I.

Einige Vorfragen über die wichtigsten politischen Farben oder Parteizeichen.

 

1) Was bedeutet Schwarz und Weiß?
Schwarz ist das Pfaffenthum, weiß ist das Fürstenthum, beides zusammen ist das Preußenthum.

2) Was ist Schwarz und Gelb?
Das ist die pfäffische Volksverdummung in Verbindung mit der vor Neid und Ärger gelbsüchtig gewordenen fürstlichen Herrschsucht: die österreichische Farbe.

3) Was bedeuten die Farben der übrigen deutschen Raubstaaten?
Gar nichts! Das ganze deutsche Fürsten- und Pfaffenthum ist heutiges Tag’s entweder schwarz-weiß, oder schwarz-gelb.

4) Was ist ein Fürst: König, Kaiser, Kurfürst, Herzog, Großherzog, Großmogul, und wie er sonst noch heißen mag?
Das Oberhaupt eines aristokratischen Staates.

5) Was ist ein aristokratischer Staat?
Eine Volksschinderanstalt, in welcher Schurken und Hochmuthsnarren herrschen, die mehr sein wollen, als Andre, sich von der Arbeit des Volkes mästen und es zum Lohn dafür mit Füßen treten.

6) Warum duldet das Volk die Schinderei und den Hochmuth des Aristokratenpacks?
Weil’s sich nicht zu helfen weiß, weil’s seine Arbeit nicht selbst zu verwalten versteht; denn statt nützlichen Unterricht zu bekommen, wird’s durch die Pfaffen in Unwissenheit und Aberglauben erhalten.

7) Sind die Pfaffen auch Aristokraten?
Freilich, es sind die schlimmsten, diese gottesgelehrten Aristokraten!

8) Was hat der Pfäff mit Gott zu schaffen?
Sehr viel. Erstens lehrt er den Fürsten, im Namen Gottes das Volk zu unterdrücken; zweitens lehrt er dem Volke, sich in Gottes Namen drücken und aussaugen zu lassen; drittens und hauptsächlich verschafft er sich selbst mit der Hülfe Gottes ein herrliches Leben auf Erden, während er das Volk mit einer Anweisung auf den Himmel abzuspeisen weiß.

9) Was bedeutet das pfäffische Schwarz in Verbindung mit Roth und Gold?
Roth ist das Volksthum, Gold ist der Reichthum, und Schwarz-Roth-Gold bedeutet ein vom Pfaffen- und Geldaristokratenthum verdorbenes Volksthum.

10) Sind die drei Farben Schwarz-Roth-Gold nicht die deutschen Farben?
Sie sind ebenso wenig die Farben des deutschen Volkes, wie die sogenannten französischen Farben, Blau-Weiß-Roth, die Farben des französischen Volkes sind, sondern hier wie dort bedeutet das dreifarbige Banner eine Beseitigung der Volksherrschaft und der Revolution durch eine Konstitution.

11) Was bedeutet die rothe Fahne?
Die permanente Revolution bis zum vollendeten Siege der arbeitenden Klassen in allen civilisirten Ländern: die rothe Republik.

12) Gibt es auch Republiken, in welchen nicht die arbeitenden Volksklassen, sondern die Aristokraten herrschen?
Es hat bis jetzt keine andern als solche aristokratische Republiken gegeben. Ein einziges Mal, im Jahre 1793, hat das arbeitende Volk in Frankreich zu herrschen versucht, aber dieser Versuch scheiterte, weil die civilisirte Welt damals noch nicht für den Sozialismus reif war.

13) Sage mir, was Sozialismus ist?
Sozialismus oder soziale Revolution, das ist diejenige Umgestaltung der gesellschaftlichen Zustände, welche auch das letzte Aristokratenthum, das Geldaristokratenthum, unmöglich macht.

14) Weißt Du mir alle Fragen über die soziale Revolution zu beantworten?
Freilich, das ist meine Hauptaufgabe; die soziale Revolution ist meine Religion.

 

II.

Welche traurige Rolle das arme Volk in allen bisherigen Revolutionen gespielt hat.

 

15) Leben die armen Leute von den Reichen oder die reichen Leute von den Armen?
Die Reichen leben von den Armen, welche arbeiten und durch ihre Arbeit aUen Reichthum der Welt schaffen.

