An die Leser
Die vorliegende Schrift ist ein für den Druck bearbeiteter Vortrag, den ich den Mitgliedern des allgemeinen deutschen Arbeitervereins zu Köln und Düsseldorf gehalten habe. Die Veröffentlichung geschieht zunächst auch nur im Interesse unseres Vereines, dessen sämtliche Mitglieder Exemplare dieses Vortrages gratis erhalten.
Nur eine Vorbemerkung erlaube ich mir zu machen. — Wenn ich hier gegen Gesinnungsgenossen auftrete, die heute ihre Ansichten geändert zu haben scheinen, so soll damit keineswegs ihre Überzeugungstreue verdächtigt – im Gegenteil, sie sollen gegen ihre eigenen Illusionen in Schutz genommen werden. Sie selbst bilden sich ein, sich den Umständen anzubequemen, während sie in der Tat die Geschichtsanschauung der Sozialdemokratie niemals geteilt haben, deren klassischer Vertreter das französische Volk und deren Darstellung Hauptzweck dieser Schrift ist.
Köln, 15. Juli 1863.

Rechte der Arbeit

1.
Meine Herren! Schon im vorigen Jahrhundert vereinigten sich in Frankreich unter dem Namen »Dritter Stand« alle produktiven Elemente der modernen Gesellschaft, vom genialsten Geiste an bis herab zum mechanischsten Arbeiter, gegen die beiden unproduktiv gewordenen Stände des Adels und der Geistlichkeit, um denselben politische und soziale Vorrechte zu entziehen, die sie aus den dunkelsten, barbarischsten Zeiten des Mittelalters geerbt hatten. Die Vorrechte dieser beiden Stände, welche sich auf die Eroberung des Bodens und dessen Ausbeutung im Interesse der Eroberer gründeten, waren in jenen uns fernliegenden Zeiten gewiß auch zeitgemäß. Aber sie hatten schon längst aufgehört, einen Nutzen für die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zu haben und waren zuletzt gar nicht mehr mit dieser Fortentwicklung vereinbarlich, weil sie die Arbeit hemmten und daher die Existenz der Gesellschaft gefährdeten. Damals schon, als das französische Volk alle historischen Rechte eines ererbten, unproduktiv gewordenen Besitzes geistlicher und weltlicher Monopole abschaffte und die Gleichberechtigung aller Staatsbürger proklamierte, wurde das Recht der Arbeit im Gegensatze zum Rechte der Eroberung anerkannt. Die ganze Gesetzgebung, durch welche die französische Revolution sanktioniert worden, beruht auf dem Grundsatze, daß die Arbeit allein die Basis jedes politischen und sozialen Rechtes, die Grundlage aller Macht im Staate und in der bürgerlichen Gesellschaft, kurz, die Wurzel sei, ohne welche das soziale Leben weder bestehen noch sich entwickeln kann. Dabei wurde durchaus kein Unterschied zwischen mehr geistiger und mehr mechanischer Arbeit oder zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen gemacht; und die vollständigste Gleichheit vor dem Gesetze, welche seitdem bereits in die französischen Sitten übergegangen ist, war die Folge des zur Herrschaft gekommenen Rechtes der Arbeit. Bemerken Sie wohl, meine Herren, das geschah in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also vor beinahe achtzig Jahren, als man von den enormen Fortschritten, welche die Arbeit, die Industrie, gerade infolge ihrer Befreiung von allem feudalem Drucke, in unserem Jahrhundert gemacht hat, kaum eine Ahnung hatte. Es geschah in Frankreich, wo die Industrie noch nicht einmal so weit entwickelt war als zur selben Zeit in England. Es war eben erst der Anfang der Epoche, in welcher die Arbeit zur Weltherrschaft gelangen sollte. Heute hat sich bereits die Arbeit vielfach zur großen Industrie entwickelt, und die Beherrscher derselben, die großen Kapitalisten, beherrschen die Welt. – Die feudalen Machthaber, welche auf ihr ererbtes, auf ihr historisches Recht pochen, sind zum Teil vollständig durch die neuen Machthaber verdrängt, zum Teil besitzen sie noch eine schwindsüchtige politische Herrschaft, welche selbst in den Ländern, die keine französische Revolution hinter sich haben, keine ökonomische Grundlage und keine soziale Macht mehr hat. Diese Macht, die Grundlage der politischen, ist überall, wo die Industrie einigermaßen entwickelt ist, schon in den Händen der Kapitalisten. Mit Recht nennen diese sich auch bei uns die »Potenten« und lächeln mitleidig über diejenigen Narren sowohl, die sich einbilden, in der Gesellschaft höher zu stehen, weil sie am Dache des Hauses herumflicken, in welchem sie, die Kapitalisten, bequem wohnen und herrschen, als über jene anderen Narren, welche wähnen, Arm in Arm mit ihnen zu einer sozialen und politischen Umgestaltung zu gelangen, welche ihre Machtstellung in Frage stellt.
So, meine Herren, stehen die Sachen aber nur in unserem Vaterlande, welches sich, wie man sagt, »die Resultate der französischen Revolution auf friedlichem Wege angeeignet hat«, ohne selbst für ihre Prinzipien zu kämpfen. – Nicht so im Lande, welches sich das Recht der Arbeit selbst erkämpft hat. Dieses Land, Frankreich, war auch während der Entwicklung der Arbeit zur großen Industrie nicht untätig.
