Aus dem Vorwort

Der Völkerfrühling hat mit der französischen Revolution begonnen; das Jahr 1789 war das Frühlingsäquinoxium der Geschichtsvölker. Die Auferstehung der Toten hat nichts Befremdendes mehr zu einer Zeit, in welcher Griechenland und Rom wieder erwachen, Polen von neuem aufatmet, Ungarn zum letzten Kampfe rüstet und eine gleichzeitige Erhebung aller jener unterdrückten Rassen sich vorbereitet, die, abwechselnd von asiatischer Barbarei und europäischer Zivi­lisation, von stupidem Fanatismus und raffinierter Berechnung mißhandelt, miß­braucht und ausgesogen, dem barbarischen und zivilisierten Hochmute der herr­schenden Rassen im Namen eines höheren Rechts das Herrscherrecht streitig machen.

Zu den totgeglaubten Völkern, welche im Bewußtsein ihrer geschichtlichen Auf­gabe ihre Nationalitätsrechte geltend machen dürfen, gehört unstreitig auch das jüdische Volk, das nicht umsonst zwei Jahrtausende hindurch den Stürmen der Weltgeschichte getrotzt, und wohin auch die Flut der Ereignisse es getragen, von allen Enden der Welt aus den Blick stets nach Jerusalem gerichtet hat und noch richtet. – Mit dem sichern Rasseninstinkte seines kulturhistorischen Berufs, Welt und Menschen zu einigen und zu verbrüdern im Namen ihres ewigen Schöpfers, des All-Einen, hat dieses Volk sich in seiner Religion seine Nationalität konserviert und beide untrennbar verbunden im unveräußerlichen Lande der Väter. – Kein modernes, nach einem Vaterlande ringendes Volk kann ihm das seinige vorent­halten, ohne den tödlichsten Widerspruch mit sich herumzutragen, an sich selbst irre zu werden und einen moralischen Selbstmord zu begehen. So zeitgemäß aber die jüdische Nationalitätsfrage dem unbefangenen Beobachter, so unzeitgemäß muß sie dem Kulturjuden in Deutschland erscheinen, wo der liberale wie der reaktionäre Judenfeind zur Beschönigung seines Judenhasses auf den Unterschied zwischen der jüdischen und germanischen Rasse hinweist – in Deutschland, wo die jüdische Nationalität das letzte Argument zu sein scheint für die Verweigerung von politischen und bürgerlichen Rechten, die man von ganz andern Bedingungen als der Übernahme aller bürgerlichen und politischen Pflichten abhängig macht – in Deutschland, wo die Juden seit Mendelssohn, trotz ihrer lebhaften Beteiligung an deutscher Kultur und Sitte, trotz der Ver­leugnung ihres Nationalkultus, trotz aller Bemühungen, sich zu germanisieren, vergebens die politische und soziale Gleichstellung mit ihren deutschen Brüdern anstreben!

Was nicht der Bruder vom Bruder, nicht der Mensch vom Menschen erlangen konnte, das Volk wirds vom Volke, die Nation von der Nation erringen. – Es kann keinem Volke gleichgültig sein, ob es im letzten europäischen Freiheits­kriege ein Volk zum Freunde oder zum Feinde haben wird.

Aus dem Ersten Brief

Da steh‘ ich wieder nach einer zwanzigjährigen Entfremdung in der Mitte meines Volkes und nehme Anteil an seinen Freuden- und Trauerfesten, an seinen Er­innerungen und Hoffnungen, an seinen geistigen Kämpfen im eigenen Hause und mit den Kulturvölkern, in deren Mitte es lebt, mit welchen es aber, trotz eines zweitausendjährigen Zusammenlebens und Strebens, nicht organisch ver­wachsen kann.

Ein Gedanke, den ich für immer in der Brust erstickt zu haben glaubte, steht wieder lebendig vor mir: Der Gedanke an meine Nationalität, unzertrennlich vom Erbteil meiner Väter, dem heiligen Lande und der ewigen Stadt, der Geburts­stätte des Glaubens an die göttliche Einheit des Lebens und an die zukünftige Verbrüderung aller Menschen.

