(H. Graetz, Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Band 1-6.)

 

Das Gebäude der modernen Gesellschaft, das sich heute auf den Grundsätzen von 1789 zu erheben beginnt, basiert auf einem Fundament, dessen ersten Stein, dessen Grundstein Israel und dessen letzten, dessen Schlussstein Frankreich bildet.

Die Geschichte der Begründung dieser Gesellschaft, die nichts anderes ist als die Geschichte der ganzen Menschheit, obwohl sie bis jetzt nur einen Bruchteil von ihr umfasst, habe ich „Die heilige Geschichte der Menschheit“ genannt; es ist der Titel eines kleinen deutschen Werkes, das ich in meiner Jugend im Jahre 1837 veröffentlicht habe und das nur das Verdienst hat, eine Geistesrichtung aufzuzeigen, über die ich mir erst sehr viel später Rechenschaft geben konnte.

Nach den Studien und Erfahrungen, die ich seitdem habe machen können, muss ich sie noch so nennen, da ich überzeugt bin, dass sie einst das heilige Objekt des Kultus aller Völker sein wird.

Die heilige Geschichte ist eine Eigentümlichkeit des hebräischen Volkes. Weltliche Geschichtschreiber gab es unter den Israeliten des Altertums fast gar nicht Als Entgelt haben sie uns unsere heiligen Schriften gegeben, die für unser Volk und für die Menschheit eine reiche Quelle der Geschichte, sowie des moralischen und religiösen Lebens bilden. Erst in der letzten Stunde unserer letzten Kämpfe mit den Römern finden sich unter uns einige weltliche Historiker, von denen Flavius Josephus der bekannteste und gelehrteste ist. Er ist aber auch am meisten verdächtig, mit den Römern in Beziehungen gestanden zu haben, welche die Feinde aller alten Nationen im allgemeinen und insbesondere der unseren waren.

Seit der Diaspora bis zur neueren Zeit haben uns sowohl weltliche, als auch biblische Geschichtsschreiber in gleichem Masse gefehlt.

Da plötzlich tauchen beide Gattungen auf. Augenscheinlich ein Zeichen der Zeit.

Ich werde noch von dem Historiker sprechen, der das französische Judentum schildert, von Salvador. Vor allem möge man erkennen, wie richtig seine Voraussicht war, als er, von seiner heiligen Fahne sprechend, sagte: „Sie wird bald kräftiger flattern unter jüngeren Händen als die meinen.“ Graetz ist gewissermassen der Fortsetzer von Salvador.

Das Charakteristische für unsere beiden modernen Historiker ist, dass sie gleichzeitig weltliche und biblische Geschichtschreiber sind. Ihre Tendenzen und ihre Vorurteile sind dieselben wie die unserer alten biblischen Historiker, sie haben denselben Patriotismus, dieselbe Gerechtigkeitsliebe, die in unserem Gesetze verkörpert ist, dieselbe Empfindung für das glorreiche Schicksal, das dem Volke des Gesetzes und durch dieses allen Völkern der Erde vorbehalten ist, und schliesslich denselben Glauben an den Gott der Geschichte. Aber diese Tendenzen und diese Vorurteile hindern sie nicht, einen unparteiischen, treuen und genauen Bericht zu geben von der Gesetzgebung, der Literatur, den Lehren, der Tradition, dem Heroismus und dem Martyrium Israels — das ist alles, was man von klassischen Historikern verlangen kann.

Nicht ein Winkel in dem Herzen unseres Volkes während seiner Entwickelung im Altertum und im Mittelalter bleibt den sorgfältigen Untersuchungen von Graetz verborgen. Er vereinigt zwei Eigenschaften, die für einen verdienstvollen Historiker unentbehrlich sind: eine unendliche Liebe zum Gegenstand seiner Studien und einen forschenden Geist von seltener Feinheit.

