Volkswirtschaftsfrömmigkeit und das Backrohr der Wirklichkeit

Aus Dath/Kirchner “Implex” 616f. (lesbarer gemacht):

  1. Gegessen wird, was auf den Tisch, nämlich auf den Markt kommt. 
  2. Nur Experten wissen, wie es gekocht wurde.
  3. Wer sich nicht durch die Geschichte der Volkswirtschaftsfrömmigkeit1) samt Klassik, Neoklassik, Grenznutzentheorie, Ordoliberalismus, Spieltheorie und Humpelpumpel gefressen hat, ist nicht berechtigt, auch nur festzustellen, daß der Vorstand der Deutschen Bahn nicht weiß, daß man Leute im Sommer nicht in den Waggons von Fernzügen backen darf, im Winter nicht auf verschneiter Strecke stehenlassen muß, wenn man ein bißchen weniger knapp plant.
  4. Denn es geht nicht um Wissen, es geht um Glauben: Man soll schlucken, daß Märkte effektiv sind, eine Theorie, die seit ihrer Erfindung mehr Augenschein gegen sich hat als die abwegigsten Erwartungen esoterischer Sektie­rer.
  5. An der dennoch eisern festgehalten wird, durch die schlimm­sten Engpässe hindurch, weil sie zwar keine Wahrheit ausdrückt, aber Interessen bedient.
  6. Und daß jedesmal, wenn alle diese Wahnvorstellungen ihre Fadenschei­nigkeit wieder an der Wirklichkeit Schiffbruch erleiden sehen, wieder irgendeine Intervention lästiger Staaten. Demokratien, Verwaltungen, kurz: öffentlicher Einrichtungen, die zu privatisieren man versäumt hat, die Schuld trägt. 
  7. Die Manichäer waren Opportunisten dagegen; keine Nachricht kann die Selbstgewißheit der Gläubigen er­schüttern, sie sind im Recht, sie sind humorlos, sie sind unbelehrbar!
 

1) Zur “Volkswirtschaftsfrömmigkeit” bringen Darth und Kirchner einen Einschub, den ich wegen der besseren Lesbarkeit hier extra und gekürzt bringe:

Was „Verwissenschaftlichung von Erzeugung und Handel” genannt wird und sonstige Tatsachen der „knowledge economy” sind genau die akkumulationsförderlichen, verkehrsformenprägenden Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung, für deren hinrei­chende Aufschlüsselung Marx in den Grundrissen drei, vier Absätze braucht.


Büchereien-Zukunft: Ein Startschuss mit Quasteln

Wie berichtet, werden sich die Wiener Büchereien demnächst ihrer Zukunft widmen. Als Startschuss dafür kann jene Mitteilung der Büchereienleitung angesehen werden, in welcher für “einen Prozess zur zukunftsträchtigen Strategiepräzisierung” die Prozess-Firma und der Prozessbeginn genannt wurden. Weiters wurde eine 10-köpfige Vorbereitungsgruppe angekündigt.

Einige Tage später  brachte eine Mitarbeiterin der Büchereien  von einem bereits nominierten Mitglied der Vorbereitungsgruppe in Erfahrung, dass in der ersten Projektphase insgesamt 12 Interviews mit MitarbeiterInnen bzw. Gruppen von MitarbeiterInnen geplant seien.

Weiters erfuhr sie, dass zwei Personalvertreter am Prozess teilnehmen werden. Und ein Wochenende später meldete sich auch eine aus den Zweigstellen nominierte Vertreterin, dass sie vom Bibliothekarischen Leiter ernannt worden sei.

Die Recherchen der oben erwähnten Mitarbeiterin ergaben auch, dass der Vorbereitungsgruppe die Aufgabe zugewiesen sei, sowohl “das Projektdesign” als auch die InterviewpartnerInnen zu bestimmen und den Interviewleitfaden zu diskutieren.

Aus all dem ist ersichtlich, dass Informationen, über welche die Leitung der Büchereien bereits verfügt, erst durch die Initiative einer Kollegin allen Bediensteten zugänglich wurde. Auch zeigt sich, dass es konkrete Vorstellungen (Interviews) und Vorbereitungen (Interviewleitfaden) für die Projektdurchführung gibt, die in der Erstinformation der Leitung nicht erwähnt wurden.

