8. November 2009 von haftgrund | kein Kommentar
Anlässlich der Neueröffnung einer Bücherei packt der Öffentlichkeits-Bearbeitungsbereich der Bildungs- und Jugendabteilung der Stadt Wien wieder einmal seine sprachliche Toolbox (Korrekturlesen ist was für Warmduscher) aus. Unangefochten von stilistischen Bedenken widmen sich die Textgestalterinnen der Aufgabe, darüber hinwegzuschreiben, dass in einem der einwohnerreichsten Bezirke Wiens keine Großbücherei existiert. Und weil die Stadtpolitik nicht bereit ist, weitblickend zu planen, sind die Büchereien gezwungen, aus der Not eine Tugend zu machen und - wie im Falle der ziemlich kleinen und verkehrstechnisch ungünstig gelegenen Bücherei Hasengasse - wegen gebäudetechnischer Gebrechen eine Rundumerneuerung im Kleinen zu versuchen, um das Innere der Bücherei luftiger und attraktiver zu gestalten. Dies scheint recht gut gelungen zu sein, allerdings bleibt das Manko der den heutigen Anssprüchen nicht mehr genügenden Kleinräumigkeit.
Dieser Bug wird in der Aussendung der Rathauskorrespondenz aber zum Feature definiert:
” … Spektrum an Medien zur Verfügung, das sie in der neu renovierten Zweigstelle in Wohnzimmeratmosphäre konsumieren können”
Wem das Angebot, in einem Wohnzimmer ein Spektrum konsumieren zu müssen, aber eher als gefährliche Drohung denn als Einladung zu einem Büchereibesuch erscheint, den ereilt ein anderer Lockruf:
“des insgesamt 39 Zweigstellen umfassenden Netzwerks”
Dies hat den Vorteil, dass Netzwerk immer irgendwie stimmt und vielfach den Büchereien nicht zugetraut wird, dass sie sich der gängigen technischen Mittel bedienen. Also möglicherweise neugierig macht. Um aber einer Verwechslungsgefahr mit dem Handwerkszeug eines alten Fischers vorzubeugen, wird noch ein “modernst” draufgesetzt:
- mit modernster Technologie ausgestattet
- auf modernste Büchereiarbeit ausgerichtet
- niederschwelligen Zugang zu Büchern wie auch zu modernsten Technologien zu ermöglichen
Zum “modernst” dazugepappt gehört natürlich das angeberische “Technologie“, wenn eigentlich Technik gemeint ist.
Wenn nun diese modernste Technologie “ein [in Ziffern: 1] PC-Arbeitsplatz mit Internetzugang” ist, dann steht zu befürchten, dass selbst modernste Büchereiarbeit nur einen eher unterschwelligen Zugang zu modernsten Technologien ermöglicht und die “hohe Akzeptanz der Zweigstelle bei den KundInnen” (bislang weit unter tausend Besucherinnen pro Monat) nicht entschieden gesteigert werden kann.
Fazit:
Natürlich tun hier wie in den anderen Zweigstellen die Bibliothekarinnen ihr Bestes und werden es weiter tun. Doch der Wirkungsgrad wird notgedrungen bescheiden bleiben, weil die Stadt nicht die notwendigen Mittel bereitstellt, um die
“Sicherstellung von flächendeckenden, bedarfs- sowie stadtteilorientierten und lebensbegleitenden Bildungs- und Freizeitangeboten für die Bevölkerung in Wien”
zu gewährleisten, wie es in der Aufgabendefinition der den Büchereien überstülpten Magistratsabteilung heißt.
20. April 2009 von haftgrund | kein Kommentar
In einer Aussendung der Rathauskorrespondenz wird einiges an Schönrederei und einiges an Desinformation aufgeboten, um das Ende des Bücherbusbetriebes vohrwahlzeitenkompatibel zu machen. Einige Beispiele:
1. Die Überschrift “Eine Institution geht in den wohlverdienten Ruhestand”
suggeriert, dass die Institution “Bücherbus” selber ausgedient hätte. In Wahrheit ist der eine Bus überaltert und hätte durch einen neuen ersetzt werden müssen und der andere war ein glatter Fehlkauf, wodurch die Arbeit der BücherbusbibliothekarInnen seit Jahren ziemlich erschwert worden ist.
Die Entscheidung für den zuständigen Stadtrat war: einen, besser zwei neue Busse kaufen und das Personal nach den Unternehmensberatungseinsparungen wieder aufzustocken oder das Ganze ex.
Es wurde ex.
Das Mitspracherecht der nach-nachgeordneten Teildienststelle Büchereien hielt sich da wohl in Grenzen wie auch ihre fachliche Meinung dazu nicht sonderlich zu interessieren brauchte.