Die französische Demokratie, welche so gut wie die unsrige aus jenen Klassen zusammengesetzt ist, die zwischen den großen Kapitalisten und den besitzlosen Arbeiterklassen in der Mitte stehen und daher Mittelklassen genannt werden – die französische Demokratie ist niemals in den Fehler verfallen, den sich die demokratischen Elemente unserer Fortschrittspartei haben zuschulden kommen lassen. – Unsere Mittelklassen raten von jeder Parteibildung ab, welche geeignet wäre, die Kapitalisten von der Teilnahme an der »gemeinsamen« Opposition gegen die Feudalen abzuschrecken und sie, die schon seit 1848 ihre Schwenkung nach rechts gemacht haben, in das Lager der Reaktion zu treiben; unsere Mittelklassen möchten das »gute Einvernehmen« innerhalb der alles umfassenden Fortschrittspartei nicht stören. Mit der Bleikugel der zitternden Geldaristokratie an den Füßen, glauben sie besser fortschreiten zu können als getragen von der gewaltigen Volkskraft, welche sich gegen den Druck einer tausendjährigen Ausbeutung erhebt. – Die demokratischen Vertreter unserer Mittelklassen möchten, um ihren Abfall von der entschiedenen Demokratie zu beschönigen, sich selbst und uns einreden, wir hätten in Deutschland gar keine solche Bourgeoisie wie in Frankreich. Bei uns, sagen sie, verfolge diese Klasse noch im schönsten Einklänge mit allen produktiven Klassen dieselben Zwecke, habe sie auch noch ganz gleiche Interessen mit ihnen. Hören Sie nur unsere ehemaligen Sozialdemokraten, die sich der Fortschrittspartei angeschlossen haben! Sie erzählen Ihnen mit breiter Umständlichkeit, daß wir eine ganz andere politische und soziale Entwicklung gehabt als die bösen Franzosen, die sich in Klassenkämpfen aufgerieben hätten, während bei uns alle Klassen noch heute in der lieblichsten Einmütigkeit – zwar nicht handeln, aber petitionieren, demonstrieren und – gemeinsame Ohrfeigen und Fußtritte von oben empfangen. — Allerdings, meine Herren, diese Einmütigkeit im passiven Widerstande unter allen Klassen der Gesellschaft hat in Frankreich niemals geherrscht. Hier hat man die Dinge stets bei ihrem Namen genannt und den sozialökonomischen Tatsachen ihren politischen Ausdruck gegeben. Schon vor fünfzehn Jahren erhob sich das französische Volk gegen die Herrschaft der spekulierenden Finanziers, gegen eine Klasse, welche vor abermals so vielen Jahren ungefähr, vor dreißig und etlichen Jahren, unter der Regierung Louis Philipps die politischen Rechte für sich allein monopolisierte, die das Volk wiederholt, vom Jahre 1789 bis zum Jahre 1830, für alle produktive Arbeit, für jede nützliche Tätigkeit erkämpfte. Denn, meine Herren, keineswegs bloß für die große Industrie, die in ihrer ausgebildeten Gestalt damals noch gar nicht existierte, keineswegs bloß für diese oder jene produktive Klasse, sondern für alle Arbeiter, für alle Staatsbürger, für alle Citoyens hatte das französische Volk sich gegen das historische Recht beider Stände des Adels und der Geistlichkeit erhoben und sein edelstes Herzblut vergossen. Aber infolge der Entwicklung der Industrie wuchs unvermerkt der Bourgeois dem Citoyen, der Bürger dem Staatsbürger über den Kopf. Noch im Jahre 1830 war darüber kaum ein Bewußtsein in der öffentlichen Meinung vorhanden, obgleich die sozialistischen Schulen, welche über Geldaristokratie und Kapitalherrschaft schrien, längst existierten. Man hatte eben die Erfahrung davon noch nicht im politischen Leben gemacht, und man stürzte die Restauration, das Gespenst der alten, längst getöteten Adels- und Priesterherrschaft, in dem guten Glauben, daß nun wieder, wie im Jahre 1789, alle produktiven Klassen zur politischen Gleichberechtigung gelangen würden. Aber die großen Kapitalisten, welche faktisch schon die soziale Macht besaßen, wollten ihr auch die gesetzliche Sanktion geben. Sie schufen eine kleine Wählerklasse von Hochbesteuerten, das sogenannte pays legal, und schlössen die große Volksmasse, Kleinbürger, Bauern und Lohnarbeiter, vom Wahlkörper und folglich von der Vertretung ihrer Interessen aus. Sowie das französische Volk den Streich merkte, fing es an, sich gegen die bürgerlichen Usurpatoren zu empören. Die Lehren der französischen Sozialisten, die bis dahin nur Schulen bildeten, drangen nun ins Volk. Von Jahr zu Jahr wurde die politische Atmosphäre schwüler, die Feindschaft gegen die Usurpatoren größer. Das längst gefürchtete Gewitter kam im Februar 1848 zum Ausbruch. Der Blitz schlug, wie immer, in die Spitzen der Gesellschaft – und der Julithron loderte in helle Flammen auf. Alle Welt war von diesem unerwarteten Donnerwetter überrascht; und später stimmten sogar unsere revolutionärsten Sozialisten (die revolutionärsten wenigstens auf dem Papiere) dem Urteile der deutschen Philister bei, daß die Februarrevolution eine bloße »Überraschung« und eine pure »Überrumpelung« gewesen sei. – Sooft ein geschichtliches Ereignis eine geschichtliche Illusion zerstört, ist für die Enttäuschten das geschichtliche Ereignis eine Überraschung. Nur für diejenigen ist es keine, welche das geschichtliche Ereignis vollziehen. Das Volk, welches den Juli thron gestürzt hatte, war sich »in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewußt«, mehr bewußt als die gelehrten Herren, die es hinterher schulmeisterten. – Es begnügte sich nicht mehr damit, das Recht der Arbeit gegen die Vorrechte der unproduktiv gewordenen Stände des Mittelalters zu reklamieren. Dieses Recht war ja schon längst zur Anerkennung gekommen, war schon im eigentlichen Sinne ein historisches Recht geworden; denn es hatte bereits eine bevorzugte Klasse geschaffen, die sich nicht mehr auf die Arbeit selbst, sondern auf Produkte früherer Arbeit stützte, auf die schon vollbrachte Arbeit, mit anderen Worten: auf das Kapital.
Verweilen wir einen Augenblick bei diesem wichtigen ökonomischen Faktor.

2.
Schulze-Delitzsch bemüht sich, einen klaren und scharf begrenzten Begriff erst mittels Phrasen zu verwässern, um ihn sodann, bei erhöhter Temperatur seiner Zuhörer, durch Verdunstung in den Wolkenhimmel seliger Träume aufsteigen zu lassen. Nach Schulze-Delitzsch gäbe es gar keinen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, da nach ihm alles, auch die Arbeitskraft, Kapital ist.
Allerdings, meine Herren, was die Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung durch geistige und materielle Arbeit hervorgebracht und von Generation zu Generation vererbt hat, also der ganze Überschuß an geistigen und materiellen Arbeitserzeugnissen, der nicht verbraucht worden oder nicht verlorengegangen ist, alles das kann als das Kapital der Gegenwart, als die Arbeitskraft, als das Produktionsinstrument der Zukunft angesehen werden. – Seinen ökonomischen Wert und seine soziale Macht erhält aber das Kapital nur dadurch, daß es einen Gewinn für seinen Besitzer abwirft. Obgleich daher das Kapital nichts anderes ist als die im Laufe der Generationen sich stets vermehrende und verbessernde menschliche Arbeitsfähigkeit oder Arbeitskraft, so hat doch diese Kraft nur für denjenigen einen Kapital-Wert und eine Kapital-Macht, ist sie doch nur für denjenigen Kapital im ökonomischen Sinne, für welchen sie eben jenen Gewinn abwirft. — Der Arbeiter, der seine Kraft einem anderen vermietet und dafür nichts weiter als seine notdürftigsten Existenzmittel empfängt, dem sein »Kapital an Arbeitskraft« keinen Gewinn einbringt, dieser Arbeiter ist kein Kapitalbesitzer und wird es auch nicht, trotz aller der schönen Phrasen des Herrn Schulze aus Delitzsch. Der Arbeiter ist ein Kapital für denjenigen, der sich seiner als Produktionsinstrument bedient, aber er besitzt sein eigenes Kapital nicht, besitzt sich selbst nicht. Solange er durch die Not gezwungen ist, ohne Profit für sich selbst, nur für den Profit eines anderen zu arbeiten, ist er das Kapital dieses anderen, ist er, wie der Sklave, ein Kapital, aber kein Kapitalist.
Man hat ferner den Gegensatz von Kapital und Arbeit dadurch abzuschwächen geglaubt, daß man den Unterschied von Geld und Kapital betonte. Das Geld, Wertpapiere mit eingeschlossen, repräsentiert allerdings nur einen Teil des Kapitals: den in der Zirkulation befindlichen Überschuß an Arbeitserzeugnissen, der als geltendes Tauschmittel unmittelbar zu jeder ferneren Produktion anwendbar ist. Aber dieser Teil des Kapitals ist gerade der wichtigste. Da die überschüssigen Arbeitserzeugnisse überhaupt nur insofern Kapital sind, als sie unmittelbar zu produktiver Arbeit anwendbar sind, so ist weitaus in den meisten Fällen nur derjenige Teil des Kapitals, welcher durch das allgemeine geltende Tauschmittel, durch Geld, repräsentiert ist, wirkliches Kapital; denn er ist das Mittel zur Anschaffung aller, nicht bloß dieser oder jener Arbeitserzeugnisse, die nur zu dieser oder jener Arbeit dienen, die aber deshalb noch ganz und gar nicht zu derjenigen Arbeit brauchbar sein müssen, die zu einer gegebenen Zeit und an einem bestimmten Orte mit Vorteil zu betreiben ist. Daher, wenn auch jeder Besitzer von Arbeitskräften oder Arbeitsinstrumenten ein Besitzer von Kapitalien ist, sofern er sich selbst derselben zu produktiven Zwecken bedienen kann oder auch sofern er einen Käufer oder Mieter für dieselben findet, so ist doch nur schlechthin Kapitalist derjenige, der ein jederzeit und überall zu verwertendes Kapital besitzt, der Besitzer des allgemeinen geltenden Tauschmittels, kurz, der Geldbesitzer. Unwissenschaftlich ist folglich weit weniger die populäre Vorstellung, welche Kapitalbesitz und Geldbesitz für gleichbedeutend hält, als vielmehr jener verschwommene und verflüchtigte Begriff, den Schulze-Delitzsch in seinem »Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus« vom Kapital und vom Verhältnis des Kapitals zur Arbeit aufstellt.
