Kritische Bibliothekarinnen und Bibliothekare (kribibi): Es geht weiter!

In einer Klausur des Arbeitskreises kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI / www.kribibi.org) am 05.11.2011 wurde über die weitere Tätigkeit dieses seit mehr als einem Vierteljahrhundert tätigen Zusammenschlusses österreichischer BibliothekarInnen beraten und ein neues geschäftsführendes Team gewählt: Maria Binder, Nikolaus Hamann, Ulrike Retschitzegger. Im Herbst 2012 wird es ein weiteres Seminar (von mittlerweile mehr als fünfzig Seminaren) geben. Dessen Vorbereitung liegt in den Händen von U. Retschitzegger und N. Hamann. Offen geblieben ist die Frage einer Verjüngung des Arbeitskreises und einer längerfristigen Perspektive: KRIBIBI ermutigt daher Kolleginnen und Kollegen aus Öffentlichen Büchereien und Wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich mit den Zielen des Arbeitskreises identifizieren können, zur Beteiligung und Mitarbeit. Ebenso sind Themenvorschläge für das nächste Seminar sehr willkommen!

Kontakt: nikolaus.hamann@gmx.at ulrike.retschitzegger@gmx.at maria.binder@gmx.at

Die Rote Wut hatte er immer: Franz-Josef Degenhardt.

Diese rote Wut, die hatte er immer, ihren Ausbruch hat er bloß meistens vermieden. Er ging dann rüber ins gute Zimmer und spielte Revolutionsetüden. Dann, in den frühen fünfziger Jahren, als die schon wieder beim Aufrüsten waren, an einem Samstag beim Abendgeläut, da war es dann aber schließlich so weit: Da hat er das schwarze Piano zerschlagen, ist losgetrampt, durch Europa gezogen. Hat gestohlen, gevögelt, die Laute geschlagen, gesungen, gesoffen, geprügelt, betrogen. Saint-Germain-des-Pres, da ist er länger geblieben. Sartre hatte gerade den Ekel geschrieben. Er lebte mit der Nutte Marie-Therese und hörte sich nachts besoffen an Jazz. Zurück im Deutschland der Naziväter tat er das Billigste: Jura studieren. Als Illustrierten- und Schulbuchvertreter fand er die offenen Hausfrauentüren. Budenzauber im Butzenscheibenstädtchen. Mit einem der-Vater-ist-Amtsrichter-Mädchen zog er am Samstag sogar zur Beicht, dann durfte er manchmal – aber nur leicht. Dann hörte er Oskar die Blechtrommel schlagen und ließ sich den patzigen Schnauzschnorres stehen. Fuhr oft mit gebrauchtem 2-CV-Wagen zum Schiffbauerdamm, Brechtstücke sehen. Er glaubte an eine Parteikarriere, zog sofort nach der Spiegel-Affaire als Referendar in die Landeshauptstadt, kandidierte dort als Sozialdemokrat. Wer hat uns verraten, wer hat uns verraten? Es stellten sich denen, die wirklich verfügen, mal wieder zur Verfügung Sozialdemokraten. Die große Verfügung begann zu siegen. Und weil er noch nicht sehr weit war gekommen, hat er das auch sehr ernst genommen, und er meinte, er hätte sie längst bestochen. Doch die rote Wut kam wieder angekrochen. Die Pauke vom Neuss hat den Auftakt geschlagen zu den späten sechziger Jahren. Und er sah dann hinter den Barrikaden, wie weit die davor schon wieder mal waren: die Schüsse auf Dutschke, Bildzeitungshetzen, Faschistenfaust hinter Notstandsgesetzen. Die Wut wurde klarer und kalt, wurde Haß. Hasta la victoria siempre gilt das. Dem, der uns hier tat aus dem Leben erzählen, dem müßt man jetzt aber erklären, aus der linken Ecke knurren und bellen tat noch nie den Klassenfeind stören. Hassen allein, das wird nicht genügen. Der muß schon mal rauskommen, was tun für das Siegen. Und da gibt es auch viel, und da fällt schon was ein. Das muß ja nicht gleich ein Warenhaus sein. Aber merke: Ein Warenhaus anzünden ist immer noch besser, als sich selbst anzünden.


“und wenn wir uns täuschten, war unser Irrtum wenigstens ein erhabener” – zum 250. Geburtstag von Filippo Buonarroti