Ob der Einsatz von Bücherbussen in einer mit Öffentlichen Verkehrsmitteln relativ gut erschlossenen Großstadt im Verhältnis zu seinen Betriebskosten Sinn macht, wurde in einem größeren Zusammenhang nie geführt, wenn man von jener dubiosen Studie des KDZ absieht, deren Ergebnis den Anfang vom Ende eines funktionierenden Bücherbusbetriebes einläutete.
2. In der Aussendung wird der Bücherbus als letzter Ausläufer einer Art von Büchereiarbeit stilisiert, die heute obsolet sei:
Schon lange dem einstigen reinen “Entlehnbetrieb” der 1950er-Jahre entwachsen, sehen sich die Büchereien Wien als Bildungsinstitution und Dienstleisterin in Fragen modernster Medien.
Hier wird ausgerechnet für jene Jahre ein “reiner Entlehnbetrieb” behauptet, in denen der Kontakt zwischen BibliothekarInnen und BenutzerInnen in den Büchereien vergleichsweise am intensivsten war, in denen wirklich noch Zeit für umfassende Beratung und oft eine individuelle Begleitung der Leseentwicklung besonders von Kindern und Jugendlichen möglich gewesen ist, wovon heute schon lange nicht mehr die Rede sein kann.
“Reiner Entlehnbetrieb” träfe in diesem Sinne in viel höherem Ausmaß auf die Praxis für die meisten der heute zu “KundInnen” mutierten BüchereibenutzerInnen zu, wobei der “Entlehnbetrieb” in RFID-Büchereien gänzlich ohne Bibliothekarskontakt ablaufen könnte, wenn die Technik so funktionierte, wie bei deren Anschaffung versprochen wurde.
Genau dieser intensivere BenutzerInnen-BibliothekarInnen-Kontakt konnte in den weniger frequentierten Bücherbushaltestellen noch gepflegt werden. Man möge dazu stehen wie man wolle.
Beim Vormittagsbetrieb - Haltestellen vor Volksschulen, die einzelnen Klassen kommen in Schichten nacheinander zum Buchtausch - kann mangels Zeit angesichts der Menge an Ausleihen dagegen eher von einem “reinen Entlehnbetrieb” gesprochen werden.
Die Alternative dazu heißt für die meisten dieser Schulklassen künftig aber “keinen Entlehnbetrieb”, da der Weg zur nächsten Zweigstelle für Schulklassen mit den aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen weiter ist, als der Blick auf den Stadplan vermuten ließe.
3. Als Argument für das Überflüssigwerden von Bücherbussen wird weiters angeführt: “In der Zwischenzeit verfügen die Büchereien Wien über ein flächendeckendes Netzwerk von rund 40 Zweigstellen”
Noch vor 10 Jahren waren es über 50 Zweigstellen, da hat es auch noch Lehrlingsbüchereien und Spitalsbüchereien gegeben …
Die Reduktion der Zweigstellen außer diesen “Entkernungen” 1) der Büchereien ergaben sich zumeist aus Zusammenlegungen und damit einhergehenden Modernisierungen und Vergrößerungen von Zweigstellen - also eine durchaus positive Entwicklung.
Den minder mobilen BenutzerInnen der geschlossenen Kleinzweigstellen wurde in der Regel mit dem Hinweis auf die nächste Bücherbushaltestelle geholfen …
4. Lügen mit Zahlen: “Starke Rückgänge in den Entlehnstatistiken”
Tatsache ist:
- Die Medienentlehnungen durch Kinder entspricht in der Größenordnung jener der Stützpunktbüchereien, ist im Ranking innerhalb der Büchereizweigstellen also ganz oben angesiedelt.
- Mit Ausnahme der Hauptbücherei wurden die Bücherbusse im gesamten Zweigstellensystem von den meisten Kindern besucht, die auch etwas entlehnten.
- Neu-Anmeldungen von Kindern können die Bücherbus-BibliothekarInnen fast so viel vorweisen wie die Hauptbücherei und mehr als doppelt so viel als die stärkste Stützpunktbücherei …
Es gibt durchaus Gründe, die eher für eine Einstellung der Bücherbusse sprechen. Ein Argument ist einerseits die körperliche Belastung der MitarbeiterInnen durch die Eigenheiten des Fahrbetriebs überhaupt und durch die Bauweise der Fahrzeuge, andererseits die personelle Unterbesetzung, was bei Ausfällen von MitarbeiterInnen eine Überstundentätigkeit in einem aus gesundheitlicher Sicht unverantwortlichem Ausmaß nach sich zog. Dazu kommen organisatorische Probleme, die anscheinend nicht wirklich in den Griff zu bekommen waren.