Was dem Kapital seine Macht gibt, ist der Umstand, daß es seinen Wert nicht nur aus der Arbeit zieht, die der Kapitalist als Unternehmer selbst verrichtet und verrichten läßt, sondern großenteils auch aus der Arbeit, die andere Unternehmer mit dem Gelde der Kapitalbesitzer verrichten oder verrichten lassen und diesen dafür zinspflichtig sind.
Durch Zinsen ohne Zinseszinsen verdoppelt sich schon das Kapital in zwanzig Jahren, die Zinsen zu fünf Prozent gerechnet. Nimmt man aber die Zinseszinsen hinzu, so verdoppelt es sich schon zu 4 Prozent in weniger als zwanzig Jahren. Das Kapital hat dadurch eine Art von übernatürlicher Macht, die jedoch keine Hexerei ist. Nein, meine Herren, die Rentiers sind keine Hexenmeister. – Obgleich ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, sind es doch die unschuldigsten Menschen von der Welt. – Der Zinsertrag des Kapitals hängt weder von dem Willen des Rentiers noch von Staatsverordnungen ab. Die Gesetzgebung kann die Höhe des Kapitalzinses oder den Zinsfuß nicht willkürlich bestimmen. Er ist eine ganz natürliche und notwendige sozialökonomische Folge unserer Produktionsweise.
Bei der Ausdehnung, welche Industrie und Handel gewonnen haben, bedürfen sie großer Kapitalien. Diese befinden sich schon seit unvordenklichen Zeiten im Besitze weniger Herren, welche entweder Grundeigentümer oder Geldbesitzer sind. Ich will hier zunächst von den letzteren sprechen, deren Kapitalien sich eben infolge unserer Industrie täglich vergrößern und in immer wenigeren Händen anhäufen.
Die Zinsen sind ein vorweggenommener Teil des Gewinnes, den die produktive Arbeit abwirft. Der Reingewinn ist derjenige Überschuß, welcher nach Abzug aller Produktionskosten eines rentablen Geschäftes übrigbleibt. Zu den Produktionskosten gehört alles was der Mensch bedarf zum Piervorbringen von Wertgegenständen. Wertgegenstände sind diejenigen für den Menschen notwendigen, nützlichen oder angenehmen und daher von ihm gesuchte Dinge, welche durch menschliche Arbeit geschaffen und herbeigeschafft werden müssen; denn was die Natur ohne menschliche Arbeit schafft und herbeischafft, wie z. B. die Luft, die wir einatmen und vielfach zu produktiver Arbeit verwenden, sind keine Wertgegenstände, so unentbehrlich sie auch sind. – Alles also, was der Mensch, sowohl während der Ausbildung als während der Anwendung seiner Arbeitsfähigkeiten, an Wertgegenständen bedarf, Bildungsmittel, Nahrungsmittel und Werkzeuge, gehört eben zu den Produktionskosten. Folglich gehört dazu ein disponibler Überschuß von Wertgegenständen, den nicht jedermann hat. Dieser disponible Überschuß ist, wie gesagt, vor allen Dingen durch das allgemein geltende Tauschmittel, durch das Geld repräsentiert, welches in den Händen der Kapitalisten und ihrer Banken, welches eben das Kapital der modernen Industrie ist. Gegen einen Anteil am Gewinne der Geschäfte, d. h. gegen Zinsen, wird es denjenigen Geschäftsleuten vorgestreckt, welche die hinlängliche Garantie für Kapital und. Zinsen bieten. Die Banken und Bankiers, welche die Geldgeschäfte und den Kredit vermitteln, suchen die Garantie vor allen Dingen in dem Besitze, den sich der Geschäftsmann bereits erworben hat. Die großen Kapitalien sind daher nur für diejenigen Geschäftsleute vorhanden, welche bereits selbst Kapitalbesitzer sind. Die Höhe des Preises oder der Zins, den solche Geschäftsleute für Kapitalien bezahlen und der von der Konkurrenz abhängt, welche sowohl die Kreditgeber als die Kreditnehmer sich machen, dieser Preis also, sage ich, bestimmt wiederum die in einer bestimmten Epoche übliche Höhe des Zinses überhaupt, den Zinsfuß. Wer von den Zinsen seines Kapitals alle seine Gewohnheitsbedürfnisse befriedigen oder gar seine Zinsen nicht ganz verzehren kann, braucht demnach gar keine Geschäfte für eigene Rechnung und eigenes Risiko zu unternehmen. Wenn er solche, wie es häufig geschieht, dennoch betreibt, so geschieht es entweder – und das ist die allgemeine Ursache, die Regel – um seine Reichtümer noch mehr zu vergrößern, als es schon durch die Zinsen und Zinseszinsen seines Kapitals geschehen würde; oder auch, wie es wohl ausnahmsweise vorkommen mag, aus bloßer Liebhaberei. Im letzteren Falle kann der mit eigenem Gelde arbeitende sich freilich auch ohne Reingewinn begnügen; er braucht nur so viel zu gewinnen, um seiner Gewohnheit gemäß leben zu können, ohne sein Kapital anzugreifen. In der Regel wird aber selbst derjenige Geschäftsmann, der nur mit eigenem Gelde arbeitet, was überhaupt selten ist, so viel mit seinem Geschäfte gewinnen, daß er außer den Zinsen auch noch Profit aus seinem Kapitale zieht. Würde eine Unternehmung nicht Zinsen und Profit abwerfen, so würde sie sich nicht gut rentieren, und der Kapitalist würde besser tun, eine solche Unternehmung für eigene Rechnung und eigenes Risiko ganz aufzugeben und sein Kapital einfach zu verzinsen, d. h. fremden Unternehmungen vorzustrecken, die sich besser rentieren und die ihm denjenigen Anteil von Gewinnen sichern, der eben durch den herrschenden Zinsfuß der eben durch den herrschenden Zinsfuß bestimmt wird. Ich habe nicht nötig, Sie noch weiterhin mit den verschiedenen Arten bekanntzumachen, wie man heute Kapitalien mit Sicherheit anlegen kann, ohne selbst Geschäfte zu machen. – Nehmen wir den heutigen Zinsfuß zu 4 Prozent (vier vom Hundert) an, so wird ein Kapitalist, der heute eine Million Taler besitzt und gar keine eigenen Geschäfte macht, nächstes Jahr 40000 Taler Zinsen bekommen. Nehmen wir auch an, er brauche jährlich 20000Taler, so hat er schon im nächsten Jahre 20 000 Taler Kapital mehr als im gegenwärtigen und bezieht davon im folgenden Jahre 800 Taler, die zu den ursprünglichen Zinsen von der Million hinzugerechnet nach Abzug seines Gebrauches von jährlich 20000 Talern sein Kapital nach zwei Jahren um 40800 Taler vermehrt haben. Auf diese Weise wächst das Kapital jährlich durch Zinsen und Zinseszinsen. – Außerdem aber hat der große Kapitalist in unserer Zeit sehr häufig Gelegenheit, mit leichter Mühe Spekulationen zu machen, die weniger großen Unternehmungsgeist als hohe Konnexionen und ein weites Gewissen voraussetzen und die in kurzer Zeit sein Kapital verdoppeln. — Dem kleinen Geschäftsmann dagegen wird der Erwerb immer schwerer; er kann mit dem großen Kapital nicht konkurrieren. Unter Hunderten schwingt sich einer empor zur Klasse der Kapitalisten, während die übrigen 99 allmählich im Laufe weniger Generationen in die Klasse des Proletariats herabgedrückt werden, welches das Produktionsinstrument der großen Industrie und der großen Kapitalisten ist.