Das mögen Kinkerlitzchen sein, sagt aber bereits etwas über das “Informationsdesign” der Leitung aus. Es ist aber sowieso eine altbekannte Tatsache, dass nur bekanntgegeben wird, was gar nicht mehr zu verschweigen ist.

Entscheidender ist aber etwas anderes: Weder die neue Abteilungsleitung, noch die Leitung der Büchereien gaben bisher bekannt, was SIE selber für Vorstellungen über die Zukunft der Büchereien haben. Was wollen SIE erreichen?

Und schließlich: Was wird den Bediensteten, welche in den letzten Jahren viele Umorientierungen und Neuorganisierungen, sowie erhebliche zusätzliche Belastungen zum Nulltarif – und mitbestimmungslos – ausgesetzt waren, angeboten?

Ohne eine solche Deklaration der Führungskräfte, welche im Managementjargon gerne als “Kompetenzebenen” bezeichnet werden, würde das Projekt, einen Entwicklungsplan der Büchereien auf die Beine zu stellen – so wie andere ähnliche Projekte zuvor – unweigerlich Schiffbruch erleiden und den Frust der Belegschaft steigern.

Bücherverbrennung 1933

Der Jahrestag der Bücherverbrennung jährt sich am 10. Mai 2012 zum 79. Mal.

Er bietet Anlass, der vielen damals aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgten AutorInnen zu gedenken, vor allem aber, sie zu lesen und damit auch ein Zeichen gegen (Neo-)Faschismus und Rassismus zu setzen.

Für zahlreiche SchriftstellerInnen bedeutet die Machtergreifung der NationalsozialistInnen verschleppt, erschlagen, vergast, in den Selbstmord getrieben zu werden. Die „Glücklicheren“ können durch Flucht ihr „nacktes“ Leben retten, und einige wenige bleiben und verstummen.

  

Bücherverbrennung – Exilliteratur

In Petra Öllingers virtueller Bibliothek finden Sie im Beitrag „Bücherverbrennung – Exilliteratur“ eine Zusammenstellung von über 200 AutorInnen. Jeder Eintrag ist mit einem oder mehreren weiterführenden Links versehen. Die Liste wird unter anderem von einem Verzeichnis mit Sekundärliteratur ergänzt.

  

„Wider dem undeutschen Geist“

Am 30. Jänner 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Ein Monat später setzt die Reichstagsbrandverordnung die BürgerInnenrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft.

Bereits im März 1933 kommt es im Zuge der „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu ersten Bücherverbrennungen. Bei der am 10. Mai vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund initiierten Bücherverbrennung hält Joseph Goebbels in Berlin die „Feuerrede“.

  

Der Augenzeuge

Erich Kästner ist Zeuge, wie seine Bücher am Berliner Opernplatz in Flammen aufgehen und hört seinen Namen im zweiten Feuerspruch: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“

Bücherverbrennung 1933 von Otto Gerhausen (1881-1936)

„Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. […] Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: ‚Dort steht ja Kästner!‘ Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu geschehen pflegte.) Die Bücher flogen weiter ins Feuer.“ Erich Kästner: „Kennst du das Land, in dem die Kanonen blühen?“ – Auszug aus dem Vorwort „Bei Durchsicht meiner Bücher“ via Wikipedia.

In ganz Deutschland brennen die Scheiterhaufen über siebzig Mal. – „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” Aus der Tragödie „Almansor“ von Heinrich Heine.

Am 1. November 1933 wird die Reichsschrifttumskammer als Instrument zur Führung und Überwachung von AutorInnen, Verlagen und Buchhandel durch die NationalsozialistInnen gegründet.

  

Scharfsinnige Worte aus dem Exil

Am 11. Dezember 1933 vertraut der Schriftsteller René Schickele (1883 – 1940) im französischen Exil, seinem Tagebuch folgende Zeilen an: „Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.“ Zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Autor, einer der bedeutenden Wegbereiter des literarischen Expressionismus, bereits über ein Jahr im französischen Exil. Kurz bevor die Wehrmacht in Frankreich einmarschiert, stirbt er.

  

Die Verschollene

Die Lebensgeschichte von Maria Leitner steht für das Schicksal vieler Schriftstellerinnen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Sie wird 1889 in einer deutschsprachigen Familie in Ungarn geboren. Ab 1913 arbeitet sie als Journalistin in Budapest. Nach dem 1. Weltkrieg bzw. dem Ende der Ungarischen Räterepublik emigriert sie über Wien nach Berlin.