16) Haben die Armen, welche für die reichen Bourgeois arbeiten und für ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt von denselben bekommen, nicht gewisse gemeinschaftliche Interessen mit den reichen Bourgeois?
0 ja! dieselben gemeinschaftlichen Interessen, die das Schaaf mit seinem Herrn hat, der es scheert und dem Metzger überliefert, wenn’s ihm keine Wolle mehr geben kann.

17) Wie heißt der Metzger, dem das arme Volksschaaf überliefert wird, nachdem es von den Bourgeois geschoren worden?
Der hat sehr verschiedene Namen. Bald ist es der Gerichtsvollzieher, der die armen Leute in Stadt und Land pfändet und aus ihren Hütten treibt, weil sie die reichen Wucherer nicht befriedigen können. Bald sind’s andere Gesetz-Vollzieher, besoldete Landsknechte, Schergen der Staatsgewalt, welche das Volk, wenn’s nach Brod schreit, zusammen kartätschen. Bald sind’s Gensdarmen, Kerkermeister und Henkersknechte, in deren Hände es geliefert wird, wenn Hunger und Noth, Sorge und Verzweiflung seine Söhne zum Betteln und Stehlen, seine Töchter zur Prostitution zwingen.

18) Und wer ist der Metzgervorstand?
Das ist der Fürst, die Regierung, die Staatsmacht, die politische Gewalt der aristokratischen Gesellschaft,

19) Haben die Regierungen mit den Bourgeois, die Metzger mit den Wollhändlern, stets gemeinschaftliche Interessen?
Nur dem Volke gegenüber, von dessen Fleiß und Schweiß sie leben; dagegen entsteht sehr oft Streit zwischen Regierung und Bourgeoisie, wenn ihnen von Seiten des Volkes keine Gefahr droht; und aus diesem Streit erwächst dann gewöhnlich eine Revolution.

20) Welcher Streit?
Es ist der Streit um die politische Gewalt, an welcher die modernen Aristokraten, die reichen Bourgeois, auch Theil haben wollen.

21) Welche Revolution erwächst denn daraus?
Das kommt auf die Rolle an, die das Volk dabei spielt; ohne das Volk kann die Bourgeoisie keine Revolution machen; sie muß sich daher mit dem Volke verbinden und ihm Versprechungen machen, wobei denn das Volk in der Regel von den ehrlichen Herren Bourgeois auf die gemeinste Weise betrogen, verrathen und verkauft wird.

22) Welche Rolle spielte denn bis jetzt das Volk in solchen Revolutionen?
Es verband sich mit der Bourgeoisie zum Sturze der alten Regierung, also mit seinen Feinden, die es scheeren, zum Sturze seiner andern Feinde, die es schlachten. Waren aber seine Schlächter gestürzt, so ließ sich’s von den Bourgeois an neue Metzger verkaufen, an neue Regierungen, welche mit den Herrn Bourgeois die politische Gewalt theilten — und der alte Handel ward unter neuer Firma fortgesetzt.

23) Wie hieß diese neue Firma?
Eine Konstitution.

24) Was ist demzufolge eine Konstitution?
Eine neumodisch zugestutzte alte Staatsverfassung, welche unter dem modernen Gewände den Bedürfnissen des modernen Aristokratenthums mehr entspricht.

25) Kannst du mir kein Beispiel von einer solchen Bourgeois-Revolution anführen?
Alle bisherigen Revolutionen unsres Jahrhunderts waren Bourgeois-Revolutionen. Die merkwürdigsten Beispiele hat Frankreich geliefert; zuerst im Jahre 1830, wo man den alten König, den alten Metzger, fortjagte und einen neuen eingesetzt hatte, welcher mit den Herrn Bourgeois die politische Gewalt theilen mußte; sodann in der Februarrevolution des Jahres 1848, wo das Volk sich vor dem Betrug und Verrath der Bourgeoisie durch Proklamirung der Republik zu schützen glaubte und wo es dennoch von den Bourgeois wieder betrogen und verrathen wurde.