Es ist eine feststehende und zugleich so augenfällige Tatsache, daß auch der mit der ökonomischen Wissenschaft weniger Vertraute sich leicht durch tägliche Beobachtung davon überzeugen kann, die Tatsache nämlich, daß mit der Entwicklung der großen Industrie, welche in den Händen des großen Kapitals ist und bleibt, der Nationalreichtum sich mehr und mehr in den Besitz weniger großer Kapitalisten zieht. Nach dem, was ich Ihnen auseinandergesetzt habe, kann Ihnen das nicht mehr auffallend sein. Am schlimmsten stehen dabei freilich die Lohnarbeiter, denn sie sind eine bloße Sache in den Händen der großen Kapitalisten, ein Werkzeug, das sich niemals zur menschlichen Selbständigkeit erheben kann. -Aber auch die Meinen Geschäftsleute werden, solange sie sich den Kapitalisten zu Füßen werfen, das Verhältnis von Kapital und Arbeit nicht ändern und dem ehernen Gesetze anheimfallen, welches den Mittelstand aufhebt und nur noch zwei Klassen bestehen läßt: Kapitalisten und Lohnarbeiter, die sich stets gegenseitig selbst erzeugen – ein Kreislauf, der, solange unsere heutige Produktionsweise keine Änderung erleidet, ewig in sich abgeschlossen bleibt. Noch ist freilich die Industrie nicht überall auf dem Höhepunkte, den sie in den fortgeschrittensten Ländern erreicht hat; noch gibt es eine große Anzahl von Mittelklassen, die weder Kapitalisten noch Lohnarbeiter oder Proletarier sind; aber der Fortschritt der Industrie selbst treibt zu jenem Zauberkreise von sich gegenseitig erzeugenden Lohnarbeitern und Kapitalisten hin, welche keine Macht zu durchbrechen vermag, solange unsere heutige Produktionsweise besteht. Mit innerer Notwendigkeit vermehrt sie stets die Macht des Kapitals, die Ohnmacht des Arbeiters, stellt sie selbst dann das Verhältnis von Kapital und Arbeit stets wieder her, wenn man auch die Kapitalisten auf gesetzlichem oder ungesetzlichem Wege berauben würde. – Ohne Änderung der Produktionsweise (nach einem Prinzipe, mit welchem ich Sie sogleich vertraut machen werde) würde eine übermäßige Besteuerung des Kapitals nur die Industrie lähmen, die Kapitalien vom inländischen Markte vertreiben, den Zinsfuß erhöhen, die Arbeit und den Arbeitslohn vermindern, und uns, statt vorwärtszubringen, zurückwerfen, bis endlich die Not den Staat zwingen würde, sich den Kapitalisten wieder auf Gnade und Ungnade zu ergeben. – Staat und Gesellschaft haben daher, wenn nicht unsere ganze Produktionsweise eine andere wird, weder ein gesetzliches noch ein ungesetzliches Mittel, um der Herrschaft des Kapitals zu entfliehen. Arbeiter, Geschäftsleute, Staatsdiener, Könige, Kaiser, die mächtigsten Reiche sind ihm zinspflichtig; sie können sich durch keine Macht der seinigen entziehen, solange die Arbeit vom Kapitale abhängt, welches sich in den Händen weniger großer Kapitalisten anhäuft.
Und das, meine Herren, ist in unserem guten Deutschland genauso wie im bösen Frankreich. Der einzige Unterschied zwischen hier und dort ist die Art und Weise, wie das tatsächliche Verhältnis des Kapitals zur Arbeit und zur ganzen Gesellschaft im öffentlichen Leben hervortritt, ob versteckt und feige oder offen und keck.

3.
Bei uns in Deutschland haben weder die Beherrscher der Arbeit noch die Mittelklassen und Lohnarbeiter den Mut gehabt, dem tatsächlichen sozialökonomischen Verhältnis einen politischen Ausdruck und eine gesetzliche Sanktion zu geben. Nachdem die Kapitalisten infolge der ersten französischen Revolution, welche die Arbeit von den feudalen Schranken der mittelalterlichen Produktion befreite, auch in vielen Gegenden Deutschlands auf dem friedlichsten Wege von der Welt zur Herrschaft gelangt sind, haben sie zwar sehr viel intrigiert, petitioniert und demonstriert, aber doch keine Julirevolution zu machen gewagt, um sich einer politischen Herrschaft zu bemächtigen, welche durch keine schönen Redensarten allein von einer Hand in die andere übergeht. – Als sich dann später in Frankreich die arbeitenden Klassen gegen die bürgerlichen Usurpatoren empörten und den
Julithron stürzten, hat man auch in Deutschland angefangen, das Versäumte durch neue Redewendungen nachzuholen, in welchen nun auch der »arbeitenden Klassen« gedacht wurde. Aber man hütete sich nach wie vor, den Schwerpunkt der politischen Macht zu verlegen; man sprach von einer Monarchie auf »breitester demokratischer Grundlage«; und als man ein neues Gebäude auf dieser Basis errichtet zu haben glaubte, fand sich, daß es gar keine Grundlage hatte. Ich stehe, wie Sie sehen, mitten in der gemütlichen Anarchie und Konfusion der Märztage, welche noch bis zur heutigen Stunde in der deutschen Fortschrittspartei herrscht. Die edle vereinigt die entgegengesetztesten Parteien und Interessen friedlich in ihrem Schöße. Jede entschiedene Parteistellung ist ihr verhaßt.
