in: Deutsches Bürgerbuch für 1845.

Als wir vor zwei Jahren in der Rheinischen Zeitung die Nothwendigkeit einer socialen Reform leise andeuteten, da hieß es, in Deutschland gebe es kein Proletariat, und Herr Stein, der ex officio über den Socialismus und Communismus schrieb, bestätigte dieses Urtheil, und die wohlgenährten Bedienten des Herrn von Cotta riefen triumphirend, in Deutschland sei man noch nicht am Verhungern und folglich das socialistische Problem für Deutschland noch kein Problem — und alle Deutsch-thümler riefen: Amen!
Das socialistische Problem ist freilich kein deutsches; es ist ein menschliches. Nur Leute, die nicht weiter denken, als ihnen vorgeschrieben ist, und deren Fühlfäden so weit reichen, wie die Fühlhörner eines Insektes, Leute, die nur mit den Augen des Magens sehen und daher nicht an den Hunger glauben, wenn sie satt sind — sie kön¬nen die Unruhe weniger Köpfe und das Knurren vieler Magen und das Murren aller Herzen nicht beachten. — Aber es sollte auch diesen Magenthieren, freilich auf einem Umwege und daher etwas später, zum Bewußtsein gebracht werden, daß sich in Deutschland nicht nur die beiden Parteien der „Staatsmänner“ und „Unterthanen“, sondern noch zwei andere, eine satte und eine hungernde, einander gegenüber stehen, und daß man sich aus bloßem menschlichen Gefühle — obgleich die Logik des Her¬zens ihnen als eine eben so leere Astraktion und hohle Theorie, wie die Logik des Kopfes erscheint — klar werden, daß man sich aus purer menschlicher Caprice zur Partei der Proletarier schlagen könne. — Seitdem ist es erlaubt, sich, ohne den Anstand zu verletzten, für die hungernde Partei auszusprechen, und die Industriellen müssen so gut, wie die andern Ritter, sich daran gewöhnen, die Stimme der Zeit zu hören, ohne sogleich schooßhündisch zu junkern……
Mit welchen Gegnern sind wir doch zu kämpfen verdammt! Neulich noch, als bei Gelegenheit der schlesischen Arbeiteraufstände von der Gleichheit der Menschen die Rede war, erhob sich ein Commis-voyageur von seinem Sitze an der table d’hote und warf mir sieg-gewiß die Frage entgegen: „Wer soll denn meine Stiefel wichsen, wenn alle Menschen gleiches Glück haben?“ Ich sagte ihm: Wenn Sie Ihre Stiefel durchaus gewichst haben wollen und es findet sich Niemand, der es Ihnen vorthun mag, dann müssen Sie es selber thun; das Unglück wäre nicht so groß, wie manches andere. — Er erklärte mich für einen abstrakten Logiker und Metaphysiker und fuhr fort, concret zu essen und zu trinken.
Diese thierische Angst vor der Freiheit und Gleichheit und was man sonst noch gelehrt und ungelehrt über die Nachtheile faselt, welche den Wissenschaften und Künsten aus der gleichen Berechtigung aller Menschen zur vollständigen Entwickelung des menschlichen Wesens erwachsen würde, hat seinen Ursprung theils in der Unbekanntschaft mit den bereits gemachten Fortschritten in der Mechanik —
welche die mechanischen Arbeiten der Menschen auf ein Minimum reduciren — theils in der Unbekanntschaft mit dem Wesen der materiellen Produktion, welche letztere mit der geistigen stets gleichen Schritt hält, und deren vollständige Entwickelung erst dann beginnen kann, wann der Entwickelung des menschlichen Wesens über¬haupt keine Hemmnisse mehr entgegenstehen — vor allen Dingen aber in der Un¬bekanntschaft mit dem Wesen des Menschen selbst, in jener egoistischen Bornirtheit, die wir zu enthüllen nicht müde werden dürfen.
John Prince-Smith schrieb jüngst ein Buch, „über den politischen Fortschritt Preußens“, welches die „Legalisirung der faktischen (Geld-) Macht durch Ver¬fassungsgesetze“ als das Ziel der jetzigen Bewegung in Preußen aufstellt. — Der christlich-germanische Staat mag darüber nachdenken, wie diese Bibel der Geldreligion, dieses klassische Werk der modernen Krämerwelt, wie dieses Mammon-Teufelsbuch durch Sprüche aus der Bibel Gottes zu bannen ist. Was uns betrifft, so können wir diesem Kriege der alten, wohlbekannten Rivalen, die beiderseits behaup¬ten, daß man nicht zweien Herren zugleich dienen könne, Gott und dem Mammon, und deren welthistorischer Kampf sich lediglich um die Frage dreht, ob wir den Herren von Gottes Gnaden, oder den Herren von Mammons Gnaden zu dienen haben — wir können diesem Kriege, sage ich, um so mehr mit parteiloser Gemüthsruhe zu¬sehen, als beide Parteien noch immer gleich stark sind und trotz der faktischen Macht der Einen die gleichfalls faktische Macht der Andern in schönstem Flore fortbesteht.
Eine flüchtige Bemerkung über Mr. John können wir jedoch nicht unterdrücken. Er sagt, Preußen sei „überreif“ für eine Verfassung. Er hat mehr, als Recht — er hat überrecht! Auch seine Polemik gegen den historischen Staat ist „überreif“. — Wenn man bedenkt, daß Mr. John genau genommen das Nämliche verlangt, wofür Frank¬reich und das ganze civilisirte Europa ein halbes Jahrhundert lang mit der feurigsten Begeisterung gekämpft, so überrascht die Ruhe, mit der dieser Schriftsteller sich über dergleichen Dinge vernehmen läßt. „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus“ — möchte man ihm auf jeder Seite seiner Schrift zurufen. — Woher diese Gelassenheit?
— Das Räthsel ist leicht zu lösen. Mr. John weiß, daß die staatsbürgerliche Freiheit, welche er in Anspruch nimmt, noch keine menschliche Freiheit ist; darum eifert er nicht, wie ein Besessener, sondern parlamentirt, wie ein Besitzender. — Wir be¬finden uns jetzt in einer „Übergangsperiode“, meint er, und das ist die der Industrie, des Geldes. Da wir nun jetzt allesammt vom Gelde abhängiger sind, als wir es je yon himmlischen Mächten und irdischen Stellvertretern waren, so begreift er nicht, wozu wir diesen Überfluß an regierenden Herren, der nur störend auf unsere Abhängigkeit vom Gelde wirkt, noch nöthig haben. — Bis jetzt hat man überall Constitutionen im Namen der menschlichen Freiheit verlangt. Mr. John verlangt eine Constitution im Namen der menschlichen Abhängigkeit, und Mr. John weiß, was er will, weiß noch mehr, als er will, während die bisherigen Freiheitskämpfer weniger wußten, als sie wollten. Mr. John ist ein wahrer Philosoph, ein deutscher Philosoph. Er verlangt nur, daß der Geldstaat seinem Begriffe entspreche — und weil der „sogenannte“ Socialismus etwas mehr will, als das faktisch Bestehende „legalisiren“, wird unser germanisirter Engländer nächstens auftreten und beweisen, daß dasjenige, was die Socialisten erstreben, noch nicht wirklich, folglich unvernünftig ist. — Nachdem er uns bewiesen hat, daß wir einen Überfluß an mächtigen Staatsherren, wird er uns auch noch beweisen, daß wir einen Überfluß an ohnmächtigen Staatsphilosophen haben. Ach, es ist leider zu wahr, was er beweisen will; es ist überreif!