Heute wäre Filippo Buonarroti 250 Jahre alt geworden. Dass er tatsächlich 76 Jahre wurde, grenzt angesichts seines nicht unbewegten Lebens an ein Wunder. Beteiligt an der “Verschwörung der Gleichen” an der Seite Babeufs und mit diesem vor Gericht gestellt, wurde er zur Deportation verurteilt, Babeuf hingerichtet. Viele Restaurationsjahre später, knapp vor der Französischen Julirevolution veröffentlichte er “Babeuf und die Verschwörung für die Gleichheit”. Damit brachte er die Prinzipien von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit des linken Flügels der Französischen Revolution wieder in Erinnerung und verursachte beträchtliche Aha-Erlebnisse  unter den radikalen Oppositionellen der “Julimonarchie“. Was neben anderen Umständen bekanntlich in die 1848er Revolution mündete. Buonarroti hat so gesehen als Content-Vermittler zwischen den Generationen zweier Revolutionen fungiert. Dafür verdient er einiges Lob und die Wiedergabe der letzten Zeilen seiner Vorrede des erwähnten Buches:
Ich weiß wohl, daß die politischen und ökonomischen Grundsätze, welche ich entwickeln musste, von vielen verworfen werden; das ist kein Grund, sie nicht zu veröffentlichen; andere angebliche Irrtümer sind unbestreitbare Wahrheiten geworden. Gibt es nicht Menschen, die sich blenden lassen durch das Flittergold der zivilisierten Gesellschaft und durch die Systeme derer, die sich anmaßen, die öffentliche Meinung zu leiten? Sie werden vielleicht die Wichtigkeit dieser Grundsätze schätzen und ein wenig Bedauern empfinden in der Erinnerung an die mutigen Bürger, welche von der Gerechtigkeit dieser Grundsätze durchdrungen und stolz darauf, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um sie zu erhalten, sie schließlich mit ihrem Blut besiegelten. Fest mit ihnen verbunden durch die Übereinstimmung unserer Gefühle, teilte ich ihre Überzeugung und ihre Anstrengungen, und wenn wir uns täuschten, war unser Irrtum wenigstens ein erhabener; sie hielten daran fest bis zum Tode, und ich, nachdem ich seither und lange Zeit darüber nachgedacht habe, ich bin überzeugt geblieben, daß diese Gleichheit, welche sie liebten, die einzige geeignete Einrichtung ist, um alle wirklichen Mängel auszugleichen, die nützlichen Neigungen zum Guten zu leiten, die gefährlichen Leidenschaften zu fesseln und der Gesellschaft eine freie, glückliche, friedliche und dauernde Form zu geben.

Die Bibliothek einer Badestadt als Springquell materialistischer Geschichtsauffassung

Die Flitterwochen von Herrn Carl Marx in Bad Kreuznach 1843 waren bekanntlich geprägt von heftiger Lektüre und umfänglichen Exzerpten, die fast einen ganzen MEGA-Band füllten.  Harry Schmidtgall ist der Frage nachgegangen: “Welche Bibliothek benutzte Karl Marx für seine ‘Kreuznacher Exzerpte?’” und hat im Altbestand der Bibliothek des Kreuznacher Gymnasiums 15 Werke gefunden, die von Marx exzerpiert worden waren. Dazu bemerkt Helmut Elsner:
Die Kernfrage bleibt aber, ob Marx diese Bibliothek benutzt hat und wie sie ihm zugänglich war. Schmidtgall hat mit Hilfe zeitgenössischer Bäderführer belegt, daß eine darin enthaltene “Büchersammlung” den Badegästen (bzw. “Curfremden”) zugänglich war. Es handelt sich um die 1821 vom Kreuznacher Landrat Hout an­geregte und geforderte “Volksbibliothek*, deren Bestände überwiegend von dem Kreuznacher “Leseverein” angeschafft worden sind. Bereits ab 1842 gingen Bücher des Lesevereins in den Besitz des Gymnasiums über, der Gesamtbestand enthielt 15 von Marx exzerpierte Titel.
Elsner fragt sich weiters, ob es an solchen Beständen interessierte Kreuznacher gegeben haben könnte und vermochte zwei Einwohner auszumachen, welche radikaler Ideen verdächtig waren. Über Kontakte Marxens zu solchen und anderen möglichen Gesprächspartnern aus dem Ort ist nichts bekannt; allerdings hielt sich Bettina von Arnim einige Zeit während Marxens Aufenthalt ebenfalls dort auf. Einige Anzeichen weisen auf eine Begegnung hin. Jedenfalls sei dies, wie der Autor des Aufsatzes richtig feststellt, für die Bedeutung der “Kreuznacher Exzerpte” irrelevant, und schloss mit einem netten Bibliothekslob:
Die Badestadt konnte Marx dank der öffentlich zu­gänglichen Bibliothek mit ihren historisch-politischen Buchbeständen und der auch ausländische Zeitungen führenden Lesezimmer im Casino mindestens einen Teil des Lesestoffes bieten, mit dem er seine materialistische Geschichts­auffassung auszubilden begann.

