Das Bonner Stadtarchiv plant für 2012 eine Neuauflage von „Moses Heß in seiner Zeit“ von Horst Lademacher, dem wohl profundesten lebenden Hess-Experten. Wenn das Buch erschienen ist, wird es in einem geeigneten Rahmen unter der Schirmherrrschaft des Bonner Oberbürgermeisters Niemptsch der Öffentlichkeit vorgestell.

Diese 1977 erstmals veröffentlichte Untersuchung zählt zu den viel zitierten Standard-Werken der Literatur zu Moses Hess und hat nichts von seinem Informationsgehalt verloren. Im Gegenteil: es finden sich immer wieder Schnittstellen zu möglichen und voraussichtlich sehr ergiebigen weiteren Forschungen über den Zeitraum vom demokratisch-revolutionären Aufbruch im Vormärz bis in die 2. Internationale – in all diesen Phasen kann man kaum an Moses Hess vorbei gehen, zu oft war er der erste, der gesellschaftliche Veränderungen erkannte, Erkenntnisse, die ebenso oft von anderen übernommen und weiter entwickelt oder aber auch verengt wurden.
Eine bis heute wichtige Bedeutung hat Hess darüber hinaus aber auch als frühester Vertreter eines sozialistischen Zionismus – die Internationale Konferenz „Moses Hess zwischen Sozialismus und Zionismus“ in Jerusalem im März 2012 kann als Beleg dafür gelten.

Von Horst Lademacher gibt es zu Moses Hess noch zwei weitere Titel:

Die politische und soziale Theorie bei Moses Heß. Lademacher, Horst In: Archiv für Kulturgeschichte. – Köln ; Weimar ; Wien, 1960. – 42.1960 S
Ausgewählte Schriften Moses Hess. Ausgewählt und eingeleitet von Horst Lademacher.

Im Folgenden einige Stellen aus Lademachers Einleitung zu den „Ausgewählten Schriften“:

Schon in der »Heiligen Geschichte der Menschheit« vermittelte Heß ein Wirtschaftsbild, in dem der zwangsläufige und autonome ökonomische Prozeß einen wichtigen Platz einnahm. Heß konzipierte eine Art Konzentrations-, Verelendungs- und Zusammenbruchstheorie, die sich ihm aus der Entwicklung der auf Privateigentum und freier Konkurrenz aufgebauten Wirtschafts- und Gesell­schaftsstruktur ergeben mußte. Das Wachstum der Industrie förderte für ihn auf der einen Seite die Verarmung der Massen und auf der anderen den Reichtum der Kapitalisten, wie es darüber hinaus den Untergang des Kleinbetriebes und den Verfall des Mittelstandes verursachte. Für ihn war der Kapitalismus nur im­stande, Elend zu verbreiten. »In einer Zeit«, so schrieb er, » … wo der beschränkte Innungs- und Gliederungszwang den unbeschränkten Aktienunternehmungen, wo jeder Zwischenhandel wie jedes Handwerk dem Großhandel und der Industrie weichen, in einer Zeit, so sagen wir, wo freier Handel und Gewerbefleiß endlich jede individuelle Tätigkeit in einen ungeheuren Universalrachen verschlingt, muß der Mittelstand notwendig immer mehr schwinden, als sich die ungleiche Ver­teilung der Güter nicht stets von selbst wieder ausgleichtt.« Hier ist das Kom­mumstische Manifest in seinen Grundzügen angelegt. (S. 15)

Wenn Heß schreiben konnte: »Das Wesen des Menschen … ist das gesellschaft­liche Leben … und die wahre Lehre vom Menschen, der wahre Humanismus, ist die Lehre von der menschlichen Gesellschaft, d. h. Anthropologie ist Sozialis­mus«, dann hatte er die Grundlage seines sozialistischen Schaffens gelegt, dem das Prinzip der Hoffnung eigen war. Dieses Prinzip hat er niemals aufgegeben. Dabei wäre Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gewiß am Platze gewesen, schrieb Heß doch seine Briefe an Iscander [=Alexander Herzen] aus der Schweiz, wohin er ausgewichen war. Die unruhige Wanderung führte ihn durch die Kantone, bis er sich schließ­lich in Genf niederließ. Zur fehlgeschlagenen Revolution trat die Armseligkeit der Lebensumstände, zur materiellen Not die Querulanz im Kreise der Emigran­ten. Resignation war dabei nicht nur bei Alexander Herzen festzustellen, sie war allerorten zu finden. (S. S0)

Heß starb als Ruheloser, ein Wanderer der sozialen Revolution, die keine Rast gönnte. Messianische Zukunftserwartung beseelte ihn – und hierin äußerte sich die alte jüdische Hoffnung der Jahrhunderte. Aber Heß war kein Träumer und nicht nur Prediger und Mahner. Dafür stand er den konkreten Verhältnissen, den Tatsachen zu nahe. Er war ein Mann des großen Entwurfs, er war zugleich auch der Mann der organisatorischen Kleinarbeit. Er tat politisch Alltägliches, ohne in Alltäglichkeit zu versinken; daran hinderte ihn das Ziel, das er sich gesetzt hatte. Das Ziel hieß: »Emanzipation des Menschen aus der ökonomischen Bedingtheit.« Der ökonomische Bezug hatte seinen anthropologischen Sinn – Ein­heit in der Versöhnung auf revolutionärem Wege. Bis zum Ende seines Lebens ist Heß einer jener sozialpolitischen Denker des Vormärz und der Revolutions­jahre 48/49 geblieben, die die Verwirklichung der Philosophie in der Aufhebung des Proletariats erstrebten. Jeder auf seine Weise. Heß stand neben Marx. Man hantierte mit den Begriffen Sein und Haben, Bewußtsein und Habsucht – und Heß vor allem mit dem Begriff des Sollens. Dahinter steckte begeisterter Tatwille und moralischer Impuls, der in der geheimen revolutionären Verbindung des des Vormärz publizistische Demonstration blieb, in der sozialdemokratischen Orga­nisation der 60er Jahre zunächst realisierbar schien. Schien, so sagen wir, hat doch der Anspruch und die Forderung der in den Jahren des Vormärz geborenen Gedankenwelt zugleich die Diskussion über die Möglichkeiten parteipolitischer Praxis im Anschauen der Theorie herausgefordert. Der sozialistische Glaube der Revolutionsjahre 1848/49 stand den Realitäten des Parteienstaates gegenüber, zu­nächst noch im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie, dann auf republi­kanischem Boden. Die »social-demokratische« Forderung gelangte unter neuen Voraussetzungen – eben den parlamentarischen – auf die Tagesordnung sozial­demokratischer Politik. Heß hat nur noch die Anfänge jener Parteipolitik erlebt, und in diese Zeit fiel auch noch der Aufstand der Kommune, die Hoffnung und Enttäuschung zugleich besorgte. Die eigentliche Diskussion um die Rezeption der Ideologie hat er nicht mehr beobachten können. (S.51)