Im Jahre 1841, nachdem seine Triarchie erschienen war, wurde dem Verfasser von einigen Junghegelianern seines Wohnortes Köln proponirt, ein radikales Journal auf Aktien zu begründen. Er ging auf den Vorschlag ein, obgleich er wohl wußte, daß zwischen den Bestrebungen dieser Herren und den seinigen wesentliche Differen­zen obwalteten und sie ihm, was die Politik betraf, eben so gegenüber standen, wie in Bezug auf die Religion die Rationalisten den Philosophen und Atheisten, oder auch so, wie hier die Republikaner den Sozialisten und Communisten. — Die unabhängige Stellung nämlich, die ihm in Betreff des zu gründenden Journals in Aussicht gestellt wurde — er sollte Gerant und Redakteur des Blattes werden — machten ihm den Vorschlag annehmlich, und er brachte mit einem ziemlichen Aufwände von Zeit und Mühe die „Rheinische Zeitungsgesellschaft“ zu Stande. In der vorbereitenden Generalversammlung der Aktionäre, die er unter seinem Namen zusammenberief, wurde er denn auch schon provisorisch zum Gerant und Redakteur ernannt und ihm Seitens der Aktionäre ein provisorischer Ausschuß beigeordnet: die ersten Elemente der zukünftigen Mitglieder des Aufsichtsrathes und der Gestion. Es geschah nämlich von nun an hier im Kleinen, was in Frankreich und Belgien im Großen geschehen ist: die Herren von der Bourgeoisie schoben ihn unter dem edlen Vorwande, daß seine Geldverhältnisse der Aktiengesellschaft (die er in’s Leben gerufen hatte) kein Vertrauen einflößen könnten, bei Seite, und die Geldmänner, Advokaten und Junghegelianer, aus welchen der provisorische Ausschuß zusammengesetzt war, bemächtigten sich der Rheinischen Zeitung. — Um nicht ein halbes Jahr lang Zeit und Arbeit geradezu umsonst vergeudet zu haben, übernahm er die Redaktion des französischen Artikels, weil er hier noch immer seine ursprüngliche Absicht, die Vereinigung der einseitigen philosophischen und politischen Tendenzen mit den eben so einseitigen sozialistischen und communistischen, am besten durchführen zu können hoffte. Die Stellung des Verfassers zur Rheinischen Zeitung wurde auf diese Weise eine abhängige (er wurde „Mitredakteur“ der Zeitung, die er dirigiren sollte) und brachte, wie sich von selbst versteht, häufige Collisionen zwischen ihm und den Herren von der Gestion und dem Aufsichtsrathe hervor. Er war mehre Mal im Begriff, von der Redaktion abzutreten, zog sich anfänglich schon aus der Gesellschaft der Herren Dirigenten zurück und ging endlich hieher, um von hier aus den französischen Artikel zu redigiren und sich im Übrigen nichts mehr um die Redaktion zu kümmern. — Bald darauf wurde die freisinnige Rheinische Zeitung verboten. — Beiläufig möge man aus dem hier kurz angedeuteten Verhältniß des Verfassers zur Rheinischen Zeitung schon entnehmen, in wie fern der Vorwurf des Communismus, den die Wächterin am Lech der Rheinischen machte, gegründet war. Die Rheinische Zeitung war kein communistisches Blatt. Sie wäre es selbst dann nicht gewesen, wenn das ursprüngliche Verhältniß des Verfassers zu ihr nicht so wesentlich modifizirt worden wäre, wie an­gegeben; denn der Verfasser, obgleich ein Gegner des materiellen Eigenthums, ist doch, wie sich der Leser bald überzeugen wird, ein eben so entschiedener Gegner des materiellen Communismus. Die Rheinische Zeitung war aber noch um so weniger communistisch, als des Verfasser’s Tendenz keineswegs in ihr vorherrschte, sondern nur mit unterlief; sie hat in Bezug auf das materielle Eigenthum nur das gethan, was die Augsburger Zeitung in jeder Beziehung thut, nämlich auf dem einen Blatte ganz entschieden getadelt, was sie auf dem andern ganz eben so entschieden billigte. Das ist der Fluch der Halbheit — so kann man nur in Deutschland ein zu respektirendes Publikum zum Narren halten.
