11. August 2010 von haftgrund | kein Kommentar
Mischt die SP-Parteipolitik im Wiener Gesundheitswesen stark mit?
Vogt: “Natürlich, wenn es um die Besetzung von Stabsstellen in der Gesundheitsverwaltung und um die Ernennung von Primarärzten, Pflegedirektoren, Verwaltungsdirektoren geht. Parteibuch oder Parteinähe ist gut, eine kritische und öffentliche Beurteilung der Stadtpolitik ist schwer schädlich. Der Wiener Bürgermeister ist kleinlich und nachtragend. Und die Stadträte sind folgsam.”
Und weiters:
“Wien ist gesundheitspolitisch völlig charakterlos.”
Zu ergänzen wäre:
Wien ist bildungspolitisch völlig charakterlos.
Und vor allem das:
Wien ist sozialpolitisch völlig charakterlos.
Und nicht zuletzt das (siehe Crossborder Leasing):
Wien ist finanzpolitisch völlig charakterlos.
Die Reihe ließe sich fortsetzen. Wobei für Wien die Unschuldsvermutung gilt, denn gemeint sind die:
“Alle Verantwortlichen sind Parteiköpfe; wem das Parteibuch fehlt, der wird über kurz oder lang hinausgeekelt. Das produziert politische Inzucht.”
30. Juni 2010 von haftgrund | kein Kommentar
Spiegel online
Nigerianische Familien dürfen den weltgrößten Pharmakonzern Pfizer in den USA für Medikamententests an ihren Kindern vor Gericht bringen. Sie lasten dem milliardenschweren Unternehmen an, ohne ihr Einverständnis das Antibiotikum Trovan an 200 Buben und Mädchen ausprobiert zu haben. Elf der Kindern starben laut Klageschrift, andere wurden demnach blind, taub oder erlitten Hirnschäden.
Zu den Versuchen kam es im Jahr 1996. Damals hatte ein Ausbruch der Hirnhautentzündung in Nigeria Tausende Menschen getötet, vor allem Kinder. Pfizer sagt, dass die mit Trovan behandelten Jungen und Mädchen eine höhere Überlebenschance gehabt hätten.
21. März 2010 von haftgrund | kein Kommentar

