Haftgrund – Bücher, Bibliotheken und Kulturpolitik

Haftgrund: Unser Boden für Bücher, Bibliotheken und klare Worte

Wer malt, weiß: Ohne Haftgrund perlt die Farbe ab. Sie findet keinen Halt, keine Tiefe, keine Dauer. Genau diesen Haftgrund wollen wir sein – eine materielle Basis für Kunst und zugleich ein metaphorischer Nährboden für kritische Debatten, die sonst an der glatten Oberfläche des Kulturbetriebs abperlen würden. Wir schreiben über Bücher, weil sie uns etwas bedeuten. Wir schreiben über Bibliotheken, weil sie mehr sind als Steine und Regale. Und wir schreiben über Kulturpolitik, weil dort verhandelt wird, was eine Gesellschaft bereit ist, für ihr Gedächtnis und ihre Fantasie auszugeben. Wer sich mit uns auf diesen Grund begibt, muss eines mitbringen: die Lust an der Reibung.

Die Wiener Büchereien als demokratischer Resonanzraum

Wer verstehen will, wie eine Stadt tickt, muss in ihre Büchereien gehen. Nirgendwo sonst begegnet man so ungefiltert dem Puls der Stadtgesellschaft: Schülerinnen, die ihren ersten Bibliotheksausweis abholen, Pensionisten, die nach der Tageszeitung greifen, Geflüchtete, die mit Sprachkursmaterialien an den Tischen sitzen. Die flächendeckenden Zweigstellen der Wiener Büchereien sind weit mehr als Ausleihstationen – sie sind soziale Infrastruktur, oft die letzte verbliebene im Grätzl, die ohne Konsumzwang betreten werden darf. Dass man in Wien diese Dichte an Standorten noch immer verteidigt, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger kulturpolitischer Kämpfe, die wir auf diesem Blog genau beobachten.

Die Verlockung ist groß, alles ins Digitale zu verlagern. E-Books ausleihen, per App recherchieren, den Algorithmus die nächste Lektüre vorschlagen lassen. Doch eine Bibliothek ist mehr als ihr Medienbestand. Sie ist ein Raum, in dem man sich ungestört aufhalten darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Für viele Menschen in dieser Stadt ist die nächste Zweigstelle der einzige warme, helle und ruhige Ort, den sie haben. Diesen physischen Raum gegen den Sparstift zu verteidigen, ist uns ein zentrales Anliegen. Wer die Türen schließt, schließt Menschen aus – so einfach ist das.

Besonders spannend beobachten wir derzeit das Nordbahnviertel. Die neue Bücherei dort ist kein bloßer Medienumschlagplatz, sondern von Beginn an als Treffpunkt konzipiert, eingebettet in ein wachsendes Stadtviertel, das nach Identität sucht. Hier zeigt sich, wie Bibliotheksplanung aktiv Stadtentwicklung betreibt: mit Veranstaltungsflächen, mit flexiblen Möbeln, mit einer Offenheit, die signalisiert: Komm her, bleib, rede mit jemandem. Dass dieser Anspruch auch in kleineren Zweigstellen funktioniert, beweisen engagierte Teams in ganz Wien täglich aufs Neue.

Ein kulturpolitisches Ausrufezeichen war die Entscheidung, die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz von Zaha Hadid bauen zu lassen. Ein spektakuläres Gebäude, das mit seiner fließenden Formensprache und der spektakulären Freitreppe bewusst mit dem Klischee der verstaubten Bücherhalle brach. Heute ist die Hauptbücherei ein Wahrzeichen, das international Aufmerksamkeit erregt und zugleich täglich tausenden Wienerinnen und Wienern selbstverständlich dient. Der Mut zu diesem großen Haus hat sich ausgezahlt – es ist der lebendige Beweis, dass architektonische Ambition und niederschwelliger Zugang kein Widerspruch sein müssen.