Ab 1925 durchquert sie drei Jahre lang den amerikanischen Kontinent. Bei ihrer literarischen Arbeit verlässt sie sich nicht auf den Blick von außen. Sie sammelt vielmehr in den unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeiten, beispielsweise als Dienstmädchen und Zigarettendreherin, ihre Erfahrungen vor Ort.

Auf der schwarzen Liste der NazionalsozialistInnen befindlich, muss sie 1933 untertauchen und kommt als Emigrantin über Prag nach Paris. Erst ab 1936 erhält sie wieder Aufträge, unter anderem bereist sie inkognito Deutschland und berichtet, wie sich das Land zum Krieg rüstet.

1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris, wird sie von den französischen Behörden im Lager Camp de Gurs interniert. Ihr gelingt die Flucht nach Marseille, wo sie in extrem ärmlichen Verhältnissen im Untergrund lebt. Ihre Versuche, ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erlangen, scheitern. Im Frühjahr 1942 wird sie ein letztes Mal, verzweifelt und krank, im Büro des American Rescue Committee in Marseille gesehen. Danach verliert sich ihre Spur.

Hans Schmid, Kein Platz im Hotel Amerika. Über Maria Leitner, die Pionierin der Undercover-Reportage, Teil 1.

Hans Schmid, Kein Platz im Hotel Amerika. In geheimer Mission im Dritten Reich, Teil 2.

  

Zensur und Bücherverbrennung in Österreich

Die „Reichspost – Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk“ berichtet ihren LeserInnen am 17. Mai 1933 unter anderem Folgendes:

„Man kann in der Nationalsozialistischen Kunst und Literaturrevolution mancherlei kreuzende Strömungen und Gegenströmungen beobachten. Die eine, die innerhalb kurzer Zeit die die deutsche Volksseele vergiftende Asphalt- und Zersetzungsliteratur fremdrassiger und einheimischer Provenienz weggeschwemmt hat, ist im Namen deutscher Würde und Ehre wärmstens zu begrüßen.“

In Österreich leistet der austrofaschistische Ständestaat bis zum „Anschluss“ an das Deutsche Reich am 12. März 1938 gründliche Vorarbeit.

Das Verbot der sozialdemokratischen Partei (1934) eröffnet der „Zentralstelle für Volksbildung“ (ZV) im Unterrichtsministerium (BMU) neue Möglichkeiten und bringt erweiterte Aufgaben mit sich:

„Das bedeutete oder bedingte eine massenhafte Säuberung von Büchereien landauf, landab und seien es Büchersammlungen kleiner Freiwilliger Feuerwehren. Es mussten hunderte und aberhunderte sozialdemokratische Bildungseinrichtungen – hier Büchereien – die als Vereine existierten, aufgelöst und liquidiert werden. Es mussten Lokale geschlossen, Miet- und Personalverträge gelöst und allfälliges Vermögen beschlagnahmt und verwertet werden. Volks- und Arbeiterbüchereien mussten gesichtet werden, und ‚unerwünschte‘, aber nicht zwangsweise ‚verbotene‘ Literatur war auszusondern.“ Gisela Kolar, Ein „Vorspiel“: Die Wiener Arbeiterbüchereien im Austrofaschismus, Diplomarbeit, Wien 2008, S. 58.

Die einzige nationalsozialistische Bücherverbrennung in Österreich findet am 30. März 1938 in Salzburg statt. Neben linken und jüdischen AutorInnen werden auch Bücher katholischer, ständestaatlicher und legitimistischer Politiker ein Opfer der Flammen.

Rund 66 Jahre nach der Befreiung von der NS-Diktatur im November 2011 wird in Salzburg zum Gedenken an die Bücherverbrennung am Residenzplatz eine Tafel enthüllt.

  

Niemals vergessen!

Das Leben und Werk der in der Zusammenstellung „Bücherverbrennung – Exilliteratur” bisher erfassten AutorInnen steht stellvertretend für viele weitere vom Nationalsozialismus verfolgter SchriftstellerInnen. – Ein Beitrag wider dem Vergessen. Vielleicht regt Sie die Liste der AutorInnen dazu an, den Kontakt zu einem / einer alten „Bekannten“ zu erneuern. Oder die Namen der AutorInnen animieren Sie, bisher Unbekanntes aus der Welt der Literatur zu erschließen.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung von Artikeln zum Thema Bücherverbrennung / Exilliteratur auf der Site “Duftender Doppelpunkt” – Infos aus Literatur und Wissenschaft

Die Liste der ExilautorInnen versteht sich als work in progress – Anregungen und Ergänzungen nehmen wir gerne entgegen.