Vorigen Herbst gab es zwei unangenehme Ereignisse: Die rechte Schulter schmerzte höllisch und ich kam drauf, was ich im Grunde längst wissen musste: So wie Lenin während seiner Hegellektüre feststellte, dass Marxens Kapital, insbesondere die drei ersten Kapitel, ohne Erarbeitung der Hegelschen Logik nicht verstanden werden könne, daher seit 50 Jahren keiner der Marxisten Marx verstanden hätte, so war auch für mich der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr umhin konnte einzugestehen, dass mir sowohl Foucault als auch Negri ohne die Kenntnis von Spinozas Ethik und dem Theologisch-Politischen Traktat nur eingeschränkt versteh- und kritisierbar sind. Der Schulterkrankenstand, der u.a. meiner “äußerst atrophen Außenrotatorenmanschette” und allerlei Verschmälerungen, Einschränkungen und Schwunden “zu verdanken” ist, bot Gelegenheit mal mit Einführungen zu beginnen. Eine erste große Hilfe dabei war mir Pierre-François Moreaus “Spinoza. Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens” und ich sah mich bereit, zu den Texten selber zu greifen. Doch dann kam ein langer Winter und der Passivitätsmodus hatte mächtig Platz gegriffen.
Doch jetzt habe ich eine Kur bewilligt bekommen und Schulter und Spinoza wachsen vielleicht zusammen :-)
Im Begleitschreiben zur Kurbewilligung darf ich lesen, dass es bei der Kur von meiner Seite aus auch einer positive Einstellung bedürfe. Das mir, der bislang mit der “produktiven Kraft des Negativen” sehr gut gelebt hat, und der auch stets der Meinung ist, dass positives Denken krank macht!
O.k., die Schulter hat das vielleicht anders gesehen, und was Spinoza meint, das weiß ich noch gar nicht.
Weiters heißt es im Schreiben:
“Dazu gehört ganz besonders die strikte Befolgung der ärztlichen Weisungen, sowie die strenge Einhaltung der Heimordnung”
A geh wusch a geh wui, denk ich mir noch im Zug, der mich zu meinem Kurort bringt, es reicht also nicht die Befolgung ärztlicher Weisungen, nein strikt muss sie sein. Und mit einer bloßen Einhaltung der Heimordnung werde ich wohl auch nicht durchkommen, wenn ich dies nicht strenge tue. Die Machtverhältnisse sind also mal klar festgelegt und das Arzt-Patient-Verhältnis wird hier offenbar noch weitgehend frei gehalten von irritierendem Patienten-Zruckreden. Mit leichtem Blues im Gemüt döse ich im Zug und träume von der Geburt der Klinik und von Benthams Panopticon.
5. September 2009 von haftgrund | kein Kommentar
“Wieso ist der Erhalt von Banken, ÖBB und AUA so wichtig, die Sicherung des Gesundheitssystems aber nicht?”
fragt der Betriebsratsvorsitzende der Medizinuni Wien in einem Leserbrief an die Kronenzeitung und fügt hinzu:
“oder: wie und warum das auf Solidarität aufgebaute Gesundheitssystem kaputt gemacht werden soll.”
Quelle: MUW-Betriebsratsblog
2. August 2009 von haftgrund | kein Kommentar
“Stimmt es, dass die im Hinblick auf die Vogelgrippe angeschafften antiviralen Mittel bereits sämtlich verfallen sind?”, fragt Nadine Weiss in der Gratiskrone den Gesundheitsminister Alois Stöger.
Das ist nicht richtig, die Dauer der Verwendbarkeit der Mittel wurde verlängert
und musste natürlich hinzufügen: “da die Wirkung noch vorhanden ist” - was eine glatte Unwahrheit durch Auslassung ist. Die europäische Arzneimittelkommission hat die Wirkungsdauer von Tamiflu zwar tatsächlich verlängert, das gilt aber nur für neu produzierte Arzneimittel, auf die jetzt lagernden trifft das noch nicht zu. Außerdem sollte es auch bis zu diesem Gesundheitsminister durchgedrungen sein, dass eine neuerliche Pandemie höchstwahrscheinlich von einer Mutation des Virusstamms ausgehen wird, wofür erst nach dem Ausbruch die entsprechenden Arzneimittel hergestellt werden können (daher wurde und wird auch an “Prototypen” antiviraler Mittel gearbeitet, um diesen Prozess zu beschleunigen).
Davon kann bei den derzeit gebunkerten Medikamenten nicht die Rede sein. Nebenbei: wenige Minuten googeln nur wären nötig gewesen, damit die Interviewerin der ministeriellen Antwort etwas Substantielles entgegensetzen hätte können.
Apropos Substantielles. Wie bei allen Gesundheitsministerinnen vor oder nach ihm kommt der weitgehend sinnfreie Stehsatz:
Der Arzt muss Eigenverantwortung übernehmen.
Aber, Völker höret:
Mit den richtigen Signalen, zum Beispiel einem Arznei-Dialog, funktioniert das.
Über einen landesweiten Einsatz des sogenannten “Arzneidialogs” – ein selten dämliches Wort übrigens – hatte er in seiner vorministeriellen Zeit auch schon was zu sagen gehabt:
Oberösterreichische Konzepte, wie der Arzneidialog oder die Zielvereinbarung, seien jedoch nicht unbedingt dazu geeignet, sie in ganz Österreich umzusetzen. Ziel könne es nicht sein, noch so erfolgreiche regionale Ideen einfach allen überzustülpen.
Da dieser Arzneidialog “nichts anderes ist als ein Kontrollmechanimus”, der immer mit Sanktionen verknüpft sei, wie der eine Arzt sagt, aber, wie der andere Arzt meint, für die Ärzteschaft auch eine Steigerung der Abgeltung neuer Leistungen erbracht habe, kommt die Vermutung auf, dass das Ganze ein nutzbringender Deal Dialog zwischen Ärzte- und Krankenkassenbürokratie ist, eingebettet in neoliberale Sprachfloskeln.

Doch es lassen sich auch urmenschliche Züge an diesem Minister finden, dessen Sprachwendigkeit in etwa an seinen Kanzler erinnert, wie auch der Zug um den Mund. Zum Beispiel:
Minister goes Apotheke (wohl zum “Arzneidialog”)

Das Team der Apotheke zeigte Minister Stöger anhand einer Thyrex Kinderdosierung (abgefüllt in Briefchen) wie magistrale Zubereitung funktioniert. Das begeisterte unseren Gesundheitsminister aus Oberösterreich derart, dass wir anschließend eine weitere Kinderspezialanfertigung in Form von Kapseln sowie die „lege artis“- Herstellung von Salben und Augentropfen vorführten.
Stöger: „Ich bin beeindruckt, wie durchdacht, sauber und genau die Arbeitsabläufe hier vor sich gehen!“
Aber nicht nur die Apotheken beeindrucken den Minister, auch die Kaffehäuser – an deren Wesen Österreich eventuell genesen könnte:
„Warum war Österreich in der Zwischenkriegszeit so gut? Weil die eindimensionalen Sichtweisen in den Kaffeehäusern aufgebrochen wurden.“
Mit einer derartigen Weitschau gesegnet schreckt ihn natürlich gar nichts, wie seine Antwort auf die obligate Dummfrage “Hat Sie das Beispiel Ihrer Vorgängerin Andrea Kdolsky abgeschreckt?” beweist:
“Es ist eine Knochenarbeit, die unterschiedlichen Gruppen zusammenzuhalten und die Vielfältigkeit des Gesundheitssystems mitzusteuern. Dazu braucht es Sensibilität.”
Schließlich enthüllt der Minister, der aus dem Mühlviertel kam, auch noch Sinn und Aufgabe des österreichischen Gesundheitswesens, indem er es der ÖVP hineinsagt, dass diese nur Zahlen sehe,
“ohne den Blick auf den entscheidenden Wertschöpfungscharakter, nämlich dass die Schmerzen der Österreicher von unserem Gesundheitswesen abhängen”
Vermutet habe ich das allerdings schon länger.