Gehalten bei Versammlungen in Elberfeld, Februar 1845

Meine Herren! Es ist wohl nicht nöthig, Sie erst von dem geistigen, mora­lischen und physischen Elende der heutigen Gesellschaft zu unterhalten. Darin ist wohl jeder Mann von Herz mit mir einverstanden, daß wir, wenn wir auch selbst noch so vortheilhaft gestellt sind, beim Anblicke dieser Welt voll Elend nicht glücklich leben. Nur darauf hin möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken, daß die sämmtlichen Übel der heutigen Menschenwelt, die man gewöhnlich der Unvollkommenheit der menschlichen Natur zuschreibt, ihren letzten Grund in der unorganisirten menschlichen Gesellschaft haben. Auch hab‘ ich’s schon oft aussprechen hören, daß die Idee des Communismus an sich schön und wahr, daß sie aber leider nicht ausführbar sei. — Wenn ich nicht sehr irre, so sind diese beiden Punkte, näm­lich die Ausführbarkeit des Communismus und die Grundursache der menschlichen Übel, wohl am Meisten der Beleuchtung bedürftig. Ich glaube daher die kurze Zeit, die uns heute zur Besprechung unseres Gegenstandes zugemessen ist, am Besten zu benutzen, wenn ich mich darauf beschränke, diese Partieen etwas näher zu be­leuchten.

Die Idee des Communismus, m. H., mit welcher Jeder sich einverstanden erklärt, ist das Lebensgesetz der Liebe, angewandt auf das Socialleben. — Das Gesetz der Liebe lag stets im Menschen, wie in allem Leben; aber der Versuch, dieses Gesetz auf das Socialleben anzuwenden, wurde erst gemacht, als in den Menschen das Be­wußtsein ihres Lebens zu reifen anfing, als der Mensch sein eignes Leben immer deutlicher zu fühlen begann, als er immer klarer erkannte, daß eben in der Liebe allein die Kraft, die Lebenskraft, die Schöpferkraft liegt — als er mit dieser, seiner innern Anschauung vom Leben, einerseits das Leben der Natur verglich und fand, daß sich hier überall sein Lebensbewußtsein bewährt, daß die Liebe, welche er als sein Leben erkannte, auch das wirkliche Naturleben ist — andrerseits aber seine nun­mehr durch die Naturwissenschaft bewährte und bereicherte Lebensanschauung mit dem gesellschaftlichen Leben verglich und zu seinem Entsetzen fand, daß hier, in seiner eignen Welt, Nichts diesem Lebensgesetze entsprach, daß ihm hier Alles widersprach — als er, mit Einem Worte, die Entdeckung machte, daß er in einer — verkehrten Welt lebt! — Nach dem ersten Staunen und Entsetzen, das sich bei dieser traurigen Entdeckung des Menschen bemächtigte, glaubte er den Grund der Ver­kehrtheit seiner eignen Welt darin allein suchen zu müssen, daß das Lebens­bewußtsein der Menschen bis jetzt ein verkehrtes war; denn, dachte er, wie konnte die menschliche Gesellschaft, das Erzeugniß des menschlichen Verstandes und Willens, eine vernünftige sein, solange dieser Wille und Verstand selbst noch unvernünftig war? Aber, m. H., dieser Grund ist offenbar nicht der letzte. Denn wir müssen weiter fragen: Woher ist das verkehrte Lebensbewußtsein entstanden? Wir wollen versuchen, hierauf zu antworten.