Georg Schober und Petra Öllinger

Wiener Büchereien: “zukunftsträchtige Strategiepräzisierung” und anderer Bullshit

Knapp vor Dienstschluss flatterte letzten Dienstag den Bediensteten der Wiener Büchereien eine Mail aus den Händen ihrer Leitung in die Box, aus der sie erfahren, dass wieder einmal externe Berater ihnen sagen werden, wo es lang geht. Was vorerst mal heißt, ziemlich großer zusätzlicher Aufwand für alle KollegInnen, die einbezogen werden bzw. für jene, welche deren Arbeit für diese Zeit zu übernehmen haben. Was angesichts der selbst von der Leitung zugegebenen personellen Unterbesetzung in vielen Zweigstellen der Büchereien einigermaßen unverantwortlich ist. Dazu kommt, dass die bisherigen Beratungsprozesse durchaus noch in schlechter Erinnerung sind. Entweder war das Ergebnis reiner Nonsens oder es wurden Maßnahmen gesetzt, welche die Büchereien für eine neoliberale Zurichtung sozusagen optimieren sollten. Ein gemeinsames Merkmal war, dass die von den beteiligten Büchereibediensteten geäußerten Überlegungen und Vorschläge von den Unternehmensberatern zumeist nicht oder nur unzureichend verstanden wurden und in verstümmelter Form, aber angereichert mit Management-Slang im Endbericht aufschienen. Die wenigen sinnvollen Sachen, die raus kamen (waren es insgesamt zwei oder drei?), hätten mit viel weniger Aufwand und mit viel, viel weniger Kosten aus einigen strukturierten Gesprächskreisen mit Leitung und Belegschaft rascher ermittelt werden können. Doch das wäre zu demokratisch gewesen und eventuell hätte das Ergebnis doch anders ausgesehen, als zuvor schon ausgemacht. Denn die eigentliche Funktion dieser Beratungsprozesse ist in der Regel die quasi objektiv-wissenschaftliche Legitimierung unangenehmer (Spar)-Maßnahmen.

Im aktuellen Projekt geht es für die Büchereien um

einen Prozess zur zukunftsträchtigen Strategiepräzisierung

Welche Strategie denn? Seit Jahr und Tag wird von der Belegschaft ein Büchereikonzept eingefordert und nun wird ein solches – “Strategie” – nicht erstellt, sondern “präzisiert”. Also eine Präzisierung des Nichts, dafür aber “zukunftsträchtig”?

Ausgewählt für die Durchführung dieser trächtigen Präzisierung wurde eine Firma, die

Erfahrungen mit beteiligungsorientierten Entwicklungsvorhaben

habe. Dazu werde zuallererst ein Projektvorbereitungsteam mit der Vorbereitung des Projekts beginnen, ist weiters zu erfahren. Diesem 10köpfigen Ensemble werden aus den Bereichen, wo die eigentliche Aufgabe der Büchereien  erfüllt wird – in den Zweigstellen und der Hauptbücherei im Kontakt mit den BenutzerInnen -, schätzungsweise drei bis vier von ca. 150 dort Tätigen angehören. Der Rest setzt sich aus Leitungspersonen und zentralen Referaten zusammen. Die Schieflage zwischen, wie es so schön heißt, strategischem und operativem Bereich ist also gegeben. Da es vor diesem noch zu konstituierenden Projektvorbereitungsteam bereits ein Projektvorbereitungsvorbereitungsteam mit der Personalvertretung gegeben hat, sowie ein Projektvorbereitungsvorbereitungsvorbereitungsteam ohne Personalvertretung, so ist klar, wer Bescheid weiß und weiter Bescheid wissen wird und wer überfahren werden wird. Unterscheidet sich aber eh nicht von allen dergleichen Projekten: oberhalb der sozusagen “beteiligungsorientierten” Steuerungsgruppen wirken kleinere Steuerungsteams, welche die Steuerungsgruppe steuern, und hinterm Vorhang dirigiert während des gesamten Prozesses zumeist noch der innerste Kreis der Anschaffer, die bestimmen, was am Ende rauskommen darf und was nicht. Also der übliche neoliberale Schmonzes.