Literaturkritik im österreichischen Spannungsfeld

Literaturkritik in Österreich bewegt sich auf schmalem Grat. Der Betrieb ist klein, die Seilschaften sind überschaubar, und wer allzu scharf kritisiert, sitzt schnell zwischen allen Stühlen. Wir nehmen uns bewusst die Freiheit, genau das zu tun. Unser Zugang zur Besprechung österreichischer Gegenwartsliteratur folgt keiner Quote und keinem Proporz, sondern einer schlichten Frage: Ist dieser Text relevant genug, dass man sich mit ihm auseinandersetzen muss? Besonders interessieren uns Autorinnen und Autoren abseits des großen Feuilleton-Betriebs, jene Stimmen, die in den Hochglanzbeilagen der Tageszeitungen kaum vorkommen, weil ihre Bücher nicht in den großen Häusern erscheinen.

Der Bachmann-Preis ist eine wunderbare Institution, keine Frage. Aber er erzeugt auch einen medialen Brennglaseffekt, der jedes Jahr drei Tage lang so tut, als gäbe es nur eine Handvoll relevanter Schreibender im ganzen Land. Wir lesen dagegen an. Wir durchforsten die Herbstprogramme, stöbern in den Regalen der unabhängigen Buchhandlungen und finden jene Bücher, die kein Preisfieber auslösen, aber literarisch bleiben. Oft sind es Debüts, manchmal schmale Bände, die im richtigen Moment eine drängende Frage stellen. Diese Entdeckungen zu teilen, bevor der Feuilleton-Zug sie überrollt oder vergisst, ist einer der größten Antriebe für unsere Arbeit.

Ohne die unabhängigen Verlage wäre die österreichische Literaturlandschaft eine Monokultur. Häuser wie der Grazer Literaturverlag Droschl, der seit Jahrzehnten beharrlich ästhetisch anspruchsvolle Literatur pflegt und dabei wirtschaftlich immer wieder an Grenzen stößt, oder Kremayr & Scheriau, die mit klugem Programm politische und gesellschaftliche Debatten befeuern – sie alle leisten Überlebenswichtiges. Wir sehen es als Teil unserer Aufgabe, diese Verlagsarbeit sichtbar zu machen und die Programme kritisch zu würdigen. Denn wenn diese Verlage verschwinden, verschwindet mit ihnen eine ganze Schicht literarischer Vielfalt, die kein Konzern der Welt ersetzen wird.

Ein ehrlicher Verriss ist wertvoller als zehn wohlmeinende Gefälligkeitsrezensionen. Wir scheuen uns nicht, klar zu sagen, wenn ein Buch gescheitert ist – handwerklich, inhaltlich oder in seinem Anspruch. Das mag manchmal hart wirken, aber es ist eine Frage des Respekts: gegenüber den Leserinnen und Lesern, die ihre knappe Zeit investieren, und gegenüber der Literatur selbst, die mehr verdient als lauwarme Nettigkeiten. Wer austeilt, muss allerdings auch begründen können. Jeder Verriss auf diesem Blog wird argumentativ unterfüttert, sonst ist er nichts als Polemik. Und Polemik ohne Haftgrund perlt ab – das haben wir ja schon geklärt.

Buchverbrennung und die Pflege der Erinnerungskultur

Es gibt Wunden, die nicht verheilen dürfen. Die systematische Zerstörung von Literatur durch die Nationalsozialisten gehört zu den tiefsten Brüchen unserer Kulturgeschichte. Bibliotheken tragen eine besondere Verantwortung, dieses dunkle Erbe aktiv zu thematisieren – nicht als historische Fußnote, sondern als Mahnung, die in die Gegenwart ragt. Wir widmen diesem Thema bewusst breiten Raum, weil wir überzeugt sind, dass Erinnerungskultur kein Sonntagsprojekt ist, sondern tägliche Arbeit. Wer Bücher liebt, muss auch von jenen sprechen, die Bücher hassen – und von den Menschen, die mit den Büchern verbrannt werden sollten.

