Category: Austrian books, libraries & cultural policy blog

  • Wiener Verlagslandschaft im ?berblick

    Zwischen Manuskript und Lesepult: Die Wiener Verlagslandschaft im Überblick

    Mit einem Stapel Neuerscheinungen aus der Hauptbücherei am Gürtel zurück im Büro, fragen wir uns, wer hinter den vielen österreichischen Stimmen eigentlich steckt – ein persönlicher Blick auf die Verlage, die unser literarisches Leben prägen. Bevor Bücher in den Regalen der Wiener Büchereien landen und wir sie voller Vorfreude ausleihen, haben sie bereits eine lange Reise hinter sich. Eine Reise, die in den Lektoratsbüros und Programmkonferenzen der Verlage beginnt und ohne die unsere literarische Landschaft ziemlich eintönig aussähe.

    Warum ein Blick auf die Verlagslandschaft lohnt

    Verlage sind weit mehr als Druckdienstleister, die Manuskripte zwischen zwei Buchdeckel pressen. Sie sind kuratorische Instanzen, die entscheiden, welche Stimmen gehört werden und welche Themen auf den literarischen Diskurs einwirken. Gerade in einer Stadt wie Wien, die sich ihrer reichen Literaturtradition gerne rühmt, lohnt der genaue Blick hinter die Kulissen. Für uns, die wir regelmäßig mit Leserinnen und Lesern in den Zweigstellen der Wiener Büchereien sprechen, ist diese Vermittlungsarbeit täglich spürbar. Die unabhängigen Verlage sind es, die oft jene Texte publizieren, die später in der Literaturkritik für lebhafte Debatten sorgen – Texte, die nicht nach Marktlogik, sondern nach inhaltlicher Dringlichkeit ausgewählt werden. Was Leserinnen und Leser in der Bibliothek in Händen halten, ist das Ergebnis unzähliger Stunden leidenschaftlicher Überzeugungsarbeit und oft genug kaufmännischen Risikos. Ein Lektorat, das über Monate an jedem Satz feilt, eine Herstellungsabteilung, die um das perfekte Papier ringt – all das bleibt meist unsichtbar, bildet aber das Fundament jeder ernsthaften Literaturkritik. Ein Blick in den Online-Katalog der Stadt Wien – Büchereien ist aufschlussreicher als jede Bestsellerliste: Hier zeigt sich, welche Verlage mit ihren Programmen tatsächlich in der Breite ankommen. Wir haben festgestellt, dass neben den großen Namen erstaunlich viele Titel von Klein- und Kleinstverlagen im Bestand zu finden sind – dank einer bewussten Ankaufspolitik, die den Katalog zum Spiegel einer vielfältigen Literaturszene macht.

    Die Platzhirsche: Große Wiener Verlagshäuser und ihre Profile

    Wien beheimatet einige Verlagshäuser, die seit Jahrzehnten das literarische Leben der Stadt und des Landes mitprägen. Sie verfügen über die Ressourcen für internationale Projekte und bieten gleichzeitig österreichischen Stimmen eine Bühne.

    Paul Zsolnay Verlag: Literarisches Erbe mit Exilgeschichte

    Der Paul Zsolnay Verlag verlegte in der Zwischenkriegszeit zahlreiche Exilautorinnen und Exilautoren, deren Werke 1938 der Buchverbrennung zum Opfer fielen. Dieses dunkle Kapitel ist Teil der DNA des Hauses, das heute zum Hanser Verlag gehört, aber weiterhin mit eigenem Profil in Wien agiert. Namen wie Franz Werfel oder Heinrich Mann stehen sinnbildlich für ein Programm, das einst Weltliteratur nach Österreich holte und selbst zum Ziel nationalsozialistischer Kulturpolitik wurde. Wenn wir heute einen Zsolnay-Titel in den Wiener Büchereien ausleihen, halten wir auch ein Stück widerständiger Verlagsgeschichte in Händen.

    Carl Ueberreuter und Picus: Bildung und Lokalkolorit

    Wer in Österreich zur Schule gegangen ist, kommt an Carl Ueberreuter kaum vorbei. Der im Bildungswesen tief verwurzelte Verlag hat sich längst zu einem Haus mit beachtlichem Belletristikprogramm entwickelt, das besonders in der Kinder- und Jugendliteratur eine zentrale Rolle spielt. Der Picus Verlag wiederum ist mit seinen Wien-Krimis nicht wegzudenken und hat ein eigenes Subgenre etabliert, das die Stadt auf ganz eigene Art kartografiert. Sein politisches Sachbuchprogramm greift regelmäßig unterrepräsentierte Themen auf – diese Mischung aus Lokalkolorit und kritischer Analyse wird auch in den Zweigstellen der Wiener Büchereien stark nachgefragt.

    Unabhängig und unbequem: Die kleine Verlagsrevolution

    Abseits der großen Häuser hat sich eine Szene unabhängiger Verlage etabliert, die mit Mut zu formalen Experimenten und kritischen Themen die Literaturkritik immer wieder herausfordert. Diese Verlage arbeiten oft an der Schmerzgrenze der Wirtschaftlichkeit, sind aber genau jene, die den literarischen Diskurs lebendig halten.

    Jung und Jung sowie Septime: Programmatische Unerschrockenheit

    Der Verlag Jung und Jung, beheimatet in Salzburg mit starkem Wien-Bezug, steht seit Jahren für ein kompromissloses Programm mit Texten, die sprachlich und formal überraschen. Der Septime Verlag bewegt sich elegant zwischen Sprachen und Genres – Mehrsprachigkeit ist hier Programm, nicht Dekoration. Beide Häuser bilden das Rückgrat einer lebendigen Literaturkritik und sind dank der guten Ankaufspolitik der Stadt Wien in den Bibliotheksregalen präsent.

    Nischen mit Haltung: Spezialverlage für besondere Bedürfnisse

    Es gibt Themen, die brauchen einen langen Atem und eine klare Haltung. Dafür gibt es in Wien eine Handvoll Spezialverlage, die sich mit bemerkenswerter Konsequenz ihren Schwerpunkten widmen:

    • Mandelbaum Verlag: Mit der „Bibliothek des Widerstands“ hat er einen einzigartigen Schwerpunkt auf politischer Theorie und jüdischer Kulturgeschichte gesetzt. Für die Wiener Büchereien ist er unverzichtbar, wenn es um kritische Essayistik und zeithistorische Analysen geht.
    • Luftschacht Verlag: Gräbt mit Vorliebe literarische Schätze aus, die anderswo übersehen wurden, und korrigiert so unser Bild der österreichischen Literaturgeschichte.
    • Sonderzahl Verlag: Hat sich der Essaykunst verschrieben und publiziert schmale, aber gewichtige Bände, die in keiner ernstzunehmenden Bibliothek fehlen sollten.

    Wie die Wiener Büchereien die Verlagsvielfalt spiegeln

    Die Stadt Wien – Büchereien sind weit mehr als eine Ausleihstelle. Sie sind ein demokratischer Zugang zu Literatur, der gerade für kleine und unabhängige Verlage existenziell ist. Der zentrale Lektoratsdienst kauft gezielt Titel unabhängiger österreichischer Verlage an – eine versteckte, aber enorm wirksame Literaturförderung. Für Verlage wie Mandelbaum, Septime oder Sonderzahl bedeutet jeder angekaufte Titel eine verlässliche Absatzbasis für weitere riskante und wichtige Bücher. Darüber hinaus sind Bibliotheken längst kulturelle Begegnungsorte: Die Reihe „Literatur im Turm“ in der Hauptbücherei am Gürtel oder das „Lesofantenfest“ in Kooperation mit Picus und Jungbrunnen bringen Leserinnen und Leser mit den Menschen hinter den Büchern zusammen.

    Buchverbrennung und Erinnerungskultur: Das Erbe im Heute

    Die blühende Wiener Verlagslandschaft von heute ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist auch ein Ergebnis der Auseinandersetzung mit jener Zäsur, die 1938 alles zerstörte, was an literarischer Vielfalt existierte. Nach dem „Anschluss“ brannten auch in Wien die Scheiterhaufen: Werke jüdischer Autorinnen und Autoren, politisch missliebige Texte und ganze Verlagsprogramme wurden vernichtet. Der Paul Zsolnay Verlag wurde „arisiert“, und die Wiener Büchereien mussten betroffene Bücher aus ihren Beständen entfernen. Was damals in Flammen aufging, war die Auslöschung eines kulturellen Gedächtnisses, dessen Verlust bis heute nachwirkt.

    Heutige Verlage wie Mandelbaum, aber auch die historisch bewussten Programme der großen Häuser, setzen sich aktiv mit dieser Vergangenheit auseinander. Sie publizieren Forschungsliteratur zur NS-Zeit, geben vergessenen Stimmen ein Forum und betreiben so Erinnerungspolitik aus zivilgesellschaftlichem Engagement. Bibliotheken sind dabei die natürlichen Partnerinnen: Als Gedächtnisinstitutionen stellen sie sicher, dass diese Bücher nicht nur erscheinen, sondern dauerhaft zugänglich bleiben. Wer heute in einer Zweigstelle der Wiener Büchereien nach Titeln zur österreichischen Exilgeschichte sucht, findet ein breites Angebot – das ist gelebte Erinnerungskultur.