Gewöhnlich verlangt man von dem Historiker eine kalte Unparteilichkeit. Aber wenn man die unsterblichen Werke der griechischen und römischen Geschichtschreiber studiert, ebenso wie die unserer biblischen Historiker, deren Eigenschaften sich bei unserem jüdischen Autor vereinigt finden, erkennt man leicht, dass das Auge der Liebe, wie das des Hasses, viel scharfsichtiger ist als die Gleichgiltigkeit, die sich Unparteilichkeit nennt. Man vergleiche die Werke von Jost mit denen von Graetz über dasselbe Thema. Welch ein Unterschied! Dort sieht man trockene Nebel kalter Reflexion über allen Situationen lagern und die Leidenschaften des historischen Dramas verschleiern, in dem unser Volk eine aktive oder passive Rolle gespielt hat. Hier fühlt man den Pulsschlag des Herzens der Zeitalter, aus denen das Leben unseres Volkes durch die Jahrhunderte hindurch besteht.

Graetz hat nicht künstlich getrennt, was untrennbar mit einander verbunden ist, die sozialen Ereignisse und die Entwickelung der Gedanken in der Geschichte des jüdischen Volkes. Aber selbst bei diesen Ereignissen weiss er diejenigen hervorzuheben, die im guten oder bösen Sinne den grössten Einfluss auf die Entwickelung des Volksgeistes gehabt haben. Mit einer Instinktsicherheit einer über das Schicksal ihrer Kinder wachenden Mutter erkennt er die historischen Partieen, die den Keim eines Fortschrittes oder andererseits eines Verfalles enthalten, Partieen, die er mit Meisterhand auf dem Vordergrunde entwirft; während andere Partieen, die einen untergeordneten Einfluss auf unsere historische Entwickelung hatten, sich in den Perspektiven des vor unseren Augen entrollten grossen Gemäldes verlieren.

Zwei Epochen sind inmitten dieser grossen historischen Periode zu unterscheiden, welche uns der Autor, von den Zeiten der Hasmonäer beginnend, durchschreiten lässt. Die erste ist gewissermassen die Einführung in das Judentum des Mittelalters und die Wiege des Christentums, die zweite bereitet langsam das moderne Judentum vor, bis zu welchem der Autor jedoch noch nicht gekommen ist, weil der letzte bisher veröffentlichte Band über das 15. Jahrhundert noch nicht hinaus geht.

Indem der Verfasser uns das Eindringen des Hellenismus in Judäa vorführt, die Berührung der beiden vorgeschrittensten Zivilisationen des Altertums, die daraus folgenden Zusammenstösse, die gegenseitigen Kämpfe, die Reaktionen des Judaismus gegen den griechischen Geist, von dem die Juden durchdrungen waren, in der Verteidigung des mosaischen Gesetzes und der Religion der Propheten, lässt er uns der Entstehung dieser politischen Parteien beiwohnen, aus denen nach der Zerstörung aller alten Nationalitäten durch die Römer und ihre Erben einerseits das dogmatische Christentum, andererseits das talmudische Judentum hervorgegangen sind.

Aber mitten in der tiefen Finsternis des Mittelalters setzen sich die Araber, nachdem sie in den Orient und Occident eingedrungen sind, in Spanien fest und pflegen dort Kunst und Wissenschaft. Die Juden arbeiten an der arabischen Zivilisation lebhaft mit, und dort entwickelt das Judentum die ersten Keime einer Regeneration, die durch Verfolgungen und fanatische Reaktionen noch lange unterdrückt, aber nicht vernichtet werden wird.

Man kann die Geschichte der Juden von den Hasmonäern bis zur Gegenwart in zwei Teile teilen, entsprechend den beiden Epochen, die ihre Ausgangspunkte bilden; die Ausstrahlungen an Wärme und Licht dieser beiden Brennpunkte erfüllen die ganze Geschichte des Judentums während zweier Jahrtausende. So wie die erste Epoche die Keime des christlichen und jüdischen Mittelalters geschaffen und entwickelt hatte, birgt die zweite schon die Keime der neueren Zeiten. Zwei Juden, welche mit verschiedener Berechtigung den grössten Einfluss auf die Entwickelung des modernen Geistes im allgemeinen und des Judentums im besonderen ausgeübt haben, Spinoza und Mendelssohn, sind die natürlichen und intellektuellen Söhne dieser Epoche, welcher unser Historiker einen grossen Teil seines Werkes widmet. Man muss darin lesen über diese Kämpfe zwischen den Anhängern und Gegnern der Wissenschaft im Schosse des Judentums, die mehrere Jahrhunderte währten; man muss alle diese intellektuellen und sozialen Katastrophen unserer Geschichte kennen, seit der Herrschaft der Mauren in Spanien bis zur Verbannung der Juden und Muselmänner von der iberischen Halbinsel, um die Vergangenheit unseres Volkes zu verstehen und seine Zukunft vorzuempfinden.