Seit Jahren schon pochte dieser lebendig Begrabene in der verschlossenen Brust und verlangte einen Ausweg. Doch mir fehlte die Schwungkraft zum Übergange aus einer dem Judentum scheinbar so fern liegenden Bahn, wie die meinige war, zu jener neuen, die mir in nebelhafter Ferne und nur in allgemeinen Umrissen vorschwebte.

 

Aus dem Vierten Brief

Die deutsche Bildung scheint sich mit den jüdischen Nationalitätsbestrebungen nicht zu vertragen. – Hätte ich nicht in Frankreich gelebt, es wäre mir schwerlich in den Sinn gekommen, mich für die Wiederherstellung unsrer Nationalität zu interessieren — so sehr sind unsere Anschauungen und Bestrebungen abhängig von der Gesellschaft, die uns umgibt. Jedes tüchtige Volk, wie jedes tüchtige In­dividuum, hat seine Spezialität. Jeder Mensch, jedes Mitglied der geschichtlichen Völker, ist zwar ein politisches oder, wie wir heute sagen, ein soziales Tier; aber innerhalb der sozialen Welt hat doch jeder schon von Natur einen speziellen Be­ruf, und der Deutsche, wie sehr er sich auch dagegen sträuben mag, ist in seinem bessern Teil zu sehr Philosoph, hat eine zu universelle Geistesrichtung, um sich für Nationalitätsbestrebungen in der rechten Weise, ohne Affektation, begeistern zu können.

»Die ganze Tendenz«, schrieb mir mein ehemaliger Verleger Otto Wigand, als ich ihm einen ersten Entwurf meiner jüdisch-nationalen Bestrebungen vorlegte, »ist meiner rein menschlichen Natur zuwider«.

Die »rein menschliche Natur« des Deutschen ist die Natur der rein deutschen Rasse, welche sich nur durch den Gedanken, theoretisch, zur Humanität erheben kann, im praktischen Leben aber ihre naturwüchsigen Sympathien und Anti­pathien noch nicht überwunden hat. Ihr Widerwille gegen unsere jüdisch-natio­nalen Bestrebungen hat einen doppelten Grund; wie überhaupt das Doppel­wesen des Menschen, seine geistige und natürliche, seine theoretische und prak­tische Seite, in keinem Volke so schroff gegensätzlich hervortritt, als im deut­schen. – Mit den theoretischen Humanitätsbestrebungen der Deutschen vertragen sich die Nationalitätsbestrebungen überhaupt nicht. Gegen jüdische Nationalitäts­bestrebungen hat der Deutsche außerdem eine Rassen-Antipathie, die auch edlere Naturen und höhere Geister bei uns kaum bemeistern können. Derselbe Deutsche, dessen »rein menschliche Natur« ihren Widerwillen gegen Schriften zugunsten der jüdischen Nationalität nicht verbergen kann, druckt ohne allen Widerwillen Schriften gegen das Judentum, deren eigentlicher Beweggrund eingestandener­maßen das Gegenteil der »rein menschlichen Natur«, der naturwüchsige Rassen­antagonismus ist. Über seine Rassenvorurteile hat aber der Deutsche kein klares Bewußtsein; er sieht in seinen naturwüchsigen wie in seinen geistigen Bestrebun­gen keine deutschen, echt germanischen, sondern »humanistische« Tendenzen: er weiß nicht, daß er diesen letzteren nur in der Theorie, jenen ersteren in der Praxis allzusehr huldigt.