26) Wodurch wurde es wieder betrogen?
Weil’s nur dem Könige und nicht zugleich auch den Bourgeois die Macht ganz und gar genommen hat. — Diese Wollhändler haben nämlich einige Monate nach der Februarrevolution, im Juni 1848, das Schlächteramt selbst übernommen.

27) Wollen wir auch ferner noch Revolution mit den Herren Bourgeois machen?
Mit ihnen, warum nicht? Für sie aber nimmermehr! Wir werden hoffentlich schon in der nächsten Revolution nicht nur die politische Gewalt der aristokratischen Gesellschaft, sondern die ganze aristokratische Gesellschaft selbst stürzen, bis auf die letzten Geldaristokraten, welche das Volk scheeren und, nöthigenfalls, selbst schlachten!

28) Du hast mir bis jetzt nur gesagt, wie das Volk stets neuen Metzgern überliefert und geschlachtet worden. Wirst Du mir nun auch sagen können, wie das Volk von den Reichen geschoren wird?
Ja wohl!

 

III.

Wie die Reichen das Volksschaaf scheeren.

 

29) Was thut der reiche Mann?
Er thut entweder gar nichts, oder seine Arbeit besteht darin, das arbeitende Volk auszubeuten.

30) Wovon lebt der Reiche, der gar nichts thut?
Von den Zinsen seines Kapitals.

31) Wer gibt ihm diese Zinsen?
Geschäftsleute, welche den Kredit, den sie haben, benutzen, um Handel und Produktion gehörig auszubeuten.

32) Zu welcher Klasse von Leuten gehören diese Geschäftsleute?
Ein Mensch, der Kredit hat, d. h. Kapital geborgt bekommt, muß selbst zur Kapitalistenklasse gehören, sonst hat er wenig oder gar keinen Kredit; und wenn ein solcher Mensch den Kredit, den er hat, auch benutzt, um mit dem geborgten Kapitale größere Geschäfte machen zu können, als er mit dem seinigen allein machen könnte, dann muß er aus dem geborgten Kapitale einen solchen Gewinn ziehen können, daß er einen Theil dieses Gewinnes unter dem Namen „Zinsen“ abgeben kann und doch noch einen sogenannten „Profit“ für sich behält.

33) Wodurch ziehen die Geschäftsleute einen so großen Gewinn aus den Kapitalien?
Durch direkte und indirekte Ausbeutung der arbeitenden Klassen.

34) Wie werden die Arbeiter auf direkte Weise von den Herrn Bourgeois oder Geschäftsleuten ausgebeutet?
Durch die Industrie, durch Bearbeitung der Rohstoffe für Rechnung der Geschäftsleute.

35) Was verstehst du unter Rohstoffen und deren Bearbeitung?
Alle Natur- und Kunsterzeugnisse, aus welchen neue, werthvollere Erzeugnisse durch die Arbeit gewonnen werden können, sind Rohstoffe, welche bearbeitet werden. So ist der Erdboden selbst, wie jedes Produkt, welches nicht sogleich von dem Menschen genossen, sondern weiter verarbeitet wird, ein Rohstoff. So geht aus der Bearbeitung der Rohstoffe der ganze gesellschaftliche Reichthum hervor.

36) Was bekommt die Arbeiterklasse von diesem ganzen Reichthum, den sie schafft?
Gerade so viel, daß sie in der bekannten Weise ihrer Klasse, nothdürftig und elendiglich, davon leben kann, so lange es den Bourgeois beliebt, sie überhaupt zu beschäftigen.

37) Warum verlangt die Arbeiterklasse keinen höhern Arbeitslohn und keine gesichertere Existenz?
Sie kann schon verlangen, und verlangt auch zuweilen Erhöhung des Arbeitslohns; aber diese bescheidenen Forderungen der Arbeiter finden bei den Geschäftsleuten selten Gehör, ändern auch im Ganzen gar nichts an der Lage der arbeitenden Klassen.

38) Warum nicht?
Weil die industriellen Kapitalisten gar nicht mehr arbeiten lassen, wenn ihnen die Arbeit den erwähnten Gewinn nicht mehr abwirft, ein Fall, der in schlechten Geschäftszeiten eintritt, und dann kommen die Arbeiter haufenweise und bieten ihre Arbeitskräfte zu einem Spottpreis an, weil sie sonst mit ihren Familien hungern und darben müßten. Diese Konkurrenz der Arbeiter unter sich, sowie die Konkurrenz der Geschäftsleute, welche Handelskrisen und schlechte Geschäftszeiten hervorrufen, machen eine Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse auf die Dauer unmöglich.