Noch ein Wort über die Art der Veröffentlichung der Bände, aus denen das Graetzsche Werk besteht. Er hat nicht mit dem Anfang begonnen. Die frühesten Epochen unserer Geschichte erfordern Untersuchungen an denselben Orten, die der Schauplatz unserer Geschichte frühester Zeiten waren. Um sie richtig bewerten zu können, muss man, nach der Meinung unseres Historikers, Studien und Reisen im Orient machen, die er noch nicht hat machen können, die er aber später zu machen beabsichtigt, wenn die Verhältnisse es ihm gestatten werden. Nach der Meinung des Autors werden diese späteren Studien den Inhalt der beiden Bände bilden, welche die Geschichte des Hebräervolkes umfassen soll von den ältesten Zeiten bis zu den Tagen der Hasmonäerhelden, mit denen er den dritten Band, den ersten der bis jetzt erschienenen, begonnen hat. Er geht bis zur Zerstörung Jerusalems und enthält die Geschichte von 230 Jahren, 160 v. Chr. bis 70 n. Chr. — Der folgende Band geht bis zur Vollendung der Redaktion der Talmuds gegen das Jahr 500, entsprechend dem Zeitpunkte des Verlustes der letzten Spur von Unabhängigkeit, welche unsere Väter bis dahin in Persien genossen hatten. Die Hauptzentren der Geschichte unseres Volkes, die sich bisher im Orient befanden, werden nun nach Europa verlegt, nach Spanien, Frankreich, Deutschland und Polen.

Nach den soeben besprochenen zwei Bänden hat der Autor noch weitere vier veröffentlicht, deren letzter soeben erschienen ist. Eine chronologische Tabelle des in den sechs Bänden behandelten Materials ist ihm angefügt. Dieses Material bildet also die Geschichte der Juden von den Makkabäerzeiten bis gegen das Ende des XV. Jahrhunderts, der Zeit der spanischen Judenvertreibungen. Drei Jahrhunderte später wird das Ende des 18. Jahrhunderts das Ende der jahrhundertelangen Leiden unseres Märtyrervolkes bezeichnen, den Beginn seiner Regeneration.

Während wir die Worte des Autors auf dem brennenden Terrain der modernen Gesellschaft erwarten, voller Vertrauen, dass wir ihn auch da, wie im Altertum und Mittelalter auf der Höhe seiner Aufgabe finden werden, wollen wir bei dem ersten Bande (dem dritten) verweilen, der uns den Schlüssel zum geheimnisvollen Ursprung des Christentums geben wird. Eine zweite Ausgabe desselben ist im Jahre 1863 veröffentlicht worden, in welcher der Autor diese interessante Partie der Geschichte der Juden viel mehr wie in der ersten Ausgabe entwickelt hat.

 

 

 

II.

 

Man erhebe das Christentum zu der Höhe moderner Ideen, reinige es von der Beimischung, die ihm bei seinem Eintritt in die Welt, um sie umzuwandeln, von seiner Umgebung hinzugesetzt wurde, und was davon übrig bleibt, kann das Judentum nicht nur acceptieren, sondern als sein eigenes Werk in Anspruch nehmen.

Was ist denn in der Tat das Christentum, so wie die moderne Gesellschaft es versteht?

Es ist der Messianismus des hebräischen Volkes, der Kultus der Geschichte, der Glaube an eine Vorsehung, welche sich in den Geschicken der Menschheit offenbart: leitend, schaffend und entwickelnd, Menschen und Völker zum Heile der Menschheit niederwerfend und wiedererhebend im Beisein der ältesten Zeugen der Geschichte.

Das wahre Christentum, den Messianismus des hebräischen Volkes hat niemand besser zu bewerten und passender auszudrücken verstanden als unser jüdischer Historiker. Indem Graetz den Ursprung des Christentums vom israelitischen Gesichtspunkte schildert, hat er bewiesen, dass ein der Religion seiner Väter ergebener Jude wohl die Wahrheit in der christlichen Religion anerkennen kann, obwohl sie während einer langen Reihe von Jahrhunderten rar unser Volk nur eine immerfliessende Quelle von Verfolgungen und Demütigungen war, die unser Geschichtsschreiber mit soviel Verve zu schildern versteht.

