Budget.
  • Simultaneous Use: Beim Simultaneous-Use-Modell dürfen beliebig viele Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig auf ein E-Book zugreifen – allerdings zu Preisen, die sich an der potenziellen Nutzungsintensität orientieren. Für eine Schulklassenlektüre oder ein stark nachgefragtes Sachbuch kann das schnell fünfstellige Beträge pro Jahr bedeuten. Für kleinere Bibliotheken ist dieses Modell schlicht unerschwinglich, und selbst die Wiener Büchereien müssen genau kalkulieren, welche Titel sie sich in dieser Form leisten können.
  • Pay-per-Use: Das Pay-per-Use-Modell treibt die Kommerzialisierung auf die Spitze. Hier zahlt die Bibliothek für jeden einzelnen Zugriff, ähnlich wie bei einem Streaming-Dienst ohne Flatrate. Jede Ausleihe kostet einen vorher festgelegten Betrag, der meist zwischen zwei und fünf Euro liegt. Für die Bibliothek ist das ein finanzielles Risiko, denn beliebte Titel können so zum Fass ohne Boden werden. Für die Nutzerinnen und Nutzer bleibt dieses Modell oft unsichtbar, aber es zwingt die Bibliotheken zu einer betriebswirtschaftlichen Abwägung, die ihrem Bildungsauftrag fundamental widerspricht.

Österreichische Verlage wie Residenz oder Picus verlangen für Bibliothekslizenzen oft das Drei- bis Fünffache des privaten Verkaufspreises. Und als wäre das nicht genug, verfallen diese Lizenzen in der Regel nach 24 Monaten oder 20 Ausleihen – dann muss die Bibliothek erneut zahlen, obwohl die Datei keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigt.

Das Oligopol der Anbieter: OverDrive, divibib und der Rest

Zwischen Bibliothek und Verlag sitzt noch eine weitere Machtinstanz: die Plattformbetreiber. Sie stellen die technische Infrastruktur bereit, über die E-Books ausgeliehen werden, und kontrollieren damit den gesamten Zugang. Im deutschsprachigen Raum hat sich ein Quasi-Monopol etabliert, das die Abhängigkeit der öffentlichen Bibliotheken zementiert und Innovation systematisch ausbremst.

Die divibib GmbH mit Sitz in Wiesbaden ist eine Tochtergesellschaft von Verlagshäusern wie Random House und kontrolliert die Onleihe-Plattform, die auch die Wiener Büchereien nutzen. Das ist, als würde der Tankstellenbetreiber gleichzeitig die Automobilindustrie besitzen und die Straßen kontrollieren. Die Interessen der Verlage – hohe Preise, begrenzte Nutzung – sind in die Plattformarchitektur eingeschrieben. Bibliotheken können nicht einfach zu einem günstigeren Anbieter wechseln, weil es im deutschsprachigen Raum keine echte Alternative gibt. International setzt OverDrive mit der App Libby Standards, von denen österreichische Bibliotheksnutzerinnen nur träumen können. Die Benutzeroberfläche ist intuitiv, die Auswahl groß, und vor allem sind die Lizenzbedingungen oft bibliotheksfreundlicher als bei der Onleihe. Warum sich Libby im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzt hat, liegt nicht an technischen Hürden, sondern an der Marktmacht der etablierten Verlagsstrukturen, die kein Interesse an einem offeneren System haben.

Verlage und ihre Angst vor der digitalen Leihgabe

Hinter den technischen und juristischen Details verbirgt sich eine tief sitzende Angst der Verlagsbranche: die Furcht, dass ein funktionierendes digitales Bibliothekssystem den Buchmarkt kannibalisiert. Ob diese Angst berechtigt ist, sei dahingestellt – Studien aus Skandinavien zeigen eher das Gegenteil, nämlich dass Bibliotheksnutzerinnen auch überdurchschnittlich viele Bücher kaufen. Dennoch reagieren große Publikumsverlage mit einer Blockadehaltung.

Eine besonders perfide Praxis ist das sogenannte Windowing. Neuerscheinungen werden monatelang nicht für Bibliotheken lizenziert, um die Verkaufszahlen im Buchhandel nicht zu gefährden. Wer sich den aktuellen Bestseller nicht leisten kann oder will, muss warten – manchmal ein halbes Jahr oder länger. Diese künstliche Verzögerungstaktik trifft jene am härtesten, die auf Bibliotheken angewiesen sind: Menschen mit geringem Einkommen, Schülerinnen und Studenten. Ausgerechnet die aktuellsten Titel, die für gesellschaftliche Debatten am relevantesten sind, bleiben ihnen vorenthalten. Wenn Verlage entscheiden, welche Titel wann und zu welchen Bedingungen in Bibliotheken verfügbar sind, üben sie eine kulturelle Kontrollinstanz aus, die dem demokratischen Grundgedanken öffentlicher Bibliotheken diametral entgegensteht.

Was die Wiener Büchereien jetzt tun – und was sie tun sollten

Angesichts dieser Problemlage stellt sich die Frage, wie die Wiener Büchereien und die österreichische Kulturpolitik reagieren. Die gute Nachricht: Das Bewusstsein für das Problem wächst. Die schlechte: Konkrete Verbesserungen lassen auf sich warten, während die Verlage ihre Position weiter ausbauen.

