Bahnverspätungen könnten glücklich machen, aber nur fast.

Unter dem zutreffenden Titel “Verspätung eingeplant” wird in der “Zeit” von der von den Bahnverantwortlichen mit Absicht hergestellten größeren Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn berichtet, deren Sprecher vom sibirischen Winter spricht, wenn es 15 Grad plus hat.
Im Anschluss erklärt aber der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag von der TU Dresden im Interview, dass wir im Grunde selber schuld seien an der Verkehrsmisere zur Winterszeit,  weil “Gewohnheiten geben wir erst auf, wenn es nicht mehr anders geht”. Auf die Nachfrage, ob sich damit die Verspätungen der Bahn erklären ließen meint der Psychologe schlicht:

“Eigentlich geht man davon aus, dass Unternehmen rationaler handeln als Individuen. Aber offensichtlich trifft das nicht immer zu. Dort sitzen eben auch Menschen, die Entscheidungen treffen. Und die unterliegen der gleichen Verzögerung in der Verhaltensanpassung”

Jedenfalls mögen sich die Menschen beim Warten auf den Zug oder im Stau mit einem guten Buch erfreuen “oder eine interessante Sendung im Autoradio hören” (die gibts ja immer, wenn man sie gerade braucht). Als der Interviewer daraufhin etwas süffisant fragte: “Heißt das, eine Verspätung kann auch glücklich machen?” erhielt er eine Antwort, die eigentlich eingerahmt in jedem Bahnhof hängen sollte:

“So weit würde ich nicht gehen. Aber wenn mein Zug komplett einschneit, dann werde ich mich den Rest des Lebens daran erinnern, das Ereignis trägt zur Identität bei. Ein Leben, das immer in den gleichen Bahnen [sic !] verläuft und immer zum gleichen vorhersehbaren, kontrollierbaren Moment passiert, wäre ziemlich langweilig.”

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Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.

Vor wenigen Tagen, am 9. Jänner, wäre Kurt Tucholsky 120 Jahre alt geworden. Anlass genug, ein Lied von ihm zu bringen, welches insofern nicht ganz aktuell ist, als noch mit Mark und Pfennig statt Euro und Cent gerechnet wird.


Bürgerliche Wohltätigkeit

Sieh! Da steht das Erholungsheim
einer Aktiengesellschafts-Gruppe;
morgens gibt es Haferschleim
und abends Gerstensuppe.

Und die Arbeiter dürfen auch in den Park …
Gut. Das ist der Pfennig.
Aber wo ist die Mark –?

Sie reichen euch manche Almosen hin
unter christlichen frommen Gebeten;
sie pflegen die leidende Wöchnerin,
denn sie brauchen ja die Proleten.

Sie liefern auch einen Armensarg …
Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark –?

Die Mark ist tausend- und tausendfach
in fremde Taschen geflossen;
die Dividende hat mit viel Krach
der Aufsichtsrat beschlossen.

Für euch die Brühe. Für sie das Mark.
Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.

Proleten!

Fallt nicht auf den Schwindel rein!
Sie schulden euch mehr als sie geben.
Sie schulden euch alles! Die Länderein,
die Bergwerke und die Wollfärberein …
sie schulden euch Glück und Leben.

Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.
Denk an deine Klasse! Und die mach stark!

Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!

Kämpfe –!

 

Kurt Tucholsky Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 45, S. 11,
wieder in: Deutschland, Deutschland u. Lerne Lachen,
auch u.d.T. »Wohltätigkeit«.

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Zehn Wörter

“Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.”

Albert Camus 7. November 1913 - 4. Jänner 1960

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Weihnacht der Schreckensmänner

Drei Geräte zum Teil mehrmals aufgesetzt mit XP, Vista und Suselinux drüber, und nichts davon freiwillig, sonder kleinweichbedingt bzw. einem weihnachtlichen Virenbesuch zu verdanken. Zum eigentlich geplanten Vergnügen, den “Spiele”-PC mit Fedora und einigen Ubuntus zu bestücken, bin ich dabei gar nicht gekommen. Weihnachtsfeiertage, wie man sie liebt.