So schildert er das erste Erscheinen eines Ereignisses, das gewissermassen den Mittelpunkt der ganzen Geschichte bildet:

„Während Judäa noch zitterte, den Landpfleger Pontius Pilatus irgend einen Streich der Gewalttätigkeit ausführen zu sehen, der eine neue Aufregung und neue Leiden zur Folge haben könnte, rang sich eine Erscheinung ins Leben, so klein in ihren Anfängen, dass sie nach ihrer Geburt kaum beachtet wurde, nahm aber durch die eigentümliche Art des Auftretens und von Umständen begünstigt, allmälig einen so gewaltigen Anlauf, dass sie der Weltgeschichte neue Bahnen vorzeichnete. Es war nämlich die Zeit gekommen, in welcher die Grundwahrheiten des Judentums, bisher gebunden und nur von Tieferdenkenden in ihrem wahren Werte erkannt, sich der Fessel entschlagen und frei hinaustreten sollten, die Völker der Erde zu durchdringen. Die neue Erscheinung, welche unter Pilatus‘ Landpflegerschaft auftauchte, war es nun, welche eine grössere, innigere Teilnahme der Heidenwelt an der Lehre des Judentums anbahnen sollte. Aber diese Erscheinung trat durch Aufnahme fremder Elemente, durch Selbstentfremdung und Entfernung von ihrem Ursprung bald in einen schroffen Gegensatz zu ihm. Die judäische Religion, welche diese Geburt in die Welt gesetzt, konnte keine Mutterfreuden an ihr haben, weil die Tochter sich bald unfreundlich von ihrer Erzeugerin abwandte und Richtungen einschlug, wohin zu folgen dieser unmöglich war. Wollte das Judentum nicht seinen eigentümlichen Charakter abstreifen und seinen uralten Überzeugungen untreu werden, so musste es einen schroffen Gegensatz zu dem von ihm selbst Erzeugten einhalten.

Das Christentum verdankt seinen Ursprung einem überwältigenden, dunklen Gefühle, das die höheren Schichten der judäischen Nation beherrschte und mit jedem Tage mächtiger wurde, je unbehaglicher und unerträglicher der politische Zustand mit seinen Folgen dem damaligen Geschlechte wurde. Die gehäuften, täglich sich erneuernden Leiden, welche die Schonungslosigkeit der Römerherrschaft, die Schamlosigkeit der herodianischen Fürsten, die Feigheit und Kriecherei der judäischen Aristokratie, die Selbstentwürdigung der hohenpriesterlichen Familien, die Zwietracht der Parteien erzeugten, hatten die Sehnsucht nach dem in den prophetischen Verkündigungen verheissenen Erlöser, nach dem Messias, in einem so hohen Grade gesteigert, dass es jedem höher Begabten leicht gelingen konnte, messianisch-gläubige Anhänger zu finden, insofern er nur, sei es durch äussere Erscheinung, sei es durch sittlich-religiöse Haltung für sich einzunehmen vermochte.

Die messianische Spannung beherrschte also die Gemüter in den mittleren Schichten der Nation mit Ausnahme der Aristokraten und der Römlinge, welche mit der Gegenwart zufrieden waren und von einem Wechsel der Dinge eher Unheil zu fürchten, als Heil zu erwarten hatten. Daher traten denn auch innerhalb des kurzen Zeitraums von dreissig Jahren eine Reihe schwärmerischer Männer auf, welche ohne betrügerische Absicht, nur dem inneren Drange folgend, das Joch der Leiden vom Nacken der Nation abzuschütteln, sich als Propheten oder als Messiasse ausgaben und Gläubige fanden, die ihren Fahnen bis in den Tod treu blieben. So leicht es aber auch war, messianisch-gläubige Anhänger zu finden, so schwer war es, sich bei der ganzen Nation als Auserwählter geltend zu machen und zu behaupten. Die messianische Zeit werde auch, so dachten die Gebildeten, die judäische Nation innerlich dazu vorbereitet finden in altpatriarchalischer Lebensheiligkeit und in gehobener Gesinnung, die keinen Rückfall mehr in die alte Sündhaftigkeit zuliesse, und der göttlichen Gunst teilhaftig. Dann würden die Gnadenquellen ehemaliger Glückseligkeit aus ewigem Born wieder fliessen, die verödeten Städte wieder erstehen, die Wüste in fruchtbares Land verwandelt werden und das Gebet der Lebenden würde die Kraft haben, die Hingeschiedenen wieder zu erwecken.

