Silberner, Edmund: Der „Kommunistenrabbi“ und der „Gesellschaftsspiegel“ –> AFS Band 3 1963 87-107

Die Rolle von Moses Hess beim Zeitschriftenprojekt “Gesellschaftsspiegel. Organ zur Vertretung der besitzlosen Volksklassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart.” Erschien 1845 – Juli 1846 (Verbot)

enthält:

  • Besprechung des Aufsatzes “Die gesellschaftlichen Zustände der zivilisierten Welt”:
    • Weder einzelne soziale Klassen, noch eine besondere Regierungsform, am allerwenigsten aber die menschliche Natur seien die Grundursachen des Elends, sondern allein die freie Konkurrenz, der Privaterwerb, der Mangel einer organisierten Arbeit und einer organisierten Erziehung seien die letzte Ursache aller gesellschaftlichen Leiden. Dies sehe man am besten an dem Beispiele Englands, dem Land des politischen Liberalismus, wo die freie Privaterwerbstätigkeit am stärksten entwickelt sei, wo aber auch zugleich das Elend am schrecklichsten sei. Er errege in ihm, Heß, nur einen moralischen Ekel, denn die arbeitenden Klassen leiden eben am meisten gerade in den „freiesten“ Staaten Europas!
  • Mehrere andere Heßsche Aufsätze im »Gesellschaftsspiegel« untersuchen die Ausbeutung arbeitender Männer und Frauen. In seinem Artikel über »Die neue Gesindeordnung)« wird darauf hingewiesen, daß diese zu vielfachen Mißständen und Klagen Anlaß gegeben habe. Sie ermögliche die Mißhandlung von Dienstboten, degradiere sie gesetzlich, unterdrücke sie sittlich und verdamme so eine ganze Klasse von Menschen zu einer Art temporärer Leibeigenschaft. Heß behandelt noch die Arbeitsbedingungen der Hausgehilfinnen in seinem Artikel: »Schicksale weiblicher Dienstboten«. In einer Abhandlung »Die Ahr in den Pfingsttagcn 1845)« beschreibt er die fortschreitende Verarmung im Ahrtale, wohin er in jener Zeit einen Ausflug gemacht hatte. Sein Aufsatz »Schlepp-Dampfschiffahrt« schildert die Ausbeutung der Heizer durch die Eigentümer der Schleppschiffe am Rhein. Einem ganz anderen Problem ist Heß‘ Mitteilung über »Die Kolonie Mettray« gewidmet. Diese Kolonie, in der Gegend von Tours, war von einigen Philanthropen gegründet, um die zur Haft verurteilten jugendlichen Verbrecher zu erziehen und zu unterrichten. Die dort erzielten Ergebnisse waren so günstig, daß Heß der preußischen Regierung empfiehlt, statt neuer Gefängnisse Anstalten wie diejenigen von Mettray zu gründen.
  • In dem Artikel »Uber das Feiern der französischen Arbeiter« bespricht Heß die damalige Streikbewegung in Frankreich. Er weist darauf hin, daß es den Arbeitern möglich sei, durch Vereinigung ihrer Kräfte den Kapitalisten Widerstand zu leisten und durch Arbeitsniederlegung Lohnerhöhungen zu erzwingen. In mehreren Städten Frankreichs brachen Streiks aus; die heuchlerische, konstitutionelle Regierung dieses Landes suchte alles aufzubieten, dem Feiern der Arbeiter ein Ende zu machen. Trotz aller Repressalien seitens der Regierung gelang es den dortigen Arbeitern, die Erhöhung ihres Lohnes zu erreichen. Es ist klar, daß Heß darüber berichtet, um die deutschen Arbeiter auf die Möglichkeit der erfolgreichen Ausnutzung der Streikwaffe aufmerksam zu machen.
  • Polemik mit Arnold Ruge siehe bei Ruge.
  • Zu den Mitarbeitern des »Gesellschaftsspiegels« gehörte eine Reihe bekannter deutscher Sozialisten: Heinrich Bürgers, Karl Marx („Peuchet: Vom Selbstmord“, „Sankt Bruno kontra die Verfasser der Heiligen Familie“), Rudolph Matthai, Hermann Prüttmann, Friedrich Schnake und Georg Weerth.
  • Der Herausgeber der neuen Zeitschrift konnte mit ihrem Vertriebe zufrieden sein. Selbstverständlich war ihre Auflage nicht groß; mißt man sie aber nach den zeitgenössischen Maßstäben, so war sie, insbesondere unter den Werktätigen des Rheinlandes, populär. Von den 333 Exemplaren, die in Elberfeld allein bis Juni 1845 abgesetzt wurden, gingen 270 an die Arbeiter, wobei zu berücksichtigen ist, daß mehrere Arbeiter sich auf ein Exemplar abonnierten und daß die Zeitschrift auch am Lesetische der Wirtshäuser vorzufinden war.
  • Ein Zeitgenosse (Ernst Dronke) bezeichnete den „Gesellschaftsspiegel“ als das Hauptorgan der sozialistischen Partei in Deutschland, in dem Heß mit Entschiedenheit und schonungsloser Schärfe die gesellschaftlichen Zustände kritisierte. Unter den demokratischen Zeitschriften, bemerkte ein anderer, habe der »Gesellschaftsspiegel« seine Aufgabe am würdigsten gelost, natürlich so gut es unter deutschen Verhältnissen möglich sei.
  • Franz Mehring war es, der bei der Besprechung des »Gesellschaftsspiegels« hervorhob, daß dieser als eine Fundgrube sozialgeschichtlichen Materials gelten dürfe. »Es war«, sagt er, »kein geringes Verdienst, das Elend des deutschen Proletariats zu entschleiern, zur Zeit, wo der offizielle Historiker des französischen Sozialismus und Kommunismus, wo Lorenz Stein sich in der abgeschmackten Behauptung gefiel, in Deutschland gebe es kein Proletariat.«