    Eine vielfältige Verlagslandschaft ist kein Selbstläufer. Sie lebt von Leserinnen und Lesern, die neugierig über Bestsellerlisten hinausschauen, von Bibliotheken mit kluger Ankaufspolitik und von mutigen Programmentscheidungen in den Lektoraten. Denn was zwischen Manuskript und Lesepult passiert, geht uns alle an.

    Häufig gestellte Fragen

    Welche Rolle spielen unabhängige Verlage für die Wiener Literaturszene?

    Unabhängige Verlage sind das Rückgrat der literarischen Innovation in Wien. Sie publizieren Texte abseits des Mainstreams, geben Debütantinnen und Debütanten eine Chance und setzen Themen, die später von größeren Häusern und der breiteren Literaturkritik aufgegriffen werden.

    Wie finde ich Bücher von kleinen Wiener Verlagen in den Büchereien?

    Der Online-Katalog der Stadt Wien – Büchereien ist der beste Ausgangspunkt. Sie können gezielt nach Verlagen suchen oder in den Zweigstellen das Personal ansprechen. Dank des zentralen Lektoratsdienstes sind Titel kleiner österreichischer Verlage gut im Bestand vertreten.

    Was hat die Buchverbrennung von 1938 mit der heutigen Verlagslandschaft zu tun?

    Die Zerstörung von 1938 hat eine ganze Generation von Autorinnen, Autoren und Verlegerpersönlichkeiten aus Wien vertrieben oder ermordet. Heutige Verlage setzen sich in ihren Programmen aktiv mit dieser Vergangenheit auseinander und führen fort, was damals gewaltsam unterbrochen wurde.

    Gibt es regelmäßige Veranstaltungen, bei denen ich Wiener Verlage kennenlernen kann?

    Ja, die Reihe „Literatur im Turm“ in der Hauptbücherei am Gürtel bietet regelmäßig Lesungen mit kleinen Wiener Verlagen. Auch das „Lesofantenfest“ für Kinderliteratur, kooperierend mit Verlagen wie Picus und Jungbrunnen, ist eine gute Gelegenheit. Viele unabhängige Verlage kündigen zudem eigene Lesereihen über ihre Websites und Social-Media-Kanäle an.

  • Leses?le als sozialer Raum

    Lesesäle als sozialer Raum: Warum eine Bibliothek mehr ist als ein Bücherdepot

    Es war ein ungewöhnlich heißer Juninachmittag, als wir zum ersten Mal bewusst die Geräuschkulisse in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz wahrnahmen. Nicht die Stille, die man mit Bibliotheken verbindet, sondern ein vielschichtiges Summen: das leise Klackern von Laptoptastaturen, das Rascheln von Zeitungspapier aus dem Kaffeehausbereich, ein gedämpftes Lachen aus der Jugendzone, das Schieben von Stühlen. Genau in diesem Moment, umgeben von der ikonischen Architektur Ernst Mayrs, begriffen wir, dass ein Lesesaal nichts mit einem stillgelegten Bücherdepot zu tun hat. Er ist ein atmendes, soziales Gefüge, in dem die stille Interaktion der Besucherinnen und Besucher – ein zustimmendes Nicken, ein kurzer Blickkontakt über einen Buchrücken hinweg – eine ganz eigene Form von Gemeinschaft stiftet. Dieser Text ist eine Annäherung an das Phänomen Lesesaal, an seine Rolle als demokratische Bühne, als Schutzraum gegen Geschichtsvergessenheit und als Anker gegen die Einsamkeit in der Großstadt.

    Der dritte Raum: Zwischen Wohnzimmer und Arbeitsplatz

    Der Soziologe Ray Oldenburg prägte einst den Begriff des „Dritten Ortes“: ein Raum, der weder dem privaten Rückzug der eigenen vier Wände noch dem funktionalen Zwang des Arbeitsplatzes entspricht. Ein Ort, an dem Begegnung niederschwellig möglich ist, ohne Konsumzwang und ohne soziale Kontrolle durch Familie oder Vorgesetzte. Dieses Konzept entfaltet in den Wiener Büchereien eine fast beklemmende Präzision. Gerade in einer Stadt, in der die Grenzen zwischen Wohnzimmer und mobilem Büro zunehmend verschwimmen, braucht es diesen dritten Raum dringender denn je. Die Bibliothek wird zum öffentlichen Wohnzimmer einer Nachbarschaft, die keine gemeinsamen Wände mehr hat.

    Architektur, die Gemeinschaft stiftet: Von der Magistratsabteilung 13 bis zur Freifläche

    Ein Paradebeispiel für diese bewusste Sozialplanung haben wir in der Bücherei Philadelphiabrücke im 12. Bezirk gefunden. Hier hat die zuständige Magistratsabteilung 13 einen Ort geschaffen, der mit Transparenz und Offenheit arbeitet. Große Glasfronten lassen den Straßenraum in den Lesesaal fließen, während offene Regalsysteme weite Sichtachsen erlauben. Kein düsteres Magazin, sondern eine einladende Freifläche. Die Architektur signalisiert: Hier darfst du einfach sein, ohne etwas kaufen oder eine Mitgliedschaft nachweisen zu müssen. Diese bewusste Niederschwelligkeit ist kein Zufall, sondern grundlegender Bestandteil des aktuellen Bibliotheksentwicklungsplans der Stadt Wien, der die Häuser als soziale Knotenpunkte definiert.

    Der Geräuschpegel als soziale Übereinkunft: Warum Flüstern verbindet

    Wenn wir über Bibliotheken sprechen, schwingt immer die Angst vor dem strengen Mahner zur Ruhe mit. In den modernen Wiener Büchereien hat sich dieses Bild radikal gewandelt. Der Geräuschpegel ist keine von oben verordnete Stille, sondern eine komplexe soziale Übereinkunft. In den verschiedenen Zonen – vom kommunikativen Foyer bis zum stillen Lesesaal – handeln die Nutzerinnen und Nutzer ständig neu aus, welche Lautstärke angemessen ist. Das leise, fast intime Flüstern, das zwei Lesende an einem Tisch miteinander verbindet, schafft eine temporäre Vertrauensgemeinschaft. Es ist der akustische Beweis dafür, dass Rücksichtnahme die Grundlage dieses Ortes ist.

    Stilles Publikum, laute Debatten: Der Lesesaal als Bühne der Literaturkritik

    Literaturkritik lebt vom Diskurs, vom Widerspruch, vom intellektuellen Ringen. Doch wo findet dieser Diskurs heute noch ungeschützt statt? In den sozialen Medien herrscht oft eine Logik der Empörung, der Shitstorm verdrängt das feine Argument. Wir sind überzeugt, dass echte kritische Auseinandersetzung mit Literatur einen geschützten, analogen Raum braucht, einen Raum der Physis, des Körpers. Der Lesesaal ist die ideale Bühne dafür. Wenn sich zwischen den Regalen Menschen begegnen, die einander in die Augen sehen müssen, verändert das die Qualität der Debatte. Sie wird ernsthafter, aber auch zivilisierter.

    Zwischen den Regalen: Wie zufällige Begegnungen unsere Buchauswahl beeinflussen

    Die Algorithmen im Netz wissen, was wir mögen – und sie füttern uns mit mehr davon, in einer Endlosschleife des Immergleichen. Der physische Lesesaal hingegen produziert glückliche Zufälle. Die Hand, die ziellos über Buchrücken streift und bei einem unerwarteten Titel hängenbleibt. Der fremde Mensch, der uns im Vorbeigehen einen Roman empfiehlt, den wir nie gesucht hätten. Dieses Browsen, dieses serendipitäre Entdecken ist ein elementarer, unersetzlicher Teil der Lektüreerfahrung. Die Büchereien Wien fördern dies aktiv durch ihre thematischen Präsentationsflächen, die quer zu den starren Systematiken laufen und ständig neue Zusammenhänge herstellen.

    Die Wiederentdeckung des gedruckten Wortes in Zeiten der Digitalisierung

    Es mag paradox klingen, aber je mehr unser Alltag von digitalen Endgeräten durchdrungen ist, desto stärker wird die Sehnsucht nach dem gedruckten, haptisch erfahrbaren Buch. Wir beobachten in den letzten Jahren eine Renaissance des Analogen, die weit über Nostalgie hinausgeht. Es ist eine bewusste Entscheidung für Entschleunigung, für eine Form der Konzentration, die der Bildschirm mit seinen ständigen Benachrichtigungen nicht zulässt. Der Lesesaal wird so zum Raum der bewussten Verweigerung, zum Schutzgebiet für das lange, ungestörte Lesen.