Am meisten idealisch malten sich wohl die Essäer den Messias und die messianische Gnadenzeit aus, sie, deren ganzes asketisches Leben nur dahin zielte, das Himmelreich (Malcbut Schamajim) und die kommende Zeit (Olam ha-Ba) zu fördern. Ein Messias, der die Zuneigung der Essäer gewinnen wollte, müsste ein sündenfreies Leben führen, der Welt und ihrer Nichtigkeit entsagen, Proben ablegen, dass er des heiligen Geistes (Ruach ha-Kodesch) voll sei, Gewalt über Dämonen besitzen und einen Zustand der Gütergemeinschaft herbeiführen, in welchem der Mammon nichts gelte, dagegen Armut und Hablosigkeit die Zierde der Menschen seien

Der Autor erklärt, wie von den zahlreichen politischen und religiösen Parteien, die sich damals in Jnda bildeten, nur zwei, die Pharisäer und die Essäer fähig waren, sich zu entwickeln und neue, einander entgegengesetzte Formen des Judentums zu schaffen, das heisst: das Christentum und das Judentum des Mittelalters.

 

 

 

 

 

III.

 

Die Verfasser grosser moralischer, intellektueller und künstlerischer Werke sind immer mit einem Geheimnis umgeben gewesen, worüber man sich noch nicht genügend Rechenschaft gegeben hat. Dieser Erscheinung begegnen wir nicht nur in der Bibel und den ältesten, selbst noch von Finsternis umgebenen Zeiten. Sie wiederholt sich überall bis an die Schwelle unseres Zeitalters, welches doch so neugierig und so nach persönlichem Ruhme gierig ist.

Shakespeare und Spinoza haben sich nicht mehr Sorge um die authentische Ausgabe ihrer Werke gemacht, als Moses, Homer, Sokrates und Jesus. Man bat sich damit erst mehr oder weniger lange Zeit nach ihrem Tode beschäftigt. Je mächtiger das schöpferische Genie in einem Menschen ist, desto weniger besitzt er von dieser Eitelkeit, die es liebt, sich in ihren Werken zu spiegeln und sich ihrer als Piedestal zu bedienen. Die Überlegung, das heisst der Gedanke, der sich im Gedächtnis spiegelt und dort das Bewusstsein unserer Identität und unseres individuellen Willens schafft, diese eitle Überlegung, die jede unserer Handlungen vormerkt und uns gewissermaßen ein Erfindungs-Patent für jedes unserer Werke liefert, schwindet vor den spontanen und unfreiwilligen Lebensäusserungen, vor den unmittelbaren Erzeugnissen der Seele, vor der einzigen Quelle aller Schöpfung. Die Überlegung kommt oft im Gefolge einer langen und arbeitsreichen Entwickelung, weit entfernt von dieser Quelle des Lebens, die allein die Kraft des Genies ausmacht. Wie das Kind, hat das Genie mehr Lebenskraft, weil es Gott näher ist; und aus demselben Grunde ist es unpersönlicher und spontaner, weniger eitel und unschuldiger, weniger arbeitsam und tätiger, weniger überlegt und sorgloser. Alles was Vollkommenes in der Natur und im Menschengeiste ersteht, ist das Werk des Schöpfers selbst, ist eine Offenbarung. Wir haben nicht mehr Herrschaft über die Ideen, die unmittelbar aus der ewigen und einzigen Quelle alles Lebens hervorgehen, als über die physiologischen Funktionen unseres Körpers. Die Leistung des Genies entsteht ohne Anstrengung, wie das einer guten Gesundheit sich erfreuenden Organs; und sein Verfasser ist darauf nicht stolzer, als es das Ohr und das Auge auf ihre regelmässigen Funktionen sind. Darum gibt es nichts Bescheideneres als den genialen Menschen. Das erhabenste Wort entschlüpft ihm, die Welt bemächtigt sich desselben, es wird das Eigentum einer zunächst beschränkten, dann sich aber immer vergrössernden Gemeinde; und wenn es die Welt bezwungen haben wird, wird man nicht ohne Grund sagen, dass es nicht das Werk eines Menschen, sondern Gottes selbst ist.