Ja wohl, unsre Zustände sind überreif. — Das kleine Inselvolk jenseits des Kanals producirt mehr, als es auf beiläufig dem ganzen Erdenrunde, das es mit seinen Pro¬dukten überschwemmt, unterbringen kann. Aber es producirt noch nicht den zehnten Theil von dem, was es produciren könnte und produciren würde, wenn es nur für seine Producte Absatzwege hätte. Und während seine Produkte in der Heimath und im Ausland umher liegen und verschleudert werden, lebt ein Theil seiner Bevölkerung mitten in diesem Reichthum von Kummer und Noth, in Thierheit versunken, das Nöthigste entbehrend, ohne Bildung, ohne Brod, ohne Kleidung, ohne Obdach. Die Menschen und ihre Produkte sind von einander getrennt — und beide verderben. — Ist es in andern Ländern anders? Was hat in Frankreich, was in Deutschland die Arbeiteraufstände hervorgebracht? Was ist die Ursache dieser großen Noth mitten im Überflusse? —
Die Concurrenz! Ihr ruft es einstimmig, große und kleine Krämer, Kapitalisten, Proletarier, Betrüger und Betrogene. — Freilich, die Concurrenz. Aber alle Eure Schutz- und Trutzbündnisse, sind es nicht Bündnisse innerhalb der Concurrenz? Glaubt Ihr das Wesen der Concurrenz, den Egoismus, zu überwinden durch Asso¬ciationen des Egoismus? Glaubt Ihr, nachdem die Concurrenz das Monopol über¬wunden hat, nun wieder mit dem Monopol die Concurrenz zu überwinden? —
Man kann es vom Egoismus und von der Bornirtheit nicht verlangen, daß sie über ihr eignes Wesen hinausgehen und dasselbe durchschauen sollen. Aber man kann vom Menschen verlangen, daß er, einmal den Kreis des Irrthums durchlaufen, nicht wieder den Kreislauf von vorn anfange, sondern endlich zu Verstand komme.
Der Egoismus hat seinen Kreislauf vollendet, und diese Vollendung hat er in der Concurrenz erreicht. In ihr hat der Egoismus seine klassische Gestalt erhalten. Der Widerspruch des menschlichen Wesens, der menschlichen Gattung, mit sich selber ist hier ein universeller, und in dieser universellen Gestalt sind alle die frühern, ein¬seitigen Formen enthalten. Hier ist der Mensch Raubmörder, Sklave, Leibeigner, Betrüger, Wucherer, Lohnarbeiter und Bettler zugleich. In unsrer Krämerwelt, von Nordamerika an bis nach Rußland hin, gedeihen alle die politischen und socialen Formen der Herrschaft und Knechtschaft, welche uns die Geschichte der Reihe nach aufführt, von den thierähnlichen der afrikanischen Sklaverei bis zu den gottähnlichen der Theokratie. — Und diesen Culminationspunkt der Zerfallenheit unsrer Gattung wollt Ihr durch Rückkehr zu frühern oder zu „gemischten“ Zuständen der Vergangen¬heit und Gegenwart überschreiten? — Mischt und vermittelt diese Mischung und Vermittlung aller Lügen, die je existirten, nur immer zu — Ihr tragt damit nur Euer Schärflein zur universellen Lüge unserer Zeit bei!
Nachdem man im Zustande der Trennung vergebens nach der Freiheit gestrebt hat, glaubt man jetzt in demselben Zustande weiter zu kommen, wenn man sein Ziel niedriger steckt. Weil man unter den alten Voraussetzungen das schöne Ziel nicht erreichen konnte, hält man es für ein unerreichbares und kehrt um. — 0, Ihr Helden, Ihr Industrie-Helden, Ihr National-Helden! — Es ist wahr, daß die „freie“ Concurrenz größere Übel hervorgebracht hat, als die unfreie Concurrenz, wie es auch wahr ist, daß der antike, auf die Sklaverei und die bornirteste Nationalität begründete Staat in seinem scharf umgrenzten Gebiete sich menschlicher, als die christliche Welt entwickelt hatte. Man kann darum den antiken Staat der christlichen Welt vorziehen, aber vernünftiger Weise nicht zu ihm, ganz oder theilweise, zurückkehren wollen. Denn so wie ein begränztes Gebiet und der ihm entsprechende begränzte Gesichtskreis, das Bewußtsein, sich erweitert, muß die auf solcher Be¬schränktheit beruhende Glückseligkeit aufhören; es entstehen Collisionen zwischen den gebildeten Nationen und den Barbaren, zwischen den Freien und Sklaven. Man könnte diese Collisionen vielleicht durch eine chinesische Mauer vermeiden; aber eine chinesische Mauer von Stein ist nur da möglich, wo auch der Geist mit einer solchen Mauer umgränzt ist. Es ist vollends unmöglich, die alte Schranke da wieder herzustellen, wo sie einmal durchbrochen ist. In unserm Falle, wenn wir nur die Bewegung der Industrie und des Handels berücksichtigen (von den Fortschritten im Bewußtsein kann man mit den Schutzzöllnern und Korporationssüchtigen nicht sprechen) so machen schon die neuen Erfindungen in der Mechanik und die neuen Entdeckungen in den Naturwissenschaften, die über alle Maaßen erleichterte Pro¬duktion und Communikation, welche das mittelalterliche Handels- und Industriesystem langsam untergraben und endlich gestürzt haben, eine theilweise oder gar vollständige Rückkehr zu diesem System so durchaus unmöglich, daß es nur eine Art von Verkindischtheit verräth, wenn man sich jetzt wieder in diesen Kinderschuh zurücksehnt. Die Theilung der Arbeit hat im Zustande des egoistischen, antisocialen Privaterwerbs mit dem neuen Industriesystem ihren Culminationspunkt erreicht, und wie nachtheilig sie auch in ökonomischer sowohl, wie in geistiger Hinsicht, auf den ganzen Menschen wirkt, so ist doch eine theilweise Rückkehr zu frühern ökonomi¬schen Zuständen eben so unmöglich, wie eine vollständige Rückkehr zum Urzustande. Die Naivetät unserer deutsch-mittelalterlichen Reaction, welche die „mächtige“ Hansa, die „schöne Gliederung“ der Stände und Corporationen, die „erhabenen Bauwerke“ des Mittelalters, und nebenbei auch den „altehrwürdigen“ Glauben und das „ritterliche“ Wesen wieder heraufbeschwören möchte, weil — car tel est notre bon plaisir — diese Naivetät ist wahrlich zum Erbarmen! Soll man sich mehr über die „providentielle“ Dummheit der gnädigen Herrschaft, die sich ihr eigenes Grab gräbt, oder über die gemeine Dummheit und Unwissenheit der Gemeinen mehr wundern, die unter dem Schutt Schätze für die Zukunft unseres Geschlechts suchen und den entdeckten geistigen Schatz nicht zu erkennen vermögen? —
Die freie Concurrenz ist das letzte Wort des Egoismus. Alle Combinationen inner¬halb des Zustandes der Trennung sind erschöpft. Wir können unter keiner Bedingung zurück und nur unter einer Bedingung vorwärts, unter der nämlich, daß wir die Voraussetzung der bisherigen Socialzustände aufheben. Diese ist die Fleisch und Metall gewordene Einbildung, daß unser Gattungswesen — die Liebe, welche die unorganischen Elemente, die getrennten Individuen, verbindet und zur organischen Selbstthätigkeit bringt — das Zusammenwirken, der Verkehr, der Austausch aller Lebenskräfte, der diese aus ihrem Schlummer weckt und zeugungsfähig macht — daß mit einem Worte unser geistiges und materielles, unser theoretisches und prak-tisches Vermögen außer und über unsrer wirklichen Gattung sei und wir uns dasselbe mithin äußerlich, stückweise anzueignen haben. Denn vergebens streben wir nach unserm geistigen und materiellen Vermögen, solange wir es außer und über uns suchen. Unser theoretisches Vermögen, was uns zu humanem Bewußtsein befähigt, ist nicht über uns, im transcendenten Gotte; es ist in uns, und nur durch Erziehung und humane Bildung können wir es zu unserm wirklichen Besitzthum oder Eigenthum machen. Unser praktisches Vermögen, was uns zu humaner Thätigkeit befähigt, ist nicht außer uns, im transcendenten Gelde, sondern im Zusammenwirken und Austausch unserer durch humane Bildung entwickelten Kräfte, Talente und Fähigkeiten. —
Organisation der Erziehung und der Arbeit, das ist es, was wir an die Stelle des himm¬lischen und irdischen Erwerbes setzen müssen. Wir sind keine humane Wesen, sondern Wesen ohne Herz und Kopf, Unwesen, isolirte, einfältige Blöcke, solange wir unser Wesen nicht entwickeln und gemeinschaftlich bethätigen, sondern äußerlich nach ihm streben und es uns stückweise aneignen, so daß es uns entzweit, statt uns zu vereinigen — wie diese unglückselige Entäußerung und stückweise Aneignung unsres Wesens zuerst auch hur durch die Trennung der Gattung, durch die Vereinzelung der Individuen entstanden ist. Denn die Menschen kamen nicht als humane, mensch¬heitliche, gesellschaftliche Wesen zur Welt. Die Menschen konnten nicht von vorn herein aus humanen und vernünftigen Gründen, um sich gegenseitig zu unterstützen und auszubilden, mit einander in Verkehr treten — denn diese humane Gesinnung, dieses vernünftige Bewußtsein mußte ihnen erst durch das gesellschaftliche Leben beigebracht werden — sondern das egoistische Bedürfniß zog sie zu einander hin. Dasselbe Bedürfniß entzweite sie aber auch, und so wurde mit dem gesellschaftlichen auch das antisociale Wesen immer mehr und mehr entwickelt: der Privaterwerb dessen, was menschliches Gemeingut.