In Frankreich dagegen hat schon unter der Regierung Louis Philipps das Verhältnis von Kapital und Arbeit seinen politischen Ausdruck gefunden, sowohl in der Machtstellung der großen Finanziers, welche damals die ganze politische Macht in Händen hatten, als im Kampfe der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen gegen diese Machtstellung. – Hundertmal zurückgeschlagen, griffen die arbeitenden Klassen den Feind immer wieder von neuem an, bis er endlich in der Februarrevolution besiegt worden ist. — Nun war das erste die Wiederherstellung der politischen Volksgewalt durch die Proklamation der Republik und des allgemeinen Stimmrechtes. Dann kamen die Mittel an die Reihe, welche der sozialen Übermacht des Kapitals steuern sollten. – Noch standen die demokratischen, aber nicht sozialistischen Mittelklassen, die nur nach einer bedingten Wahlreform strebten, auf gespanntem Fuße mit den Arbeitern, welche die demokratisch-soziale Republik proklamiert hatten. Dennoch hatten diese letzteren schon vom Anfange ihres Sieges an den richtigen Instinkt, sich von keinen sozialistischen Illusionen bestimmen zu lassen, ein Attentat auf das Eigentum zu begehen, welches den ganzen Mittelstand noch mehr gegen sie aufgebracht und eine Versöhnung zwischen den verschiedenen produktiven Klassen, die später wirklich erfolgte, unmöglich gemacht hätte. Die Sieger erklärten im Gegenteil das Eigentum für heilig, ließen das bereits anerkannte Prinzip der ersten französischen Revolution, das Recht der Arbeit, in seinem vollen Umfange bestehen. Aber indem sie, auf dieses Recht sich stützend, das allgemeine Stimmrecht proklamierten, gaben sie zugleich ihren Kandidaten für die konstituierende Versammlung die Parole, auf die Anerkennung eines weiteren Arbeitsrechtes hinzuwirken. Dieses erweiterte Arbeitsrecht, welches im Jahre 1848 wiederum vom Genie des Volkes selbst und durch dasselbe in Frankreich proklamiert wurde, war das Recht auf Arbeit, le droit au travail.
Meine Herren, der schöpferische Geist des Volkes, welches sich gegen die alten und neuen Usurpatoren erhoben, hat auch hier wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Aus den so verschiedenen sozialistischen Lehren, die so manche Verkehrtheiten und so viel Unpraktisches enthielten, wurde ihm nur das eine klar, daß die Gesellschaft, welche sich auf die Arbeit stützt, stets für Arbeit zu sorgen habe, daß diese Sorge nicht dem einzelnen überlassen bleiben könne, der das Ganze nicht überschauen kann und auch nur sein unmittelbares Privatinteresse im Auge hat, daß vielmehr dem Ganzen, dem Staate, diese Sorge, diese Pflicht anheimfalle. – Die französischen Arbeiter konnten freilich dem Staate nicht vorschreiben, wie er das Recht auf Arbeit zur Ausführung bringen sollte; das überließen sie und mußten es überlassen der vom ganzen Volke gewählten höchsten gesetzgebenden und regierenden Gewalt. Aber diese Gewalt blieb dem Volke für sein Recht auf Arbeit verantwortlich. — Die provisorische Regierung und die
Exekutivkommission hatten das Recht auf Arbeit absichtlich in einer verkehrten Weise ausgeführt, absichtlich die Junischlacht provoziert, um ein für allemal mit dem Recht auf Arbeit zu enden. Die Bourgeoisie lockte das Volk in die Falle, um es abzuschlachten und glaubte nun, das neue Arbeitsrecht beseitigt zu haben. Aber sie hatte sich verrechnet; alle Fraktionen der Bourgeoisie, welche seitdem an die Herrschaft kamen, nutzten sich sehr schnell ab, weil sie das Recht auf Arbeit nicht anerkannten, und nur demjenigen verblieb die Herrschaft, welcher, auf die in der Auflösung begriffenen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft sich stützend, die Rechte der besitzlosen Klassen anerkannte: dem Erben des Cäsar Napoleon.
Welche Bedeutung das Recht auf Arbeit für die besitzlosen Arbeiter hat, wie untrennbar es von seinem altern revolutionären Vorläufer, vom Rechte der Arbeit ist, das hat Ihnen schon Lassalle in seinen verschiedenen Vorträgen und Schriften erklärt. Wenn die besitzlosen Arbeiter, die heute noch gar keine Vertretung im Staate haben, durch die Anerkennung des Rechtes der Arbeit und das auf dieses Recht gestützte allgemeine und direkte Wahlrecht ein Wort im Staate mitzusprechen haben werden, dann wird die Gesetzgebung auch dahin wirken, daß sie nicht mehr von allem Kredit ausgeschlossen bleiben, daß die Staatsbanken nicht mehr für die große Bourgeoisie allein da sind, dann wird, mit anderen Worten, auch das Recht der Arbeit anerkannt werden. Wenn das Recht auf Arbeit einmal vom Staate anerkannt ist, dann hat er auch die Pflicht, dafür zu sorgen, daß es keinem Arbeiter an produktiver Arbeit fehle, daß die Produktion nicht mehr ausschließlich von solchen beherrscht werde, welche zufällig im Besitze großer Kapitalien sind oder sich Kapitalien durch verdienten und unverdienten Kredit zu beschaffen, wohl auch zu erschwindeln verstehen. Dann hat der Staat, mit anderen Worten, auch die Pflicht, den Arbeitern, welche sich zu großen produktiven Unternehmungen assoziieren wollen, unter die Arme zu greifen, sie mit Rat und Tat zu unterstützen, ihnen Kredit zu bewilligen und dafür zu sorgen, daß ihre Geschäfte von fähigen Direktoren geleitet werden, welche zwar von den Arbeitern frei gewählt, aber vom Staate bestätigt und kontrolliert werden müssen, da er natürlich nur solchen Geschäften Kredit geben kann, welche sich rentieren. – Es war eben nur ein plumper Kunstgriff der Feinde der französischen Arbeiter, durch die sogenannten Nationalwerkstätten, in welchen man absichtlich nur unproduktive Arbeiten verrichten ließ, dem Volke beweisen oder »weismachen« zu wollen, daß das von ihm proklamierte Recht auf Arbeit eine sinnlose Forderung sei. – Alles das, meine Herren, wissen Sie schon durch die schätzbaren Enthüllungen Lassalles. Sie wissen aber vielleicht weniger, daß es den Feinden der Arbeiter nur gelungen ist, durch solche und ähnliche Kunstgriff e das deutsche Volk zu täuschen. Das französische Volk, meine Herren, ließ sich und läßt sich heute noch durch seine Feinde nicht irremachen. Wenn es auch nach den Erfahrungen von 1848 die Diktatur eines Cäsar Napoleon, der ihm für sein Recht auf Arbeit verantwortlich blieb, der Diktatur einer Bourgeoisie vorgezogen hat, die ihm dasselbe geradezu streitig machte, so täuscht sich doch niemand mehr, und am wenigsten Cäsar Napoleon selbst, über die Grundlagen seiner Macht. Sowenig wie das allgemeine und direkte Wahlrecht, sowenig wie die Errungenschaften von 1789, ebensowenig kann er die Errungenschaft von 1848, das Recht auf Arbeit, in Frage stellen, ohne seine eigene Existenz in Frage zu stellen. Er weiß es und sucht darum auf jede mögliche Weise, durch große städtische und ländliche Arbeiten, durch Handelsverträge, durch direkte Eroberung neuer ausländischer
Märkte, zu verhindern, daß es den Arbeitern an produktiver Arbeit fehle. Kann er trotz alledem das neue Arbeitsrecht auf die Dauer nicht vollziehen, ohne die ganze heutige Produktionsweise zu ändern, wie ich dieses im folgenden Ihnen unumstößlich beweisen werde, so wird er eben früher oder später zu diesem schweren Schritte, der sein ganzes Regierungssystem von Grund aus umgestalten würde, respektive zur Niederlegung seiner Diktatur durch das französische Volk gezwungen werden. — Seit dem Jahre 1851 sind es nicht mehr die besitzlosen Arbeiter in den Städten allein, welche das neue sozialökonomische Prinzip, das Recht auf Arbeit, und das allgemeine Stimmrecht reklamieren, um durch die Gesetzgebung auf dessen Ausführung hinzuwirken; es sind auch die großen Massen der verarmten französischen Bauern und des ganzen ländlichen Proletariats — es sind endlich auch die zur Würdigung ihrer sozialen Stellung gekommenen Mittelklassen, welche sich dem städtischen Proletariat anschließen werden, sobald dieses sich gegen die Staatsmacht erheben wird, um sie für die Ausführung seines neu eroberten Rechtes verantwortlich zu machen. Das Recht auf Arbeit, meine Herren, unter dessen Panier die Februarrevolution gemacht worden, wurde mit der Bourgeois-Republik nicht begraben. Sobald die allgemeinen europäischen Fragen der nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen, welche der sozialen Frage doch nur den Boden ebnen, gelöst sind, wird diese wieder mit ihrer ganzen Wucht in den Vordergrund der geschichtlichen Ereignisse treten und unseren deutschen Spießbürgern Überraschungen bereiten.