Kein lebendiges Wesen springt sogleich vollkommen ausgebildet in’s Dasein. Alles entwickelt sich vielmehr erst im Laufe der Zeit. Man nennt diese Entwickelung: die Geschichte, Entstehungsgeschichte eines Wesens. Wenn Sie, m. H., jetzt die Idee des Communismus an und für sich schön und wahr finden, so kommt dies daher, weil Ihr Lebensbewußtsein schon gereift ist, weil Sie erkennen, daß das wahre Leben in der Liebe aUein besteht. Eine lange Reihe von Jahrhunderten, gedüngt mit dem Angst­schweiß und dem Blute des um sein Dasein noch erst ringenden Menschengeschlechts gehörte dazu, dieses Lebensbewußtsein, diese Frucht hervorzutreiben und zu reifen. — Wie unser Planet eine Entwicklungsgeschichte hatte voller Naturrevolutionen, elementarischer Kämpfe und Stürme — wie hier viele Schöpfungen erst zu Grunde gehen mußten, bevor sich die vollendeten Gestalten des gegenwärtigen gereiften Erd­alters bilden und in harmonischer Wechselwirkung gegenseitig nach den ewigen Gesetzen der Liebe friedlich fördern konnten: ebenso mußten auch in der Menschenge­schichte elementarische Kämpfe vorhergehen, bevor ihre vollendete Organisation entste­hen konnte. Das Elementarische, Unorganische, geht dem Organischen, Harmonischen stets vorher. Das Menschengeschlecht lebte nicht vom ersten Augenblick seines Ent­stehens an in ausgebildeten großen gesellschaftlichen Vereinen, wie jetzt, und noch viel weniger in organisirten Wirkungskreisen. Es waren im Anfange nur vereinzelte Individuen — es waren also nur die Elemente der Menschheit, welche aus dem Schooße der Erde hervorgingen — und erst nach und nach traten diese Individuen, traten diese menschlichen Elemente mit einander in Verbindung, in Verkehr, in Wechselwirkung. Wie hätte unter diesen Individuen, die erst anfingen, mit einander zu verkehren, schon ein ausgebildeter Verkehr, eine gegenseitige Verständigung über das, was ihnen zuträglich, stattfinden sollen? — Wenn die Einigkeit, das verständige Zusammenwirken verschiedener Individuen, kurz, wenn das Leben in der Liebe, wenn das organische Leben erst das wahre und wirkliche Leben ist, so begreifen Sie leicht, daß die Einigkeit, diese Verständigung der Menschen erst nach einer langen Reihe von Kämpfen in’s Dasein treten konnte. So lange sich die Menschen noch nicht verständigt hatten, mußten sie sich bekämpfen, und nur von ihren Kämpfen hat uns die bisherige Geschichte zu berichten. — Schon früh mußten die Menschen mit einander in Verkehr treten. Je mehr Producte der Natur und Erzeugnisse der Kunst die Menschen aus ihrer Umgebung kennen lernten, desto mehr Bedürfnisse erwachten in ihnen, desto nothwendiger wurde ein gegenseitiger Austausch der Producte; denn nicht jedes Land, nicht jedes Volk, nicht jeder einzelne Mensch kann selbst Alles hervorbringen. Aber der Productenaustausch bestand anfangs nur darin, daß der Stärkere den Schwächern, wenn er mit ihm in Berührung kam, bekämpfte und beraubte. Die erste Form des Productenaustausches war eben der Raubmord. Und so wie die erste Form des Productenaustausches oder des Verkehrs der Raubmord, so war die erste Form der Production oder Arbeit: die Sklaverei. Die Sieger begnügten sich nicht damit, den Besiegten ihre Producte zu rauben, sie wollten sich auch der Producenten versichern; sie sahen bald ein, daß es vorteilhafter sei, die Besiegten, welche den Kampf überlebten, zu Sklaven zu machen und sie auf diese Weise aus­zubeuten, als sie kannibalisch zu verzehren. So wurde der Egoismus immer raffinirter. Auf dieser historischen Basis, m. H., entwickelten sich Production und Verkehr bis zur freien Concurrenz, in der wir uns jetzt bewegen, ohne es uns eingestehen zu wollen, daß dieser Verkehr noch immer auf dieselbe egoistische Basis der gegen­seitigen Ausbeutung begründet ist, von welcher er ausgegangen. Ein Blick auf unsere Zustände zeigt es jedoch deutlich, daß wir uns nach wie vor gegenseitig verkaufen und ausbeuten. Ist diese Ausbeutung eine raffinirtere im Laufe der Zeit geworden, so ist sie darum nicht menschlicher, vielmehr um so unmenschlicher, je mehr wir gegenwärtig gezwungen sind, uns freiwillig und gegenseitig zu verkaufen, je weniger wir Alle diesem Menschenhandel uns entziehen können, je universeller der Menschenhandel geworden ist. Denn wir Alle müssen unsere Lebensthätigkeit ver­schachern, um dagegen andrer Menschen Lebensthätigkeit einzuschachern — und was ist denn die Summe aller unserer Fähigkeiten und Kräfte, die wir in den Handel bringen und versilbern müssen, was ist sie anders, als unser eignes, ganzes Leben? — Nicht der Leib, den wir nur äußerlich antasten, sondern seine wirkliche Kraft bildet unser Leben. Verkaufen wir diese unsere Kraft, so verkaufen wir eben unser Leben selbst. Das Geld ist das Zeichen unserer Sklaverei; denn was ist es anders, als der in Zahlen ausgedrückte menschliche Werth? Sind aber Menschen, welche bezahlt werden können, Menschen, die sich gegenseitig kaufen und verkaufen, etwas Anders als Sklaven? — Wie sollten wir es auch anfangen, diesem Menschenhandel zu entgehen, solange wir vereinzelt leben und Jeder auf eigne Faust für sich erwerben muß, um seine Existenzmittel zu gewinnen? — Wer gibt uns die Mittel zum Leben, die Mittel zu unserer physischen und socialen Lebensthätigkeit, wenn wir sie uns nicht durch Kauf und Verkauf unseres eignen Lebens erwerben? — Wir sind in einem ewigen Widerspruche, in einem ewigen Kampfe begriffen. Es ist der Widerspruch des sich immer steigernden Verkehres innerhalb der Vereinzelung. Wir sind getrennt von einander, Jeder lebt und wirkt nur für sich allein, und wir Alle können uns doch keinen Augenblick entbehren. Jeder Einzelne hat die Erzeugnisse der ganzen er­schlossenen Menschenwelt, von China bis Nordamerika nöthig, um menschlich leben und wirken zu können, und ist doch nur auf seine vereinzelte Kraft angewiesen, um sich alle diese Bedürfnisse anzueignen. — Nicht die nützliche Thätigkeit, die wirk­liche Leibes- und Geisteskraft, nicht die redliche Arbeit entscheidet hier das Loos des Einzelnen — denn was ist die größte Kraft des Einzelnen gegenüber einer Welt? — sondern der Zufall und das gemeine Kunststück — wer am Schnellsten den in Zahlen ausgedrückten Menschenwerth, das Geld, sich in seine Tasche spielen kann — das sind die blinden und unsittlichen Mächte, welche das Loos der Menschen be­stimmen !