Die freie Concurrenz ist nicht nur das letzte Wort der politischen, sie ist auch das letzte Wort der religiösen Ökonomie. Was die himmlische Ökonomie von jeder kirch¬lichen und staatlichen Gemeinschaft emanzipirt, die Gottes Verehrung zur reinen Privatsache macht und es ausspricht, daß jeder in seiner Facon selig werden kann, ist dasselbe Wesen, welches auch die irdische Ökonomie von allem Stände- und Corporationsgeist emanzipirt, den Geldkultus zur Privatsache herabsetzt und es jedem frei stellt, in seiner Facon sein Glück zu machen. Es ist nämlich das zum Selbst¬bewußtsein gelangte Wesen des Egoismus, welches den Privatmenschen als den Menschen par excellence ansieht, das einzelne Individuum, die isolirte Person, als isolirte, mit der Gattung zu identificiren strebt und an die Stelle jedes andern (kirch¬lichen, staatlichen, nationalen, ständischen oder corporativen), den consequenten, den Privat-Egoismus, setzt. Denn was ist der Egoismus anders, als der Wahnsinn, für sich allein das Vermögen der Gattung in Beschlag nehmen zu können? — Wenn der Jude sein Volk für das auserwählte Volk Gottes, wenn der Grieche alle Nichtgriechen für Barbaren und seine Sklaven für prädestinirte Werkzeuge des „Freien“, wenn der Katholik seine Kirche für die alleinseligmachende hielt, so war damit unbewußt und inconsequent dasselbe ausgesprochen, was der Rationalist, der an eine persönliche Unsterblichkeit glaubt, was der Pietist, der sich für ein besonders be¬gnadigtes Wesen hält, was der Capitalist, der auf sein heiliges Privateigenthum pocht, bewußt und consequent von sich als Privatmenschen ausspricht oder denkt: daß er nämlich für sich allein die Liebe Gottes, das Vermögen der Gattung besitzen könne.
Ist die freie Concurrenz das letzte Wort, die klassische Form des Egoismus, so kann innerhalb des Egoismus keine Reform mehr stattfinden, welche nicht ein ökono¬mischer Rückschritt wäre. Wird dennoch die freie Concurrenz schon einstimmig als der Grund unserer vielfachen socialen Übel erkannt, so ist damit unbewußt die For¬derung ausgesprochen, die Basis des ganzen bisherigen Sociallebens aufzugeben, an die Stelle der Trennung die Einheit der Gattung, an die Stelle des Egoismus den Socialismus zu setzen, den egoistischen Privaterwerb des chimärischen Gattungs¬vermögens zu vertauschen mit dem wirklichen Vermögen der Gattung, und statt der religiösen und politischen Ökonomie die sociale zu cultiviren, welche das menschliche Vermögen entwickelt und das entwickelte in Thätigkeit setzt. — Es verstellt sich übrigens von selbst, daß der Socialismus, sowohl in negativer, wie in positiver Be¬ziehung, daß nämlich sowohl die Aufhebung des Privaterwerbs, wie die Organisation der Arbeit, nicht mit einem Schlage einzuführen, daß es sich nicht darum handeln kann, den Geldcultus und den Cultus des höchsten (theoretischen) Wesens durch ein Dekret abzuschaffen und dagegen den Socialismus und Humanismus zu dekretiren. Wir würden selbst wieder in den alten Fehler der Chimärenjagd verfallen und oben¬drein die antisociale Produktion nur lähmen, bevor die sociale gewonnen wäre, wollten wir durch ein solches Dekret den Gelderwerb oder das Privateigenthum, oder die Erblichkeit, oder die Privatseligkeit, kurz, die bisherige religiöse und politische Ökonomie aufheben. Nein, wir haben eine neue Generation durch eine allgemeine und unentgeltliche Erziehung zu Menschen heranzubilden, der Noth der alten Ge¬neration aber durch eine sofortige Gründung von Nationalwerkstätten abzuhelfen, welche nach und nach, durch die heranwachsende neue Generation, eine immer edlere, höhere Gestalt annehmen (sie werden zuletzt freie, menschliche Wirkungs¬kreise im weitesten Sinne) und zu diesen Zwecken frei gewählte Volksmänner zu¬sammen treten und rechtskräftige Beschlüsse fassen zu lassen. — In dem Maaße, wie das wirkliche Vermögen der Menschen durch Erziehung entwickelt wird und das entwickelte organisch zusammenwirkt, verschwindet das chimärische Vermögen von selbst.
Wir werden vielleicht noch manche Gräuelscene, noch manchen anarchischen Auftritt erleben und noch viel Elend zu beklagen haben, bis man sich zu dem be¬zeichneten, radicalen Abhülfemittel der Noth in unserer Gesellschaft vereinigen wird. Aber es wird doch endlich angewendet werden, da jedes Palliativ, durch Ver¬zögerung einer definitiven Abhülfe, die Noth nur drückender und die „Kritik der Waffen“ nothwendiger macht. — Aber wer ist schuld daran, wenn Gräuelscenen, wie die schlesischen, sich wiederholen und in einem großartigeren Maßstabe, als in Schlesien, werden aufgeführt werden: wir, die das einzige mögliche Mittel zur nach¬haltigen Abhülfe des physischen und moralischen socialen Elends vorschlagen, oder diejenigen, die mit süßen und bittern Phrasen um sich werfen, aber zu einer That impotent sind? —
Alle Gegenreden, die man in Betreff des Socialismus erhebt, beruhen auf der Vor¬aussetzung unserer Zustände und besagen nichts weiter, als daß unsere Zustände nicht radical umzuändern sind, solange sie nicht radical umgeändert werden, daß wir Unmenschen bleiben, solange wir keine Menschen sind. — Wir wollen dagegen nachweisen, daß wir in diesen Zuständen weder verbleiben, noch aus ihnen heraus zu irgend einem Fortschritte, zu irgend einer wesentlichen Verbesserung gelangen können, wenn wir nicht ihre Voraussetzungen selbst aufheben.