39) Wie aber, wenn alle Arbeiter sich vereinigten und zu den Herren Bourgeois sagten: wir wollen nicht mehr für Euch arbeiten, wenn Ihr nicht die Bedingungen erfüllt, die wir Euch vorschreiben — würden dann nicht die Bourgeois, die doch nur von der Arbeit der armen Leute leben, endlich gezwungen sein, die Bedingungen der Arbeiter zu erfüllen?
Freilich, wenn alle Arbeiter der Welt einig wären, dann könnten sie alles Mögliche durchsetzen; aber da liegt eben der Knoten: die Arbeiter stehen überall vereinzelt und verkennen ihr solidarisches, gemeinschaftliches Interesse gegenüber der Kapitalistenklasse, die ihr solidarisches Interesse gegenüber der Arbeiterklasse sehr wohl kennt und danach handelt! — Höchstens in einzelnen Ländern, oder vielmehr Landestheilen, und in einzelnen Arbeitszweigen kommt es zuweilen vor, daß die Arbeiter sich in ihrem gemeinsamen Interesse vereinigen; aber da hat die Kapitalistenklasse Mittel in der Hand, die armen Arbeiter nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

40) Welche Mittel?
Ei, die Lebensmittel, die Arbeitsmittel und, nöthigen Falls, die politische Gewalt! Die arbeitende Klasse hat nicht genug Kapital, um so lange ohne Arbeit leben zu können, wie die Kapitalisten ohne Ausbeutung der arbeitenden Klasse es können, auch nicht genug Kapital, um die große Industrie für eigene Rechnung explöitiren zu können. Auch gibt es immer Arbeiter genug, welche mit beiden Händen nach einem kümmerlichen Arbeitslohn greifen. Wollten aber die vereinigten Arbeiter eines einzelnen Industriezweigs in einem bestimmten Landestheile sich dagegen auflehnen und es den fremden Arbeitern verbieten, zu einem niedrigem Lohne, als sie verlangen, zu arbeiten, dann ist sogleich der Metzger da, die politische Gewalt, welche die Interessen der „Gesellschaft“, nämlich der aristokratischen, in Schutz nimmt, und die armen Schaafe, welche sich nicht scheeren lassen wollen, in’s Schlachthaus treibt. — Doch so weit kommt es bei dieser Gelegenheit selten; denn in der Regel sind selbst die Arbeiter eines und desselben Ortes, eines und desselben Industriezweigs nicht einig, sondern verderben sich einander den Preis ihrer Arbeitskräfte, d. h. den Arbeitslohn, weil sie weder die Einsicht haben, die Solidarität ihrer Interessen zu erkennen, noch die Mittel besitzen, diese Interessen durchzusetzen; mit Einem Worte, weil die Noth sie zwingt, sich (ihre Arbeitskräfte) den Kapitalisten zu Spottpreisen zu verkaufen.

41) Gibt es außer der Konkurrenz der Arbeiter unter sich nicht noch andre Arbeitskräfte, welche mit den Arbeitern konkurriren und den Arbeitslohn herabdrücken?
Allerdings, jede neue Erfindung in der Mechanik, jede neue Maschine macht den Arbeitern Konkurrenz.

42) Sind demnach die Maschinen Feinde der Arbeiter, welche zerstört werden

müssen?
Freilich sind die Maschinen unsere Feinde, aber nur so lange, als sie im Dienste unsrer Feinde, im Dienste der Kapitalistenklasse stehen; sie werden unsere Verbündeten, wenn sie für uns arbeiten. Wir wollen daher nicht die nützlichen Werkzeuge der Arbeit, welche die Arbeit erleichtern, die Maschinen, sondern die Herren beseitigen, welche sich derselben zu unserm Nachtheil bedienen und welche, wenn sie selbst nicht von uns beseitigt werden, die Mittel haben, zerstörte Maschinen durch neue zu ersetzen.