Auch die gebildeten deutschen Juden haben ihre guten Gründe, sich von jüdi­schen Nationalitätsbestrebungen mit »Widerwillen« abzuwenden. – Mein alter lieber Freund Berthold Auerbach ist ebenso entrüstet über mich wie mein alter Verleger, wenn auch aus einer ganz anderen Ursache als der »rein menschlichen Natur«. Er macht mir herbe Vorwürfe über meine Bestrebungen und ruft schließ­lich aus: »Wer hat dich zum Herrn und Dichter über uns eingesetzt.« Der deutsche Jude ist wegen des ihn von allen Seiten umgebenden Judenhasses stets geneigt, alles Jüdische von sich abzustreifen und seine Rasse zu verleugnen. Keine Beform des jüdischen Kultus ist dem gebildeten deutschen Juden radikal genug. Selbst die Taufe erlöst ihn nicht von dem Alpdruck des deutschen Judenhasses. Die Deutschen hassen weniger die Religion der Juden als ihre Rasse, weniger ihren eigentümlichen Glauben als ihre eigentümlichen Nasen. — Weder Reform noch Taufe, weder Bildung noch Emanzipation erschließt den deutschen Juden vollständig die Pforten des sozialen Lebens. Sie suchen daher ihre Abstammung zu verleugnen. — Moleschott erzählt in seinem »Physiologischen Skizzenbuch« von dem Sohne eines getauften Juden, den man morgens nicht vom Spiegel wegbringen konnte, weil er unablässig bemüht war, mit dem Kamme sein krauses Haar in schlichtes zu verwandeln. — Aber so wenig die »radikale« Reform, richtig so genannt, weil sie die Axt an die Wurzel des Judentums, an sei­nen nationalen Geschichtskultus legte, sowenig, sage ich, diese Reform ihren Zweck erreichte, sowenig auch erreicht das Streben der Juden nach Verleugnung ihrer Abstammung sein Ziel. Die jüdischen Nasen werden nicht reformiert, und das schwarze, krause jüdische Haar wird durch keine Taufe in blondes, durch keinen Kamm in schlichtes verwandelt. Die jüdische Rasse ist eine ursprüngliche, die sich trotz klimatischer Einflüsse in ihrer Integrität reproduziert. Der jüdische Typus ist sich im Laufe der Jahrhunderte stets gleich geblieben.

Aus dem Fünften Brief

Vor zwanzig Jahren, als von Damaskus aus eine absurde Anklage gegen Juden zu uns Europäern herübergetragen und ein ebenso bitteres wie gerechtfertigtes Schmerzgefühl in allen jüdischen Herzen rege wurde ob der Rohheit und Leicht­gläubigkeit des asiatischen und europäischen Pöbels, der heute wie seit zwei­tausend Jahren jeder Verleumdung ein geneigtes Ohr leiht, sobald sie gegen Juden gerichtet ist; damals, als es mir mitten in meinen sozialistischen Bestre­bungen zum ersten Male wieder recht schmerzlich ins Gedächtnis zurückgerufen wurde, daß ich einem unglücklichen, verleumdeten, von aller Welt verlassenen, in allen Ländern zerstreuten, aber nicht getöteten Volke angehöre, damals schon hatte ich, obgleich ich dem Judentume bereits fernstand, meinen jüdisch-patrio­tischen Gefühlen Ausdruck geben wollen in einem Schmerzensschrei, der jedoch bald wieder in der Brust erstickt worden ist durch den größeren Schmerz, den das europäische Proletariat in mir erweckte.

Andere Völker haben nur Parteistreitigkeiten; die Deutschen können sich auch dann nicht vertragen, wenn sie zu einer und derselben Partei gehören. Meine eignen Gesinnungsgenossen haben mir die deutschen Bestrebungen verleidet und im voraus das Exil erträglich gemacht, das erst einige Jahre später, infolge des Sieges der Reaktion, aus einem freiwilligen in ein unfreiwilliges verwandelt wer­den sollte. – Schon kurze Zeit nach der Februarrevolution ging ich nach Frank­reich. Hier lernte ich das Volk näher kennen, welches in unserm Jahrhundert der Vorkämpfer aller sozialen Bestrebungen ist. Wenn dieses Volk sich heute der eiser­nen Diktatur des Kaisertums unterwirft, so geschieht es doch nur solange, als der Kaiser seinem revolutionären Ursprünge nicht nur in Worten treu bleibt. Das Kaisertum ist verloren von dem Augenblicke an, wo die dynastischen Interessen mit den Bestrebungen des französischen Volkes in Konflikt geraten werden. Nach dem Staatsstreich zog ich mich von der Politik zurück und widmete mich ausschließlich den Naturwissenschaften. — Dem alten Junghegelianer Dr. Arnold Ruge, der schon dem »Kommunisten-Rabbi Moses« seinen Abfall von der »Idee« nicht verzeihen konnte, war dieser »Materialismus« vollends ein Greuel. Er gab im deutschen Museum nicht undeutlich zu verstehen, daß solcher natur­wissenschaftliche Materialismus eigentlich Imperialismus sei, nicht germanischer, barbarossischer, sondern romanischer, bonapartistischer. – Welcher Zusammen­hang zwischen naturwissenschaftlichen Studien und Bonapartismus existiert, darüber hat der alte Ruge noch keinen Aufschluß gegeben. Mir stellte sich inzwischen seit dem Beginne des italienischen Krieges ein wirklicher Zusammen­hang zwischen meinen Rassenstudien und jenen modernen Nationalitätsbestre­bungen heraus, die seit diesem Kriege einen so mächtigen Aufschwung genom­men haben.