Es ist nicht möglich, innerhalb des theoretischen und praktischen Privaterwerbes (Privateigenthums) ein höheres Bewußtsein und eine höhere Thätigkeit zu entfalten, als die religiöse und politische Ökonomie entfaltet, nachdem das Princip der Gewerbe¬freiheit zur Herrschaft gelangt ist. — Es sind nicht mehr beschränkte Gemeinwesen, Corporationen, Städte, Stände, Staaten, welche die Thätigkeit der Menschen äußer¬lich bestimmen; auch ihr Glaube, ihr Bewußtsein vom „höchsten Wesen“ — stets dem Gemeinwesen, welches sie zur Thätigkeit bestimmt, entsprechend — ist nicht mehr ein beschränktes. Das Gemeinwesen, das sie jetzt praktisch (zur Thätig¬keit) bestimmt, ist der allgemeine menschliche Verkehr, der in seiner transcendenten Gestalt als Geldmacht alle individuellen Kräfte zur Thätigkeit aufstachelt, der sie reizt, ihr allgemeines Gattungsvermögen sich stückweise anzueignen, um so am Gattungsleben einen äußerlichen Antheil nehmen zu können. Die Lohnarbeit oder Erwerbsthätigkeit ist daher nicht mehr auf bestimmte Kreise beschränkt; der dritte Stand, der Gewerb- oder Krämerstand, wird der allgemeine Stand und auch innerhalb seiner selbst fallen alle Schranken. Da nämlich das höchste menschliche Gemein¬wesen, der allgemeine Verkehr (nicht dieses oder jenes beschränkte Gemeinwesen) jetzt das herrschende oder bestimmende ist, so folgt daraus das gleiche Recht (die gleiche Zulässigkeit) und die gleiche Pflicht (der gleiche Zwang) aller Menschen zu dieser ganz allgemeinen Erwerbthätigkeit. Jeder will, Jeder muß Geld erwerben. Die Noth macht erfinderisch — und da überdies dem Erfindungsgeist, der Pro¬duktionskraft keine Schranken mehr gesetzt sind, so wird in wenigen Jahrzehnten mehr erfunden und producirt, als in allen den vorhergehenden Jahrtausenden. Die höchste Gewerbethätigkeit ist also jetzt gewonnen, und jeder Schritt zur Umgestal¬tung dieser Thätigkeit hätte nothwendig eine Hemmung derselben zur Folge, wäre also ein Rückschritt zur Unthätigkeit, wenn die Reform innerhalb der alten Voraus¬setzungen stattfände, d. h. wenn diese Thätigkeit nur oberflächlich, wenn nicht ihre Grundform umgeändert würde, wenn man sie noch immer als Privaterwerb fort¬bestehen ließe. — Abgesehen davon, daß ein solcher Rückschritt von keinem Ein¬sichtsvollen gewünscht werden kann, so ist er auch nur momentan und in einem beschränkten Gebiete ausführbar; die ganze Welt, die ganze Zeit würde darüber hinwegschreiten und die Pygmäen, die sich ihr entgegenstemmen wollten, vernich¬ten. Denn wer das Princip der modernen Gewerbefreiheit einem früheren, theilweise oder ganz, opfern wollte, müßte vor allen Dingen erst die Wirkungen dieses Princips, welche bereits vorhanden sind, theilweise oder ganz ungeschehen machen, da diese Wirkungen wieder rückwirkend die Ursache des Princips werden. — Auch hängt die praktische Gewerbefreiheit mit der theoretischen, mit dem Bewußtsein der Menschen, innig zusammen. Ist aber ein praktischer Rückschritt innerhalb der politischen Ökonomie unmöglich, so ist ein theoretischer Rückschritt innerhalb der religiösen Ökonomie wo möglich noch unmöglicher. Die freie Concurrenz in der religiösen Ökonomie hat das höchste Bewußtsein, die höchste geistige Thätigkeit innerhalb der Religion entwickelt. Das theoretische Gemeinwesen, welches jetzt angebetet wird, ist keine bestimmte Naturkraft, kein beschränkter Nationalgeist, überhaupt kein beschränkter Geist, keine einseitige menschliche Geistesrichtung mehr; es ist der allseitige Menschengeist, das allgemeine Wesen des Menschen, die „höchste Vernunft“, welche als Gottheit oder höchstes Wesen alle Menschen zur An¬betung und zu dem Streben bestimmt, ihr Theil an diesem entäußerten, allgemeinen Gattungswesen zu erwerben. Der religiöse Cultus wird nicht mehr als das Monopol eines bestimmten Kreises von Gläubigen, einer bestimmten Kirche betrachtet. Der religiöse Stand, der Priesterstand, verallgemeinert sich; denn zur Theilnahme an dem allgemeinen menschlichen Wesen sind alle Menschen gleich berechtigt und ver¬pflichtet. Es herrscht Gewissensfreiheit, theoretische Gewerbefreiheit. Jeder macht sich seine Seligkeit, wie sein Glück, auf eigene Faust, dient Gott in seiner Weise, wird in seiner Facon selig — oder auch unselig. Die höchste geistige Thätigkeit innerhalb der alten Zustände entwickelt sich. Es wird in kurzer Zeit mehr Sinniges und Unsinniges produzirt, als in der ganzen bisherigen Geschichte der Cultur. Neue religiöse und philosophische Systeme, Sekten, Schulen, Weltweise und Weltheilande schießen wie Pilze aus der Erde hervor, und alte erstehen wieder. — Soll nun auch die theoretische Gewerbefreiheit, welche von der praktischen unzertrennlich ist, un¬terdrückt werden, weil sie eben unbequem ist? Wäre es möglich? Wäre es wünschenswerth? —
Was nicht möglich, ist nicht werth zu existiren, und was nicht werth zu existiren, ist auch nicht wünschenswert!. — Dennoch ist diese theoretische und praktische Gewerbefreiheit in jeder Beziehung ein Unglück. Der Mensch geht in diesem allge¬meinen Gedränge individueller Kräfte, welches täglich großartiger und verderb¬licher wird, leichter zu Grunde, als in jenen eingepfärchten Stallungen, die er vormals bewohnte, und in welchen er sich gegen den Andrang von Außen und von Innen eine Zeit lang schützen konnte. — In seine vormaligen Ställe kann er nicht mehr zurück; sie sind ihm zu eng geworden. In dieser wilden Jagd kann er aber auch nicht bleiben; er geht hier zu Grunde. Die starken Geister rauben den schwachen ihren Gott und ihr Geld, und ersetzen ihnen das geraubte Gut in einer kläglichen Weise. Das Beste behalten sie für sich und müssen’s wohl. Sollen sie etwa ihre Glücksgüter vertheilen und in alle Welt gehen, um das neue Evangelium zu predigen? — Die hochlöbliche Polizei würde sie als Vagabunden aufgreifen und ihrem apostolischen Amte schnell ein Ende machen. Was ist auch mit Predigen und Geldvertheilen zu bewirken! Könnte man den Menschen ihre Glückseligkeit so leicht verschaffen, so hätten es die Christen gethan. Das ist ja eben das Unglück, daß die Menschen bis jetzt meinten, ihre Glückseligkeit könnten sie als Einzelne und von Außen oder von Oben her stückweise sich verschaffen! Nein, die Menschen können nicht eher genesen, nicht eher ihr theoretisches und praktisches Leben frei und vollständig entwickeln, als bis sie sich sämmtlich vereinigen, die Erziehung und die Arbeit organisiren, in Gemein¬schaft leben und den äußerlichen Plunder fahren lassen.
