5. Juli 2009 von haftgrund | kein Kommentar
Dieser in einem Mailverteiler gefundene Reisebericht über die Amsterdamer Central Bibliotheek hat mit einem anderen, in einem Blogbeitrag gefundenen das eine gemein, dass diese größte Bibliothek Europas unterm Strich weder mit dem Flair der Bibliothek in Krefeld noch mit der Tiefe und der Mission der Wiener Hauptbücherei konkurrieren kann.
Ein eher unerwartetes Ergebnis, welches allerdings den Vorzug hat, dass es den Geld zu gebenden Instanzen unter dem Stichwort “lieber kleiner aber tiefer” eine budgetschonende Argumentation bei künftigen Bibliotheksausgaben vorlegt.
Man geht durch dieses 28 000 qm große Haus und ist zunächst von der Weite der Bibliotheksebenen , von der Sicht auf die Amsterdamer Hafenbucht und auf die Stadt, vom bis ins kleinste Detail durchgestylte Haus sprachlos gemacht vor Bewunderung.
Beim zweiten Besuch schaut man dann schon genauer hin und sieht,
- dass fast alle der 600 Internetplätze besetzt sind,
- dass auf den 7 Ebenen der Bibliothek in den vielen geschmackvoll ausgesuchten Sitzmöbeln
- aber relativ wenig Leute sitzen.
Das erklärt man sich mit 26 Grad und herrlichem Sonnenschein in Amsterdam.
Die Besucherzahlen für das 28 000 qm Haus :
- 5000 unter der Woche,
- 7000 am Samstag und Sonntag,
erscheinen auf den ersten Blick viel, auf den zweiten Blick in Relation gesetzt zu den Quadratmetern und Öffnungszeiten und BesucherInnenzahlen der Wiener Hauptbücherei, ist das gar nicht mehr viel.
Wir machen mit
- deutlich weniger Öffnungszeiten,
- deutlich weniger Fläche,
- deutlich weniger Arbeits- und Internetplätzen
3000 Besucherinnen pro Tag. (Samstag ist nicht vergleichbar, die Central Bibliotheek hat auch am Samstag 12 Stunden offen, wir haben 6 Stunden offen)
Wenn man die Aktivitäten anschaut, die inhaltlichen Angebote neben dem Medienbestand (mit dem weniger Entlehnungen erzielt werden als in der Hauptbücherei in Wien), dann fehlt es mir hier an Tiefe.
D.h. die Bibliothek in Amsterdam
- zeigt einerseits richtig vor, dass das Verhältnis zwischen Regalen/Medien und Arbeitsplätzen in Zukunft zugunsten der Arbeitsplätze geändert werden muss,
- die Bibliothek in Amsterdam zeigt richtig vor, dass umfangreiche Öffnungszeiten per se ein interessantes Angebot der Bibliothek sind (einem Faktum, das auch in Zukunft nicht ignorieren werden können/sollten),
aber:
- in der Tiefe der inhaltlichen Angebote für die NutzerInnen,
- in der Mission
hat diese Bibliothek große Defizite, die wir nicht haben.
Und dass das so ist, ist Eurer/Ihrer Arbeit zu verdanken, die dafür sorgt,
- dass wir einen Medienbestand haben, der keinen Vergleich zu scheuen braucht,
- dass wir im Großen und Ganzen ein sehr gutes KundInnenservice haben,
- ein sehr gutes Beratungsangebot an den Infotheken,
- tolle Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene,
- sehr gute Kooperationen mit vielen Einrichtungen und Institutionen in der Stadt
- und viele Menschen im Team die an einem Strang ziehen und sich auch gegenseitig stützen, wenn es nötig ist. (ein Klima, das auch nicht überall gegeben ist)
27. April 2009 von haftgrund | 3 Kommentare
Einladung
zum Workshop
in der Hauptbücherei der Magistratsabteilung 13
(aus einer - nona - Einladungsmail an die Büchereibediensteten)
2. April 2009 von haftgrund | kein Kommentar
Mohamed war zur Wiener städtischen Bücherei gegangen und wartete vor verschlossener Tür – aufgesperrt wird erst um elf Uhr. Dort fragten ihn zwei Polizeibeamte nach seinem Ausweis, doch er hatte keinen bei sich.
Der Rest ist Alltag gewordener österreichischer Polizeirassismus, siehe den Bericht der Wiener Zeitung.