Diesem Projektvorbereitungsteam wird nun bis zum Sommer das Ziel gesetzt,

einen breit abgesicherten Rahmen für ein zweckmäßiges Entwicklungsprojekt inhaltlich und organisatorisch abzuleiten.

“abzuleiten”? Wovon denn? Wurscht, es muss ein Rahmen daraus werden, das ist klar. Ein abgesicherter Rahmen. Das ist gut. Ein breit abgesicherter Rahmen. Das ist überhaupt optimal. Und drinnen soll was Zweckmäßiges hausen. Die eingangs angeführte “zukunftsträchtige Strategiepräzisierung”.

Die Büchereibediensteten wissen nun Bescheid:

Aus dem Nirgendwo soll ein Rahmen abgeleitet werden, in dem die Präzisierung von etwas nicht Vorhandenem mit der Zukunft schwanger geht.

 

Betreff: Organisationsentwicklung Büchereien Wien

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wie wir bereits angekündigt haben, planen wir mit Unterstützung einer externen Beratungsfirma einen Prozess zur zukunftsträchtigen Strategiepräzisierung und Weiterentwicklung der Organisation der Büchereien. Nach einem sorgfältigen Auswahlverfahren haben wir uns für die Firma C/O/N/E/C/T/A www.conecta.com entschieden. Wir haben damit eine Beratung ausgewählt, die sowohl Erfahrungen mit beteiligungsorientierten Entwicklungsvorhaben als auch mit Bibliotheken und dem öffentlichen Dienst mitbringt.

In Abstimmung mit der Personalvertretung informieren wir Sie nun über den ersten Termin zum Entwicklungsvorhaben, der am 30.4. stattfindet. An diesem Termin wird ein Projektvorbereitungsteam erstmals zusammentreten und mit der Vorbereitung des eigentlichen Projektes beginnen. Diesem, aus 10 Personen bestehenden Projektvorbereitungsteam, gehören neben der Abteilungsleitung der MA 13 und der Leitung der Büchereien Wien auch die Personalvertretung und VertreterInnen aus Zweigstellen, Hauptbücherei und Zentrale an. Ziel ist es, bis zum Sommer unter Einbeziehung weiterer VertreterInnen unserer Organisation einen breit abgesicherten Rahmen für ein zweckmäßiges Entwicklungsprojekt inhaltlich und organisatorisch abzuleiten.

Ein erstes Vorgespräch mit Herrn Dr. Prammer von Conecta fand am 16. April statt. Auf Grund dieses Gespräches sind wir sehr zuversichtlich und glauben, dass wir gemeinsam mit Ihnen ein spannendes Projekt durchführen und gute Ergebnisse erzielen werden.


Hindenburg vor Absturz?

Als General war er bekanntlich ein ziemlicher Aufschneider, der große Schlachten lieber verschlief, während die Soldaten sinnlos verbluteten; kurzzeitig übte er sich als Militärdiktator und war einer der Erfinder der “Dolchstoßlegende“. Also ein ziemlicher Ungustl, wie wir in Wien sagen. Doch es kommt schlimmer, denn die Rede ist von Paul von Hindenburg, von Beruf Militarist, privat eher korrupt, politisch verhaltensauffällig. Insbesondere durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Mit diesem wurde er auch zeitgleich Ehrenbürger von Bonn. Hitler ist es seit 1983 nicht mehr. Hindenburg aber schon. Wie es auch einen Hindenburgplatz in Bonn gibt und eine Hindenburgallee. Ganz schön viel naziaffiner Militarismus in einer so netten und friedlichen Stadt wie Bonn, sollte man meinen.
Dies sieht auch der Bonner Bürger und Aktionskünstler Alfred Kerger so. Und startete eine Initiative zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft für den Wegbereiter der Nationalsozialisten und zur Ent-Hindenburgisierung des Bonner Stadtbildes. Ein offenes Ohr findet er dabei bei Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) und bei Jürgen Repschläger von der Linkspartei. Auch der Bonner Generalanzeiger” berichtet darüber und übernimmt den Hinweis von Alfred Kerger, wie die Stadt Münster sich unlängst ihres Hindenburgs entledigt hat:

In Münster folgten die Politiker dem Urteil einer Expertenkommission, der unter anderem der Münsteraner Professor und Historiker Hans-Ulrich Thamer angehörte. “Hindenburg ist mit seiner Politik ein wichtiger und verhängnisvoller Teil der deutschen Geschichte. Die Erinnerung daran ist jedoch nicht geeignet, um mit seiner Ehrung durch einen Straßennamen eine demokratische Identität zu begründen”, sagt Thamer.