Es ist weder die Schuld der Einen, noch der Andern, wenn die Menschen in diesem geistigen und materiellen Überfluß geistig und materiell in Elend gerathen und darben; es ist die Schuld ihrer Trennung. Durch die Trennung der Menschen befindet sich ihr theoretisches und praktisches Vermögen über und außer ihnen; es bleibt dem Zufalle unterworfen, ob und was sie sich von ihrem Vermögen aneignen, und die An¬eignung selbst ist eine äußerliche, eine blos scheinbare. Im Gelde besitzen sie nur den Schein ihres praktischen Vermögens. Dieser Schein, der für aufgehäufte menschliche Arbeit gilt, kann ebensowohl und am Besten ohne alle sociale Thätigkeit, ohne alle Arbeit, von Börsen- und Bankspielern, von Spekulanten, Wucherern, Betrügern und Räubern, endlich durch den bloßen Zufall der Geburt erworben — wie andrer¬seits trotz aller Mühe und Arbeit nicht erworben, und trotz aller Sparsamkeit wieder verloren werden. — Eben so besitzen sie in Gott nur den Schein ihres theoretischen Vermögens. Gott passirt für den Inbegriff aller Güte, Liebe, Gerechtigkeit, kurz, für aufgehäufte geistige Humanität, wie das Geld für aufgehäufte menschliche Arbeit; der fromme Gottesmann besitzt in der Gnade des Herrn ein „Kapital“, einen ganzen Haufen Humanität. Aber es ist ein äußerlicher Besitz, ein scheinbares Eigenthum. Dieser Schein kann ohne alle ächte humane Bildung, von rohen Barbaren, von Feig¬lingen, Verworfenen und Niederträchtigen, ja, von diesen noch am Besten, erworben, andrerseits aber auch trotz aller frommen Anstrengungen nicht erworben, und end¬lich trotz aller frommen Übungen wieder verloren werden (ganz so wie der praktische Gott oder das Geld), wie dies die größten Meister in der Frömmigkeit, die Pietisten, selbst eingestehen. —
Sind dagegen die Menschen gesellschaftlich vereinigt, so brauchen sie sich ihr theoretisches und praktisches Vermögen nicht äußerlich anzueignen, um selig und glücklich zu sein, so haben sie nicht nöthig, sich privatim die menschliche Arbeit und Tugend stückweise, haufenweise einzusammeln, um davon zehren, um geistig und leiblich damit leben und wirken und wuchern zu können. — Die Gesellschaft garantirt Jedem sein theoretisches und praktisches Vermögen, sein menschliches Eigenthum, durch organisirte Erziehung und Arbeit, und diese Garantie ist eine ganz andere als die Garantie, welche Gott und seine Kirche den Frommen leistet, als die Bürgschaft, welche das Geld und der Industriestaat, das Staatsbürgerthum gewährt. Das menschliche Vermögen ist alsdann kein äußerlich erworbenes, und dessen Ge¬winn oder Verlust nicht zufällig. Wer menschlich erzogen, human gebildet ist, kann nicht mehr ein Unmensch werden, besonders dann nicht, wenn ihm, nachdem er ausgebildet ist, im praktischen Leben die Gelegenheit geboten wird, in menschlicher Weise, in humanen, socialen Wirkungskreisen thätig zu sein — besonders dann nicht, wiederholen wir, wenn er auch sein praktisches Vermögen nicht äußerlich zu er¬werben braucht, wenn er nicht nur in menschlicher Weise denken und fühlen, sondern auch nur in dieser Weise leben und wirken kann. Denn allerdings wäre auch die beste Erziehung keine Garantie vor der Unmenschlichkeit, wenn, wie jetzt, das praktische Leben die Menschen zwänge, in egoistischer Weise thätig zu sein, für Lohn oder Gewinn zu arbeiten, sich bei aller Thätigkeit als letzten Zweck zu betrachten, wodurch die nied¬rige Gesinnung, die Hab- und Genußsucht, so wie alle erdenklichen Laster genährt werden, welche dann endlich reifen und ihre giftigen Früchte tragen. Die Keime aller Laster liegen (nicht im menschlichen, sondern) im unmenschlichen, im antisocialen Leben, und es ist nicht genug, die menschliche Natur auszubilden, sie muß auch einen Boden haben, auf dem sie gedeihen kann, sonst stirbt sie ab, und an ihre Stelle tritt das¬jenige Wesen oder Unwesen, welches diesem Boden entspricht. Klagt nicht die mensch¬liche Natur an, wenn Ihr Bosheit, Dummheit, Niederträchtigkeit, Unglück und jede Art von Elend in unserer Gesellschaft findet — klagt die unmenschlichen Verhältnisse an, die das beste, humanste, thätigste Geschöpf in Elend und Laster stürzen können.
Hier wäre der Ort, einen bis zum Überdruß wiederholten Einwurf — der übrigens auch unter die Kategorie der andern Einwürfe zu bringen, welche man gegen den Socialismus erhebt — speciell zu beseitigen. Man sagt nämlich, der Socialismus verkenne die menschliche Natur; er setze andere, als gewöhnliche und wirkliche Menschen voraus u. s. w. Wir werden diesem weiter unten begegnen und wollen zunächst eine Illusion zerstören, die man besonders in Deutschland hegt, die Illusion, als wäre die Erziehung allein, ohne Aufhebung des Privaterwerbes, schon hinreichend, alle gesellschaftliche Noth zu heben. Das ist eine ächt deutsche Illusion! Sie ist so durchaus unpraktisch, daß sie in einer andern, als der deutschen Nation, gar nicht aufkommen kann. Man spricht hier viel von der „Hebung der untern Volksklassen“. Die Frommen verstehen einen frommen, die Philosophen einen philosophischen Un¬terricht darunter, der dem „Volke“ zu ertheilen. Man geht allenfalls auch noch weiter und verlangt eine praktische Ausbildung der Kinder armer Leute zu irgend einem Gewerbe, einer Industriebranche, d. h. man spricht auch davon — denn weiter, als zum Sprechen, kann man es in Deutschland nicht bringen. — Ange¬nommen nun, was gar nicht anzunehmen, angenommen, Ihr hättet in unsern Zu¬ständen alle die Mittel, welche zu einer allgemeinen und unentgeltlichen Erziehung und Bildung der Kinder armer Altern nöthig wären — glaubt Ihr dann, wenn Ihr das theoretische Vermögen der Menschen, Talente und Fähigkeiten, entwickelt, ihnen damit auch ihr praktisches Vermögen, die Anwendung jener Talente und Fähigkeiten verschafft zu haben? Werden sie sich minder gegenseitig ausbeuten, betrügen und berauben, wenn die Concurrenz der Talente und Fähigkeiten zunimmt? — O, Ihr Theoretiker! Ihr sprecht von den Lastern des „niedern Volkes“ und meint, wenn nur einmal mehr „Bildung“, dann wird auch mehr Wohlstand, und wenn nur einmal mehr Wohlstand, dann wird auch mehr „Bildung“ hier sein. — Sagt uns doch zuerst, was Ihr unter „Bildung“ versteht. Die wahre Bildung, die ächte Humanität wird in diesem Kampfe von Privaterwerbern stets den Kürzern ziehen; denn sie verschmäht die Mittel, welche angewendet werden müssen, um sich ein „anständiges“ Vermögen zu verschaffen. Die falsche Bildung aber, welche den Menschen zum gebildeten — Raubthier macht, kann immer nur den Einen auf Kosten des Andern bereichern. Ihr findet daher öfter die Unwissenheit als die „Bildung“ mit ächter Humanität gepaart, öfter den „Wohlstand“, als die Armuth, in tiefster Seele inhuman und nie¬derträchtig. — Wie Ihr Euch daher auch mit Eurer Volksbildung anstellen möget, Ihr werdet das physische und moralische Elend nicht vermindern, sondern vermehren, wiefern Ihr nicht gleichzeitig die Quelle alles Elendes und jedes Lasters, den egoisti¬schen Privaterwerb aufhebt.
Der Socialismus hat bis jetzt sein letztes Wort noch nicht ausgesprochen; in Frank¬reich war man zu wenig theoretisch und vernachlässigte seine humanistische, wie in Deutschland seine praktische Seite. Der Socialismus war einerseits von Außen daran verhindert und ist andrerseits zu inhaltreich, um mit einigen Formeln sein ganzes, volles Wesen geben zu können; er wird sich erst vollständig im Leben entwickeln können. — Ihr, Gegner des Socialismus, habt freilich Euer letztes Wort ausge¬sprochen; es hat Euch Niemand verhindert, zu sagen, was Ihr wißt, und zu thun, was Ihr könnt. Ja, wir sind noch Anfänger; Ihr aber seid keine Anfänger mehr, — Ihr seid längst mit Eurer Weisheit zu Ende!
Dictirt es Euren Scribenten, daß wir aus Menschen Götter machen wollen, daß wir nur Materialismus und Genußsucht predigen. Wir glauben allerdings, daß die menschliche Natur trotz aller religiösen und politischen Ökonomie noch nicht ganz vertilgt ist. Ja, wir machen aus Unmenschen Menschen und hoffen damit vollstän¬diger zu reussiren, als Ihr, die Ihr aus Menschen Unmenschen machen wollt, als Ihr, die — unter dem gleißnerischen Schein der Humanität, Frömmigkeit und Ar¬beit — den Materialismus und die Genußsucht, den Egoismus und die Habsucht predigen laßt. — Ja, wir wollen der Menschheit ihren Gott, ihr entäußertes Vermö¬gen, ihr Wesen zurückgeben, ihr Wesen, das sie bis jetzt thierisch genossen hat, wie das Raubthier im Blute sein eigenes, aber entäußertes Wesen genießt. — Ja, wir glauben, daß die Menschen noch einen höhern Beruf haben, als sich gegenseitig aus¬zubeuten — auf Erden, d. h. in der Wirklichkeit, nach Privatglück, und im Himmel, d. h. in der Theorie, nach Privatseligkeit zu streben — diesseits für irdischen Lohn dem Teufel, und jenseits für himmlischen Lohn dem Gotte zu dienen. — — — Es ist Euch gesagt worden, man könne nicht zweien Herren zugleich dienen, Gott und dem Mammon. Wir aber sagen Euch, daß man keinem von beiden zu dienen habe, wenn man menschlich denkt und fühlt. Liebt Euch unter einander, einiget Euch im Geiste, und Ihr besitzt jenes selige Bewußtsein, welches Ihr solange vergeblich über Euch, in Gott suchtet, in Eurem Herzen. Organisirt Euch, einigt Euch in der Wirklichkeit, und Ihr besitzt alles Vermögen, das Ihr so lange vergebens außer Euch, im Gelde suchtet, in Euren Thaten und Werken. — Solange Ihr aber nicht dahin strebt, Eure eigne Natur zu entwickeln, solange Ihr nicht nach dem menschlichen, sondern nach einem übermenschlichen und unmenschlichen Wesen strebt, ist es ganz natürlich, daß Ihr Übermenschen und Unmenschen werdet, verächtlich auf die menschliche Natur, die Ihr nicht erkannt habt, herabseht und die „Masse“ wie eine wilde Bestie behandelt. Das Thier, welches Ihr im Volke seht, ist in Euch selbst. Das „Volk“ ist trotz Eurer eifrigen Verdummungsbestrebungen nicht so gesunken, wie Ihr Euch dasselbe vorgestellt — Ihr stellt Euch in ihm nur Eure eigne tiefe Gesunkenheit vor. Wenn Ihr wegwerfend vom „Volke“ sprecht, so spricht nur Euer böses Gewissen aus Euch. — Ein „ungebildeter“ Bauer, ein „gemeiner“ Arbeiter denkt menschlicher, als so ein „Gebildeter“, der den Menschen nur durch die Brille seines bewußten und consequenten — Egoismus ansieht.