    Schutzraum Bibliothek: Ein Bollwerk gegen kulturellen Kahlschlag

    Wenn wir heute vom Schutzraum Bibliothek sprechen, ist das keine Metapher, die wir leichthin verwenden. Wir schlagen bewusst einen historischen Bogen zu einem der dunkelsten Momente der österreichischen Geschichte: den Bücherverbrennungen am Heldenplatz im Jahr 1938. Was dort in Flammen aufging, war nicht nur Papier und Druckerschwärze, sondern der Versuch, unliebsames Wissen, jüdische und sozialistische Geistesarbeit, das kulturelle Gedächtnis selbst auszulöschen. Die Bibliotheken von heute, allen voran die Wienbibliothek im Rathaus mit ihren akribischen Gedenkprojekten und kritischen Bestandsrekonstruktionen, stehen in genau dieser Tradition der Verteidigung. Sie sind die Hüterinnen einer Erinnerungskultur, die wehrhaft bleiben muss.

    Verbrannte Orte, gelebte Erinnerung: Die Mahnmale in der Stadt

    Die Stadt Wien hat aus den Verbrechen der Vergangenheit eine sichtbare Topographie der Erinnerung geschaffen. Mahnmale, wie jenes am Heldenplatz, die Gedenkstätten in den ehemaligen Arbeiterbüchereien oder die laufenden Restitutionsforschungen der Wienbibliothek, machen das Unsagbare physisch erfahrbar. Ein Spaziergang vom Heldenplatz zur Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz ist auch ein Gang durch diese Schichten der Erinnerung. Es zeigt, dass eine Bibliothek nie nur ein neutraler Aufbewahrungsort ist, sondern immer auch ein politischer Ort, der Haltung bezieht.

    Bestandsaufbau als politischer Akt: Wie die Büchereien Wien Zensur verhindern

    Ein sorgfältig kuratierter, physischer Bestand ist heute vielleicht das stärkste Bollwerk gegen digitale Manipulation und „alternative Fakten“. Anders als im Internet, wo unsichtbare Algorithmen Inhalte gewichten und löschen, ist der Bestand einer Bibliothek öffentlich einsehbar, nach festen Regeln aufgebaut und gegenüber willkürlichen Eingriffen geschützt. Die Lektorinnen und Lektoren der Büchereien Wien praktizieren mit jedem angekauften Buch einen bewussten, fachlich fundierten Akt gegen Zensur und für Meinungsvielfalt. Sie sorgen dafür, dass auch unangenehme, sperrige oder weniger nachgefragte Positionen einen Platz im Regal finden und nicht im digitalen Orkus verschwinden.

    Soziale Inklusion und die Überwindung der Einsamkeit

    Eine moderne Bibliothek ist ohne ihre sozialarbeiterische Komponente nicht mehr denkbar. Sie ist längst nicht mehr nur eine Ausleihstelle, sondern eine Anlaufstelle für Menschen, die sonst wenige haben. Wir haben in den letzten Monaten verstärkt das Phänomen beobachtet, das die Stadt Wien unter dem Schlagwort „Bibliothek als sozialer Knotenpunkt“ vorantreibt. Besonders eindrücklich wurde uns das in der Zweigstelle Schwendermarkt. Hier, im 15. Bezirk, hat der Lesesaal für viele ältere Stammgäste eine existenzielle Funktion übernommen: Er ist der tägliche Fixpunkt, der Grund, das Haus zu verlassen, ein Ort der ritualisierten Begegnung gegen die schleichende Isolation. Die Zeitung lesen, dabei einen Kaffee trinken, ein kurzes Gespräch mit dem Personal – es sind diese kleinen sozialen Interaktionen, die aus einem Bücherdepot einen überlebenswichtigen Wärmepunkt im städtischen Gefüge machen.

    Mehr als nur ein Lächeln an der Theke: Das Bibliothekspersonal als Community Manager

    Diese soziale Funktion wird getragen von Menschen. Das Personal in den Wiener Büchereien leistet weit mehr, als Medien zu verbuchen und Mahnungen zu verschicken. Wir sehen sie als Community Managerinnen und Manager im besten Sinne. Sie deeskalieren Konflikte, spenden Trost, kennen die Namen der Stammgäste, haben ein offenes Ohr für Alltagssorgen und wissen ganz genau, wann ein unverbindlicher Buchtipp und wann ein einfühlsames Nachfragen nötig ist. Diese emotionale und soziale Arbeit, die oft unsichtbar bleibt, ist das Rückgrat des Dritten Ortes Bibliothek.

    Sprachenvielfalt im Lesesaal: Ein Spiegelbild des modernen Wiens

    Wer durch die Lesesäle der Hauptbücherei oder der Zweigstelle Schwendermarkt geht, hört ein akustisches Mosaik, das die Stadt Wien perfekt abbildet: bosnisch-kroatisch-serbisch, türkisch, arabisch, ungarisch, Farsi und viele Varianten des Deutschen. Diese Sprachenvielfalt ist keine Randnotiz, sie ist das Programm. Die Büchereien Wien unterhalten umfangreiche fremdsprachige Bestände, nicht als folkloristisches Beiwerk, sondern als grundlegenden Service für eine migrantische Stadtgesellschaft. Der Lesesaal wird so zum gelebten Integrationsraum, wo Sprachlernen und kulturelle Teilhabe ganz praktisch im Alltag ankommen.

    Die Zukunft der Lesesäle: Zwischen Co-Working-Space und Rückzugsort

    Der Bibliotheksentwicklungsplan der Stadt Wien skizziert eine ehrgeizige Zukunft. Die Wiener Büchereien sollen noch stärker zu multimedialen Begegnungszentren ausgebaut werden, zu Orten des Lernens, des Co-Workings und der Veranstaltungen. Wir sehen diese Entwicklung mit viel Sympathie, aber auch mit einem kritischen Blick. Die Gefahr einer reinen Eventisierung ist real. Nicht jeder Quadratmeter muss bespielt werden, nicht jede Fläche einem trendigen Workshop-Konzept weichen. Wir brauchen diesen schmalen Grad zwischen belebter Agora und kontemplativem Rückzugsort. Ein Vergleich zwischen der pulsierenden Hauptbücherei, einem architektonischen Kraftwerk der Begegnung, und der ruhigeren, fast meditativen Atmosphäre in der neuen Bezirksstelle in der Seestadt Aspern zeigt, dass es eine Pluralität der Orte braucht. Die eine Bibliothek, die alles sein will, wird scheitern. Wir brauchen ein Netz aus Zweigstellen, die jeweils unterschiedliche Bedürfnisse abdecken, die eine laute, die andere als stiller Gegenpol.

    Digitale Infrastruktur trifft analoge Kontemplation

    Die technische Ausstattung der Wiener Büchereien, vom flächendeckenden WLAN bis zu den Leih-Notebooks und 3D-Druckern in der Hauptbücherei, ist beeindruckend. Doch wir müssen verhindern, dass der Lesesaal zu einem reinen IT-Servicepoint verkommt, in dem der Bildschirm den Buchaufschlag ersetzt. Die Kunst wird darin liegen, die digitale Infrastruktur so zu integrieren, dass sie die analoge Kontemplation unterstützt, nicht verdrängt. Ein digitaler Rechercheplatz, der direkt in eine stille Leseinsel mit bequemen Sesseln übergeht – das ist für uns die bauliche Übersetzung eines zeitgemäßen Mediengebrauchs.

    Unsere Vision: Ein Lesesaal, der atmet

    Unsere Vision für die Zukunft ist ein Lesesaal, der atmet, ein Architekturorganismus, der im Tagesverlauf seine Gestalt und Atmosphäre verändert. Morgens ein stiller Arbeitsort für konzentrierte Lektüre, am Nachmittag ein lebendiger Lernort für Schülerinnen und Schüler, am Abend eine diskursive Bühne für Literaturkritik und Debatten. Ein Raum, der weiß, wann er Geborgenheit und wann er intellektuelle Reibung bieten muss. Diesen atmenden Lesesaal zu schaffen, ist die zentrale Herausforderung des kommenden Bibliotheksentwicklungsplans.

    Der Lesesaal ist im digitalen Zeitalter kein Auslaufmodell. Er ist eine radikale, demokratische Notwendigkeit. In einer Welt, die uns vereinzelt, die unsere Aufmerksamkeit stiehlt und die Geschichte mit gezielten Kampagnen zu vernebeln droht, ist der öffentlich zugängliche, kuratierte und von echten Menschen getragene Leseraum eine Bastion der Aufklärung und des sozialen Zusammenhalts. Er muss nicht nur mit Geld, sondern mit bürgerschaftlichem Bewusstsein aktiv gegen Vereinzelung und Geschichtsvergessenheit verteidigt werden. Jeder Besuch in der Hauptbücherei am Gürtel, in der Bücherei Philadelphiabrücke oder in der Zweigstelle Schwendermarkt ist auch ein Bekenntnis zu dieser Notwendigkeit.

    Häufig gestellte Fragen

    Was genau versteht man unter dem Konzept des „Dritten Ortes“ in Bezug auf Bibliotheken?

    Der Soziologe Ray Oldenburg beschreibt „Dritte Orte“ als Räume abseits von Zuhause und Arbeitsplatz. Es sind niederschwellige, öffentliche Treffpunkte mit hoher Aufenthaltsqualität, in denen zwanglose Begegnung und soziale Interaktion möglich sind. Die Wiener Büchereien und ihre Lesesäle, wie etwa jene in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, erfüllen genau diese Funktion und sind bewusst als öffentliche Wohnzimmer der Stadt konzipiert.