 

Unsern gebildeten deutschen Juden ist der sie umgebende Judenhaß stets ein Rätsel geblieben. War nicht seit Mendelssohn das ganze Streben der deutschen Juden stets dahin gerichtet, deutsch zu sein, deutsch zu denken und zu fühlen? Haben sie nicht sorgfältig jede Er­innerung an ihre antike Nationalität auszumerzen gesucht? Zogen sie nicht in den »Befreiungskrieg«? Waren sie nicht Deutschtümler und Franzosenfresser? -Sangen wir nicht noch gestern mit Nikolas Becker: »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein?« Habe ich nicht selbst die unverzeihliche Dummheit begangen, eine musikalische Komposition dieser »deutschen Marseillaise« dem Verfasser einzusenden?

Dennoch ist mir im einzelnen dasselbe widerfahren, was die deutschen Juden im ganzen und großen nach ihrer patriotischen Begeisterung erlebt hatten. Auch ich mußte es erleben, daß der deutsche Mann nicht nur meine von Patriotismus glühende Zuschrift in einem eiskalten Tone beantwortete, sondern auch noch zum Überfluß auf der Bückseite seines Briefes mit verstellter Handschrift die Worte hinzufügte: Du bist ein Jud‘. – Ich vergaß, daß auch die Deutschen nach ihrem Befreiungskriege die Juden, welche mit ihnen gegen Frankreich fochten, nicht nur von sich stießen, sondern sie obendrein mit Hep Hep verfolgten; ich nahm Beckers Hep Hep als eine persönliche Beleidigung auf und schrieb ihm mit gar nicht verstellter Handschrift einige Artigkeiten, die der Biedermann, der sich wahrscheinlich seiner Ungezogenheit schämte, stillschweigend einsteckt. – Heute möchte ich fast dem deutschen Sänger Abbitte tun. Die Beleidigung war offenbar keine persönliche. Man kann nicht zugleich Teutomane und Juden­freund sein, wie man nicht zugleich die deutsche Kriegsherrlichkeit und deutsche Volksfreiheit lieben kann. Die echten Teutomanen, die Arndt und Jahn, werden stets reaktionäre Biedermänner sein. Der Deutschtümler liebt in seinem Vater­lande nicht den Staat, sondern die Rassenherrschaft. Wie kann er in seiner Mitte andern Rassen als den herrschenden eine Gleichberechtigung zugestehen, die selbst für die zahlreichsten Volksklassen in Deutschland noch eine Utopie ist! Der sympathische Franzose assimiliert mit einer unwiderstehlichen Anziehungs­kraft jedes fremde Rassenelement. Auch der Jude ist hier Franzose.