Dazwischen aber auch, ausgehend von Safranskis “Romantik”, Heines “Romantische Schule” und “Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?” von J.H.Voß und dazu “Die Schreckensmänner” von Arno Schmidt, welcher Voß als einen der deutschen “Schreckensmänner” nannte und von sich selber gesagt hat: “Ich gehöre eben zu jenen Realisten a la Johann Heinrich Voß!”. In diesem Feld liegt noch einiges, mir völlig Unbekanntes. Zum Beispiel die Antwort von Fritz Stolbergs Bruder auf die Voßsche Polemik. Diese war zwar teilweise durch die vielen zeitgenössischen Bezüge mühsam zu lesen. Doch Wikipedia half großzügig aus und letztlich ist der Text ein großartiges Spätaufbegehren eines Altaufklärers gegen den kalten Gang ins normal-Reaktionäre. Und natürlich geben die “Schreckensmänner” einiges her:

“Und ihre Kennzeichen sind mannigfach und immer wieder hübsch gleichmäßig vorhanden: arm geboren sind sie. Unter unglücklichen Familienverhältnissen aufgewachsen. Brennend scharfen Geistes übervoll - und dieser, da auf einen bösen Boden gepflanzt, nichts weniger als angenehm. Ihre spätere Entwicklung ist häufig eine Frage der körperlichen Kosntitution: wem Allah die Knochen eines Ochsen verliehen hat, daß er mit jeder Hand einen Zentner heben kann, überlebt die grausamen Entbehrungen, hat weniger Angst, wird wütender, - wenn auch vielleicht nicht ganz so giftig - als Der, der bei jedem Wort husten muss.[...]

Dadurch, daß an ihnen das Mißverhältnis zwischen einem Geist erster Größenordnung und seiner armseligen Umgebung handgreiflich, - im wahrsten Sinne des Wortes ‘schreiend’ - wird, erhalten sie den Rang von Sprechern des Vierten Standes.[...]

… der große Bürger Johann Heinrich Voss, der freilich als unschätzbares Pfand die Statur des Donnerers Thor mit auf den Lebensweg bekommen hatte; und der - Enkel eines mecklenburgischen Leibeigenen, Sohn eines Dieners - die französische Revolution auch da noch bejahte, wo sich die Hausbesitzer zurückzogen; auch er ein Modellfall schreckensmännisch-deutscher Dichtung und Gelahrtheit.” (Schmidt a.a.O., 392f)

Der nächste Schreckensmann in Gestalt seines Anton Reisers liegt schon auf dem Tisch.

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Kein Jahresdolm zu finden aber HeldInnen und ein Motto für 10

Es war mir im persönlichen Jahresrückblick nicht möglich, einen Dolm des Jahres zu finden. Der Grund dürfte darin liegen, weil es in dieser im letzten Jahr mit rasender, flächenbrandiger Geschwindigkeit verdolmten Republik niemanden gibt, der sich einzigartig über die anderen hinaus hebt. Denn die Kärntner Braunbande ist in dieser Hinsicht nicht dolmfähig, auch die anderen Rechtsextremisten nicht, und einen Faymann zu bedolmen wäre lächerlich, denn die Partei wusste, was für ein unbedarftes Bürscherl er ist, als sie ihn auserkor. Auch die schreckliche Laura als sein gelebter Sprechdurchfall kann nicht zur Dolmin werden, weil sie ja nicht durch sich dort ist, wo sie uns nervt, sondern durch die alten Parteimänner, die glaubten, durch sie ein “freches Ding” gefunden zu haben, dem alle Herzen zuflögen. Und die ganze Partei als Dolm? Das hat wenig Charme, weil so unpersönlich. Die anderen politischen Gestalten, wie die Doppelprölls, geben auch nichts her, entweder zu widerlich oder zu gar nichts.

Mein persönlicher Kandidat wäre an sich der Chefredakteur des Falters, aber man will ja nicht unfair sein. Denn der voranschreitende Qualitätsverlust seiner Artikel und die zunehmende Desorientiertheit, die er fast Woche für Woche in seinem Kommentar vorführt, scheint mir weniger an ihm zu liegen, sondern vielmehr ein Symptom der Republikverdolmung zu sein: da schreibt einer zwanzig Jahre gegen den Wahnsinn und gegen den Stumpfsinn an, und hat heute, als Wahnsinn und Stumpfsinn hegemonial geworden sind, nichts mehr zum Schreiben, sondern nur noch zum Räsonieren. Dass er sich dann umsehen muss nach anderen Themen, weil er sich in seinem Leibthema aufgrund dieser objektiven Etnwicklung wahrlich ausgeschrieben hat, ist nachvollziehbar. Vielleicht aber sollte er mehr über Musik schreiben als über Internet und Copyright.