Wien braucht offenbar gar keinen Rechtsextremen als Bürgermeister. Es geht auch so.
2. März 2009 von haftgrund | 1 Kommentar

heißt es in einem Bericht in der MitarbeiterInnenzeitung der Wiener Büchereien über das Bestseller-Service in der Hauptbücherei. Die Spielregeln sind denkbar einfach: In einem Regal liegen Bestsellerlisten-Bücher, welche weder im Katalog aufscheinen, noch vorbestellbar sind. Wer eines davon ergattert, darf es für die halbe Entlehndauer der regulären Printmedien behalten, zwei Euro berappen (also durchschnittlich 10% des Neukaufbetrags) und muss es wieder in die Hauptbücherei zurückbringen. Die Einhaltung, wie weiter unten zu sehen ist, schon weniger. Die Erfolgskriterien dieser Aktion werden einerseits am NPM-Bullshit-Begriff “Kundenorientierung” festgemacht, weiters an der Frage, ob sie als spektakuläres Marketinginstrument taugt und schließlich, ob sie sich finanziell selbst trägt - also mit dem Wiener Weg des Neoliberalismus kompatibel ist.

1. Ad “Kundenorientierung”: Der Wunsch nach möglichst rascher Verfügbarkeit von Bestseller-Ware ist zweifellos vorhanden. Bei einem anteilsmäßig wohl eher kleinen Teil der BüchereibenutzerInnen. Für diese gibt es nun eine Art Lotterie, bei welcher der oder die Glückliche in der Folge einige Verpflichtungen einzugehen hat. Die anderen gehen, wie bei Lotterien so üblich, leer aus. Aber alle sollen nun das Gefühl haben, dass sie, wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein sollten, eventuell das Ziel ihrer gerade bei der Lektüre einer Bestsellerliste erweckten Wünsche nach Hause tragen können.
2. Ad “Marketinginstrument“: Wenn angeblich nicht mehr durch die äußerliche Erscheinung der Hauptbücherei “gepunktet” werden kann, wäre es vielleicht an der Zeit, sich eher mit real vorhandenen Defiziten im Umgang mit den BenutzerInnen zu widmen und in die Angebotsverbesserung für die Vielen statt für einige Wenige zu investieren. Das wäre allerdings dann kein Marketinginstrument, sondern eine Erhöhung des Gebrauchswerts der Wiener Büchereien.
3. Ad “Selbstfinanzierung”: Den Einkaufspreisen der Bestsellerbücher von ~ 4.900 € werden die kassierten Bestsellerleihgebühren von ~ 4.400 € gegenübergestellt und die dazu kassierten Verspätungsgebühren von ~ 600 € hinzugerechnet. Damit sei die Vorgabe der Selbstfinanzierung erreicht worden.
Doch, um in der Haltung von Brechts “Lesenden Arbeiter” zu fragen: Haben sich die Bücher selber gekauft, katalogisiert, filmoluxiert und mit wunderschönen “Bestseller”-Aufklebern verziert? Haben sie sich selber zurückgenommen und in das Bestsellerregal zurückgestellt?
Haben sie nicht. Sondern: “Das Team” [bestehen aus 3 Kolleginnen] “sorgte engagiert und tatkräftig für die operative Umsetzung der neuen Serviceleistung”.
Um Gottes Lohn? In der Freizeit?
Gilt wohl auch für die Zeit und für den Energieaufwand von MitarbeiterInnen in den Zweigstellen, welche sich hartnäckigen Rückgabeversuchen tatkräftigst entgegen zu stellen haben. Ebenso nulltarifig ist natürlich auch das Entgegennehmen von Beschwerden über ungenügende Information über Entlehnbedingungen zu berechnen.
Wie dem Foto von miserable outskirts mit dem Taferl am Rande des Bestsellerregals in Kinderaugenhöhe zu entnehmen ist, scheinen die regelmäßigen Beschwerden wegen der mangelhaften Information über die Bedingungen der Bestsellerausleihe nicht ganz unberechtigt zu sein.
Was bleibt? Eine Aktion, die mehr Aufwand als behauptet mit sich bringt, und wohl weniger positive Effekte als erhofft nach sich zieht. Und - was der eigentliche Anlass für diesen Eintrag ist - eher nicht in die Richtung geht, welche für die Büchereiarbeit zukünftig relevant sein sollte.