43) Sind die industriellen Kapitalisten die Einzigen, welche die arbeitende Klasse ausbeuten?
Nein, es leben noch viele andere Schmarotzer vom Schweiße des Arbeiters; sie beuten den Arbeiter indirekt aus.

44) Wer sind diese indirekten Arbeitsfresser?
Es sind eben Alle, welche zur wohlhabenden Klasse unsrer Gesellschaft gehören und den Arbeiter nicht selbst durch die Industrie ausbeuten, sondern ihre Zinsen verzehren oder spekuliren, studiren und alle möglichen Geschäfte treiben — Geschäfte mit Gottes- und Rechtsgelehrsamkeit, mit Staatskunst und andern Künsten, mit Papier- und Metallgeld, mit allen lebenden und leblosen, mit allen körperlichen und körperlosen Dingen — um von der großen Beute auch etwas mitzubekommen.

45) Gestehen die reichen Leute ein, daß sie die armen Leute ausbeuten?
Die meisten reichen Herrchen wissen gar nicht, wie der gesellschaftliche Reichthum entstanden ist, und kennen noch weniger ihr Verhältniß zur Arbeiterklasse. Diejenigen Bourgeois aber, welche etwas von der gesellschaftlichen Ökonomie verstehen, suchen ihre Klasse zu entschuldigen, indem sie sagen: die Reichen verwalten den gesellschaftlichen Reichthum!

46) Wie verhält sich’s denn wirklich mit dieser „Verwaltung“?
Die Reichen verwalten den gesellschaftlichen Reichthum, das ist nur zu wahr! aber sie verwalten ihn schlecht, erbärmlich schlecht, nicht im Interesse der Arbeiter, welche den Reichthum schaffen, nicht einmal im Gesammtinteresse ihrer eigenen Klasse, da sie keine Centralverwaltung haben und jeder nur an sich selber denkt, wodurch so viele Bankerotte und Geschäftskrisen entstehen, und die heutigen Geschäfte einem Lottospiele viel ähnlicher sehen, als einer Verwaltung des gesellschaftlichen Kapitals. Sie verwalten ihn endlich als Herrn, die sich selbst den Löwentheil nehmen und ihre Untergebenen wie Hunde behandeln.

47) Wie gelangt die Arbeiterklasse zur Verwaltung des Reichthums, den sie schafft?
Durch die rothe Republik, d. h. durch eine Revolution, welche so lange fortgesetzt werden muß, bis die Arbeiter aller civilisirten Länder sich der politischen Herrschaft bemächtigt haben.

 

IV.

Die rothe Republik.

 

48) Kann die rothe Republik in Einem Lande der civilisirten Welt existiren, ohne sich über alle andern auszudehnen?
Nein. Die Arbeiter, wenn sie in Einem Lande gesiegt haben, müssen ihren Brüdern in der übrigen Welt zu Hülfe eilen; denn die Arbeiter aller civilisirten Länder haben ein und dasselbe Interesse, einen und denselben Feind, und können daher auf die Dauer nicht in Einem Lande herrschen, wenn sie in andern Ländern noch beherrscht und „verwaltet“ werden.

49) Was haben die Arbeiter, wo sie zur politischen Herrschaft gelangt sind, außerdem zu thun?
Sie haben dafür zu sorgen, daß die Arbeit und der Austausch der Produkte keinen Stillstand erleide, wenn die „Geschäfte“ der bisherigen „Verwalter“ aufhören.

50) Welche Geschäfte können und müssen sofort im Großen von den Arbeitern selbst gemeinschaftlich betrieben und verwaltet werden?
Alle Geschäfte der großen Industrie, also der Betrieb der Eisenbahnen, Dampfschiffe und übrigen Transportmittel, die Ausbeutung der Bergwerke, der großen Fabrik-, Handels- und Bankgeschäfte, so wie der bisherigen Staatsdomänen, Gemeindegüter und des größern Landbaues überhaupt. Alle diese Geschäfte müssen von einer Centralbehörde der arbeitenden Klasse, welche zugleich die höchste Staatsbehörde ist, verwaltet werden.