Also kein Dolm des Jahres. HeldInnen des Jahres dagegen sind die AktivistInnen des “Audimaximus” - ohne wenn und aber. Egal, wie ignorant die Politik des Stumpfsinns auf sie reagiert und egal, wie es weiter gehen wird. Herbst 09 wird bleiben. Ihnen an die Seite  möchte ich die AtkivistInnen der Kindergartenbewegung stellen: im Stich gelassen von allen für die Kindergarten-Misere Verantwortlichen, ignoriert und dann beschimpft von den sozialdemokratischen Gewerkschaftern, haben sie eine Basisbewegung auf die Beine gestellt, die gerade wegen der politischen Rahmenbedingungen sensationell ist. In diesem Sinn hoffe ich natürlich auch auf Erfolge für die Basisbewegung “KIV” bei den Personalvertretungs- und Gewerkschaftswahlen in diesem Jahr. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Im Übrigen scheint mir dieser Satz von Thomas Kramer aus der heutigen Presse

“Erstens ist sicher nicht alles sinnlos, was sinnlos aussieht [...]; zweitens muss nicht alles, was sinnlos ist, es auch bleiben – eigentlich eine optimistische Aussicht.”

ein geeignetes Motto für dieses Jahr zu sein.

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Der Bescheidenheitsexzess des Jahres

Auf die Frage im Falter 52/09, ob er noch die Grünen wähle, gab Johannes Voggenhuber zwar eine ausweichende Antwort, doch umso bestimmter wird der Ex-EU-Angeordnete der Grünen, wenn er ungefragt von sich berichtet:

  • Ich schreibe für die Österreichausgabe der Zeit.
  • Ich arbeite an einem Buch.
  • Ich erstelle Entwicklungskonzepte für die Salzburger Uni.
  • Ich habe auch das EU-Bürgerforum mit Europapolitikern aus anderen Parteien gegründet”
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Einiger Sumpf

Peter Pilz hat es in wenigen Zeilen auf den Punkt gebracht:

“Dörflerstrache. Das ist lustig, schön und passend, also: ein echtes Weihnachtsgeschenk! Das ist wie die Fusion von Hypo Alpe Adria und Meinl-Bank. Das ist gut, denn endlich kommt zusammen, was zusammengehört. Endlich kommt der Dreck zum Stroh und endlich mischt sich das braune Orange mit dem braunen Blau. Also: Endlich finden das Kärntner BZÖ und die FPÖ zueinander. Wie der gemeinsame Sumpf heißen wird, werden uns die Herren noch verraten.

Strache und Scheuch - das ist ein Moment der Wahrheit. Milliardenverschleuderung und Minderheitenhetze, Wehrsport und Saufsport und dahinter die Sonne, die im Bodensatz versunken ist.

Für beide Seiten ist die Vereinigung eine Offenbarung. Die FPÖ bekennt sich damit zur Korruption und das Kärntner BZÖ zum Rechtsextremismus. Beiden dürfte beides nicht sonderlich schwergefallen sein.”

Interessant ist auch, was diese Partie in der kurzen Zeit seit ihrem Zusammengehen schon alles zusammengelogen hat (ZIBs, Runder Tisch). Und das alte Problem bleibt bestehen, dass die WählerInnen dieser Organisation entweder rechtsextrem oder Trotteln sind. Und es ist keinesfalls tröstlich zu wissen, dass mindestens ein Drittel der in diesem Land Lebenden zu diesen beiden und zumeist zu beiden Kategorien gehört.
Und noch weniger tröstlich ist, dass die anderen Parteien - wie immer mit Ausnahme der Grünen, die alleine dafür unabhängig von ihrer sonstigen Politik jede Stimme verdienen - schon sich auszurechnen beginnen, wie es mit den Braunsümpflern sich arrangieren ließe.

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Haare kürzen, Bildung bringen

“Eine Woche vor seinem 80. Geburtstag war es für den Xantener Kinderbuchautor Willi Fährmann eine Ehrensache, zur Eröffnung der Moerser Grundschule, die seinen Namen trägt, anzureisen und vorzulesen. Er las aus seinen Erinnerungen, wie er als Kind zum Lesen kam. Ein Arbeitsloser, der regelmäßig zu Hause in der Küche den Kindern die Haare schnitt, leitete ehrenamtlich die Bücherei in der Kirche und brachte immer neue Bücher mit, auch einige, die von den Nationalsozialisten verboten waren und im Kleiderschrank versteckt wurden.”

Quelle: http://www.rp-online.de/niederrheinnord/moers/nachrichten/moers/Schwungvoller-Start_aid_794677.html

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Spass mit der Bibliothek 2.0

Sehr gute Präsentation. Zum Thema siehe auch Blog des Autors:
Bibliothek 2.0 und mehr. Innovative Ideen für Bibliotheken, Freie Inhalte und Interessantes aus dem Web

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Tut mir leid Schatz, aber:

“Mein Kurzzeitgedächtnis ist durch das Multitasking immer stark beansprucht, sodass ich oft andere Dinge kurzfristig vergesse.”

Dem Zellbiologen Michael Kiebler sei gedankt für diese im Heureka 2009/03 getätigte Ausrede des Jahrhunderts :-)

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