Die von Gott Inspirierten fühlen nur zu gut, dass der Schöpfer zu gleicher Zeit im Menschen und über dem Menschen, in der Welt und über der Welt ist, um sich persönlich den Ruhm zuschreiben zu können, der dem Schöpfer allein gebührt. Aber diejenigen, die sie von fern hören und sie interpretieren, verstehen gewöhnlich nicht die Art der Offenbarung, die sich durch die Intervention Gottes in der Welt beständig vollzieht. Sie sind entweder Naturalisten, eine andere Bezeichnung für Materialisten, die das Dasein Gottes einfach leugnen, oder Theisten, die seine Gegenwart in der Welt leugnen oder Supranaturalisten, die seine Intervention nur vermittelst Wunder im Widerspruch mit den Naturgesetzen gelten lassen wollen. Die Israeliten, die selbst das Werkzeug sind, durch welches sich die Vorsehung den historischen Völkern offenbart, haben aus dieser besonderen Art der Intervention Gottes niemals ein Dogma gemacht. Wenn es Geheimnisse gibt und immer geben wird, die für den Menschen undurchdringlich sind, so sind sie es nicht, welche das Wesen unserer Religion ausmachen. Was im Gesetze Gottes Undurchdringliches bleibt, darf auf unsere moralischen und religiösen Überzeugungen keinen Einfluss haben, wie es uns in jenem Worte befohlen ist (Moses V, 51, 28):

„Gott allein besitzt das Geheimnis der Dinge; uns und unseren Kindern gehören die zu offenbarenden Dinge.“

Wir haben in der Tat nur Gesetze, die von einem Geiste offenbarer Gerechtigkeit durchdrungen sind; wir haben keine unverständlichen Dogmen. — Das Gesetz ist uns nicht von einer unserer Freiheit entgegengesetzten Autorität auferlegt worden; es beruht auf einer unsererseits freiwillig übernommenen Verpflichtung, es ist ein frei geschlossenes Bündnis.

„Wir werden tun, und wir werden hören“ haben unsere Väter Moses geantwortet, als er ihnen das Buch des Bundes vorgelesen hatte. „Wir werden alles tun und einstudieren alles, was du uns im Namen des Ewigen sagst.“

Das aus der Einheit und der höchsten Souveränität hervorgegangene Gesetz ist auf der Einheit und dem Willen des Volkes begründet; es schloss jeden Mystizismus, jeden Kastengeist, jeden Widerspruch in den Ideen und in den Dingen, jeden Dualismus des Prinzips aus. — Der Tag, an dem die zivilisierten Völker sich rückhaltlos den Prinzipien unserer Religion ergeben werden, wird jeden Missklang zwischen den Nationen und Autoritäten, zwischen der zeitlichen und geistigen Ordnung schwinden sehen. An jenem Tage wird sich das Wort unserer Propheten erfüllen:

„An jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig“.

Gewiss, das Christentum hat auf seine Weise dazu beigetragen, dieses Wort zu erfüllen, aber das Christentum war nur der Anfang vom Ende. — Um zu einer Regeneration der zur Hälfte korrumpierten, zur Hälfte barbarischen und wilden Völker, die durch die Gewalt herrschen oder beherrscht werden, zu gelangen, müsste es zunächst die geistige Macht, die es auszuüben habe, am die religiösen und moralischen Überzeugungen der Menschen zu erneuern, von der zeitlichen Macht trennen, die es noch nicht besass, und dann sich dieser selben Macht versichern, um sich ihrer zur Erfüllung ihres geistigen Werkes zu bedienen. Man weiss, wie die Kirche sich ihrer bedient hat, um die Völker unter ihrer Vormundschaft zu halten, selbst da noch, als diese schon von dem Geist der Gerechtigkeit und Liebe, von der biblischen Moral und Religion erfüllt waren. Nachdem die Völker durch die Kirche in den Messianismus des hebräischen Volkes eingeweiht worden waren, haben sie gegen ihre untreuen Vormünder protestiert, die ihre Herrschaft über die Seelen zu einer dauernden machen wollten, indem sie Unwissenheit, Elend, Verderbtheit und Barbarei dauernd bestehen lassen wollten. Noch währt der Protest, und er wird erst dann aufhören, wenn die Nationen es erreicht haben werden, sich frei auf der Basis des von allem abergläubischen Beiwerk gereinigten Christentums zu konstituieren, einer Basis, die keine andere ist als der israelitische Messianismus.