4.
Meine Herren! Das Volk, welches im Jahre 1848 das Recht auf Arbeit proklamierte, nachdem es die klassische Form, innerhalb welcher die Herrschaft des großen Kapitals sich entwickeln hatte, nachdem es die Julimonarchie zertrümmert hatte, dieses Volk hat damit keine neue sozialistische Lehre, es hat vielmehr damit nur ein allgemeines gesellschaftliches Bedürfnis ausgesprochen, welches nur deshalb ihm zuerst, vor allen anderen produktiven Klassen und vor allen anderen europäischen Völkern, fühlbar wurde, weil der politische und soziale Druck des großen Kapitals am stärksten auf ihm lastete, weil in Frankreich die sozialökonomische Macht des Kapitals auch ihren Ausdruck im politischen Leben hatte.
Die Revolution von 1848 war also nicht, wie es sich der deutsche Philister vorstellt, aus den Lehren oder »Irrlehren der Sozialisten und Kommunisten« entsprungen. Vielmehr hatte sie, wie die ganze französische Revolution, von welcher die Februarrevolution nur ein Bestandteil ist, ihren allgemeinen Grund in der allgemeinen Entwicklung der modernen Industrie und ihren besonderen Grund in dem spezifischen Charakter der französischen Nation. Der besondere Grund wird von unseren Geschichtsphilosophen gewöhnlich übersehen. Er ist es, der ihnen durch ihre scharfsinnigsten Rechnungen einen Strich macht und noch manche Überraschungen bereiten wird, wenn sie ihn ferner in ihren Rechnungen vernachlässigen werden. Die allgemeine Entwicklung der Industrie ist für sich allein betrachtet keine ausreichende Erklärung für die politisch-soziale Bewegung des heutigen Europa. – In England ist die Industrie, und mit ihr der moderne Gegensatz von Kapital und Arbeit, weiter entwickelt als in Frankreich, und dennoch sind in England keine solchen Klassenkämpfe wie in Frankreich, sondern nur abgeschwächte Konflikte und immer erst, wie in Deutschland, infolge der französischen revolutionären Vorgänge zum Ausbruch gekommen. – Wenn es wahr ist, daß allen großen politischen Umwälzungen sozial-ökonomische Klassengegensätze zugrunde liegen, welche sich im Laufe einer langen geschichtlichen Entwicklung ausgebildet haben, so ist es nicht minder wahr, daß nur tatkräftige Nationen, wie die französische in der modernen, wie die römische in der antiken Welt, die Klassengegensätze zum Klassenkampfe, das mächtigste soziale Element auch zur politischen Herrschaft bringen. – Deshalb ist und bleibt Frankreich der politische Vorkämpfer in der modernen Entwicklung der europäischen Geschichte. Das heutige Cäsarentum in Frankreich ist, wie das alte in Rom war, ein Protest gegen die bestehende Organisation der Gesellschaft und der eigentliche Auflösungsprozeß derselben. Das Cäsarentum in Frankreich stützt sich auch auf dieselben auflösenden Elemente wie das römische. Der Unterschied zwischen dem französischen und römischen Cäsarentum besteht nur darin, daß die Bedürfnisse des römischen Proletariats, panis et circenses, Brot und Schauspiele, durch die Beute befriedigt wurden, welche die Eroberung und Ausbeutung der Völker des Altertums einbrachten, während die Bedürfnisse des französischen Volkes durch produktive Arbeit befriedigt werden müssen. – Ferner war das römische Cäsarentum das letzte Auskunftsmittel einer in Verfall geratenen alten Welt, während das französische Cäsarentum das erste Auskunftsmittel einer aufsteigenden neuen Welt, der Welt der Arbeit, ist. – Die Bedürfnisse der Arbeit und der Arbeiter können nur durch eine Umgestaltung unserer heutigen Produktionsweise befriedigt werden, für welche die Diktatur der besitzlosen Klasse die definitive politische Form nicht ist. –
Meine Herren, wenn das Recht auf Arbeit eine Umgestaltung unserer ganzen Produktionsweise zuwege bringt, so kann das weder eine plötzliche noch eine gewaltsame sein. In der Gesellschaft, wie in der Natur, entsteht nichts plötzlich. Alles gestaltet sich allmählich. Zelle an Zelle baut sich die Pflanze auf. Auch das soziale Leben mit allen seinem materiellen und geistigen Schätzen ist ein Produkt der ununterbrochen in der Geschichte wachsenden und in allen Ländern der Geschichtsvölker sich verzweigenden produktiven Arbeit. Die Arbeit wächst wie die Pflanze und darf auch so wenig wie diese in ihrem stetigen Wachstume unterbrochen werden, wenn nicht ihre ganze Existenz gefährdet werden soll. — Revolutionen können nur das allmählich Gewordene zur politischen Anerkennung bringen. Soziale Revolutionen in dem Sinne, den ihnen kommunistische Fanatiker beigelegt haben, sind Phantasien, welche ins Irrenhaus gehören. Man kann durch keinen gewaltsamen Eingriff in die Produktionsweise eine bessere Verteilung der Güter bewirken, weil ein solcher Eingriff die Quelle der Gütererzeugung selbst verstopfen, die Produktion lähmen und die ganze Existenz der Gesellschaft bedrohen würde. – Eine allmähliche Veränderung der Produktionsweise geht aber, infolge der Entwicklung der modernen Industrie, schon längst vor sich. Heute fängt man nur an, sich dieses Vorganges bewußt zu werden, seine Gesetze zu erforschen.
Die moderne Industrie hat sich längst vom Einzelerwerb loslösen, längst sich großer Gesellschaften unter staatlicher Kontrolle bedienen müssen, um ihre Riesenarbeiten ausführen zu können. Trotz der Abneigung der Bourgeoisie gegen jede Einmischung des Staates in ihre Geschäfte — eine wohlbegründete Abneigung gegen einen Konkurrenten von ganz anderer Bedeutung als die kleinbürgerliche Selbsthilfe — hat die Privatspekulation es doch nicht gewagt, die kolossalen Unternehmungen unseres Jahrhunderts ohne Staatshilfe in Angriff zu nehmen. Der Staat mußte, auf ausdrückliches Verlangen der Bourgeoisie, eine Zinsengarantie für Eisenbahnen übernehmen, ohne welche das europäische Eisenbahnnetz nicht zustande gekommen wäre, obgleich es die eigentliche Grundlage der ganzen heutigen Produktion bildet. – Der Staat war es auch, der das moderne Bank- und Assekuranzwesen ins Leben rufen mußte, damit es nachträglich von der Bourgeoisie exploitiert werden konnte. – Der Staat endlich hat, auf das Drängen und Treiben der Bourgeoisie hin, ihre Industrie durch Schutzzölle erst in Gang bringen müssen; und nur wenn die Bourgeoisie die Konkurrenz mit dem Auslände nicht mehr fürchtet, sondern alle Länder als Absatzwege für ihr entwickelte Industrie erschlossen haben möchte, schreit sie über Beschränkung des Handels durch Staatszölle. – Sooft es im Interesse der Bourgeoisie ist, nimmt sie die Staatshilfe in Anspruch; sie verdammt sie nur dann als national-ökonomische Ketzerei, wenn sie nicht mehr in ihrem ausschließlichen Interesse, sondern im Interesse aller Klassen ist.