Nur wenige Wochen nach dem „Anschluss“ brannten auch in Österreich die Scheiterhaufen. Am 30. April 1938 loderten auf dem Salzburger Residenzplatz die Flammen, angefacht von NS-Organisationen, die missliebige Literatur „säubern“ wollten. Es war der Auftakt zu einer beispiellosen Zerstörungskampagne, die Bibliotheken im ganzen Land ihrer Bestände beraubte. Autorinnen und Autoren wurden verfolgt, vertrieben, ermordet. Ihre Bücher galten als „undeutsch“, als gefährlich, als zu vernichten. Dieses Datum steht für unzählige Einzelschicksale, aber auch für den kollektiven Verlust eines kulturellen Gedächtnisses. Wir erinnern daran, weil das Vergessen keine Option ist.

Mitten in Wien, am Judenplatz, befindet sich einer der eindringlichsten Gedenkorte des Landes. Die Gedenkstätte für die Opfer der Gestapo, die im Untergeschoss des Misrachi-Hauses untergebracht ist, beherbergt die Bibliothek der Erinnerung. Hier werden die Namen der über 65.000 österreichischen Jüdinnen und Juden bewahrt, die während der Shoah ermordet wurden. Es ist ein Ort, der einem den Atem nimmt – und genau das muss er auch. Wir besuchen diesen Ort regelmäßig, nicht nur an Gedenktagen. Die Bibliothek der Erinnerung ist ein Fundament, auf dem jede seriöse Beschäftigung mit österreichischer Literatur und Geschichte ruhen muss.

Bücherverbrennung ist nicht nur ein Akt physischer Gewalt, sie ist vor allem ein Angriff auf das Wort selbst. Wer Bücher verbrennt, will Stimmen auslöschen, Debatten ersticken, Erinnerung tilgen. In einer Zeit, in der demokratische Grundwerte wieder offen attackiert werden, ist das Erinnern an diese Verbrechen keine rückwärtsgewandte Geste, sondern ein aktiver Beitrag zur Verteidigung der offenen Gesellschaft. Wir schreiben gegen das Verstummen an, indem wir laut lesen, was einst zum Schweigen gebracht werden sollte. Jeder besprochene Titel, jeder Hinweis auf einen vergessenen Autor, jeder Besuch in der Gedenkstätte ist ein kleiner Akt des Widerstands gegen jene Kräfte, die das Wort auch heute noch fürchten.

Kulturpolitische Brandherde und Baustellen

Kulturpolitik ist das Bohren dicker Bretter. In Wien und im Bund toben permanent Verteilungskämpfe, die selten schlagzeilentauglich sind, aber über die Zukunft dessen entscheiden, was uns lieb und teuer ist. Wir analysieren diese Entscheidungen, fragen nach den Begründungen und scheuen uns nicht, Ross und Reiter zu nennen. Ob es um die Finanzierung der freien Szene geht, um prekäre Arbeitsverhältnisse im Kulturbetrieb oder um gesetzliche Rahmenbedingungen wie die Buchpreisbindung – wir schauen genau hin. Denn was in den Ausschüssen und Gemeinderatssitzungen verhandelt wird, betrifft am Ende jede einzelne Leserin, jeden einzelnen Bibliotheksbesucher.

Die freie Literaturszene in Österreich lebt von Menschen, die mit enormem Einsatz und oft lächerlicher Bezahlung Lesungen organisieren, Zeitschriften herausgeben, Festivals kuratieren. Die Fördertöpfe sind begrenzt, die Antragsflut wächst, und die Konkurrenz um die Mittel wird härter. Wir begleiten diese Debatten mit kritischer Sympathie: kritisch, weil wir Selbstausbeutung nicht romantisieren; sympathisierend, weil wir wissen, wie viel Herzblut in diesen Projekten steckt. Faire Honorare sind keine Luxusforderung, sondern die Grundvoraussetzung dafür, dass literarisches Leben jenseits der Bestsellerlisten überhaupt stattfinden kann.

Immer wieder tauchen Szenarien auf, in denen die Büchereien Wien mit Budgetkürzungen rechnen müssen. Kürzere Öffnungszeiten, weniger Personal, verschobene Sanierungen – was nach trockenen Verwaltungsakten klingt, trifft die Schwächsten am härtesten. Eine Zweigstelle, die nur noch halbtags geöffnet ist, kann ihrer sozialen Funktion nicht mehr nachkommen. Wir haben in der Vergangenheit mehrfach über die Causa „Büchereien Wien“ berichtet und werden das auch weiterhin tun. Transparenz ist das Mindeste, was die Politik den Bürgerinnen und Bürgern schuldet, deren Steuergeld diese Institutionen trägt.