    Wie setzen die Büchereien Wien ein Zeichen gegen historische Zensur und Bücherverbrennungen?

    Die Wienbibliothek im Rathaus unterhält umfassende Gedenkprojekte, die an die Bücherverbrennungen am Heldenplatz 1938 erinnern. Durch die akribische Rekonstruktion vernichteter Bestände, thematische Ausstellungen und die bewusste Pflege eines gegen Zensur widerständischen, vielfältigen Medienbestands agieren die Büchereien Wien aktiv als Hüterinnen der Erinnerungskultur und als Bollwerk gegen Versuche, Wissen auszulöschen.

    Welche Rolle spielen die Wiener Büchereien bei der Bekämpfung von sozialer Isolation?

    Vor allem in kleineren Zweigstellen wie jener am Schwendermarkt zeigt sich die sozialarbeiterische Komponente der modernen Bibliotheksarbeit. Die Lesesäle werden zu täglichen, ritualisierten Anlaufstellen gegen Einsamkeit, insbesondere für ältere Menschen. Das Bibliothekspersonal übernimmt dabei die sensible Rolle von Community Managern, die mit einem offenen Ohr und persönlicher Ansprache für sozialen Zusammenhalt im Grätzl sorgen.

    Wie gelingt den Wiener Büchereien die Balance zwischen Eventisierung und Ruhezonen?

    Der aktuelle Bibliotheksentwicklungsplan der Stadt Wien strebt eine Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten an. Anhand von räumlichen Zonierungen innerhalb einer Zweigstelle, etwa dem belebten Foyer und streng stillen Lesesälen, sowie durch unterschiedliche Profilbildungen der Standorte – vom urbanen Kraftwerk der Hauptbücherei bis zur meditativen Atmosphäre in der Seestadt Aspern – wird versucht, sowohl Raum für Events und Co-Working als auch für ungestörte, stille Lektüre zu schaffen.

  • Literaturkritik schreiben: Handwerk

    Literaturkritik schreiben: Ein Handwerk, keine Geheimwissenschaft

    Es war ein verregneter Dienstagvormittag, und wir sassen im lichtdurchfluteten Lesesaal der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz. Vor uns türmte sich ein Stapel Neuerscheinungen, die wir aus den Regalen der Wiener Büchereien gefischt hatten – österreichische Debüts, sperrige Übersetzungen, ein schmales Bändchen aus dem Verlag Jung und Jung. Irgendwann fiel der Satz: „Wir könnten eigentlich einmal aufschreiben, wie das geht.“ Gemeint war das unsichtbare Handwerk hinter jeder guten Rezension, jene Mischung aus genauer Lektüre, handwerklicher Disziplin und argumentativer Klarheit, die man nicht einfach so nebenher beherrscht. Genau das wollen wir hier sichtbar machen.

    Warum das Handwerk der Kritik in Vergessenheit gerät

    Wir beobachten seit Jahren eine schleichende Inflation von Laienmeinungen. Plattformen wie Goodreads und LovelyBooks quellen über von Sternchen-Bewertungen und emotionalen Kurzreaktionen, die mit fundierter Literaturkritik wenig zu tun haben. Gleichzeitig schrumpft der Platz für ausführliche, argumentierende Besprechungen in den österreichischen Feuilletons. Das „Spectrum“ der „Presse“ oder der „Falter“ halten zwar tapfer dagegen, doch der Druck auf Redaktionen, lieber schnell und klickfreundlich zu produzieren, ist enorm. Dabei hat gerade Wien eine stolze Tradition der Literaturkritik: Die sogenannte Wiener Schule stand für stilistische Eleganz, philosophische Tiefe und sprachliche Präzision. Dass dieses Erbe zunehmend verblasst, ist kein Naturgesetz – es liegt an uns, es wiederzubeleben.

    Der Unterschied zwischen privatem Lesegefühl und öffentlicher Kritik

    Wenn wir abends im Bett ein Buch zuklappen und denken „Hat mich berührt“ oder „War fad“, dann ist das ein privates Lesegefühl. Es hat seine Berechtigung, aber es ist keine Kritik. Öffentliche Kritik beginnt dort, wo wir dieses Gefühl in Sprache übersetzen, es an Textbelegen festmachen und in einen grösseren literarischen Kontext stellen. Wir müssen erklären können, warum uns eine Passage kaltlässt, und zwar so, dass es auch jemand nachvollziehen kann, der das Buch nicht gelesen hat. Das ist der entscheidende Schritt vom subjektiven Geschmacksurteil zur nachvollziehbaren Argumentation.

    Ein kurzer Blick zurück: Als Buchverbrennung die Kritik unmöglich machte

    Dass Literaturkritik keine harmlose Freizeitbeschäftigung ist, zeigt ein düsteres Kapitel der Geschichte. Die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen von 1933, die auch in österreichischen Städten ihre widerwärtigen Vorläufer hatten, löschten nicht nur physische Bücher aus – sie zerstörten systematisch die Möglichkeit freier Kritik. Wer damals öffentlich über Literatur nachdachte, riskierte Verfolgung. Diese historische Erfahrung mahnt uns: Eine lebendige, unabhängige Kritik ist kein Luxus, sondern ein Gradmesser demokratischer Verhältnisse.

    Die Vorbereitung: Aktives Lesen in der Bibliothek

    Unsere Arbeit beginnt lange vor dem ersten geschriebenen Satz. Wir sitzen mit gespitzten Bleistiften in den Lesesälen der Wiener Büchereien, meist in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, wo die grossen Fensterfronten selbst an grauen Tagen genug Licht für konzentriertes Lesen spenden. Wir arbeiten mit einer einfachen, aber effektiven Technik: farbige Haftnotizen für wiederkehrende Motive, Bleistiftanmerkungen am Rand für stilistische Auffälligkeiten und ein separates Notizbuch für spontane Gedanken, die später zu Argumenten werden. Parallel dazu recherchieren wir im Katalog des Österreichischen Bibliotheksverbunds – auf obvsg.at lassen sich frühere Werke der Autorin, themenverwandte Titel und die Rezeptionsgeschichte eines Buchs effizient nachverfolgen.

    Exzerpieren wie ein Profi: Unsere Zettelkasten-Methode

    Wir schwören auf eine analoge Abwandlung des Luhmann’schen Zettelkastens. Jede relevante Textstelle bekommt eine eigene Karteikarte mit Seitenangabe, Stichwort und einer ersten eigenen Überlegung. Diese Karten lassen sich später auf dem Schreibtisch umsortieren, bis sich Argumentationslinien herausschälen. Digital arbeiten wir ergänzend mit einer schlichten Tabelle, in der wir Zitate, unsere Deutung und mögliche Einwände in drei Spalten nebeneinanderstellen. Klingt pedantisch, spart aber beim Schreiben wertvolle Zeit und bewahrt vor oberflächlichen Pauschalurteilen.

    Kontext ist alles: Recherche zur Autorin und zum Verlag wie Jung und Jung

    Ein Buch fällt nicht vom Himmel. Wir recherchieren, in welchem Verlag es erschienen ist – ein schmaler Band aus dem Salzburger Verlag Jung und Jung hat eine andere programmatische Einbettung als ein dicker Roman aus einem deutschen Grossverlag. Wir lesen Interviews mit der Autorin, frühere Rezensionen und, falls vorhanden, die Verlagsvorschau. Dieser Kontext fliesst nicht plump in den Text ein, aber er schärft den Blick für das, was ein Buch will – und was es tatsächlich leistet.

    Die Architektur einer überzeugenden Rezension

    Kein guter Text entsteht aus reiner Inspiration. Wir folgen einem bewährten Aufbau, der genug Flexibilität für stilistische Eigenheiten lässt, aber verhindert, dass wir uns im Gestrüpp der Eindrücke verlieren. Vorbild sind für uns die klug komponierten Rezensionen im Literaturmagazin „Volltext“, die stets mit einem präzisen Detail einsteigen und von dort aus grössere Bögen schlagen. Unsere Architektur besteht aus drei Elementen: einem leadstarken Einstieg, der nicht den Klappentext nacherzählt, einer These, die sich an einem spezifischen Detail des Texts festmacht, und einer diskussionsfreudigen Schlusspointe.

    Die Eröffnung: Warum „Dieses Buch handelt von…“ tabu ist

    Nichts langweilt uns beim Lesen einer Rezension mehr als der Satz „Dieses Buch handelt von einem Mann, der…“. Das ist die Arbeit des Klappentexts, nicht der Kritik. Wir eröffnen stattdessen mit einem konkreten Moment aus dem Text, einer sprachlichen Besonderheit oder einer provokanten Frage, die das Buch aufwirft. Wer über Teresa Präauer schreibt, könnte etwa mit der irritierenden Rhythmik eines einzigen Satzes beginnen, statt brav das Thema des Romans zu referieren.

    Die argumentative Mitte: Textbelege und ihr korrekter Einsatz

    Das Herzstück jeder Rezension ist die argumentative Entfaltung der These. Hier kommen unsere Karteikarten zum Einsatz. Wir arbeiten mit direkten Zitaten, aber sparsam und stets mit Nachweis. Ein einzelnes, gut gewähltes Zitat kann mehr beweisen als drei paraphrasierende Sätze. Wichtig ist, dass wir jedes Zitat unmittelbar kommentieren und in unsere Argumentation einbinden – es darf nicht als isoliertes Schmuckstück im Text herumstehen.