Wir wollen Euch nicht anklagen — Ihr seid unzurechnungsfähig — wir wollen Euch nur abwehren, damit Ihr uns nicht auch den letzten Rest von Menschlichkeit auf Erden vertilgt, damit unsere schöne Erde, „nicht ganz und gar verdorrt“ oder vielmehr versumpft!
Nein, wir wollen das Richteramt an Euch nicht ausüben; aber die Zeit, die Euch gerichtet, wird auch ihr Urtheil an Euch vollstrecken. Es wird ein Gericht über Euch hereinbrechen, gleich dem jüngsten Gerichte der alten Welt. Wie die alte Cultur unter den Schlägen der Barbaren zusammenbrach, weil sie die Barbaren nicht selbst vermenschlichen konnte, so wird die moderne Cultur unter den Schlägen von moder¬nen Barbaren zusammenbrechen, weil sie die Barbaren noch immer nicht vermensch-lichen kann. Die himmlischen und irdischen Schranken, die Ihr nicht überschreiten könnt, werden krachend über Euch zusammenstürzen und Euch absorbiren, weil Ihr sie nicht absorbiren konntet. Ihr habt es lange vergeblich versucht sie zu absor¬biren. Der egoistische Mensch fühlte schon früh, nach dem Untergange der alten Welt, das Bedürfniß, jene ihm äußerlich gebliebene Macht seines eignen Wesens (sein Gattungsvermögen) in sich aufzunehmen. Aber er konnte es bei der Vorausset¬zung ihrer Äußerlichkeit auch nur zu einem äußerlichen Absorbiren derselben brin¬gen; er wollte sich dieselbe zuerst in seinen Magen, sodann in seine Tasche spielen. Aber sowohl mit der theoretischen, wie mit der praktischen Taschenspieler¬kunst, täuschte er sich nur selber. Wie der theoretische Gott nicht dadurch in die Menschen einkehrte, daß der Gläubige ihn in der Form des Brodes und Weines zu sich nahm, so kehrt auch der praktische Gott nicht in die Menschen ein dadurch, daß der Gläubiger ihn in der Gestalt des Geldes zu sich nimmt. — Das Gattungs¬vermögen ist den Menschen, die es auf diese Weise zu sich nahmen, den Frommen und Reichen, den Gläubigen und „Gebildeten“, nach wie vor ein jenseitiges geblieben; es schlummert nach wie vor in den „Barbaren“, im „Volke“, in der Masse der Pro¬letarier — und der Augenblick, in dem diesen ihre eigne wirkliche Macht, im Gegen-satze zu dem Scheine ihrer Macht, der von den Frommen und Reichen in Beschlag genommen wird, zum Bewußtsein kommen wird — er ist nicht mehr fern — dieser Augenblick wird der letzte der jetzigen Scheinwelt sein.
Wir werden nichts durch ihn verlieren, weder an Freiheit, noch an Vermögen, weder an Bildung, noch an Reichthum; weder die künstlerische und wissenschaftliche Thätigkeit, noch die industrielle Arbeit und Lebhaftigkeit des Verkehrs wird durch ihn leiden, sondern was wir bis jetzt von allen diesen Gütern nur scheinbar und äußerlich, zufällig und in unmenschlicher Weise besitzen, wird wirkliches, unveräußerliches, wahrhaft menschliches Eigenthum aller Gesellschaftsglieder werden. Der Socialismus hebt in Wahrheit nur den Gegensatz von Privatmensch und entäußertem Gemeinwesen, also nicht sowohl das persönliche, als vielmehr das entäußerte Eigenthum auf. Indem er die theoretische und praktische Thätigkeit in ihrem Wesen, als das Zusammenwirken der verschiedenen Individuen erfaßt, so tritt dieses Wesen nicht mehr als Gott und Geld, als ein äußerliches Gut den Menschen gegenüber; es wird ein organisch mit ihnen verwachsenes Eigenthum. Der Mensch hat nicht mehr nöthig, sich sein Wesen durch Lohndienerei zu erwerben, wie jetzt, wo es von ihm getrennt ist und er nach ihm, wie ein Erstickender nach Luft, haschen muß, um sein erbärmliches Dasein zu fristen, zu conserviren, wie man einen Leichnam conservirt, indem man ihn in Spiritus setzt; das Wesen ist in ihm und jeder Einzelne ist nun fähig, zu leben, theoretisch und praktisch seinem innersten Wesen nach thätig zu sein. Die Thätigkeit ist nun auch keine bloß formale mehr, welche ihren Inhalt außer sich hat; das Material, Lebensmittel, ist vom Leben, von der Thätigkeit, nicht mehr getrennt; Produktion und Consumtion, Arbeit und Genuß, fallen nicht auseinander; der Genuß ist in der Arbeit. In unserer Scheinwelt ist es anders. Wenn ich arbeite, weil ich arbeiten muß, um meinen sogenannten Lebensunterhalt, d. h. meine von mir abgezogene Lebensessenz, mein Wesen, zu gewinnen, dann bin ich nicht aus innerem Lebenstrieb, Lebenslust, kraft meines eigenen Wesens thätig — denn dieses ist mir ja entzogen, entfremdet, entäußert, eine äußerliche, abgezogene Essenz — sondern durch die Noth getrieben, mir mein Wesen zu erwerben. Ich werde zwar immerhin von diesem Wesen bestimmt; aber da es abgezogen und entäußert ist, so werde ich von einem mir äußerlichen Wesen bestimmt — und jede äußerliche Bestimmung ist Zwang, Noth, Unfreiheit; nur die innere Selbstbestimmung ist Freiheit, Selbstständigkeit. — Die Noth- und Sklavenarbeit, in welcher nicht nur unsere Proletarier, sondern auch die reichsten Bankherren befangen und gefangen sind — denn sie sind allesammt Sklaven des Geldes, obgleich diese Sklaverei bei den Einen mehr in die Erscheinung tritt, bei den Andern mehr in der Seele ist — diese Sklavenarbeit, sagen wir, hört nicht eher auf, als bis das Wesen, welches uns zur Thätigkeit bestimmt, in uns ist, bis wir uns selbst bestimmen. Mein Wesen, mein Selbst, ist mir aber nur dann nicht entfremdet, wenn ich nicht mehr als isolirtes Individuum, sondern als gesellschaftlicher Mensch, als Mensch im wahren Sinne des Wortes, als Gattungsmensch, d. h. in Verbindung mit meinen Nebenmenschen lebe oder thätig bin; denn das Selbst, das Wesen des Menschen ist das Leben in Gesellschaft, das Leben überhaupt ist das Zusammenwirken der individuellen Kräfte und die Unfreiheit aller lebenden Wesen, außer dem menschlichen, besteht eben darin, daß jenes Zusammenwirken der Individuen von diesen ohne Bewußtsein, ohne Willen geschieht. Solange das auch in der Menschengesellschaft der Fall ist, unterscheidet sich die Menschenwelt wesentlich nicht von der Thierwelt.