Als das wahre Lebensbewußtsein in den Menschen zuerst erwachte, fühlte man wohl schon das Verkehrte unserer socialen Verhältnisse; aber man sah nicht so­gleich ein, daß das verkehrte Lebensbewußtsein, aus dem man sich eben zu befreien anfing, ebenso sehr ein Erzeugniß des verkehrten Lebens, der verkehrten Welt ist, in welcher die Menschen bisher lebten, als umgekehrt wiederum diese verkehrte Welt ein Erzeugniß des bisherigen unreifen Lebensbewußtseins ist. Man sah nicht sogleich die nothwendige Wechselwirkung des wirklichen, gesellschaftlichen Lebens und des Lebensbewußtseins ein. Man richtete die Kritik gegen das Letztere, gegen die Religion, gegen die Politik, gegen Kirche und Staat, gegen den theoretischen Ausdruck des praktischen Egoismus, und glaubte solchergestalt die Welt reformiren zu können, ohne zu bedenken, daß dies ebenso erfolglos sein mußte, wie wenn ein Arzt eine Krankheit dadurch curiren wollte, daß er die Symptome derselben äußerlich wegcurirt. Das verkehrte Bewußtsein und seine Erscheinungsformen, Kirche und Staat, sind Nichts, als die Symptome eines verkehrten Lebens — sie sind das Bild eines wirk­lichen Leibes, der nicht dadurch anders wird, daß man das Bild anders, schöner malt.

Aber, m. H., die Zeit der religiösen und politischen Revolutionen ist jetzt zu Ende. Man sieht ein, daß das egoistische Lebensbewußtsein und seine Existenzformen, Kirche und Staat, von selbst aufhören, aber auch nicht eher aufhören, als wenn das egoistische Leben, der Privaterwerb, der Menschenhandel aufhört. So lange dieser praktische Egoismus nicht aufhört, wird man den Menschen vergebens von Auf­klärung, Freiheit, Vernunft und Liebe sprechen. Die Masse der Menschen wird es nicht glauben, daß das menschliche Leben und das Leben überhaupt in der Liebe, in der Wahrheit, in der Freiheit besteht. Sie wird den Egoismus mit seinem ganzen Gefolge von Übeln als den Grundcharakter der menschlichen Natur betrachten, weil er es in der That ist, so lange die Menschen getrennt, Jeder für sich lebt und wirkt. Sie meinen vielleicht, ich widerspreche mir, indem ich einmal die Liebe und ein anderes Mal den Egoismus für das wirkliche Leben, für das des Naturmenschen erkläre. Aber, m. H., die menschliche Natur ist kein Steinblock, kein einfacher Körper, der stets derselbe ist und bleibt, die menschliche Natur muß sich eben entwickeln, und noch ist sie ebenso wenig ganz entwickelt, wie die Gesellschaft ganz entwickelt ist. — Aus der jetzigen Masse der Menschen können Sie keinen Schluß auf die mensch­liche Natur ziehen. So viel aber ist gewiß: wenn ein Mensch das wahre Lebensbewußt­sein haben kann, so können’s auch alle Menschen haben, und wenn sie es nicht haben, so ist nicht die menschliche Natur daran schuld — sonst könnten wir Alle, die wir hier versammelt sind, noch nicht einmal eine Ahnung vom wahren Leben haben, denn wir sind doch alle nichts mehr als Menschen — sondern die äußeren Verhältnisse sind es, welche es noch nicht gestatten, daß alle Menschen ihre Natur ganz ent­wickeln.