51) Was wird aber alsdann aus den heutigen „Verwaltern“ des gesellschaftlichen Reichthums, aus den Kapitalisten und Gutsbesitzern werden?
Die Schädlichen werden unschädlich gemacht, die Unschädlichen in Ruhestand versetzt, wenn sie es nicht vorziehen, sich dem arbeitenden Volke anzuschließen.

52) Wie wird sich die höchste Behörde der rothen Republik gegen die kleinern Geschäftsleute, Bauern und Handwerksmeister verhalten?
Sie wird, aus Gründen der öffentlichen Wohlfahrt, diese Mittelklassen von allen Lasten, von allen Steuern befreien, welche sie bisher drückten, ihnen gegen leichte Bedingungen Kredit bewilligen, zugleich aber dahin wirken, daß sie sich der allgemeinen Arbeiterassoziation anschließen, so daß die Arbeit nach und nach von allen ihren Schmarotzern befreit, und dabei doch der gesellschaftliche Reichthum nicht durch eine Stockung der Geschäfte vermindert, sondern durch Hebung derselben vermehrt wird.

53) War’s nicht kürzer, den Reichthum, der in den Händen der Aristokraten ist, zu vertheilen?
Das wäre eine verderbliche Maßregel, welche einen Rückfall in die alten gesellschaftlichen Verhältnisse zur Folge haben würde.

54) Und warum?
Weil ohne gemeinsame Verwaltung die Schlauesten wieder allmählig allen Reichthum zu erwerben und in ihrem Privatinteresse zu „verwalten“ wissen würden.

55) Wird aber auch bei der gemeinsamen Verwaltung nicht eine neue aristokratische Klasse entstehen aus den von den Arbeitern gewählten Verwaltern?
Es muß eben dafür gesorgt werden, daß die Interessen Aller in solidarischer Gemeinschaft bleiben, daß folglich kein Klassenunterschied aufkommen kann. Zwischen den Arbeitern, welche zur Gesetzgebung und Verwaltung gewählt werden, und den Arbeitern, die sie wählen, muß in ökonomischer Beziehung genau dasselbe Verhältniß herrschen, wie zwischen Allen, welche gemeinschaftlich arbeiten: Jeder ist verpflichtet, das Seinige zur gesellschaftlichen Arbeit beizutragen, und da Alle gleiche Pflichten haben, so müssen sie auch gleiche Rechte haben; es darf daher im materiellen Verdienste, in der Besoldung der Staatsarbeiter kein Unterschied gemacht werden: der Gewinn, der aus der gemeinsamen Arbeit entsteht, muß gleichmaßig repartirt werden.

56) Wenn aber Alle in ökonomischer Beziehung gleichgestellt sind, dann kann ja Niemand Luxus treiben, und würden dadurch nicht viele Zweige der Industrie eingehen?
Allerdings wird der Luxus in der Volksrepublik aufhören und das ist auch sehr gut; denn der Luxus ist weiter nichts, als die zur Schau getragene Aristokratie. Wer mehr sein will, als Andere, will dieses auch durch Luxus zeigen, d. h. durch etwas, was nicht Jeder haben kann — denn was Jeder haben kann, ist kein Luxus mehr. Außerdem wird durch das Hinwegfallen der Luxusindustrie viel Zeit und Arbeitskraft für nützlichere Arbeiten gewonnen.

57) Wird durch die Unterdrückung des Luxus nicht auch die Kunst unterdrückt?
O nein! der Erfindungsgeist in Kunst, Wissenschaft und Industrie wird im Gegentheil größere Nahrung im Volksstaate finden, als jetzt, wo er nur für einige bevorrechtete Aristokraten wirksam sein kann. Der Volksstaat selbst wird mit allen ihm zu Gebote stehenden großen Mitteln dafür sorgen, daß die Kunst, welche den Sinn für alles Schöne und Erhabene weckt und befriedigt, daß die Wissenschaft, welche den Verstand über Alles aufklärt, was ihm noch dunkel war, daß endlich die Erfindungen in der Industrie, welche den gesellschaftlichen Reichthum vermehren, die Arbeit dagegen vermindern und erleichtern, zum Genuß und Nutzen des ganzen Volkes betrieben werden.