Aus dem Sechsten Brief

Ein Volk, das Männer, wie Lessing, Herder, Schiller, Hegel, Humboldt und so viele andre Heroen der Humanität hervorgebracht hat, muß die Fähigkeit besitzen, sich auf die höchste Stufe der Gesittung emporzuschwingen. Mir fällt dabei ein interessantes Beispiel von der Macht des deutschen Geistes über deutsche Rassenvorurteile ein, das mir Ludwig Willi erzählte. Sie haben ohne Zweifel von Hecker gehört, der in den vierziger Jahren und noch im Anfange des berühmten Revolutionsjahres 1848 eine so große Rolle in Baden spielte. – Hecker, ein Germane vom reinsten Wasser, fing nicht lange nach den Vorfällen von Damaskus an, sich durch seinen Liberalismus in Baden bemerk­lich zu machen. Aber wissen Sie, gegen welchen »Erbfeind« dieser Ritter des deutschen Liberalismus zuerst zu Felde zog? Gegen die Franzosen, meinen Sie wohl? Nein, von diesem Erbfeind war unter Guizot und Louis Philipp nichts zu befürchten. – Gegen die Russen? Auch nicht. Der Erbfeind, gegen den Hecker sich seine Sporen verdiente, war kein anderer als das so schreckliche Volk der Juden. Hecker veröffentlichte im Frankfurter Journal eine Reihe anonymer Artikel gegen die Judenemanzipation.

Wer indessen wenige Jahre nachher in Baden eine Adresse an den Berliner vereinigten Landtag zugunsten der Judenemanzipation in Vorschlag brachte, war kein andrer als derselbe Hecker, der, als man ihn wegen seiner früheren juden­feindlichen Gesinnungen zu Rede stellte, offen gestand, daß er lange Zeit seine Antipathie gegen Juden nicht bemeistern konnte, daß aber zuletzt die Prinzipien des Rechts und der Humanität den Sieg davon trugen.

Die Demokraten von 1848 haben es übrigens gezeigt, wie weit sie die Demagogen des »Befreiungskrieges«, die romantischen Burschen Jahn, Arndt und Konsorten, hinter sich zurückgelassen haben. – Aber auf Grund langjähriger Erfahrungen glaube ich dennoch behaupten zu dürfen, daß im ganzen genommen Deutsch­land mit all seiner Gelehrsamkeit in der Praxis des sozialen Lebens noch weit hinter den andern Völkern Europas zurücksteht. Der letzte Rassenkampf scheint erst durchgefochten werden zu müssen, bevor den Deutschen die soziale, die humane Bildung ebenso in Fleisch und Blut übergegangen sein wird wie den romanischen Völkern, die durch einen langen historischen Prozeß den Rassen­antagonismus überwunden haben.

Die Deutschen haben uns so lange und so gründlich demonstriert, daß unsre Nationalität ein Hindernis für unsre »innerliche« Emanzipation sei, daß wir am Ende selbst daran glaubten und alles aufboten, uns durch Verleugnung unsrer Abstammung des blonden Germanentums würdig zu zeigen. Doch abgesehen von den vortrefflichen Rechen­meistern, die ihr Judentum für eine Staatsstelle verhandelten, hatten alle unsre jüdischen Germanomanen sich schmählich verrechnet. Es half Meyerbeer nichts, daß er es stets ängstlich vermied, einen jüdischen Stoff als Oper zu behandeln; er entging darum dem deutschen Judenhaß nicht. Die gute Augsburger Allgemeine erwähnt selten seinen Namen, ohne in Paranthese beizufügen: Eigentlich Jacob Meyer Lippmann Beer! – Auch dem deutschen Patrioten Börne diente es zu nichts, daß er seinen Familiennamen Baruch umtaufen ließ. Er gesteht es selbst: »Sooft meine Gegner am Börne scheitern«, sagt er irgendwo in seinen Schriften, »werfen sie ihren Notanker Baruch aus.« – Ich selbst habe es nicht nur bei Gegnern, sondern bei meinen eigenen Gesinnungsgenossen erfahren, daß sie in jedem persönlichen Streite von dieser Hepwaffe Gebrauch machten, die in Deutsch­land selten ihre Wirkung verfehlt. Ich habe mir vorgenommen, ihnen die be­queme Waffe noch bequemer zu machen, indem ich fortan meinen alttestamen­tarischen Namen Moses adoptieren werde, und bedaure nur, daß ich nicht Itzig heiße.

