17. Oktober 2009 von haftgrund | kein Kommentar
Obwohl ja vor jedem Haus sich solch eine Bank befand, hockten sonst da eher die Männer, in der Mehrzahl die alten - [...].Die Frauen des Dorfs dagegen sah ich, wie man von den Gastwirtinnen sagte, “immer auf den Beinen”; auf der Straße gehend, in den Gärten sich bückend, und in den Häusern drinnen gar laufend. Vielleicht bildete ich es mir nur ein: Aber es erschien mir als eine Eigenart der slowenischen Dorffrauen, dass im Hausinnern jede ihrer Bewegungen von einem Fleck zum anderen ein Laufen war. Sie liefen vom Tisch zum Herd, vom Herd zur Kredenz, von der Kredenz zurück zum Tisch, und wenn die jeweilige Stubenstrecke auch noch so kurz war. Dieses Laufen in den engen Räumen begann aus dem Stand, war eine rasche Folge aus Trippeln, Huschen-auf-den-Zehenspitzen, Auf-der-Stelle-Rennen, Fußwechseln, Wenden und Weitertrippeln, und bot sich im ganzen dar als ein schwerfüßiges Tänzeln, als ein Tanz von langjährigen Dienerinnen. Auch die jungen Mädchen, kaum aus den Schulen zurück in den Häusern, schnellten dort unverzüglich los und sprangen, mit den anderen um die Wette, wie von altersher im Dienstgalopp durch die Wohnküchen.
Peter Handke, Die Wiederholung S. 55f
Volltext (Scribd)
23. August 2009 von haftgrund | kein Kommentar
Ziemlich zeitgleich haben Handke und Grass Interviews gegeben. Das von Handke in den Salzburger Nachrichten erinnert ein wenig an jenes mit Bob Dylan im “Rolling Stone” im Frühjahr dieses Jahres. Beide zeigen sowohl gelassene Distanz als auch die Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was ihnen wichtig ist. Alte Männer, for ever young :-)
Den Interviewbericht zu Dylan gibt es offenbar nicht online, die Zeitschrift ist aber in größeren Büchereien entlehnbar :-)
Der Falter dagegen druckte ein Gespräch des Starinterviewers André Müller mit Günter Grass, das auch online abrufbar ist. Erstaunlich dabei die Ironie und Selbstironie, mit der Grass auf die Fragen reagierte und dabei gelegentlich den ziemlich ichbetonten Interviewer auf die Schaufel nahm:
Wie trösten Sie jemanden, der sich in dunklen Momenten, von Zweifeln verfolgt, wünscht, wie schon Sophokles formulierte, “nicht geboren zu sein”?
Grass: Neigen Sie dieser Ansicht zu? Sie machen mir einen verzweifelten Eindruck. Aber es ist doch schön, dass Sie geboren sind. Ich finde unser Gespräch sehr amüsant. Ich rede gerne mit Ihnen. Halten Sie noch ein bisschen durch!
(…)
Grass: Aber ich bleibe dabei, dass es die Banken bis hin zu Herrn Ackermann mitzuverantworten haben, dass ein Raubtierkapitalismus ausgebrochen ist, der die gegenwärtige Krise verschuldet hat. Wenn das so weitergeht, dann stimmt doch die Welt nicht.
Die wird nie stimmen.
Grass: Natürlich nicht, aber ich neige nicht dazu, wie ich es bei Ihnen beobachte, zu resignieren, sondern ich werde nicht aufhören, die Dinge beim Namen zu nennen, und ich würde mich freuen, wenn Sie mich in meinen Bemühungen unterstützen, statt sich mit dem Schutzwall Ihrer Verzweiflung, die Ihr Denken beschränkt, zu umgeben. Denn sonst bleiben Sie nicht lebendig. Das wird, wenn Sie einmal so alt sind wie ich, ganz furchtbar werden.
Darf ich mit Ihnen tauschen?
Grass: Nein, ich weise Sie nur in aller Freundschaft darauf hin, dass es mit Ihnen, wenn Sie so weitermachen, nicht gut enden wird.