Meine Herren, wir verlangen keine Monopole, wie die Bourgeoisie, keine Staatshilfe im ausschließlichen Interesse einer Klasse von Produzenten; wir verlangen die Staatsintervention nur da, wo sie allen produktiven Klassen von unzweifelhaftem Nutzen ist. – Alle diejenigen Geschäfte, welche durch den Einzelbetrieb besser rentieren als durch Gesellschaf ten mit Staatshilfe und unter Staatskontrolle, alle Arbeiten namentlich, die noch nicht zur großen Industrie gehören, werden nach Anerkennung des Rechtes auf Arbeit dem Einzelbetrieb gewiß nicht gewaltsam entzogen werden dürfen. Es ist im Gegenteil die erste, die wichtigste Aufgabe des aus dem allgemeinen Stimmrechte hervorgegangenen Volksstaates, die produktivsten, die gewinnreichsten Geschäfte, überhaupt nur alles dasjenige zu fördern, was die Produktion und Konsumtion im ganzen heben kann. – Es fragt sich nur, ob dies nicht mit weit mehr Erfolg dadurch geschieht, daß der Staat die Gesetze der modernen Produktion im Interesse des Ganzen zur Ausführung bringt, als dadurch, daß er sie nur im Interesse einer kleinen Minorität von Monopolisten handhabt. – Diese Frage beantwortet sich von selbst, wenn man nur die Wirkungen, welche die moderne Industrie unter der Herrschaft der Kapitalisten auf die ganze Produktion ausübt, sich in ihren Hauptzügen vergegenwärtigt.
Meine Herren, ich will Sie hier nicht vom Elend der Proletarier, nicht von der Verarmung der Mittelklassen und von der Kluft unterhalten, welche die moderne Industrie unter der Herrschaft des Kapitals zwischen einer alles verschlingenden winzigen Minorität und einer alles verlierenden großen Masse der Bevölkerung schafft. Das sind bekannte Tatsachen, die kein Mensch mehr im Ernste bestreitet. Was ich hier besonders hervorheben will, sind die unausbleiblichen Wirkungen der heutigen Arbeitsverhältnisse auf den Fortschritt der Arbeit selbst, auf die weitere Entwicklung der Produktion, auf die geschichtliche Entwicklung der europäischen Gesellschaft überhaupt.
Die Industrie wird heute von einzelnen beherrscht, welche nur den augenblicklichen Gewinn erstreben und sich so schnell wie möglich bereichern wollen. – Ganz abgesehen von den Aktiengesellschaften, welche von den großen Kapitalisten und ihren Helfershelfern zunächst nur zu dem Zwecke gegründet werden, damit sie ihren Löwenteil vorwegnehmen und auch später das große Publikum soviel wie möglich ausbeuten können, arbeitet bekanntlich die große Industrie nicht für einen Markt, dessen Bedürfnisse sie überschauen kann, sondern nach Konjunkturen, die heute günstig und morgen wieder ungünstig sind. Ist große Nachfrage nach einem Industrieerzeugnis oder verspricht man sich eine solche, so wirft man sich mit aller Macht unserer vervollkommneten Produktionsinstrumente auf den Gewinn versprechenden Industriezweig und überfüllt den Markt mit den Produkten desselben. Die Überproduktion ist daher die chronische Krankheit der heutigen Industrie. Gesellen sich andere Übel, wie Mißwachs und sonstige Kalamitäten, noch hinzu, so nimmt das Siechtum den heftigen Charakter einer Geschäftskrisis an, welche die Arbeit ins Stocken bringt, den Kredit vernichtet und den Arbeiter ins Elend stürzt. Die periodisch wiederkehrenden Krisen und mehr noch das chronische Siechtum, an welchem unsere Geschäftswelt leidet, seitdem die moderne Industrie eine gewissen Höhepunkt erreicht hat, entziehen der besitzlosen Masse auch die geringen Vorteile, deren sie während der Entwicklung der modernen Industrie teilhaftig war; ich meine das allmähliche Steigen der Arbeitslöhne und Gewohnheitsbedürfnisse der Arbeiterklassen. In den Ländern, welche, wie England, die neuen Erfindungen in der Mechanik am frühesten oder am ausgedehntesten in Anwendung gebracht, welche die Arbeit auf die Höhe der großen Industrie gehoben haben, hat das Zunehmen der Gewohnheitsbedürfnisse des Volkes seine Grenze schon erreicht. Die heutigen englischen Nationalökonomen täuschen sich auch nicht darüber. Die kontinentalen Nachbeter älterer englischer Nationalökonomen übersehen dagegen den Unterschied der Zustände, aus welchen diese Ökonomisten zur Zeit, als die moderne Industrie in ihrer stärksten Entwicklung begriffen war, ihre sogenannten »natürlichen Gesetze« abstrahiert haben, und derjenigen Zustände, die heute, bei einer bereits entwickelten Industrie, in der Welt obwalten und andere »natürliche Gesetze« zur Folge haben. Während der Entwicklung nahmen allerdings die Gewohnheitsbedürfnisse und Löhne der Arbeiter zu. Wir können hinzufügen, daß auch der Zinsfuß während dieser Zeit stets herunterging. Diese beiden Erscheinungen, die eng miteinander zusammenhängen, gehören schon meist der Geschichte an. Der Arbeitslohn steigt, der Zinsfuß fällt heute nicht mehr. – Die stetige Zunahme der Produktion, von welcher diese beiden Erscheinungen bedingt sind, ist nur möglich bei einer stetigen Zunahme der Konsumtion auf dem inländischen Markte; denn der größte Markt ist innerhalb der Länder selbst, welche produzieren. Hier aber ist, infolge der chronischen Krankheit und der Geschäftskrisen, welche bei der heutigen Produktionsweise und dem entwickelten Zustande der Industrie unvermeidlich sind, eine Zunahme des Wohlstandes der Volksmassen, aus welcher die Zunahme der Konsumtion auf dem inländischen Markte folgt, unmöglich geworden. Man muß daher, um die Industrie vor gänzlicher Stockung zu bewahren, darauf bedacht sein, ihr stets neue auswärtige Märkte zu erobern. Dieses Auskunftmittel, an sich schon ein schwaches, weil der inländische Markt, wie gesagt, der wichtigste ist, hat außerdem seine engen Grenzen. Nachdem die wenigen noch zu erobernden auswärtigen Märkte einmal von den industriellen Ländern in Besitz genommen und mit den Produkten der europäischen Industrie überschwemmt sind, ist jede weitere Zunahme der Produktion fast nicht mehr der Rede wert. – So großartige Erfindungen, wie der Dampf, welche den plötzlichen Aufschwung der Industrie zuwege gebracht haben, werden nicht alle Tage gemacht. Die kleineren Fortschritte aber in der billigeren Herstellung der Produkte können die Krankheit nicht heilen, an welcher heute unsere Industrie leidet. Die Geschäfte werden daher, wenn nicht Mittel gefunden werden, die Konsumtionsfähigkeit des Volkes auf dem inländischen Markte zu steigern, auf die Dauer nicht wieder in Flor kommen. Die praktischen Geschäftsleute wissen das auch recht gut und machen sich keine Illusionen mehr a la Bastiat, Mich. Chevalier, Julius Faucher und Schulze-Delitzsch. — Nehmen wir auch an, es könnten noch einige Erfindungen gemacht werden wie diejenigen waren, die der modernen Industrie vorhergingen und ihre so rasche Entwicklung