Laut Thamer ist es mittlerweile erwiesen, insbesondere nach der Hindenburg-Biografie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta, dass Hindenburg aktiv auf die Auflösung der Weimarer Republik hingearbeitet hat. Dass Hindenburg Hitler zur Macht verholfen hat, sei nach dem neuesten Stand der Forschung kein Ausdruck von Alterssenilität und Fremdbestimmung gewesen, sondern eine bewusste Entscheidung. “Die Historiker sind sich darin einig”, sagt Thamer. Die Frage, wie man damit umgehe, sei eine politische. “Repräsentiert eine solche Figur ein politisch-kulturelles Wertesystem, das in der Gegenwart als akzeptabel gilt? Das ist eine bewusste politische Entscheidung einer Stadt.”

Man sollte angesichts der historisch gesicherten Erkenntnisse über die verhängnisvolle Rolle Hindenburgs auf dem Weg zum Nationalsozialismus annehmen, dass eine solcherart “bewusste politische Entscheidung der Stadt” zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Hindenburg und die Umbenennung der Straßen- und Platzbenennungen sehr schnell und einstimmig im Bonner Stadtrat durchzuführen wäre. Ist aber nicht so. Während die einen die Frage in Arbeitskreise auszulagern gedenken, machen die anderen aus ihrem, sagen wir mal, christlichen Weltbild keine Mördergrube: Die vom “Christopheruswerk” produzierte Website “Christliches Forum” ist schon im Fall Münster auf der Seite der Hindenburgfans gestanden und fragt nun besorgt: “Wird Bonn Hindenburgs Ehrenbürgerschaft aberkennen?” und fügt dem Artikel auch gleich einen Link zu einem “Bürgerbegehren pro Hindenburgplatz“(Münster) bei. Ein deutlicher Hinweis darauf, was diese Militarismuschristen in Bonn zu veranstalten gedenken, falls sich die Stadt entschließt, diese Restbestände aus einer unseligen Zeit zu entsorgen.

Auch aus einer Ecke, wo rechts nicht mehr viel Platz ist, tönt es kampfbereit gegen Versuche,

jeglichen Bezug Bonns zum bislang einzigen Staatsoberhaupt der Deutschen mit direktdemokratischer Legitimation, zu Reichspräsident Paul von Hindenburg, zu tilgen.

Im gleichen Beitrag werden die von den politischen Kumpanen dieses Mannes ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sowie der im Nazigefängnis umgebrachte Ernst Thälmann als “kommunistische Hochverräter” bezeichnet.
Man sieht, brauner Schlamm ist in Bewegung.

Bonner Mahnmal – geerdet

"Eine Art Rathauseroberung" - Das Künstlerpaar Horst Hoheisel und Andreas Knitz. In der Mitte Wolfgang Deuling

Wie berichtet, hat es bislang kein Mahnmal zur Erinnerung an die Ereignisse am 10. Mai 1933 gegeben, als wie in vielen anderen deutschen Städten auch in der Universitätsstadt Bonn die Bücher brannten. Angezündet von akademischem Pöbel in Gestalt von waffentragenden Studenten und rednerisch begleitet von Professoren, wie dem Germanistikprofessor und Theoretiker des "gesunkenen Kulturguts" Hans Naumann:

So verbrenne denn, akademische Jugend deutscher Nation, heute zur mitternächtigen Stunde an allen Universitäten des Reichs, – verbrenne, was du gewiß bisher nicht angebetet hast, aber was doch auch dich wie uns alle verführen konnte und bedrohte.

Wir schütteln eine Fremdherrschaft ab, wir heben eine Besetzung auf. Von einer Besetzung des deutschen Geistes wollen wir uns befrein.

Über die Initiative zur Errichtung eines Gedenkmals an diese wohl dunkelsten Stunde des Bonner Geisteslebens berichtet der Bonner Generalanzeiger:

Schon vor zwei Jahren hat der ehemalige Büroleiter des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Wischnewski mit Blick auf den 80. Jahrestag der Bücherverbrennung 2013 die Initiative für die Errichtung eines Mahnmals auf dem Markt ergriffen. Jetzt stimmte der Bonner Stadtrat der Umsetzung von Wolfgang Deulings Plänen zu, dort ein würdiges Mahnmal zu errichten.