Die isolirte Thätigkeit hat ihre Triebfeder außer sich und schlägt daher, sobald dieser äußerliche Trieb (Noth und Zwang) aufhört, in Trägheit und Faulheit um. Es ist daher auch einer der gewöhnlichen Einwürfe der Gegner des Sozialismus — die, wie gesagt, bei allen ihren Einwürfen von der Voraussetzung unserer Zustände, die der Socialismus aufheben will, ausgehen — die Trägheit und Faulheit als ein Hinderniß gegen die Ausführbarkeit des Socialismus darzustellen. Sie meinen, wenn die Noth die Menschen nicht zur Thätigkeit triebe, so würde alle Thätigkeit der Gesell-schaft aufhören. — Wenn die Imbecillität fähig wäre, das Wesen einer Sache zu be¬greifen, dann würde sie das Gegentheil von dem sein, was sie ist. Wenn die Gegner des Socialismus einsehen könnten, worin das Wesen der Noth besteht — die sich von Freiheit der Selbstbestimmung nur dadurch unterscheidet, daß hier die Triebfeder, welche dort eine äußerliche ist, eine innerliche wird — dann würden sie die ganze Lächerlichkeit jenes Einwurfs erkennen. — Die Trägheit und Faulheit ist ein Ster¬bens-, kein Lebensakt. Verkennen, daß das Leben der Menschen in der Thätigkeit besteht, heißt nicht nur das menschliche, sondern das Leben im Allgemeinen ver¬kennen.
Beiläufig mögen auch unsere Freunde nach dem eben Entwickelten die Bedeutung eines andern gewöhnlichen Einwurfes unserer Gegner würdigen, welcher die Be¬fürchtung zu erkennen gibt, in der Gesellschaft, die wir ins Leben rufen möchten, würde alle Freiheit ihr Grab finden. — Was mögen doch unsere „liberalen“ Gegner unter Freiheit verstehen?! —
Die Gegner des Socialismus sind theilweise dadurch zu entschuldigen, daß der Socialismus bis jetzt allerdings mehr ein frommer Wunsch, als etwas Reelles war; er hatte noch nicht einmal theoretische Wirklichkeit. — Die französischen Socialisten und Communisten, von St. Simon und Fourier an bis zu Proudhon und Cabet, haben das Wesen des Socialismus theoretisch keineswegs erkannt. Selbst diejenigen, die praktisch am Weitesten gehen, die nicht nur das Privateigenthum negirt haben, die auch die Arbeit nicht mehr als Lohnarbeit aufgefaßt wissen wollen, selbst die radicalen Communisten, sagen wir, sind noch nicht über den Gegensatz von Arbeit und Genuß hinaus, haben sich noch nicht zu dem Gedanken der Einheit von Produk¬tion und Consumtion, noch nicht zum Gedanken der freien Thätigkeit erhoben. Philosophisch gesprochen, ist der französische Communismus nur die Erscheinung dessen, was im Wesen der modernen Krämerwelt ohne Bewußtsein liegt; er ist das Ideal derselben. Unsere Krämerwelt selbst negirt wesentlich jedes lebendige, wirk¬liche, persönliche Eigenthum. Der Unterschied zwischen dem Communismus und der Krämerwelt ist nur der, daß die vollständige Entäußerung des wirklichen mensch¬lichen Eigenthums, dieses Faktum unserer Krämerwelt, so wie die nothwendige Folge dieser Entäußerung, der äußerliche Erwerb — im Communismus aller Zufällig¬keit enthoben, d. h. idealisirt werden soll. Wir wollen uns hierüber deutlicher erklären.
Es gibt ein Eigenthum, wahr und wirklich, wie das individuelle Leben überhaupt — außer dem es kein Leben und kein Eigenthum gibt. Wir meinen das mit dem gesell¬schaftlichen, d.h. selbstbewußten Wesen eben so innig verwachsene Material zum socialen Leben und Wirken, wie das mit dem natürlichen Körperleben verwachsene Material zu dem körperlichen Leben und Wirken. Wer dieses wahre und wirkliche, dieses lebendige, beseelte Eigenthum angreift — wer z. B. den Körpern ihre Glieder oder ihre Nahrungsmittel im weitern Sinne, Luft, Speise u. s. w. entzieht — ist ein Raubmörder. Ein solches Eigenthum wird aber in unserer Gesellschaft, die von der Heiligkeit und Unantastbarkeit des Eigenthums spricht, nicht anerkannt. — Es gibt ein anderes Eigenthum, lügenhaft und nichtig, ein Schatten, ein Phantom, ein Schein von Eigenthum — wie ein todter Leichnam das Phantom eines lebendigen, beseelten Körpers ist. Wir meinen das vom Producenten, von seiner Seele getrennte Produkt. Dieses ist kein Eigenthum mehr; es ist ein von seiner Seele getrennter Körper, eine abstrakte, entseelte Materie. — Dieses abstrakt materielle Gut, dieses todte Eigenthum ist das jetzt bestehende, welches für heilig und unantastbar erklärt wird. — Das bestehende Eigenthum ist nicht verwerflich, weil es persönlich, indivi¬duell, mit dem Individuum verwachsen ist; es ist vielmehr umgekehrt nur deshalb verwerflich, weil es nicht persönlich, nicht individuell, nicht mit dem Individuum verwachsen, sondern von ihm getrennt, abgezogen ist und als abgezogenes, ganz und gar entäußertes, allgemeines Lebens- oder Verkehrsmittel, als äußerliches Vermögen, als Geld, dem Individuum äußerlich gegenüber steht. Dieses Eigenthum, dieses scheinbare Vermögen ist dasselbe in der politischen Welt, was Gott in der religiösen Welt ist. — Gott und Geld regieren die Welt, ja wohl, die Welt der Gläubigen und Krämer, die Alles, was sie in sich, entäußert haben, und die daher selbst zu Objecten herabsinken, welche veräußerlich, verkäuflich sind.
Die französischen Socialisten und Communisten sind noch keineswegs über diese heillose, dualistische, transcendente Weltanschauung hinaus. Die Besten unter ihnen verkennen noch, daß das Verwerfliche am bestehenden Eigenthum, welches zunächst zwar in der Trennung, d. h. Isolirung der Besitzer zu suchen ist, eben so sehr und wesentlich in der Entäußerung, in der Äußerlichkeit des Besitzthums oder in der Trennung der Besitzer von ihrem Besitzthum gesucht werden muß. Diese letztere Trennung bleibt im französischen Socialismus und Communismus, im gemeinschaft¬lichen Besitz von materiellen „Gütern“, in der sogenannten „Gütergemeinschaft“, nicht minder wie im Proudhon’sehen „Besitzrecht“ und in unserm „Eigenthums-recht“, aufrecht erhalten. Die nothwendige Folge ist, daß im französischen Socialis¬mus und Communismus einer äußerlichen, mechanischen, gleichen „Vertheilung“ der „Produkte“ und der „Arbeit“ nicht entgangen werden kann. Denn wo der Her¬vorbringung der materiell aufgefaßten „Güter“, d. h. wo der „Arbeit“, der „Genuß“ entgegensteht, wo Produktion und Consumtion, Leben und Lebensmittel, auseinander fallen, da kann sehr wohl das Eine ohne das Andere gedacht und gewollt werden. Das Eine, der Genuß der Lebensmittel, die Consumtion, erscheint hier als Zweck; das Andere, die Arbeit oder die Hervorbringung der Lebensmittel, erscheint als Mittel, und ich kann sehr wohl den Zweck, den Genuß, ohne das Mittel denken und wollen. In unsern gegenwärtigen Zuständen, welchen ebenfalls diese abstrakte, mechanische, todte Anschauungsweise zu Grunde liegt, sorgt wenigstens die Tren¬nung der Besitzer (aus welchen die andere Trennung erst hervorgegangen und ohne welche diese letztere in der That gar nicht aufkommen kann und wird), sorgt die Noth des Lebens dafür, daß es keinen Mangel an Arbeitern gibt, daß das sociale Leben fortschreitet trotz der Isolierung, trotz der Entäußerung. Es ist zwar auch hier ein Mißverhältniß zwischen Produktion und Consumtion, jedoch so, daß die Erstere die Letztere stets übersteigt; es gibt jetzt mehr Arbeiter als Arbeit, welche letztere oft fehlt, während an Arbeitern Überfluß ist. Das Umgekehrte würde ohne Zweifel in einer communistischen Gesellschaft stattfinden: an Arbeit würde es nicht, aber an Arbeitern würde es fehlen. Dieser Einwurf, den wir oben vom wahren socialistischen Gesichtspunkte aus leicht beseitigen konnten, ist so alt, wie der Communismus selbst, aber von diesem so wenig beseitigt worden, daß die Gegner des französischen Communismus in der That zu entschuldigen sind. Die Communisten waren zwar stets auf Auskunftsmittel bedacht, wie ein richtiges Verhältniß zwischen Arbeit und Genuß herzustellen sei. Alles aber, was sie hierüber sagen konnten, lief darauf hinaus und mußte darauf hinauslaufen, die Arbeit und den Genuß möglichst gleichmäßig zu vertheilen — und wie scharfsinnig auch diese „Vertheilung“ von Einigen aus¬gesponnen worden (man s. Weitling), so konnte doch aus einem äußerlichen Zahlen-verhältniß wie es durch das äußerliche Verhältniß von Arbeit und Genuß nothwendig bedingt ist, keine lebendige Organisation entstehen. Was dagegen unvermeidlich daraus entstehen müßte, wäre die Vernichtung aller Freiheit, der Rückfall in einen orientalischen Despotismus oder in einen sonstigen bereits überwundenen Zustand der Herrschaft und Knechtschaft. Den Menschen müßte ihre Arbeitszeit und ihre Arbeit selbst, wie den Sklaven vorgeschrieben werden. Die jetzigen Zustände stellen so hoch über dieser gezwungenen Gemeinschaft von Sklaven, wie die organi¬schen (zukünftigen) Socialzustände über den unsrigen.