    Der Schluss: Ein Urteil wagen, aber begründen

    Am Ende einer Rezension erwarten Leserinnen und Leser zu Recht eine klare Position. Wir drücken uns nicht um ein Urteil, aber wir fällen es nicht als unbegründeten Richterspruch. Der Schluss fasst die zentralen Argumente pointiert zusammen und öffnet idealerweise noch eine weiterführende Frage – etwa nach der Relevanz des Buchs für aktuelle Debatten, wie sie im Vorfeld der Buch Wien immer wieder aufflammen.

    Stilfragen: Österreichisches Deutsch und seine Tücken

    Wir plädieren mit Nachdruck für ein selbstbewusstes österreichisches Standarddeutsch in der Literaturkritik. Es geht nicht um betuliche Heimatpflege, sondern um sprachliche Authentizität. Wer in einem österreichischen Medium über österreichische Literatur schreibt, muss sich nicht hinter bundesdeutschen Formulierungen verstecken. Gleichzeitig achten wir darauf, typische Germanismen zu vermeiden, die im österreichischen Kontext fremd klingen – etwa „diesjährig“ statt „heurig“ oder „Brötchen“ statt „Semmel“. Umgekehrt gilt dasselbe für Helvetismen, die in der Schweiz korrekt sind, aber in Österreich irritieren würden.

    Sprachpflege ist kein Provinzialismus: Unser Standpunkt

    Wenn wir von „Marille“ statt „Aprikose“ oder von „Sackerl“ statt „Tüte“ sprechen, dann nicht aus Trotz, sondern weil diese Wörter unser sprachliches Zuhause sind. In einer Rezension haben sie ihren Platz, sofern sie stilistisch passen und nicht gewollt folkloristisch wirken. Entscheidend ist das Gespür für die Situation: Eine wissenschaftliche Analyse verlangt einen anderen Ton als eine feuilletonistische Besprechung. Aber in beiden Fällen darf das Österreichische hörbar bleiben.

    Gendern in der Literaturkritik: Wie wir es handhaben

    Wir gendern grundsätzlich, aber nicht dogmatisch. In längeren Texten verwenden wir bevorzugt geschlechtsneutrale Formulierungen oder das Binnen-I, in kürzeren Formaten gelegentlich den Doppelpunkt. Wichtiger als die grafische Form ist uns die inhaltliche Sensibilität: Wir achten darauf, Autorinnen nicht auf ihr Geschlecht zu reduzieren oder unbewusst geschlechterstereotype Metaphern zu verwenden. Gleichzeitig lassen wir uns von einem Text nicht vorschreiben, wie wir sprachlich mit ihm umgehen – die Entscheidung liegt bei uns als Kritikerinnen und Kritikern.

    Der kritische Blick: Jenseits von Verriss und Hymne

    Die grösste Versuchung für angehende Kritikerinnen ist der bequeme Dualismus: entweder Verriss oder Hymne. Doch die interessantesten Bücher entziehen sich solch einfacher Kategorien. Nehmen wir Tonio Schachingers „Echtzeitalter“: Ein Roman, der auf den ersten Blick als Internatsgeschichte daherkommt, aber unter der Oberfläche hochkomplexe Fragen nach Bildung, Macht und digitaler Lebenswelt verhandelt. Eine gute Kritik muss diese Ambivalenzen aushalten und beschreiben, ohne in ein laues „Einerseits-andererseits“ zu verfallen. Gerade im Vorfeld der Buch Wien, wenn die Aufmerksamkeit auf Neuerscheinungen kulminiert, werden diese Debatten oft hitzig und persönlich geführt – umso wichtiger ist kühle Präzision.

    Das Problem mit dem „Geschmack“: Kriterien statt Bauchgefühl

    „Das ist halt nicht mein Geschmack“ ist ein Satz, den wir in unseren Redaktionssitzungen konsequent streichen. Geschmack ist privat, Kritik ist öffentlich. Wir arbeiten stattdessen mit transparenten Kriterien: sprachliche Qualität, strukturelle Stimmigkeit, intellektuelle Redlichkeit, Originalität des Stoffs. Diese Kriterien sind nicht objektiv im strengen Sinn, aber sie sind diskutierbar – und genau darum geht es.

    Wenn Literatur wehtun muss: Über ethische Grenzen der Kritik

    Es gibt Bücher, die verstören, die wehtun, die bewusst Grenzen überschreiten. Das ist ihr gutes Recht, und es ist unser Recht, das zu benennen. Schwierig wird es, wenn ein Text nicht aus ästhetischen Gründen schmerzt, sondern weil er Menschen verletzt oder herabwürdigt. Hier endet die rein literarische Kritik, und die ethische Reflexion beginnt. Wir scheuen diese Reflexion nicht, aber wir vermischen sie nicht mit ästhetischen Urteilen. Ein formal brillantes Buch kann ethisch problematisch sein – beides gehört in eine vollständige Kritik.

    Publizieren und Aushalten: Vom Manuskript zur Leserschaft

    Der schönste Text nützt nichts, wenn er in der Schreibtischlade vergilbt. Doch der Weg in die Öffentlichkeit ist steinig, das haben wir schmerzhaft erfahren. Die Abdruckhonorare österreichischer Literaturzeitschriften sind, freundlich formuliert, überschaubar. Ein aufwendig recherchierter Essay bringt oft weniger ein als ein Abendessen zu zweit. Und der Lektoratsprozess kann zermürbend sein, wenn Redaktionen aus Platzgründen ganze Argumentationsbögen kappen. Trotzdem lohnt es sich: Eine gedruckte Rezension in einem renommierten Medium erreicht Leserinnen und Leser, die man auf keinem Blog der Welt findet.

    Praktische Wege in die österreichische Literaturkritik-Szene

    Für junge Kritikerinnen empfehlen wir den Einstieg über kleinere Formate: Rezensionsrubriken in Regionalmedien, Gastbeiträge in Literaturzeitschriften wie „Die Furche“ oder Veranstaltungsberichte für das Literaturhaus Wien. Letzteres bietet mit seinen Lesungen und Diskussionsabenden eine ideale Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und das eigene Sensorium für literarische Qualität zu schärfen. Ein weiterer Tipp: Besuchen Sie die Internationale Buchmesse Buch Wien, nicht nur als Schlendergäste, sondern mit gezielten Terminanfragen bei Verlagen und Redaktionen.

    • Regelmässig kurze Rezensionen auf einem eigenen Blog veröffentlichen und diesen als Arbeitsprobe nutzen
    • Lesungen im Literaturhaus Wien besuchen und Berichte anbieten
    • Kontakte zur Redaktion von „Die Furche“ oder zum „Falter“ aufbauen – gerne mit einem konkreten Themenvorschlag
    • Die Buch Wien als Netzwerkplattform ernst nehmen und gezielt Verlagsstände ansteuern

    Umgang mit Shitstorms und Autorinnen, die zurückschreiben

    Wer kritisch schreibt, muss mit Gegenwind rechnen. Wir haben erlebt, wie Autorinnen auf Rezensionen mit empörten Mails reagierten, wie Verlage drohten, uns keine Besprechungsexemplare mehr zu schicken, und wie in sozialen Medien Shitstorms losbrachen, weil ein einziges Adjektiv falsch verstanden wurde. Unser Rat: Ruhe bewahren, die eigene Argumentation noch einmal prüfen und, wenn sie trägt, standhaft bleiben. Ein Shitstorm ist kein Argument, sondern ein emotionaler Reflex. Wer sachlich bleibt, gewinnt auf lange Sicht an Glaubwürdigkeit.

    Handwerklich saubere Kritik ist kein Selbstzweck. Sie ist ein unverzichtbarer, lustvoller Teil einer demokratischen literarischen Öffentlichkeit – ein Ort, an dem über Bücher nicht nur geschwärmt oder geschimpft, sondern ernsthaft gestritten wird. Wir werden diese Kunst in den Lesesälen der Wiener Büchereien und weit darüber hinaus weiter pflegen, mit Bleistift, Notizbuch und einer ordentlichen Portion Hartnäckigkeit.

    Häufig gestellte Fragen

    Brauche ich ein Studium, um Literaturkritikerin zu werden?

    Nein, ein abgeschlossenes Germanistik- oder Komparatistikstudium ist hilfreich, aber keine Voraussetzung. Entscheidend sind Lesekompetenz, stilistisches Können und die Bereitschaft, sich argumentativ in die literarische Debatte einzumischen. Wir kennen hervorragende Kritikerinnen, die aus völlig anderen Berufen kommen.

    Wie finde ich heraus, ob meine Rezension gut genug für eine Zeitung ist?

    Lassen Sie den Text von jemandem lesen, der das besprochene Buch nicht kennt. Wenn diese Person nach der Lektüre weiss, worum es geht, was das Buch besonders macht und ob es sich zu lesen lohnt – dann funktioniert Ihre Rezension. Holen Sie ausserdem ehrliches Feedback von erfahrenen Schreiberinnen ein, etwa bei Workshops im Literaturhaus Wien.