Bonner Rat, 1. März 2012: Einhelligkeit für das Mahnmal

Der von einer Jury ausgewählte Entwurf für das Mahnmal wurde vom Künstlerduo Andreas Knitz aus Ravensburg und Horst Hoheisel aus Kassel erstellt: Über den Marktplatz sollen bronzene Lesezeichen mit Titel und Name des Autoren der von den Nazi verbrannten Büchern in das Pflaster verlegt werden. Die zunächst wie zufällig auftauchenden Lesezeichen verdichten sich, je näher sie dem Rathaus kommen. Denn vor der Rathaustreppe (siehe erstes Bild) hatte im Mai 1933 die Bonner Studentenschaft zur Bücherverbrennungsaktion mit der Bezeichnung "Kundgebung wider den undeutschen Geist" aufgerufen. Mit der prinzipiellen Zustimmung des Bonner Stadtrats war der Weg zwar prinzipiell geebnet, doch die Finanzierung blieb noch weiterhin strittig. Auch gab es gegen einzelne Aspekte Einwände der Verwaltung. Als im wahrsten Sinne "Stolperstein" erwies sich die Lage und die Art der Anbringung der Bücherkiste, die einmal im Jahr geöffnet werden sollte. Zu diesem Zweck fand dieser Tage eine Begehung des Platzes statt, worüber wiederum der Generalanzeiger berichtete:

"Der Standort eignet sich gut für unser Mahnmal", sagte Knitz nach der Ortsbegehung. Auch zeigte er sich über das anschließende Gespräch mit der Bonner Kulturverwaltung sehr zufrieden. "Anfängliche Bedenken hinsichtlich der Bücherkiste konnten wir ausräumen. Das Mahnmal wird jetzt so umgesetzt, wie wir es geplant haben," freute sich Knitz. Er gab sich außerdem zuversichtlich, dass das Kunstwerk pünktlich zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 13. Mai 2013 eingeweiht werden kann.

 

Verwaltung, Künstler und Initiatoren in reger Verhandlung

Alle technischen Fragen gelöst. Erfolgreicher Abschluss in der Bonner Frühlingssonne.

Nur eine geschlossene Bücherei ist eine gute Bücherei

Zahlreiche Kommentare auf der “Tadel”-Seite der Wiener Büchereien betreffen die Reduktion der Öffnungszeiten der Bücherei am Schuhmeierplatz um zwei Tage. Über den Grund dieser Reduktion gab es, wie berichtet, unterschiedliche Begründungen. Dank der feudalen Weisungsrecht im Wiener Magistrat wurde die Leitung der Büchereien darauf verpflichtet, diese Öffnungszeitenreduktion als eigene Idee zu vertreten, obwohl es zahlreiche Hinweise gibt, dass diese “Idee” ihnen von oben knallhart vor den Latz geknallt wurde. Diese Haltung manifestiert sich auch in den Antworten auf die erwähnten zahlreichen Beschwerden über diese Sache. Sie besteht in der Regel aus wenigen Textbausteinen, die nichts erklären, deren Inhalt im Grunde aber nichts als ein “Kusch” im höheren Auftrag ist. Nun gibt es wieder einen längeren, sehr differenzierten und zutreffenden Kommentar mit Namensnennung. Dieser und die Antwort des Bibliothekarischen Leiters scheinen mir wert zu sein, auch hier wiedergegeben zu werden. Im Anschluss noch einige Bemerkungen dazu.