Andere französische Socialisten, wie Fourier, Proudhon, Thoré, auch Louis Blanc und die sogenannten Reformisten, kurz, alle diejenigen, die noch nicht über die Categorie der Lohnarbeit hinaus gekommen sind, bemühen sich vergeblich, die an sich falsche und inhumane äußerliche Werthbestimmung der menschlichen Thätigkeit auf wahre und gerechte Grundlagen zurückzuführen. Wie sehr man sich auch bei dem eben erwachten Gefühle der Mangelhaftigkeit unserer socialen Zustände gegen die freie Concurrenz auflehnt, so kann doch die äußerliche Werthbestimmung der mensch¬lichen Thätigkeit sich nach keinem bessern, d. h. sachgemäßem, zweckmäßigem Maßstabe reguliren, als nach dem Verhältniß von Nachfrage und Zufuhr bei voll¬ständig freiem Verkehre. — Eben so wenig läßt sich, solange der Lohn der Arbeit als äußerliche Belohnung gefaßt wird, das heutige Wuchersystem und Geldwesen auf-heben, ohne einen Rückschritt zu einem rohern, barbarischem socialen Zustande, als der jetzt bestehende.
Es ist die Aufgabe, einen socialen Zustand zu schaffen, in welchem Jeder den Lohn für seine sociale Thätigkeit in dieser selbst sucht und findet. Eine Aufgabe ist aber schon halb gelöst, sobald sie richtig gestellt ist.
Man sagt, die Tugend trage ihren Lohn in sich. Was ist aber Tugend? — Thätigkeit aus innerm Antriebe, beim Menschen, Thätigkeit aus menschlichem Antriebe. Folge ich in meinen Handlungen, meinem innern Menschen, der Stimme meiner eigensten Natur oder meines Wesens, verläugne ich in meinem Leben meinen Charakter nicht, so bin ich ein tugendhafter, d. h. ein wahrer Mensch. Geschieht die Arbeit aus innerm Antriebe, so ist sie die Tugend selbst, freie Thätigkeit, die ihren Lohn in sich trägt. Geschieht sie aus äußerm Antriebe, mag dieser äußere Antrieb die Peitsche des Sklavenbesitzers, der Hunger des Proletariers, die Habsucht des Krämers oder Bankiers, der Wille eines Despoten oder auch nur die abstrakte Genußsucht sein — hat die Thätigkeit ihren Bestimmungsgrund, ihre Triebfeder, außer sich, so ist sie eine Last oder ein Laster. Was ist Laster? — Der Zwang, den ich meiner innern menschlichen Natur anthue, indem ich mich durch äußere Mächte — wirkliche oder eingebildete — zur Thätigkeit bestimmen lasse, erniedrigt und erdrückt mein wahres Leben. Der Mensch, der den Lohn für seine Arbeit von Außen empfängt, ist ein Lastthier, dessen letztes und höchstes Strebeziel der Stall ist. — Gleicht der Mensch im wilden Zustande (im Naturzustande) der wilden Bestie, so gleicht der zahme, civilisirte Mensch der Hausbestie. — Glücklich, wenn er als Lohn für seine Arbeit eine bequeme Stallfütterung erhält!
Der Hausbestie gliche er auch in einer communistischen Gesellschaft a la Cabet u.s.w., mit dem Unterschiede nur, daß er hier seine Stallfütterung bequemer haben soll; er erscheint hier als idealisirte Hausbestie. Das Ikarien des Herrn Cabet ist das Ideal eines Schaafstalls, schrieb mir einmal ein Freund. Unsere heutige Gesellschaft ist freilich nicht blos ein Stall; sie ist zugleich ein Schlachthaus, wo man sich lebendig die Haut abzieht und gegenseitig aufzehrt.
Übrigens geziemt es uns Deutschen nicht, deshalb hochmüthig auf die Franzosen herabzusehen, weil wir in der Theorie weiter gehen, als sie. Die Franzosen haben uns in der Praxis bis jetzt überflügelt und werden uns auch in der socialistischen Bewegung, trotz unsrer bessern Theorie, praktisch überflügeln.
Die Franzosen denken falsch, handeln aber richtig. Umgekehrt die Deutschen. Ihnen fehlt der praktische Blick, die Kühnheit, Frische und Energie des Entschlusses, der zum Handeln, zur That führt. Sie wollen vorher Alles genau abzirkeln, aufs Haar berechnen, was dabei herauskommt, wenn sie sich einer Idee hingeben. — Ich kannte einen Deutschen, einen klaren Denker und ganz entschiedenen, radikalen Socialisten, der eine der gräulichsten Geschichten aus unserm gesellschaftlichen Elend anhören und weiter erzählen konnte, ohne eine Muskel zu verziehen. Er war ein Feind von jeder nutzlosen Bewegung — und nutzlos nannte er jede Bewegung, die nicht unmittelbar zum Ziele führt. Er glaubte, der Socialismus könne erst dann in’s Leben zu treten — anfangen, wann das richtige Bewußtsein vom gesellschaftlichen Leben das Bewußtsein der Majorität wäre, und er glaubte, ausrechnen zu können, wie viel Zeit dazu erforderlich sei, bis dieses geschehen. — Das ist Deutschland.
Ich kannte auch einen Franzosen, einen Revolutionär von Blut, der alle Emeuten seit 1830, in Paris und mehrern großen Städten der Provinz, selbst mitgemacht hat. Er kämpfte gegen die Legitimisten, gegen die jetzige Regierung, zuerst für die Re¬publik, zuletzt für die socialistischen Ideen. Wenn er von dem Elend des Volkes erzählen hörte, war er bewegt bis zu Thränen, der Verzweiflung nahe — aber seine Verzweiflung führte ihn nicht zu sentimentalen Grübeleien; sie kräftigte nur seinen Entschluß, sie erhöhte nur seine Ungeduld, sie befestigte in ihm nur die Überzeugung, mit der bestehenden gesellschaftlichen Misere einen blutigen Kämpf auf Leben und Tod einzugehen. — Das ist Frankreich.
Die Franzosen experimentiren. Erst wenn sie durch ihre praktischen Experimente zur Wahrheit des Socialismus hindurch gedrungen sein werden — und das werden sie vielleicht schneller, als unsere Philosophen sich’s träumen lassen, denn die Praxis entwickelt ihre Consequenzen mit gleicher Nothwendigkeit, wie die Theorie: ordo et connexio rerum idem est ac ordo idearum — dürfte es uns gegönnt sein, unsere Theorie zu verwirklichen.