    Darf ich in einer Rezension spoilern?

    In begrenztem Umfang ja, sofern es der Argumentation dient. Eine Rezension ist keine Inhaltsangabe, aber manchmal lässt sich eine These nur anhand einer bestimmten Wendung im Plot belegen. Kündigen Sie grössere Spoiler an oder beschränken Sie sich auf die ersten zwei Drittel des Buchs.

    Wie gehe ich mit Büchern um, die ich partout nicht mag?

    Gerade dann lohnt sich genaues Hinschauen. Was genau stört Sie? Ist es die Sprache, die Konstruktion, die Figurenzeichnung? Formulieren Sie Ihre Ablehnung so präzise, dass selbst die Autorin daraus lernen könnte. Ein pauschaler Verriss ist befriedigend zu schreiben, aber selten erhellend zu lesen.

    Kann ich von Literaturkritik leben?

    Ehrlich gesagt: kaum. Die Honorare in Österreich sind niedrig, und feste Stellen für Literaturkritikerinnen sind rar. Die meisten von uns bestreiten ihren Lebensunterhalt durch eine Mischung aus journalistischen Tätigkeiten, Lehraufträgen, Stipendien oder einem Brotberuf. Die Kritik bleibt eine Herzensangelegenheit – was ihrer Qualität nicht schadet.

  • E-Books in Bibliotheken: Lizenzmodelle

    E-Books in Bibliotheken: Ein Lizenz-Dschungel, der uns alle angeht

    Als unser Team kürzlich ein brandaktuelles Buch in der Onleihe der Wiener Büchereien vormerken wollte und eine Wartezeit von mehreren Monaten angezeigt bekam, wurde uns klar, wie kaputt das System hinter dem digitalen Verleih tatsächlich ist. Da sitzen wir also, mitten im 21. Jahrhundert, und warten auf eine Datei, als stünden wir in einer Nachkriegsrationierungsschlange. Was als bequeme Alternative zum physischen Bibliotheksbesuch gedacht war, entpuppt sich zunehmend als bürokratisches Minenfeld, das den Zugang zu Wissen künstlich verknappt.

    Die Illusion vom unendlichen digitalen Regal

    Wer eine Bibliothek betritt, erwartet Regale voller Bücher – und im digitalen Raum scheint diese Erwartung ins Unermessliche zu wachsen. Schließlich kostet eine Kopie einer Datei praktisch nichts, also müsste doch jedes E-Book unbegrenzt verfügbar sein. Die Realität in der Onleihe der Wiener Büchereien, die rund 120.000 digitale Medien umfasst, sieht allerdings anders aus. Statt eines unendlichen Regals erleben wir eine digitale Mangelwirtschaft. Wo ein gedrucktes Buch gleichzeitig von mehreren Leserinnen und Lesern nacheinander ausgeliehen werden kann, ohne dass es sich abnutzt, wird die elektronische Version künstlich limitiert.

    Der entscheidende Unterschied liegt im sogenannten Erschöpfungsgrundsatz. Wenn eine Bibliothek ein physisches Buch kauft, erschöpft sich das Verbreitungsrecht des Verlags mit diesem Verkauf. Die Bibliothek kann das Exemplar verleihen, so oft sie will, bis es zerfällt. Bei E-Books greift dieser Grundsatz nicht, weil das Urheberrecht digitale Werke anders behandelt. Hier erwirbt die Bibliothek keine Eigentümerschaft an einem Gegenstand, sondern lediglich ein Nutzungsrecht, das der Verlag nach Belieben einschränken kann. Juristisch betrachtet kauft die Bücherei Wien also gar kein Buch, sondern mietet eine Lizenz – und das unter Bedingungen, die der Vermieter diktiert. Dieses Konstrukt hebelt den Grundgedanken der öffentlichen Bibliothek als demokratische Wissensinstitution systematisch aus.

    Die gängigsten Lizenzmodelle und ihre Tücken

    Die Verlagsbranche hat ein ganzes Arsenal an Lizenzmodellen entwickelt, die eines gemeinsam haben: Sie maximieren die Einnahmen und minimieren die Nutzungsrechte der Bibliotheken. Für Leserinnen und Leser bedeutet das Wartezeiten, Frustration und die bittere Erkenntnis, dass digitaler Fortschritt nicht automatisch mehr Zugang bedeutet. Unser Team hat die drei häufigsten Modelle unter die Lupe genommen:

    • One-Copy-One-User: Das vorherrschende Modell im deutschsprachigen Raum simuliert die physische Welt auf absurdeste Weise. Ein lizenziertes E-Book kann immer nur von einer Person gleichzeitig ausgeliehen werden. Ist das Buch vergeben, entsteht eine digitale Warteschlange, die sich über Monate ziehen kann. Für Bestseller bedeutet das: Wer nicht innerhalb der ersten Stunden zugreift, wartet unter Umständen ein halbes Jahr. Die Bibliothek könnte zwar weitere Lizenzen erwerben, doch bei den überhöhten Preisen sprengt das schnell das Budget.
    • Simultaneous Use: Beim Simultaneous-Use-Modell dürfen beliebig viele Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig auf ein E-Book zugreifen – allerdings zu Preisen, die sich an der potenziellen Nutzungsintensität orientieren. Für eine Schulklassenlektüre oder ein stark nachgefragtes Sachbuch kann das schnell fünfstellige Beträge pro Jahr bedeuten. Für kleinere Bibliotheken ist dieses Modell schlicht unerschwinglich, und selbst die Wiener Büchereien müssen genau kalkulieren, welche Titel sie sich in dieser Form leisten können.
    • Pay-per-Use: Das Pay-per-Use-Modell treibt die Kommerzialisierung auf die Spitze. Hier zahlt die Bibliothek für jeden einzelnen Zugriff, ähnlich wie bei einem Streaming-Dienst ohne Flatrate. Jede Ausleihe kostet einen vorher festgelegten Betrag, der meist zwischen zwei und fünf Euro liegt. Für die Bibliothek ist das ein finanzielles Risiko, denn beliebte Titel können so zum Fass ohne Boden werden. Für die Nutzerinnen und Nutzer bleibt dieses Modell oft unsichtbar, aber es zwingt die Bibliotheken zu einer betriebswirtschaftlichen Abwägung, die ihrem Bildungsauftrag fundamental widerspricht.

    Österreichische Verlage wie Residenz oder Picus verlangen für Bibliothekslizenzen oft das Drei- bis Fünffache des privaten Verkaufspreises. Und als wäre das nicht genug, verfallen diese Lizenzen in der Regel nach 24 Monaten oder 20 Ausleihen – dann muss die Bibliothek erneut zahlen, obwohl die Datei keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigt.

    Das Oligopol der Anbieter: OverDrive, divibib und der Rest

    Zwischen Bibliothek und Verlag sitzt noch eine weitere Machtinstanz: die Plattformbetreiber. Sie stellen die technische Infrastruktur bereit, über die E-Books ausgeliehen werden, und kontrollieren damit den gesamten Zugang. Im deutschsprachigen Raum hat sich ein Quasi-Monopol etabliert, das die Abhängigkeit der öffentlichen Bibliotheken zementiert und Innovation systematisch ausbremst.

    Die divibib GmbH mit Sitz in Wiesbaden ist eine Tochtergesellschaft von Verlagshäusern wie Random House und kontrolliert die Onleihe-Plattform, die auch die Wiener Büchereien nutzen. Das ist, als würde der Tankstellenbetreiber gleichzeitig die Automobilindustrie besitzen und die Straßen kontrollieren. Die Interessen der Verlage – hohe Preise, begrenzte Nutzung – sind in die Plattformarchitektur eingeschrieben. Bibliotheken können nicht einfach zu einem günstigeren Anbieter wechseln, weil es im deutschsprachigen Raum keine echte Alternative gibt. International setzt OverDrive mit der App Libby Standards, von denen österreichische Bibliotheksnutzerinnen nur träumen können. Die Benutzeroberfläche ist intuitiv, die Auswahl groß, und vor allem sind die Lizenzbedingungen oft bibliotheksfreundlicher als bei der Onleihe. Warum sich Libby im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzt hat, liegt nicht an technischen Hürden, sondern an der Marktmacht der etablierten Verlagsstrukturen, die kein Interesse an einem offeneren System haben.

    Verlage und ihre Angst vor der digitalen Leihgabe

    Hinter den technischen und juristischen Details verbirgt sich eine tief sitzende Angst der Verlagsbranche: die Furcht, dass ein funktionierendes digitales Bibliothekssystem den Buchmarkt kannibalisiert. Ob diese Angst berechtigt ist, sei dahingestellt – Studien aus Skandinavien zeigen eher das Gegenteil, nämlich dass Bibliotheksnutzerinnen auch überdurchschnittlich viele Bücher kaufen. Dennoch reagieren große Publikumsverlage mit einer Blockadehaltung.