Aus dem Siebenten Brief

Die Erwerbung eines gemeinschaftlichen vaterländischen Bodens, das Hinarbeiten auf gesetzliche Zustände, unter deren Schutz die Arbeit gedeihen kann, die Gründung von jüdischen Gesellschaften für Ackerbau, In­dustrie und Handel nach mosaischen d. h. sozialistischen Grundsätzen, das sind die Grundlagen, auf welchen das Judentum im Orient sich wieder erheben, aus welchen das unter der Asche eines toten Formalismus glimmende Feuer des alt­jüdischen Patriotismus wieder hervorbrechen, durch welche das ganze Juden­tum neu belebt werden wird. Auf dem gemeinsamen Boden des jüdischen Pa­triotismus werden Altgläubige und Aufgeklärte, Arme und Reiche sich als die Nachkommen derselben Helden wiedererkennen, welche mit den mächtigsten und zivilisiertesten Völkern der alten Welt, mit Ägyptern und Assyrern, mit Griechen und Römern den Kampf aufgenommen und bis zum Ende jener Welt, die sie allein überlebt, durchfochten haben, – als Kinder desselben Stammes, der, wie kein Volk der Weltgeschichte, ein zweitausendjähriges Märtyrertum standhaft ertragen und das Banner seiner Nationalität, die Gesetzesrolle, um deretwillen er verfolgt worden, stets hoch emporgetragen und heilig gehalten hat. . .

Aus dem Epilog

Ein Stück Geschichte

Völker wie Individuen haben in ihrem Entwicklungsgange bestimmte Lebens­alter. Nicht jedes Alter ist für jede Stufe der Entwicklung geeignet; und das Ver­säumte oder Verfehlte ist meist schwer, oft gar nicht im spätem Lebensalter der Völker einzuholen.

Deutschland hat zur Zeit der Reformation auf einer politisch-sozialen Höhe ge­standen, die bis in die tiefsten Volksschichten jenes Selbstbewußtsein weckte, wel­ches allein zu politisch-sozialen Reformen auf nationaler Basis durch selbsteigne Initiative befähigt, zu Revolutionen, wie sie in England im siebzehnten, in Frank­reich erst im achtzehnten Jahrhundert durchgesetzt werden konnten. — Das sech­zehnte Jahrhundert war die Epoche für Deutschlands Wiedergeburt. Wirklich brachte Deutschland in jenem Jahrhundert eine Reform zustande, aber nur eine solche, welche, weit entfernt, national zu werden, die Nation innerlich spaltete. Die politisch-soziale Revolution auf deutsch-nationaler Grundlage wurde im Blute der deutschen Bauern erstickt.

Wäre die Erhebung der deutschen Bauern gegen verrottete feudale Zustände nicht so schmählich von den Koryphäen der deutschen Kultur und Zivilisation verlassen und verraten worden, so hätte das deutsche Volk schon damals seinen regelmäßigen Entwicklungsgang im modernen Leben genommen und nicht nur gleichen Schritt mit den übrigen europäischen Kulturvölkern gehalten, sondern es wäre, wie es ihm als dem Erstgeborenen der neuen Zeit zugestanden, an deren Spitze geblieben. Die Macht des im Mittelalter so gewaltigen »deutschen Schwerts« hätte sich in die edlere und höhere Macht des modernen deutschen Geistes und Fleißes umgestaltet – und dasselbe Volk, welches die antike Weltherrschaft Roms stürzte, um deren Erbschaft als mittelalterliche Feudalmacht anzutreten, hätte zuerst der Welt das Signal zum Sturze seiner eigenen, zum Sturze der letzten Rassenherrschaft gegeben. – Das Schicksal wollte es anders. Das letzte auser­wählte Volk mußte, wie das erste, sein Privilegium zu einer so hervorragenden geschichtlichen Rolle erst durch tiefe Schmach abbüßen, bevor es würdig sein konnte in den modernen Menschheitsbund einzutreten, der auf die Gleichberech­tigung aller welthistorischen Völker gegründet ist.