Der Büchereiverband Österreichs (BVÖ) fordert seit 2022 eine Anpassung des Urheberrechts für E-Lending. Konkret geht es um eine gesetzliche Regelung, die Bibliotheken das Recht gibt, E-Books zu fairen Bedingungen zu erwerben und zu verleihen, ohne von den willkürlichen Lizenzbedingungen der Verlage abhängig zu sein. Eine entsprechende Petition an das Justizministerium hat zahlreiche Unterstützerinnen gefunden, doch die legislative Umsetzung stockt. Ein Blick nach Norden zeigt, dass es auch anders geht. Die skandinavischen Länder haben mit “One Copy, One User, Fair Price”-Modellen gesetzliche Rahmen geschaffen, die Bibliotheken vor überhöhten Lizenzgebühren schützen. In Dänemark etwa zahlen Bibliotheken für E-Book-Lizenzen einen staatlich regulierten Preis, der sich am physischen Buchpreis orientiert. Gleichzeitig werden die Autorinnen und Autoren über ein faires Vergütungssystem an den Ausleihen beteiligt. Dieses Modell beweist, dass sich die Interessen von Bibliotheken, Verlagen und Urheberinnen ausgleichen lassen – wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

Unser Team kommt zu dem Schluss, dass die aktuelle Lizenzpraxis eine schleichende Aushöhlung des öffentlichen Bildungsauftrags darstellt und wir als Gesellschaft dringend über eine gesetzliche Regelung nachdenken müssen, bevor uns die Verlage endgültig den Zugang zur digitalen Literatur diktieren. Die Wiener Büchereien sind keine kommerziellen Dienstleister, sondern demokratische Infrastruktur. Wer ihren Handlungsspielraum durch überhöhte Preise und künstliche Verknappung einschränkt, beschädigt nicht nur eine Institution, sondern das Fundament einer informierten Gesellschaft.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind E-Books in der Onleihe der Wiener Büchereien oft monatelang nicht verfügbar?

Das liegt am vorherrschenden One-Copy-One-User-Modell, bei dem jedes lizenzierte E-Book nur von einer Person gleichzeitig ausgeliehen werden kann. Da Bibliotheken aufgrund der hohen Lizenzkosten meist nur wenige Exemplare erwerben können, entstehen bei beliebten Titeln lange Wartezeiten. Anders als bei physischen Büchern dürfen die Wiener Büchereien E-Books nicht einfach nachkaufen, sondern müssen teure Lizenzen erwerben, die zudem nach einer bestimmten Anzahl von Ausleihen oder nach 24 Monaten verfallen.

Was kostet eine E-Book-Lizenz für österreichische Bibliotheken im Vergleich zum Privatkauf?

E-Book-Lizenzen für Bibliotheken kosten im österreichischen Durchschnitt das Drei- bis Fünffache des privaten Verkaufspreises. Ein E-Book, das im Handel für 14,99 Euro erhältlich ist, kann die Bibliothek also zwischen 45 und 75 Euro kosten – und das bei einer Nutzungsdauer, die auf 24 Monate oder 20 Ausleihen begrenzt ist. Danach muss die Lizenz erneut erworben werden, obwohl die Datei keiner Abnutzung unterliegt.

Wer steckt hinter der Onleihe-Plattform, die die Wiener Büchereien nutzen?

Die Onleihe wird von der divibib GmbH mit Sitz in Wiesbaden betrieben, einer Tochtergesellschaft großer Verlagshäuser wie Random House. Diese Konstellation führt zu einem Interessenkonflikt: Der Plattformbetreiber gehört denselben Unternehmen, die auch die Lizenzbedingungen diktieren und von hohen Preisen profitieren. Eine unabhängige Alternative existiert im deutschsprachigen Raum derzeit nicht, was die Verhandlungsposition der Bibliotheken erheblich schwächt.

Gibt es Länder, in denen das E-Lending bibliotheksfreundlicher geregelt ist?

Ja, die skandinavischen Länder gelten als Vorbild. Sie haben mit gesetzlichen Regelungen faire Rahmenbedingungen geschaffen, die Bibliotheken vor überhöhten Lizenzgebühren schützen und gleichzeitig eine angemessene Vergütung für Autorinnen und Autoren sicherstellen. In Dänemark etwa orientieren sich die Preise für Bibliothekslizenzen am physischen Buchpreis und nicht an willkürlich festgelegten Vielfachen davon. Der Büchereiverband Österreichs fordert seit 2022 eine ähnliche gesetzliche Anpassung des Urheberrechts für Österreich.

Was kann ich als Nutzerin oder Nutzer der Wiener Büchereien tun, um die Situation zu verbessern?

Sie können die Petition des Büchereiverbands Österreichs an das Justizministerium unterstützen, die eine faire gesetzliche Regelung für E-Lending fordert. Darüber hinaus hilft es, das Thema in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen – sprechen Sie mit Freundinnen und Freunden darüber, schreiben Sie Leserbriefe oder kontaktieren Sie die Kultursprecherinnen der politischen Parteien. Je mehr öffentlicher Druck entsteht, desto schwerer können Politik und Verlage das Problem ignorieren.

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