    Eine besonders perfide Praxis ist das sogenannte Windowing. Neuerscheinungen werden monatelang nicht für Bibliotheken lizenziert, um die Verkaufszahlen im Buchhandel nicht zu gefährden. Wer sich den aktuellen Bestseller nicht leisten kann oder will, muss warten – manchmal ein halbes Jahr oder länger. Diese künstliche Verzögerungstaktik trifft jene am härtesten, die auf Bibliotheken angewiesen sind: Menschen mit geringem Einkommen, Schülerinnen und Studenten. Ausgerechnet die aktuellsten Titel, die für gesellschaftliche Debatten am relevantesten sind, bleiben ihnen vorenthalten. Wenn Verlage entscheiden, welche Titel wann und zu welchen Bedingungen in Bibliotheken verfügbar sind, üben sie eine kulturelle Kontrollinstanz aus, die dem demokratischen Grundgedanken öffentlicher Bibliotheken diametral entgegensteht.

    Was die Wiener Büchereien jetzt tun – und was sie tun sollten

    Angesichts dieser Problemlage stellt sich die Frage, wie die Wiener Büchereien und die österreichische Kulturpolitik reagieren. Die gute Nachricht: Das Bewusstsein für das Problem wächst. Die schlechte: Konkrete Verbesserungen lassen auf sich warten, während die Verlage ihre Position weiter ausbauen.

    Der Büchereiverband Österreichs (BVÖ) fordert seit 2022 eine Anpassung des Urheberrechts für E-Lending. Konkret geht es um eine gesetzliche Regelung, die Bibliotheken das Recht gibt, E-Books zu fairen Bedingungen zu erwerben und zu verleihen, ohne von den willkürlichen Lizenzbedingungen der Verlage abhängig zu sein. Eine entsprechende Petition an das Justizministerium hat zahlreiche Unterstützerinnen gefunden, doch die legislative Umsetzung stockt. Ein Blick nach Norden zeigt, dass es auch anders geht. Die skandinavischen Länder haben mit “One Copy, One User, Fair Price”-Modellen gesetzliche Rahmen geschaffen, die Bibliotheken vor überhöhten Lizenzgebühren schützen. In Dänemark etwa zahlen Bibliotheken für E-Book-Lizenzen einen staatlich regulierten Preis, der sich am physischen Buchpreis orientiert. Gleichzeitig werden die Autorinnen und Autoren über ein faires Vergütungssystem an den Ausleihen beteiligt. Dieses Modell beweist, dass sich die Interessen von Bibliotheken, Verlagen und Urheberinnen ausgleichen lassen – wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

    Unser Team kommt zu dem Schluss, dass die aktuelle Lizenzpraxis eine schleichende Aushöhlung des öffentlichen Bildungsauftrags darstellt und wir als Gesellschaft dringend über eine gesetzliche Regelung nachdenken müssen, bevor uns die Verlage endgültig den Zugang zur digitalen Literatur diktieren. Die Wiener Büchereien sind keine kommerziellen Dienstleister, sondern demokratische Infrastruktur. Wer ihren Handlungsspielraum durch überhöhte Preise und künstliche Verknappung einschränkt, beschädigt nicht nur eine Institution, sondern das Fundament einer informierten Gesellschaft.

    Häufig gestellte Fragen

    Warum sind E-Books in der Onleihe der Wiener Büchereien oft monatelang nicht verfügbar?

    Das liegt am vorherrschenden One-Copy-One-User-Modell, bei dem jedes lizenzierte E-Book nur von einer Person gleichzeitig ausgeliehen werden kann. Da Bibliotheken aufgrund der hohen Lizenzkosten meist nur wenige Exemplare erwerben können, entstehen bei beliebten Titeln lange Wartezeiten. Anders als bei physischen Büchern dürfen die Wiener Büchereien E-Books nicht einfach nachkaufen, sondern müssen teure Lizenzen erwerben, die zudem nach einer bestimmten Anzahl von Ausleihen oder nach 24 Monaten verfallen.

    Was kostet eine E-Book-Lizenz für österreichische Bibliotheken im Vergleich zum Privatkauf?

    E-Book-Lizenzen für Bibliotheken kosten im österreichischen Durchschnitt das Drei- bis Fünffache des privaten Verkaufspreises. Ein E-Book, das im Handel für 14,99 Euro erhältlich ist, kann die Bibliothek also zwischen 45 und 75 Euro kosten – und das bei einer Nutzungsdauer, die auf 24 Monate oder 20 Ausleihen begrenzt ist. Danach muss die Lizenz erneut erworben werden, obwohl die Datei keiner Abnutzung unterliegt.

    Wer steckt hinter der Onleihe-Plattform, die die Wiener Büchereien nutzen?

    Die Onleihe wird von der divibib GmbH mit Sitz in Wiesbaden betrieben, einer Tochtergesellschaft großer Verlagshäuser wie Random House. Diese Konstellation führt zu einem Interessenkonflikt: Der Plattformbetreiber gehört denselben Unternehmen, die auch die Lizenzbedingungen diktieren und von hohen Preisen profitieren. Eine unabhängige Alternative existiert im deutschsprachigen Raum derzeit nicht, was die Verhandlungsposition der Bibliotheken erheblich schwächt.

    Gibt es Länder, in denen das E-Lending bibliotheksfreundlicher geregelt ist?

    Ja, die skandinavischen Länder gelten als Vorbild. Sie haben mit gesetzlichen Regelungen faire Rahmenbedingungen geschaffen, die Bibliotheken vor überhöhten Lizenzgebühren schützen und gleichzeitig eine angemessene Vergütung für Autorinnen und Autoren sicherstellen. In Dänemark etwa orientieren sich die Preise für Bibliothekslizenzen am physischen Buchpreis und nicht an willkürlich festgelegten Vielfachen davon. Der Büchereiverband Österreichs fordert seit 2022 eine ähnliche gesetzliche Anpassung des Urheberrechts für Österreich.

    Was kann ich als Nutzerin oder Nutzer der Wiener Büchereien tun, um die Situation zu verbessern?

    Sie können die Petition des Büchereiverbands Österreichs an das Justizministerium unterstützen, die eine faire gesetzliche Regelung für E-Lending fordert. Darüber hinaus hilft es, das Thema in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen – sprechen Sie mit Freundinnen und Freunden darüber, schreiben Sie Leserbriefe oder kontaktieren Sie die Kultursprecherinnen der politischen Parteien. Je mehr öffentlicher Druck entsteht, desto schwerer können Politik und Verlage das Problem ignorieren.

  • ?ffentliche Bibliotheken und Digitalisierung

    Öffentliche Bibliotheken und Digitalisierung: Ein Balanceakt

    Neulich stand ich in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, ein Stapel schwerer Kunstbände unter dem Arm, und wartete an der Selbstverbuchung. Neben mir eine junge Frau, die mit zwei Fingertipps auf ihrem Smartphone drei E-Books auslieh, ohne auch nur in Richtung eines Regals zu blicken. In diesem Moment wurde mir der Kontrast so klar wie selten: Auf der einen Seite die fast lautlose, effiziente digitale Entlehnung, auf der anderen das haptische Vergnügen, den Leinenrücken eines Buches zu spüren und das leise Knacken eines frischen Exemplars zu hören. Genau an dieser Schnittstelle, zwischen Pixel und Papier, spielt sich heute die Geschichte unserer öffentlichen Bibliotheken ab. Wir von haftgrund.net nehmen Sie mit auf eine Reise durch diesen Balanceakt.

    Der digitale Wandel der Wiener Büchereien

    Die Wiener Büchereien haben in den letzten zwei Jahrzehnten einen Wandel vollzogen, der selbst für Optimisten atemberaubend ist. Wo früher Karteikästen den Takt vorgaben, bestimmen heute Serverkapazitäten und Lizenzmodelle den Alltag. Die Digitalisierung hat die Institution nicht geschwächt, sondern ihr einen zweiten, pulsierenden Ast beschert. Noch in den 1990er-Jahren durchforsteten wir als Leseratten mühsam Mikrofiche-Kataloge oder vertrauten auf die handgeschriebenen Empfehlungen an den Regalen. Der Sprung zum OPAC, dem Online Public Access Catalogue, war revolutionär. Plötzlich konnte man von zu Hause aus prüfen, ob der neue Thomas Bernhard in der Zweigstelle am Alsergrund verfügbar war. Das Herzstück des heutigen Angebots ist die Virtuelle Bücherei Wien, die mit über 100.000 digitalen Medien aufwartet. Von E-Books über E-Paper bis hin zu Streaming-Diensten für Filme und Musik ist die Auswahl enorm. Möglich macht dies unter anderem die langjährige Kooperation mit OverDrive, einem der weltweit führenden Anbieter für digitale Bibliotheksinhalte. Besonders während der Pandemie schnellten die Nutzungszahlen in die Höhe: Die digitalen Entlehnungen verzeichneten einen Anstieg von über 40 Prozent, ein Trend, der sich auch nach der Wiedereröffnung der physischen Standorte auf hohem Niveau stabilisiert hat. Die Bibliothek ist heute ein 24/7-Service, der auch um drei Uhr früh noch Lesestoff liefert.