58) Wird in der rothen Republik die persönliche Freiheit nicht beschränkt sein?
So lange nicht Jeder die Mittel hat, nach Lust zu arbeiten und nach Bedürfniß zu genießen, wird die persönliche Freiheit stets eine beschränkte sein; aber nach der Vernichtung alles Aristokratenthums durch die solidarische Gemeinschaft der Arbeiter kann die Beschränkung der persönlichen Freiheit nicht mehr bis zur Unterdrückung ganzer gesellschaftlichen Klassen fortschreiten; vielmehr wird das Maaß der Freiheit jedes einzelnen Menschen genau’nach dem Maaße seiner persönlichen Fähigkeiten und nach dem Maaße der Bildung und des Reichthums (nach der Kulturstufe) der ganzen Gesellschaft sich richten. Aber die Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen und die ihm von der ganzen Gesellschaft gebotenen Mittel zu seinem Leben und Wirken werden durch die solidarische Gemeinschaft der Arbeiter so sehr vermehrt, daß sich dadurch auch Alle mit Riesenschritten jenem Ideale von persönlicher Freiheit nähern, welches Aristokraten und Bourgeois, Philosophen und Theologen vergebens durch materiellen und geistigen Privaterwerb zu erhaschen suchen.

59) Welche Staatsanstalten werden, außer den Arbeitsanstalten, nach dem Siege der rothen Republik errichtet werden?
Invalidenhäuser für’s Alter und Erziehungsanstalten für die Jugend.

 

V.

Erziehungsanstalten und Lebensverhältnisse in der Volksrepublik.

 

60) Was versteht man in der Volksrepublik unter Erziehung?
Die möglichste Entwickelung aller geistigen und körperlichen Fähigkeiten.

61) Haben alle Eltern die Pflicht, ihre Kinder so zu erziehen oder erziehen zu lassen?
Ja das ist die erste Pflicht der Eltern gegen die Kinder und gegen die Gesellschaft. Die Volksbehörde hat darüber zu wachen, daß diese Pflicht, wie jede andere, erfüllt werde.

62) Wo haben die Eltern ihre Kinder erziehen zu lassen, sofern sie die Erziehungnicht selbst besorgen können?
In den Erziehungsanstalten der Republik.

63) Ist der Volksstaat verpflichtet, die Kinder aller Eltern unentgeltlich zu erziehen?

Ja, es ist seine Pflicht, alle Kinder von frühester Jugend an bis zur Mündigkeit unentgeltlich zu erziehen, damit die Menschen immer besser, befähigter und glücklicher werden.

64) Was muß die Jugend in, den Erziehungsanstalten lernen?
Alles, was die Wissenschaft, Kunst und Industrie bietet.

65) Kann denn Jeder Alles lernen?
Nein, aber Jeder soll alles das lernen, wozu er Fähigkeiten zeigt.

66) Kann denn Einer mehr als einen einzigen Zweig der Wissenschaft, Kunst oder Industrie lernen?
Ja, das müßte ein sehr unfähiger Mensch sein, der nicht zugleich in mehreren Zweigen der Wissenschaft, Kunst und Industrie, sowie in der wichtigsten von allen Industrien, in der Landwirthschaft ausgebildet werden könnte, wenn er von der frühesten Jugend an bis zur Mündigkeit Alles lernen kann.

67) Warum kann denn jetzt ein Mensch gewöhnlich nicht mehr, als Einen Zweig der Industrie, Kunst oder Wissenschaft?
Weil jetzt die Menschen in der Regel weder in der Jugend Gelegenheit haben, alle ihre Fähigkeiten auszubilden, noch im Alter, ihre ausgebildeten Fähigkeiten mit Nutzen anzuwenden.

68) Wodurch ist das in der rothen Republik möglich?
Durch die Vereinigung aller Arbeiten der Wissenschaft, Kunst und Industrie.

69) Kann während der Erziehung nicht schon die Entwickelung der Fähigkeiten und Kräfte der Jugend nützlich für die Gesellschaft angewendet werden?
Das kann und muß geschehen, besonders da die Erziehung der Jugend in den Staatsanstalten bis zur Mündigkeit oder Großjährigkeit dauert.