Wenn man sagt, der Communismus sei als Idee etwas sehr Schönes, aber er sei unausführbar, so sagt man damit Nichts weiter, als was die Theologen und Philosophen, Priester und Staatsmänner von jeher sagten. Man hält sich für besser, als die Masse der Menschen. Wenn Sie, m. H., den Communismus an sich für gut halten, so kommt dies daher, weil Sie das Leben in der Liebe und Vernunft für das wahre Leben halten. Sie glauben aber, daß Ihr Lebensbewußtsein nicht in Allen ent­wickelt werden kann. — Warum glauben Sie das? — Weil Sie sich keine andere Form der Entwickelung dieses Bewußtseins denken, als die der theoretischen Belehrung — eine Form, in der bisher alle Priester und Philosophen gewirkt hatten, ohne die Roh­heit und Unwissenheit, Bosheit und Dummheit dadurch aus der Welt verbannt zu haben. Aber die Entwickelung der menschlichen Natur kann noch in einer anderen, in einer praktischen Weise stattfinden, und sie kann nicht nur in dieser Weise stattfinden, sie findet in der That nur oder doch hauptsächlich und wesentlich in dieser Weise statt. —- Lassen wir jene theoretische Form fahren, bilden wir uns nicht ein, die Welt durch unsere Ideen bekehren zu können. Der Communismus ist keine Theorie, wie irgend ein philosophisches System, das uns gelehrt wird. Der Communis­mus ist der Schluß der Entstehungsgeschichte der Gesellschaft.

Sehen Sie um sich, m. H., betrachten Sie einmal genauer diese moderne Gesell­schaft mit ihrer sich täglich riesenmäßiger gestaltenden Industrie, die bis in die entferntesten Weltgegenden dringt, um ihren Productenconsumenten zu suchen, die heute in ein Land von 300 Millionen Einwohner gedrungen ist, um sich neue Absatz­wege für ihre Producte zu verschaffen, um nicht in ihren eignen Productionen zu ersticken, und die, nach den Berechnungen von Sachkennern, in wenigen Jahren schon dieses Land mit ihren Productionen überschwemmt und eine neue Krisis, eine neue mercantilische Stockung hervorgerufen haben wird, in welcher Tausende vom Mittel­stände, Millionen vom Arbeiterstande zu Grunde gehen. — Wohin wird diese un­geregelte Industrie, dieses Schwert in der Hand eines Kindes, am Ende führen? Glauben Sie, daß diese moderne Industrie, die kaum ein halbes Jahrhundert alt ist und fast die ganze Welt mit ihren Erzeugnissen überschattete und eine bereits unausführbare Kluft zwischen Reichen und Armen, Capitalisten und Proletariern in’s Dasein gerufen hat — glauben Sie, daß dieser Geldgötze, der seine eigenen Erzeuger verschlingt, noch lange bestehen kann, ohne die Menschen allesammt bis auf einige Wenige hinzuschlachten? Wir haben in dieser ehrenwerthen Versammlung viele praktische Geschäftsmänner unter uns, sie mögen es mir aus ihrer eigenen lang­jährigen Erfahrung bezeugen, ob es Übertreibung ist, wenn ich behaupte, daß diese moderne Riesenindustrie mit Riesenschritten ihrem eigenen Untergange entgegen geht und unsere ganze Civilisation mit sich in den Abgrund der Barbarei reißen würde, wäre nicht eine höhere Idee, als diejenige, welche unserer bisherigen Civilisation zur Grundlage diente, wäre nicht eine andere Weisheit, als die Weisheit des Privategoismus und Privaterwerbs, wäre, mit einem Worte, nicht der Communis­mus da, um diesen reißenden Strom, wenn er Alles überschwemmen und in seine Fluten begraben will, zum Nutzen des wahren, menschlichen Lebens zu verwenden. Nicht die Welt zu bekehren, ist unsere Aufgabe — noch niemals hat eine Theorie die Welt bekehrt, wenn nicht die Welt, das Leben selbst, diese Theorie erzeugt hat — unsere Aufgabe ist es nur, eine Erkenntniß, die sich Jedem, der gebildet genug ist, um im Buche der Geschichte lesen zu können, von selbst aufdrängt, so weit zu ent­wickeln, daß wir nicht eines Tages, wenn uns diese Erkenntniß allein retten kann, rathlos zu Grunde gehen. — Wir wollen es nicht in Abrede stellen, nein, wir schämen uns dessen nicht, daß unser Herz, unser Mitgefühl mit dem geistigen, sittlichen und physischen Elende unserer Nebenmenschen uns zur Idee und Fortbildung des Com­munismus antreibt; aber es ist nicht unser Herz allein, nicht eine bloße Schwärmerei, es ist auch der Verstand, es ist, um mit Feuerbach zu reden, das zu Verstand gekom­mene Herz, welches uns die Zuversicht einflößt, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in der sich alle Menschen als Glieder einer und derselben Familie betrachten und in Gemeinschaft zusammen wirken werden. Wäre nicht die moderne Industrie da, um erst diese egoistische Gesellschaft aus ihren Fugen zu heben und ihr dann als communistische ihren Überfluß an Productionskräften zu bieten, — wir würden weder die Idee des Communismus bekommen haben, noch weniger an seine Aus­führbarkeit glauben. Auf dem Punkte aber, wo jetzt die menschliche Wissenschaft und Kunstthätigkeit steht, ist es eben so gewiß, daß alle Menschen mit einer so leichten Mühe, wie sie sich Niemand verdrießen lassen wird, ein bequemes, genuß­reiches, freies Leben führen können, wenn sie sich vereinigen und in Gemeinschaft leben und wirken, als es gewiß ist, daß sie im Privaterwerbe zu Grunde gehen.