Privatisierungsdruck: ÖBB auf neuen Wegen

„Die ÖBB werden durch uns besser. Sie machen plötzlich Sachen, die sie früher niemals gemacht hätten.“ Dabei bezieht sich Wehinger [...] auch darauf, dass ÖBB-Chef Christian Kern angekündigt hat, einige Strecken künftig einzustellen.
Darauf haben alle BahnbenutzerInnen wohl schon ewig gewartet. Auch auf Aussagen wie diese:
„Zugfahren ist in Österreich viel zu günstig“, sagt der Westbahn-Chef.
Sagt wer? Sagt der ehemalige Vorstand des ÖBB-Personenverkehrs, Stefan Wehinger, der nun zusammen mit dem Bautycoon Haselsteiner ab Dezember eigene Züge auf der ÖBB-Westbahn-Strecke einsetzen wird. Er würde gerne mehr Strecken befahren, doch könne er kostenmäßig mit den ÖBB nicht konkurrieren, da diesen externe Kostensteigerungen via Staatsbudget ausgeglichen würden. Das empört Herrn W.:
Erhöhen sich beispielsweise die Energiekosten, trägt die Differenz automatisch der Steuerzahler. „Das ist eine schamlose Marktverzerrung“
Foto: Robert WasingerNicht ganz so steuerzahlerorientiert war Stefan Wehinger allerdings im Jahr 2007, als  er namens der ÖBB dem Herrn Hochegger – ja eben dem – knapp 200.000 € hinten hineinschob, weil dieser den von MitarbeiterInnen der ÖBB erfundene Bezeichnung “railjet” flugs als Markennamen registrieren und von der ÖBB wieder abkaufen ließ. Als eine Interne Revision der ÖBB diesen Vorgang offen legte, kündigte Stefan W. ein Jahr später sozusagen freiwillig, nicht ohne sich die Zeit bis zum Ende seines Vertrages abgelten zu lassen. Inzwischen hat Peter Pilz eine Strafanzeige gegen den Körberlgeldspender für Hochegger samt Sachverhaltsdarstellung erstattet, die Angelegenheit liegt bei der Staatsanwaltschaft.
„Dieses System ist ein völliger Schwachsinn“, sagte Stefan Wehinger Donnerstagabend im Rahmen eines Vortrags beim Leitbetriebe Austria Klub in Wien.
Genau genommen hat er recht. Aber anders.


Ein kommunistischer Emissär unter den Lappen

Gestern gelesen:
Seit dem Congreßschreiben haben wir aus folgenden Orten Nachricht erhalten. 1. Schweden. Von einem von hier abgeschickten Emissär welcher über Helsingoer nach Schweden gegangen war und das Land zu Fuß durchzogen hatte, erhielten wir einen Brief datirt Upsala den 23ten Mai. Derselbe hatte hier in London, da er sonst nichts besaß, sein Ränzchen mit kommunistischen Flugschriften gefüllt, u. dieselben glücklich über die Grenze nach Schweden gebracht. — Er schreibt uns, er habe in allen Städten, wo sich deutsche Arbeiter befinden, dieselben in ihren Ateliers aufgesucht, unsere Schriften unter sie vertheilt u. mit seinen Lehren großen Anklang bei ihnen gefunden. Leider konnte er, da er keine Arbeit fand, nicht lange genug an einem Orte bleiben um Gemeinden zu gründen. — In Stockholm überbrachte er der dortigen Gemeinde, (unserm kommunistischen Vorposten im Norden) die zwei ersten Schreiben der Centralbehörde u. flößten seine Nachrichten den dortigen Brüdern neuen Muth ein. — Von Stockholm ging er nach Upsala, von da nach Gävle, wo er eine Zeitlang arbeitete u. ist jetzt auf dem Wege nach Umeå u. (Turn) Torneå. Ein kommunistischer Emissär unter den Lappen! 1)
In diesem Zusammenhang ist mir auch ein Bild untergekommen, das gerade im Hinblick auf den gelegentlich betont männlichen2) Blickwinkel der kommunistischen Bundisten von Interesse sein könnte:
“Bei den Lappen nehmen Frauen wie Männer an Jagd und Fischfang teil.” Winterliche Jagdszene aus Finnmark. Drei Samen auf Skiern nehmen an der Jagd teil. Eine der drei Personen ist eine Frau. Holzschnitt von Olaus Magnus

——————– 1)Erster Vierteljahresbericht der Leitung des Bundes der Kommunisten. London, 14. September 1847, Schreiben von Karl Schapper, Joseph Moll, Henry Bauer. In: Andréas, Bert: Gründungsdokumente des Bundes der Kommunisten Juni bis September 1847, S. 67. (1969)

2)Wer unmännlich … handelt, wird … entfernt oder ausgestoßen.” (Statutenentwurf  des ersten Kongresses des Bundes der Kommunisten, 9. Juni 1847. In Andréas, Bert, a.a.O., S. 49). Im Endgültigen Statut vom 8. Dezember 1848 war dieses männliche Handeln zwar nicht mehr vonnöten, dafür wurde aber  “Jeder Verrat mit Tod bestraft“.   (Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien 1836-1849 S. 879).

… Abschaffung des Eigenthums endigen wird.

Die Straßenschlachten werden sich in einen Guerillakrieg verwandeln. Der Feind wird in allen Winkeln und Orten erscheinen, wo man ihn am wenigsten vermuthet; und diese Art dem Eigenthum den Krieg zu machen, wird für Zuschauer und Kämpfer einen solchen Reiz haben, daß in kurzer Zeit die gräßlichste Anarchie daraus entsteht, welche nur mit der Abschaffung des Eigenthums endigen wird.
Wilhelm Weitling in “Die Bastillen von Paris” 1842