Mein Name ist Susanne Rainer

Ich bin empört über die teilweise Schließung der Bücherei am Schuhmeierplatz. Als langjährige Kundin kann ich die Handlungsweise und willkürliche Maßnahme auch nicht nachvollziehen. In der näheren Umgebung dieser Zweigstelle befinden sich einige Schulen, auch Volksschulen deren Kinder nicht einfach in andere Büchereien umsteigen (abwandern) können. Ein paar Straßenüberquerungen kann man einem Volksschulkind durchaus alleine zutrauen, aber mit der Straßenbahn allein in eine andere Zweigstelle ohne Begleitung? Dazu sind die meisten Eltern heutzutage berufstätig und zeitlich eingeschränkt. Ich bin seit 23 Jahren Kundin der Bücherei am Schuhmeierplatz und wurde dort immer zuvorkommend und kompetent betreut. Auch bei meinen Kindern wurde dort erst die Lust am Lesen geweckt und später wurde ihnen in fachspezifischen Bereichen immer hervorragend geholfen. Auch schreibe ich erst jetzt , weil ich sachliche Kritik besser finde wie verausgejammert. Wenn man sich die Situation am Schuhmeierplatz konkret anschaut: Die Mitarbeiter werden im wahrsten Sinne des Wortes verheizt, sie machen die selbe Arbeit in der halben Zeit. Diese Vorgehensweise kenne ich aus dem Pflege- und Sozialbereich. Menschen, die schwache und /oder hilflose Personen nicht im Stich lassen wollen, opfern sich auf. Was dabei rauskommt nennt man Burnout. Im Falle der Bücherei Schuhmeierplatz sind die hilflosen Personen Kinder mit Migrationshintergrund, die vom Personal mit freundlichen, pädagogischen und profesionellen Massnahmen zum Lesen und Lernen geführt werden. Das braucht Zeit, die einfach willkürlich gestrichen worden ist. Außerdem sind die räumlichen Voraussetzungen und sanitären Gegebenheiten für einen Lesekreis oder eine derartige Veranstaltung ungeeignet, schlicht weg zu klein. In der Sandleitengasse (Rosa-Luxemburggasse) sieht das mit dem Platz anders aus und diese Bücherei hat im Umfeld nicht ganz so viele Schulen. Warum wurde diese Lösung angestrebt, und nicht die, die weniger Kunden betrifft? Personaleinsparungen, jemand geht in Pension und wird nicht mehr nachbesetzt? Wozu wird eine Pisa-Studie gemacht, über das Ergebnis gejammert, wenn dann im Anschluß solche Maßnahmen getroffen werden? Bildung passiert nur durch Engagement beherzter Menschen die Freude am Wissen vermitteln können. Das Büchereiteam am Schuhmeierplatz ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Mögen deren Vorgesetzte das zur Kenntnis nehmen und entsprechend entscheiden, die Öffnungszeiten wieder auf vier Tage erhöhen und neue Projekte in geeigneteren Räumlichkeiten abhalten.

Mit herzlichen Grüßen Rainer Susanne

Sehr geehrte Frau Rainer,

Die Öffnungszeitenreduzierung in Kombination mit der personellen Zusammenführung der beiden im 16. Bezirk gelegenen Büchereizweigstellen ermöglicht eine Ausweitung unseres Angebots an lesefördernden Aktivitäten.
Ein wesentlicher Grund für unsere Überlegungen war der von Ihnen angeführte Umstand, dass sich etliche Schulen in direkter Umgebung der Bücherei am Schuhmeierplatz befinden. Aufgrund des doch sehr eingeschränkten Platzangebots war es nur sehr schwer möglich, in der Bücherei Schuhmeierplatz diese Schulklassen während der regulären Öffnungszeiten zu betreuen. Das ist jetzt an den für die Allgemeinheit geschlossenen Tagen möglich und wird in einem sehr hohen Ausmaß genutzt, so sind die Besuche von Volksschulklassen, die Anzahl der lesefördernden Aktivitäten für Volksschulen und auch die Anzahl der neu eingeschriebenen Kinder seit September 2011 deutlich angestiegen.
Ich bin auch überzeugt, dass die noch geplanten Veranstaltungen für Kleinkinder und für Frauen mit migrantischer Geschichte ebenfalls sehr erfolgreich sein werden.
In der ersten Zeit der Umstellung war die Arbeitsbelastung für das Team der Bücherei Schuhmeierplatz tatsächlich beträchtlich und ich kann mich Ihrer wertschätzenden Ansicht über die Arbeit der KollegInnen nur anschließen. Ich darf Ihnen aber versichern, dass wir das Büchereiteam nicht “verheizen”, sondern bei Bedarf jegliche Unterstützung zukommen lassen.
Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Sie und Ihre Kinder an den beiden verbliebenen allgemeinen Öffnungstagen die Bücherei Schuhmeierplatz weiterhin besuchen würden.

Mit den besten Grüßen

Mag. Markus Feigl
Bibliothekarischer Leiter der Büchereien Wien