Der zähe Widerstand des Bestehenden sorgt dafür, denen, die einen wirklichen Fortschritt erstreben, den gutmüthigen Glauben der „Vermittlung“ auszutreiben. Auch wir hatten diesen Glauben. Wir haben zwar dem Gebahren des politischen und religiösen Liberalismus und Rationalismus, selbst in der Gestalt des Radikalismus — dieser Agonie des sterbenden alten Molochs — stets mit der größten Gleichgültig­keit zugesehen; doch glaubten wir lange Zeit den neuen Zustand der wirklichen Frei­heit durch Anknüpfung an die vergangenen Zustände wirklicher Knechtschaft leichter in’s Leben rufen zu können. Aber es ist, wie gesagt, dafür gesorgt, daß die Gutmüthigkeit nicht zu weit getrieben wird. Unsere philosophische Bourgeoisie ist mit Blindheit geschlagen. Dazu kommt die providenzielle Beschränktheit unsrer heutigen Staatsmänner, welche ihre Zeit nicht verstehen und den Liberalismus und Rationalismus verfolgen, anstatt ihn für ihre Zwecke auszubeuten, die Bourgeoisie gegen sich aufbringen, anstatt sich derselben zu bedienen, um das Bestehende zu conserviren. Unsere Regierungen leisten durch ihre Verfolgungen der politischen Presse dem wirklichen Fortschritte ganz unschätzbare Dienste. Wenn die Regierun­gen ihren Vortheil verstünden, würden sie auch die radikalsten politischen Zeitungen, die nicht über die Politik hinausgehen, nicht verbieten. Die Bourgeoisie liest sie mit Vergnügen, das ist wahr; aber die Bourgeoisie, nachdem sie dem Volke gegenüber steht, ist den Herren da oben nicht mehr gefährlich, im Gegentheil das Werkzeug Derer, die sich ihrer zu bedienen wissen, wie wir hier in Frankreich sehen. Die Bour­geoisie ist, wie schon oft gesagt wurde, in unsrer Zeit das, was der Adel war, als er selbst noch keine Ruine war, noch nicht restaurirt zu werden brauchte: die Macht und Stütze des Bestehenden. Seine Klugheit (Politik) gebietet dem Staate in unsrer Zeit, wie immer, die Conservation des Bestehenden. Retrograde Tendenzen tragen mindestens eben so viel zum Umstürze des Bestehenden bei, als die entgegengesetzte Richtung des Fortschrittes; die Contrerevolution ist auch eine Revolution — und die Regierungen, welche die Macht in Händen haben, sie zu realisiren, können ganz anders das Bestehende untergraben, als revolutionäre Schriftsteller. Die Klug­heit, wiederholen wir, gebietet der irdischen und himmlischen Politik die Erhal­tung und Fortbildung des Bestehenden — Fortbildung ist ausgeführte, bethätigte Erhaltung — so weit als immer thunlich. Durch dieses kluge Verfahren des Be­stehenden kann zwar der wirkliche Fortschritt, das Hinausgehen über den geschlosse­nen Kreis des Bestehenden nicht verhindert, aber hinausgeschoben werden; denn so lange das Bestehende sich reproduziren, d. h. noch neue Keime aus sich treiben kann, kann es auch noch erhalten werden, und vor dem völligen Untergange (Zu-Grunde-gehen) des Alten hat das Neue keinen Grund zum Gedeihen. Wollen wir also wirklich fortschreiten, über den Kreis der Religion und Politik, über diese wohlorganisirte, abgerundete Welt der Knechtschaft hinaus gehen, eine wesentlich neue Schöpfung, die Welt der Freiheit, in’s Leben rufen, so müssen wir die Regierungen, welche die gemeine Klugheit der Conservation hintansetzen und in ihrer göttlichen Bornirtheit ernstlich die Contrerevolution vertreten, als unsere besten, nützlichsten Bundes­genossen betrachten.
Der Liberalismus ist die letzte Lebensphase der Politik, wie der Rationalismus das jüngste, dünne Sprößlein der Religion. Dadurch nun, daß die liberale und rationali­stische Bourgeoisie gezwungen wird, sich entweder der Revolution, oder der Contre­revolution, entweder der Aktion, oder der Reaktion mit Widerwillen zuzuwenden, zerfällt sie in zwei Parteien, in die revolutionäre und contrerevolutionäre. Mit der Bourgeoisie als solcher wäre nichts anzufangen. Der Anfang eines neuen Zustandes geht nie aus der sogenannten „stufenweisen“ Fortentwickelung einer alten Schöpfung hervor. Jede neue Schöpfung ist ein Sprung, geht aus dem Nichts, der Negation der alten Zustände hervor. Die „Vermittlung“ kann es höchstens zur Abart bringen; aus dem antediluvianischen Esel kann durch Vermischung mit dem Pferde wohl ein impotentes Maul-Thier, aber kein Anfang einer neuen Thier-Gattung hervor­gehen, wie im Reiche des Geistes durch die „Vermittlung“ viel Geschwätz, aber keine That erzeugt wird.
Die communistischen und anarchischen Tendenzen lassen sich eben so wenig, wie die idealistischen und atheistischen, fortan aus Deutschland verbannen. Der intelligentere Theil der Nation hat es bereits erkannt, daß hier eine geheime Macht schlummert, die man nicht ignoriren darf, um nicht von ihr überwältigt und — ignorirt zu werden. Die Einsichtsvollen werden sich dieser Bestrebungen bemächtigen und denen, die es bereits thun, Dank dafür wissen, daß sie die blinden Leidenschaften des besitzlosen Volkes und der Bourgeoisie durch das einzig geeignete Mittel, durch die Erkenntniß, zu zügeln und vernünftig zu lenken streben.
Paris, im Mai, 1843. Der Verfasser