Die finanzielle Belastung für das Gesamtbudget der Büchereien ist ein weiterer Faktor, der nicht außer acht gelassen werden kann.
Allerdings hätte eine solche Entscheidung im Rahmen eines Gesamtkonzepts der Büchereien erörtert werden müssen und nicht als ad-hoc-Beschluss.
Doch wählte man lieber diesen Weg und gab ihm viele gute Worte mit.
1)Bei der Schließung der Lehrlingsbüchereien 2003 wurde gerne von der “Besinnung auf die Kernaufgaben der Büchereien” geshitbulled.
8. März 2009 von haftgrund | kein Kommentar
“Es gibt viele Gründe, warum Frauen weniger verdienen,” meinte in der heutigen Pressestunde die aktuelle Schönrederin von Frauenangelegenheiten, “einige Prozentpunkte aber sind unerklärlich”. Na sowas.
Auf die angesichts ihrer vorherigen Ausführungen leicht sarkastischen Frage eines Journalisten, wann sie Emanze geworden sei, erklärte sie sich zur “gleichstellungsorientierten Poltikerin”, die nicht wolle, dass das Wort Emanze einen schlechten Beigeschmack kriege.
Hinsichtlich der Streichung eines Sektionschefspostens samt zugehöriger Sektionschefin im SP-Bildungsministerium gestand sie ein, dass sie auf die Frauenförderungspolitik im Öffentlichen Dienst keinen Einfluss habe, auf jene in der Privatwirtschaft auch nicht, aber “strenge Strafen” dafür wolle und über Koppelung von Parteienförderung an Frauenquote nur diskutieren, sie aber nicht fordern wolle, sowie überhaupt der Neoliberalismus und die Rechten schuld an der heutigen Situation der Frauen seien, die im übrigen immer besser werde.
Und im Zusammenhang mit ihrem beruflichen Werdegang als Lehrerin stellte sie fest: “Es gibt keine Diskriminierung im Öffentlichen Dienst”.
Auf den Hinweis der Journalistin, dass die Mehrheit der Direktorsposten von eben Direktors besetzt sei, flappste sie kurz zurück: “ich habe mich nie um einen Direktorsposten beworben, weiß daher nicht, ob ich diskriminiert worden wäre”.
Und natürlich durfte der übliche selbstdiskriminierende Satz nicht fehlen: “Frau sein allein ist kein Programm”.
Soweit die Mitschrift während meines total versauten Frühstücks.

Das printmedienmäßige Begleitprogramm war auch nicht so toll.
Direkt putzig macht sich zunächst die Antwort des Wissenschaftsministers auf die Frage des Standard aus, was er sich von der Frauenquote an konkreten Auswirkungen erwarte:
“Es wird keine Frau verpflichtet werden, in Gremien zu arbeiten”.
Weniger putzig dann das, was sich auf der Seite 7 der gestrigen Presse findet:
- ein Artikel über die Forderung nach “empfindlichen Strafen für frauenlose [sic!] Firmen”, in dem einige aktuelle Werte angeführt werden: 95,2% der Spitzenpositionen in den Top-200-Firmen sind fest in Männerhand und jede 7. Frau in Österreich lebt unter der Armutsgrenze.
- In einem weiteren Artikel wird über das bereits erwähnte Gesundschrumpfen des Frauenanteils an Sektionschefs im Bildungsministerium auf 1:6 berichtet.
- Und unter dem Titel “Gewaltschutz: Schritt zurück” ist zu erfahren, dass die Regierung die geplante kostenlose juristische Prozessbegleitung von Gewaltopfern “aus Kostengründen” wieder aus ihrem Programm gestrichen hat. Da bekanntlich der Anteil der Frauen an der Zahl von Gewaltopfern ungefähr jenem von mit Männern besetzten Top-Positionen entsprechen dürfte, auch hier ein schönes Frauentags-Special.
Wenn zwei Seiten weiter über den heldenhaften Kampf unserer Regierung für den weiteren Verzicht auf Steuereinnahmen aus Geldwaschautomaten und Steueroasentransfers berichtet wird, dann kriegen die “Kostengründe”, mit denen frauenspezifische Programme gecancelt werden, ein Gesicht, anonym und geheim zwar, aber Bank.
5. März 2009 von haftgrund | kein Kommentar
“In dieser schwierigen gesamtwirtschaftlichen Situation erscheinen ergebnisorientierte Gespräche mit den Betroffenen mit dem Ziel einer Gesamtlösung dringend notwendig und alternativlos”
meckert das Finanzministerium zur Schmied-Beschwerde über zu wenig Bildungsbudget und zu ihrer Rücktrittsdrohung, falls nicht.