70) Welchen direkten Nutzen wird die Gesellschaft aus den Arbeiten der erwachsenen, kräftigern Jugend ziehen?
Einen unermeßlichen; diese Jugend wird, in Arbeiterarmeen organisirt, mehr schaffen, als unsre jetzige Jugend, welche in Armeen für den Krieg zugerichtet wird, zerstört und nutzlos verzehrt — was doch gewiß nicht wenig ist.

71) Muß die Jugend nicht auch kriegerisch ausgebildet werden?
Freilich, und zwar nicht erst, wenn sie das reifere Jugendalter erreicht hat, sondern schon vom Knabenalter an; aber das wird neben den andern Lehrgegenständen getrieben, wie jetzt das Turnen, mehr zur Ausbildung des Körpers, als um später mittelst der Kriegskunst Länder zu erobern, die Erzeugnisse der Arbeit zu zerstören und Menschen zu tödten.

72) Wird jemals der Krieg unter den Völkern aufhören?
Sobald wohl schwerlich. Aber wenn die Arbeiter aller civilisirten Länder gesiegt haben und ihre Arbeit gemeinschaftlich verwalten, werden wenigstens in der civilisirten Welt weder Eroberungskriege, noch Handelskriege mehr stattfinden, und die Arbeiterarmeen werden höchstens noch die unkultivirten Länder zu kultiviren haben — was freilich auch zuweilen ebenso unwillkürlich den Krieg mit sich führen mag, wie jetzt der Krieg die Kultur.

73) Wird’s nicht zu viele Menschen in der Welt geben, wenn der Krieg seltner wird?
Nein; jeder Mensch findet reichlich die Mittel zum Leben und Wirken, wenn alle Menschen ihre Kräfte vereinigen und wenn’s keine Arbeitsfresser mehr gibt.

74) Sind denn nicht jetzt schon zu viel Menschen auf der Welt?
In der bisherigen gesellschaftlichen Organisation hat’s immer zu viele Menschen in der Welt gegeben. Weder Krieg, noch Elend und Pest konnten das Mißverhältniß der Bevölkerung zu den Lebensmitteln ändern, weil der ganze Reichthum der Welt, alle Natur- und Kunsterzeugnisse, in wenigen Händen sich befanden, und weil man viel weniger dahin wirkte, den allgemeinen Reichthum zu vermehren, als vielmehr sich gegenseitig die Erzeugnisse der Arbeit abzunehmen. Wenn aber einmal alle Menschen zur Vermehrung des gesellschaftlichen Reichthums zusammenwirken und die Erzeugnisse der Arbeit gemeinsam verwalten, dann wird’s nicht mehr zu viel Menschen auf der Welt geben, weil alsdann nur Arbeiten von allgemeinem Nutzen betrieben werden, weil der Hauptgewinn der Arbeit nicht mehr wenigen Schmarotzern, sondern allen Menschen zu Gute kommt, weil endlich der Erfindungsgeist in der Wissenschaft, Kunst und Industrie neue Arbeits- und Lebensmittel zu Tage fördern wird, von welchen wir noch keine Ahnung haben.

75) Können wir uns schon eine Vorstellung von dem großartigen Leben machen, welches die Volksrepublik in Folge der sozialen Erziehung der Jugend nach einem Menschenalter darbieten wird?
Die Lebensverhältnisse der zukünftigen Volksrepublik können mit Nichts, was die menschliche Gesellschaft bisher dargeboten hat, verglichen werden. Auf den Trümmern einer alten Welt, die den Riesenfortschritten des menschlichen Geistes zu enge geworden, wird die Volksrepublik, eine neue Welt, mit neuen Bedürfnissen und Bestrebungen erstehen. — Anders wird das Leben gewonnen, anders geschaffen, und darum auch anders beschaffen, anders gestaltet sein. Glück, Reichthum, Bildung, Kunst, Wissenschaft, Moral, Religion und Sitten, Alles wird in ihr anders sein. Schwer ist es drum sich eine klare und deutliche Vorstellung von dieser Welt zu machen, die unsre einzige Hoffnung, unser einziger Glaube und Trost ist in dem tiefen Elend, welches uns heute niederdrückt. Aber wir wissen genug von ihr, und mehr als genug von der alten, heutigen Welt, um dieser mit leichtem Herzen den Abschied zu geben und der Gründung der Volksrepublik Gut und Blut aufzuopfern.