    Mehr als nur E-Books: Digitale Services mit Mehrwert

    Doch die Wiener Büchereien wären nicht die Vorreiter, die sie sind, wenn sie sich auf die reine E-Book-Ausleihe beschränken würden. Das Konzept geht weit über das Digitale hinaus und macht die Bibliothek zu einem Ort der aktiven Produktion und des gemeinsamen Lernens. In einer Welt, in der Desinformation und komplexe Technologien unseren Alltag prägen, ist die Fähigkeit, digitale Inhalte kritisch zu bewerten, essenziell. Die Büchereien Wien haben das erkannt und bieten ein breites Spektrum an Workshops an:

    • Coding-Workshops für Jugendliche: Spielerisch werden die Grundlagen der Programmierung vermittelt.
    • Schulungen für Seniorinnen und Senioren: Sicherer Umgang mit dem Smartphone und dem Internet.
    • Maker-Idee trifft Digitalisierung: Die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz ist längst mehr als ein stiller Lesesaal. Sie ist ein lebendiger “dritter Ort” zwischen Arbeit und Zuhause. Im Makerspace summen 3D-Drucker, Laser-Cutter gravieren filigrane Muster, und an Nähmaschinen entstehen kreative Projekte.
    • Library of Things: Eine Bibliothek der Dinge, in der man nicht nur Bücher, sondern auch E-Reader, Kameras oder sogar eine Action-Cam für den nächsten Urlaub ausleihen kann.

    Dieser Ansatz macht die Bibliothek zu einem demokratischen Zugangspunkt für Technologie und Kreativität, wo digitale Teilhabe aktiv gelebt und nicht nur gepredigt wird.

    Literaturkritik im digitalen Zeitalter

    Mit der Verlagerung des Lesens und Diskutierens ins Digitale verändert sich auch die Art und Weise, wie wir über Literatur sprechen und sie bewerten. Heute bestimmen Algorithmen und Online-Bewertungen auf Plattformen wie Goodreads oder Amazon maßgeblich mit, welches Buch den Weg in unseren E-Reader findet. Die personalisierte Empfehlung “Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…” ist bequem, aber sie schafft auch Filterblasen. Österreichische Literaturblogs leisten hier wertvolle Gegenarbeit, indem sie Nischenwerke und lokale Autorinnen und Autoren besprechen, die im großen Algorithmus-Rauschen untergehen. Die wahren Kuratoren im digitalen Dschungel sind für uns jedoch die Bibliotheksmitarbeitenden. Ihre Expertise und ihre Fähigkeit, abseits des Mainstreams literarische Schätze zu heben, sind durch keine KI zu ersetzen. Interessanterweise erleben wir gerade eine Renaissance der persönlichen Buchempfehlung. Die “Lieblingsbücher”-Regale in den Zweigstellen, die handgeschriebenen Empfehlungskärtchen und die persönlichen Lesetipps des Bibliotheksteams sind das Gegenmittel zur digitalen Beliebigkeit und schaffen Vertrauen in einer unübersichtlichen Medienwelt.

    Schattenseiten der Digitalisierung: Buchverbrennung 2.0?

    So sehr wir die Vorteile der Digitalisierung schätzen, so klar müssen wir auch ihre Schattenseiten benennen. Wir ziehen hier bewusst eine Parallele zwischen historischer Buchverbrennung und einer modernen, stillen Form der Zensur durch Lizenzproblematik. Wenn ein Verlag entscheidet, ein E-Book-Lizenzmodell zu ändern oder nicht zu verlängern, verschwindet dieses Werk über Nacht aus den Katalogen der Bibliotheken. Es ist keine physische Vernichtung durch Feuer, aber das Ergebnis ist ähnlich: Ein Werk ist für die Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr zugänglich. Diese Flüchtigkeit digitaler Sammlungen untergräbt den Kernauftrag einer Bibliothek, Wissen zu bewahren und für kommende Generationen zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus ermöglicht die digitale Infrastruktur eine Form der Kontrolle, die im analogen Raum undenkbar war. Welche Bücher wir lesen, wie lange wir darin lesen, welche Passagen wir markieren – all das sind potenzielle Datenpunkte. Während die Wiener Büchereien einen vorbildlichen Datenschutz pflegen, ist das Bewusstsein für diese Problematik auf globaler Ebene essenziell. Die Frage, wer über den Zugang zu digitalen Inhalten entscheidet und auf welcher Basis, ist eine zutiefst politische und demokratierelevante.

    Unser Plädoyer für die hybride Bibliothek

    Für uns als Team von haftgrund.net ist die Antwort auf diese Herausforderungen weder eine pauschale Digitalisierungseuphorie noch eine rückwärtsgewandte Technikskepsis. Die Zukunft liegt in der intelligenten Kombination, in der hybriden Bibliothek. Wir halten eine Kombination aus digitalem Zugang und physischem Ort für unverzichtbar. Der digitale Raum bietet Zugang, wann und wo immer man ihn braucht. Der physische Raum bietet Begegnung, Zufallsfunde am Regal und eine sinnliche Erfahrung, die kein Bildschirm ersetzen kann. Eine Bibliothek, die beides vereint, ist widerstandsfähig, vielfältig und für alle gesellschaftlichen Schichten attraktiv. Die Wiener Büchereien haben das Potenzial hybrider Formate früh erkannt. Lesungen und Diskussionen werden heute oft als Hybridveranstaltungen angeboten: Eine Autorin liest live in der Hauptbücherei, und das Publikum kann sowohl vor Ort teilnehmen als auch per Livestream zusehen und Fragen stellen. Diese Formate verbinden die Intimität einer Live-Lesung mit der Reichweite des Internets und sind unserer Meinung nach ein Modell für die Zukunft kultureller Teilhabe.

    Ausblick: Wie geht es weiter mit unseren Bibliotheken?

    Die Reise ist noch lange nicht zu Ende. Die Stadt Wien investiert kontinuierlich in die Weiterentwicklung ihrer Bibliothekslandschaft. Konkret arbeitet die Stadt am weiteren Ausbau des digitalen Angebots und an der Optimierung der Benutzeroberflächen, um die Hürden für die Nutzung der Virtuellen Bücherei Wien weiter zu senken. Ein besonderes Highlight ist die geplante neue Zweigstelle in der Seestadt Aspern. Dieser Standort wird von Grund auf als hybride Bibliothek der Zukunft konzipiert und soll digitale Services, Makerspaces und klassische Bibliotheksangebote unter einem Dach vereinen. Unsere Vision für 2030 ist eine Bibliothek, die als offenes, demokratisches Wohnzimmer der Stadt fungiert. Ein Ort, an dem man einen 3D-Drucker genauso selbstverständlich nutzt wie einen Gedichtband ausleiht. Ein Ort, der mit Coding-Workshops die digitalen Kompetenzen von morgen vermittelt und gleichzeitig mit einer analogen Lesenacht die Fantasie beflügelt. Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist die Bibliothek als demokratischer, nicht-kommerzieller Raum unersetzlich. Sie ist einer der letzten Orte, an dem man sich ohne Konsumzwang aufhalten, bilden und austauschen kann. Diesen Schatz müssen wir als Gesellschaft nicht nur nutzen, sondern auch aktiv für seinen Erhalt und seine Weiterentwicklung kämpfen. Der Balanceakt zwischen Buch und Byte ist nicht nur eine technische, sondern eine kulturelle Aufgabe, die wir nur gemeinsam meistern können.

    Häufig gestellte Fragen

    Wie kann ich das digitale Angebot der Wiener Büchereien nutzen?

    Sie benötigen einen gültigen Bibliotheksausweis der Büchereien Wien. Mit diesem können Sie sich auf der Website der Virtuellen Bücherei Wien anmelden und aus über 100.000 digitalen Medien wählen. Die Ausleihe erfolgt direkt über die Webseite oder die App und ist für Sie kostenlos.

    Was ist die Library of Things in der Hauptbücherei?

    Die Library of Things ist eine Bibliothek der Dinge. Hier können Sie mit Ihrem Bibliotheksausweis nicht nur Bücher, sondern auch Gegenstände wie E-Reader, Kameras, Musikinstrumente oder sogar eine Action-Cam ausleihen. Sie befindet sich in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz.

    Warum verschwinden manchmal E-Books aus meinem digitalen Regal?

    Das liegt an den Lizenzmodellen. Bibliotheken kaufen E-Books nicht wie physische Bücher, sondern erwerben zeitlich begrenzte Nutzungslizenzen von den Verlagen. Läuft eine solche Lizenz aus und wird nicht verlängert, verschwindet das Buch aus dem Katalog und aus Ihrem persönlichen Regal.

    Bietet die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz auch Workshops an?

    Ja, die Hauptbücherei bietet ein umfangreiches Workshop-Programm an. Besonders beliebt sind die Coding-Workshops für Jugendliche und die Schulungen zur Digital Literacy im Makerspace. Das aktuelle Programm finden Sie auf der Website der Büchereien Wien.

    Wann wird die neue Zweigstelle in der Seestadt Aspern eröffnet?

    Die geplante neue Zweigstelle in der Seestadt Aspern ist ein zentrales Zukunftsprojekt der Stadt Wien. Ein genaues Eröffnungsdatum steht noch nicht fest, aber die Planungen sehen einen modernen, hybriden Bibliotheksstandort vor, der digitale und physische Angebote optimal verbinden soll.