Die äußern oder einzelnen Ursachen, durch welche die deutsche Revolution schei­terte, sind bekannt. – Karl V., der den Traum eines universalen deutsch-römischen Reichs zu einer Zeit verwirklichen wollte, als das nationale Bewußtsein in den welthistorischen Völkern wieder zu erwachen begann, dieser deutsche Kaiser war alles andre mehr als ein Deutscher; er verließ eines Phantomes wegen die poli­tisch-soziale und die religiöse Reform, durch deren Unterstützung er Deutschland zu einem modernen Einheitsstaate erheben, zugleich von Zersplitterung und feu­dalem Unwesen befreien, sich selbst ein Volk und dem Volke einen Kaiser geben, kurz, ein modernes Kaiserreich schaffen konnte zum Heile aller nach nationaler Wiedergeburt seufzenden modernen Völker und zum Schrecken ihrer mittel­alterlichen Kriegsherren. Aus seinem entgegengesetzten Verhalten erfolgte das umgekehrte Resultat. Der hohe Adel konnte sich vom Kaiser unabhängig machen, indem er sich der religiösen Bewegung anschloß, vom Volke, indem er die poli­tisch-soziale erdrückte. Gefördert wurde dieses antinationale Werk nicht nur durch die verkehrte Politik des deutschen Kaisers, sondern auch durch die politische Un­fähigkeit des deutschen Beformators. Luther fand es in seiner doktrinären Bor­niertheit weniger gefährlich, sich dem hohen Adel als dem Volke anzuschließen und verriet zu guter Letzt die Bauern, wie noch heute unsre deutschen Doktrinäre das Volk verraten, wenn es mit der demokratischen Bewegung Ernst machen will. — Trotz alledem würde die deutsche Revolution gesiegt haben, wenn nicht die Städte, dieser Sitz des deutschen Bürgertums, einer sozialen Klasse, welche doch das unmittelbarste Interesse am Sturze der Feudalherrschaft hatte, zu eng­herzig und feige gewesen wären, die hohe nationale Bedeutung des Bauern­krieges einzusehen und ihren eignen Vorteil opfermutig zu erkämpfen. Statt dessen verrieten sie die Bauern an den Adel. — Von ihren natürlichen Verbündeten in die Hände ihrer Feinde geliefert, mit Schmähreden abgefertigt vom biderben deutschen Reformator, verlassen von ihrem Kaiser, abgeschlachtet von ihren »an­gestammten« Kriegsherren, mußten die deutschen Bauern ein Werk aufgeben, mit welchem die Wiedergeburt Deutschlands im Keime erstickt wurde. — Schnell sank von diesem Momente an das deutsche Reich von seiner Höhe herab. Luther sah es ein und sprach es aus; an Einsicht hat es den deutschen Doktrinären nie gefehlt.

Im Dreißigjährigen Kriege mußte die Elite des deutschen Volkes an sich selbst das Todesurteil vollstrecken, welches sie sich durch ihren Abfall von der deutschen Bevolution gesprochen hatte. Sie konnte später wohl noch theoretisch erkennen, daß die Weltgeschichte das Weltgericht sei, aber das Gericht an ihr selbst nicht mehr aufhalten. Denn wie zur Zeit der englischen Revolution, welche unser stol­zes Nachbarvolk auf die Höhe der Kultur und Zivilisation erhob und den Grund zu seiner heutigen Weltmacht legte, Deutschland in Blut und Kot unterging, so hatte auch die große französische Revolution, welche allen europäischen Völkern die Freiheit zu erringen lehrte, ihm nur die Schmach der Fremdherrschaft und die noch größere einer Reaktion gebracht, welche selbst infolge der wiederholten Welterschütterungen von 1830 und 1848 nicht aus dem Sattel gehoben werden konnte, den sie sich auf dem Rücken des deutschen Volkes zurechtgelegt hatte. — Und wie zur Zeit der ersten französischen Revolution die deutsche Literatur und Philosophie, damals in ihrer höchsten Blüte stehend, es nicht vermocht hatten, den Schatten des deutschen Reichs vor gänzlicher Zertrümmerung zu schützen, so vermögen auch noch heute alle unsre Redner, Schreiber und Sänger nicht den politischen Leichnam zu elektrisieren, dessen Seele im unglücklichen Bauern­kriege ausgehaucht worden.