So betrachtet der Historiker Graetz, Professor am Rabbiner-Seminar in Breslau, das Werk Jesus. Weit entfernt, seine göttliche Mission und die erhabenen Wahrheiten zu leugnen, die die Evangelien uns von ihm hinterlassen haben, sucht sein forschendes Auge zu entdecken, was in diesen posthuinen Werken mit Recht Jesus und seinen ersten Schälern zugeschrieben werden kann und was ihnen aus Parteiinteressen fälschlich zugeschrieben worden ist; was die Juden von dem Werke Jesus zulassen konnten und was sie bekämpfen mussten, was schliesslich unter den Talmudstellen, die auf den Tod Jesu Bezug haben, einen Stempel der Wahrheit zu tragen scheint, der es gestattet, sich ihrer als historische Dokumente zu bedienen. — Beginnen wir mit diesen letzten Untersuchungen.

Der jerusalemitiscbe Talmud (Sanhedrin VII, 16 p. 25) handelt von einer Art des Zeugnisses in den Kriminalprozessen, die er als traditionelles Gesetz zulässt, indem er sich auf einen Präzedenzfall im Prozess Jesn stützt, wo man von dieser speziellen Art des Zeugnisses Gebrauch gemacht haben soll. Ein Verräter unter den Schülern Jesu sollte der Obrigkeit Gelegenheit verschafft haben, zwei Zeugen in einem Versteck unterzubringen, von welchem aus sie das Geheimnis der Lehren des Meisters, der sich mit seinen Schülern unterhielt, erlauschen konnten. — Der babylonische Talmud, (Sanhedrin, p. 67 a) lässt dieselbe Art des Zeugnisses zu, indem er sich auf dieselbe Tradition stützt. — Wenn man nun weiss, mit welcher ängstlichgewissenhaften Treue der halachische Talmud, d. h die Partie der traditionellen Gesetze, redigiert wurde, kann man nicht zugeben, dass diese Tradition des berühmten Prozesses leicht genommen sein sollte, welche die Evangelien mit soviel unwahrscheinlichen und unmöglichen Ereignissen umkränzt haben. Herr Peyrat hat alles gezeigt, was in der Geschichte der Evangelien mit Bezug auf den Verräter unter den Aposteln unzulässig ist. Die Version des Talmud trägt dagegen schon den Stempel der Wahrheit an sich. Zwar stürzt ein Wort in der eben von uns zitierten Stelle die ganze Geschichte von dem Tode Jesu, wie ihn die Evangelien erzählen, völlig um. Es folgt aus dem Worte: „Sie steinigten ihnu, das sich wie zufallig am Ende der zitierten Stelle befindet, dass, bevor Jesus nach römischem Brauche an das Kreuz genagelt wurde, er schon der vom jüdischen Gesetz gegen den Gotteslästerer vorgeschriebenen Todesstrafe unterworfen worden wäre. Diese Todesstrafe, die Steinigung, muss zur Zeit Jesu noch Brauch gewesen sein. Die Evangelien erzählen davon, und Jesus selbst hatte sich, um eine Sünderin zu rehabilitieren, eines Ausdrucks bedient, der sich nur aus dem Brauch einer den Juden ganz besonders eigenen Todesstrafe erklären lässt Nach jüdischem Gesetz führte man die Steinigung aus, indem man den Schuldigen mittelst eines grossen Steines zerschmettern Hess, der ihm von demjenigen zugeworfen wurde, der am meisten von seiner Schuld überzeugt war, also von den hauptsächlichsten Belastungszeugen, und dieser Stein musste ihn töten. Erst nach diesem Hauptakt der Hinrichtung durfte das Volk seine Steine auf den Delinquenten werfen. Daher dieser Ausdruck bei den alten Juden, der noch heute dank der Evangelien populär ist: „Wer wollte es wagen, den ersten Stein auf ihn zu werfen?“