Wir müssen oft den Einwurf hören, viele Arbeiten seien so mühsam, abstoßend und selbst der Gesundheit so schädlich, daß kein Mensch sich dazu verstehen würde, sie zu verrichten, wenn er nicht durch die Noth dazu gezwungen wäre. Diese Bemerkung, welche, wie man glaubt, den größten Einwurf gegen den Communismus bildet, ist vielmehr einer der triftigsten Gründe für denselben. Berücksichtigen Sie einmal, meine Herren, die hohe Stufe der Ausbildung, welche die Mechanik gegen­wärtig erlangt hat, und sagen Sie selbst, ob Sie sich irgend eine Arbeit denken können, welche nicht, wenn man nur ernstlich wollte und keine Kosten scheute, für den Men­schen bequem gemacht werden könnte. Angenommen aber, es sollten Arbeiten übrig bleiben, die, trotz aller mechanischen Hülfsmittel, für den Menschen unbequem bleiben, mit welchem Rechte wollten Sie diese Arbeiten den Einen aufbürden und den Anderen nicht. Wäre es nicht vielmehr Recht und Pflicht, solche Arbeiten durch gemeinsame Übernahme sich gegenseitig zu erleichtern? Haben wir denn ein Recht, die Menschen, die das Unglück haben, arm geboren zu werden, als Parias zu behandeln, um Anderen dagegen das Privilegium eines bequemen Lebens zu sichern? — In einer Gesellschaft, welcher allgemeines Menschenwohl mehr werth ist, als alle Schätze der Welt, in einer Gesellschaft, welche keine Kosten scheut, um die Arbeiten so zu ge­stalten, daß der Mensch sie ohne Nachtheil für sein Leben verrichten kann, in einer Gesellschaft, welche Arbeiten, die sich vom allgemein menschlichen Gesichtspunkte aus nicht rechtfertigen lassen, lieber ungeschehen läßt, in einer solchen Gesellschaft, sage ich, können solche unmenschliche Arbeiten, wie in unserer, auf Raubmord, Sklaverei, Thorheit und Ungerechtigkeit begründeten Gesellschaft, gar nicht mehr vorkommen. Je mehr Sie in unserer Gesellschaft solche Arbeiten finden, die der Mensch nur durch die Noth, die mit anderen Worten nur der Sklave verrichtet, desto mehr müssen Sie den Communismus, ohne welchen diese Arbeiten nicht um- oder ab­zuschaffen sind, als unumgängliche Bedingung der Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität betrachten.

Siehe auch: Zweite Rede über den Communismus