Die Buchpreisbindung ist ein kulturpolitisches Instrument, das regelmäßig unter Beschuss gerät – meist von jenen, die sich von einem freien Markt mehr Profit versprechen. Dabei sichert sie nichts Geringeres als die literarische Vielfalt. Indem sie verhindert, dass Bestseller mit Dumpingpreisen den Markt leerfegen, schützt sie die Nischen: den anspruchsvollen Roman, den schmalen Lyrikband, die aufwendig gestaltete Übersetzung. Auch die Debatten um die Wienbibliothek im Rathaus, ihre Sanierung und ihre programmatische Ausrichtung verfolgen wir aufmerksam. Kulturpolitik ist kein Nebenschauplatz – sie ist der Maschinenraum, in dem die Bedingungen unserer Arbeit justiert werden.

Häufig gestellte Fragen

  • Was bedeutet der Name „Haftgrund“ für euren Blog? Der Name ist doppeldeutig: Einerseits steht Haftgrund für die materielle Grundierung, ohne die Farbe auf Leinwand nicht hält – ein Bild für die Basisarbeit, die wir leisten. Andererseits verstehen wir uns als Nährboden für Debatten, die im glatten Kulturbetrieb oft keinen Halt finden. Wir wollen, dass kritische Gedanken haften bleiben, statt abzuperlen.
  • Besprecht ihr ausschließlich österreichische Literatur? Nein, aber sie steht im Zentrum. Wir haben einen klaren Fokus auf österreichische Gegenwartsliteratur, insbesondere auf Autorinnen und Autoren, die abseits des großen Feuilleton-Betriebs arbeiten. Internationale Titel besprechen wir dann, wenn sie für den hiesigen Diskurs relevant sind oder wenn uns die Begeisterung einfach packt.
  • Warum schreibt ihr so viel über die Wiener Büchereien? Weil sie das Rückgrat der literarischen Infrastruktur dieser Stadt sind. Mit ihren flächendeckenden Zweigstellen, der spektakulären Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz und Neubauten wie der Bücherei im Nordbahnviertel leisten sie mehr als bloße Medienversorgung – sie sind demokratische Resonanzräume. Das muss gewürdigt, aber auch kritisch begleitet werden.
  • Wie steht ihr zur Buchpreisbindung in Österreich? Wir verteidigen sie. Die Buchpreisbindung ist kein Preistreiber, sondern ein Schutzschild für Vielfalt. Sie verhindert, dass große Ketten mit Dumpingpreisen den Markt beherrschen, und sichert die Existenz unabhängiger Buchhandlungen und Kleinverlage wie Droschl oder Kremayr & Scheriau. Ohne sie sähe die österreichische Literaturlandschaft wesentlich ärmer aus.
  • Kann man euch auf Veranstaltungen treffen? Aber ja. Wir sind regelmäßig in den Wiener Büchereien unterwegs, besuchen Lesungen, Diskussionen und Gedenkveranstaltungen – etwa in der Bibliothek der Erinnerung am Judenplatz. Die genauen Termine kündigen wir auf dem Blog und in unseren sozialen Kanälen an. Kommen Sie vorbei, wir diskutieren gerne weiter.

Echter Haftgrund braucht Reibung, sonst bleibt er wirkungslos. Dieser Blog lebt von der Auseinandersetzung – mit Büchern, mit Institutionen, mit politischen Entscheidungen, aber vor allem mit Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern. Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren, widersprechen Sie, ergänzen Sie, stellen Sie Fragen. Und wenn Sie uns das nächste Mal in einer Zweigstelle der Wiener Büchereien entdecken, sprechen Sie uns an. Die Debatte geht weiter, und sie braucht diesen physischen Raum genauso dringend wie diesen digitalen.