?ber Haftgrund

Über Haftgrund: Warum wir über Bücher, Bibliotheken und Brandspuren schreiben

Es war ein verregneter Dienstagabend in einer Wiener Altbauwohnung, irgendwo zwischen Kaffeetassen und verstreuten Manuskripten. Eine Bibliothekarin, zwei Literaturkritiker und ein kulturpolitischer Nerd – frustriert von der glattgebügelten österreichischen Literaturdebatte – fassten einen Entschluss. Wir wollten keinen braven Blog, sondern einen Ort mit Haltung. Einen Ort, der die Wiener Büchereien genauso ernst nimmt wie die großen Romane. Haftgrund war geboren.

Unsere Mission: Zwischen Bibliotheksregal und Brandmauer

Wir verstehen die Wiener Büchereien als demokratischen Freiraum, als Bastion gegen den kommerziellen Druck der Stadt. Doch dieser Freiraum ist fragil. Der Weg von schleichenden Budgetkürzungen bis zum lodernden Scheiterhaufen ist kürzer, als wir glauben wollen. In den Zweigstellen, von Floridsdorf bis Liesing, bildet sich das soziale Gefüge Wiens ab. Wer die Ausleihzahlen liest, versteht die Sorgen und Sehnsüchte der Bezirke. Die Bibliothek ist kein stiller Tempel, sondern ein Seismograf für Migration, Armut und Bildungshunger. Wenn wir an die Bücherverbrennung 1938 am Wiener Residenzplatz denken, neigen wir zur Distanzierung: ein barbarischer Exzess, lange vorbei. Unser Team sieht das anders. Zensur beginnt nicht erst mit dem Feuer, sondern mit der schleichenden Entwertung öffentlicher Wissensbestände. Jede geschlossene Schulbibliothek, jede gestrichene Anschaffungsprämie ist eine kleine Flamme im Fundament der Aufklärung.

Unser redaktioneller Fokus: Literaturkritik mit Biss und Kontext

Wir besprechen österreichische Gegenwartsliteratur abseits des Feuilleton-Mainstreams und verknüpfen Rezensionen mit kulturpolitischer Analyse. Uns interessiert nicht nur die Ästhetik eines Textes, sondern das System dahinter: Wer wird wofür ausgezeichnet? Wer fällt durch den Rost? Ein Schwerpunkt liegt auf der Vergabepraxis der Werkverträge des BMKÖS und der Frage, wie die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz literarische Trends setzt oder ignoriert. Unser Blick wandert zu kleinen unabhängigen Verlagen, zu sperrigen Debüts und zu Texten, die im tagesaktuellen Kritikbetrieb untergehen. Zudem graben wir im literarischen Gedächtnis: Viele österreichische Autorinnen der Zwischenkriegszeit sind vergriffen, ihre Stimmen durch die Brüche der Geschichte verschüttet. In unserer Reihe bergen wir diese Texte und fragen nach ihrer unheimlichen Aktualität.

Wer wir sind: Ein kollektives Wir mit Eigensinn

Hinter Haftgrund steht kein Medienkonzern, sondern ein loses Kollektiv aus Literaturwissenschaftler:innen, ehemaligen Buchhändler:innen und einer leidenschaftlichen Bibliothekarin aus der Zweigstelle Margareten. Wir schreiben im Wissen, dass jedes Urteil angreifbar ist – und genau das suchen wir. Wir wollen keinen Konsens, sondern Streitkultur auf Augenhöhe. Wir deklarieren Interessenkonflikte offen, nehmen keine bezahlten Buchbesprechungen an und lassen uns von niemandem die Themenliste diktieren. Unser Kapital ist Glaubwürdigkeit – und ein dickes Fell. Du hast eine Buchidee, eine Recherchespitze aus deiner Bezirksbibliothek oder Lust mitzuschreiben? Schreib uns, wir beißen nicht.

Haftgrund ist kein neutraler Ort. Wir sind bewusst parteiisch, wenn es um die Verteidigung des gedruckten Wortes geht. In einer Stadt, die zunehmend durchkommerzialisiert wird, verteidigen wir die öffentliche Bibliothek als letzten nicht-kommerziellen Raum. Denn wer das freie Wort preisgibt, hat schon verloren – lange bevor das erste Streichholz angerissen wird.

Häufig gestellte Fragen

  • Ist Haftgrund ein politisches Projekt? Wir sind nicht parteipolitisch gebunden, aber radikal im Wortsinn: Wir gehen an die Wurzel. Eine klare Haltung für den Erhalt von Bibliotheken und gegen Zensur ist für uns demokratische Selbstverständlichkeit.
  • Wie finanziert sich dieser Blog? Derzeit ausschließlich über Eigenmittel und das Engagement unseres Teams. Wir sind frei von Werbedruck und institutionellen Abhängigkeiten – das garantiert Unabhängigkeit, bedeutet aber auch, dass wir jede Stunde aus Leidenschaft stemmen.
  • Kann ich euch Bücher zur Rezension schicken? Grundsätzlich ja, aber wir können keine Besprechung garantieren. Wir wählen nach Relevanz und Neugier aus, nicht nach Verlagsgröße. Bitte hab Verständnis, wenn wir uns nur auf Texte konzentrieren, die in unser Konzept passen.
  • Was unterscheidet euch von klassischen Literaturblogs? Wir verknüpfen Literaturkritik untrennbar mit der Infrastruktur, die sie ermöglicht. Eine Rezension zu schreiben, ohne die prekäre Lage der Zweigstellen oder die Geschichte der Bücherverbrennung 1938 mitzudenken, wäre für uns intellektuell unredlich. Wir betreiben Literaturkritik als Gesellschaftsanalyse.