bedingten, so ist jedenfalls der Gedanke, daß solche große Schöpfungen von nun an in jedem Jahrhundert gemacht werden, eine unberechtigte Hypothese. Die mechanische Kunst hat, wie jede Schöpfung, ihre Epoche. In unserem Jahrhundert wird sie einen gewissen Höhepunkt erreichen, der sowenig wie die Schöpfungen der Griechen auf anderem Gebiete wesentlich überflügelt werden kann. Unser Jahrhundert ist eben das Jahrhundert der mechanischen Erfindungen, ihr klassisches Zeitalter. Wenn also überhaupt noch große Erfindungen in der Mechanik gemacht werden, welche die Industrie bedeutend zu heben imstande sind, so werden sie bald gemacht werden. Je höher aber die Industrie sich in unserem Jahrhundert entwickelt, desto verderblicher wird nach Erreichung des Höhepunktes ihrer Entwicklung das chronische Siechtum, welches eine Folge unserer Produktionsweise ist. Sehr bald muß daher ein Zeitpunkt eintreten, in welchem die Produktion unter den heute obwaltenden Arbeitsverhältnissen gar nicht mehr fortschreiten kann. Dann, meine Herren, ist der europäischen Welt nur noch eine Alternative gestellt. Entweder sie bringt Mittel in Anwendung, welche geeignet sind, ein stetes und natürliches Wachstum der Produktion wieder anzubahnen. Oder die europäische Welt verhält sich zu der neu entstehenden Zivilisation in anderen Weltteilen, wo, wie in Amerika, noch ein großes Feld zum Fortschritte der Produktion ohne Staatsintervention vorhanden ist, ähnlich wie sich bis jetzt Asien zu Europa verhält. Ja, meine Herren, wenn bei der in Europa auf die Spitze getriebenen Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital kein Fortschritt der Produktion mehr möglich sein wird – und dieser Zeitpunkt wird sehr bald eintreten, dann gehen wir, nicht im figürlichen, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes, asiatischen Zuständen entgegen! Denn überall, meine Herren, wo der Fortschritt der Produktion auf die Dauer gehemmt ist, fängt der langsame, aber sichere Verfall der ganzen Gesellschaft an. Das Aufblühen der Staaten und Nationen sowie deren Verfall, diese beiden großen Erscheinungen, von welchen uns die Geschichte so viele Beispiele liefert, und deren Ursachen zu entdecken das Problem aller Geschichtsforschung ist, sie haben ihren letzten Grund darin, daß in dem einen Falle die Bedingungen vorhanden sind, welche ein stetes Fortschreiten der materiellen Produktion möglich machen, und daß im anderen Falle die Bedingungen dazu fehlen. Im letzteren Falle ist der vollständige Untergang der Zivilisation durch die Barbarei, wie er zur Zeit des Überganges aus der antiken Welt in die mittelalterliche und moderne stattgefunden hatte, ein weit geringeres Übel als die durch hermetischen Abschluß gegen das Eindringen jeder frischen Lebensluft im leichenhaften Zustande konservierte mumienhafte Zivilisation, wie wir sie beispielsweise in dem noch existierenden chinesischen Reiche erblicken. – Was aber heute der europäischen Menschheit bevorsteht, wenn sie nicht aus der Kapitalherrschaft herauskommen kann, sind nicht sowohl barbarische als vielmehr chinesische oder, wenn das der indo-germanischen Rasse mehr zusagt, indische Zustände. Die philanthropischen Illusionen von »Volkserziehung« und einer »allmählichen« Ausdehnung der »Bildung und des Wohlstandes« würden sich »allmählich« in brahmanische Weisheit verlaufen, welche den tatsächlichen Pariazustand des Volkes zum Dogma erhebt und das Proletariat grundsätzlich von »Bildung und Wohlstand« ausschließt.
Das, meine Herren, wären die unausbleiblichen Folgen unserer heutigen Produktionsverhältnisse, wenn kein europäisches Volk mehr den Mut hätte, die Herrschaft des Kapitals zu brechen.
Glücklicherweise ist das Schicksal der europäischen Menschheit nicht von der deutschen Fortschrittspartei und dem deutschen Philister abhängig,

Meine Herren! Wir haben gesehen, welches die Folgen unserer Produktionsweise in einer nicht mehr fernen Zukunft sein müßten.
Was sind dagegen die Folgen einer durch die Anerkennung des Rechtes auf Arbeit entstehenden Veränderung in der Produktionsweise?
Welcher Art diese Veränderung ist, habe ich Ihnen angedeutet. Der Staat, der das Recht auf Arbeit anerkennt, übernimmt damit die Pflicht, dem großen Kapital Konkurrenz zu machen. Der Kredit, den die Staats- oder Nationalbanken jetzt nur indirekt, durch Vermittlung einer Bourgeoisie, die allen Nutzen daraus zieht, der Industrie und der Arbeit überhaupt zukommen lassen, haben sie dieser direkt zu bewilligen. Selbstverständlich wird alsdann die Arbeit, welche heute ausschließlich von Privatspekulanten verwaltet wird, in allen denjenigen Zweigen, die den Staatskredit in Anspruch nehmen können und sollen, durch solche Verwalter dirigiert werden, welche von den Arbeitern gewählt und vom Staate bestätigt oder auch vom Staate vorgeschlagen und von den Arbeitern angestellt, jedenfalls vom Staate kontrolliert werden, da er sich vor allen Dingen und zu jeder Zeit von der Rentabilität der kreditierten Industrie überzeugen muß.
Man kann sich die Staatskontrolle in verschiedener Weise denken. Lassalle hat in seiner Frankfurter Rede vom 17. Mai schon darauf hingewiesen, daß es sich im Volksstaate von keiner politischen, sondern nur von einer privatrechtlichen und ökonomischen Kontrolle handeln könne: Kontrolle der Geschäftsbücher und des Inventars, wie sie in jeder Bourgeois-Assoziation auch stets vorkommt. Er hat dabei mit Recht hervorgehoben, daß eine Diskussion über die spezielle Ausführung des Prinzips der Staatsintervention erst im gesetzgebenden Körper vorgenommen werden könne, der aus dem direkten und allgemeinen Wahlrechte hervorgegangen ist. Heute wäre eine solche Diskussion verfrüht. »Die definitive Lösung der sozialen Frage«, sagt er, »wird die Arbeit von Generationen sein, das Resultat einer Reihe von Einrichtungen und Maßregeln, von denen sich organisch jede folgende aus der früheren entwickeln muß.« Das Prinzip der Staatsintervention sei deshalb das bahnbrechende Mittel, weil es eben Verhältnisse schaffe, die von selbst eine weitere Entwicklung hervorrufen. Und in der Tat, in welcher Weise auch die Staatsintervention stattfinden mag, so wird jedenfalls die Verwaltung der Arbeit nicht mehr im ausschließlichen Interesse derjenigen stattfinden, welche zufällig im Besitze von Kapitalien sind, sondern im Interesse des arbeitenden Volkes, welches seine Arbeit selbst verwaltet, einerseits unter der Leitung der von der ganzen Nation gewählten Gesetzgeber, die eben dasjenige bilden, was ich hier der Kürze halber den »Staat« nenne, andererseits unter der Leitung der von den Arbeitergesellschaften gewählten Direktoren ihrer Industrie. Die Wirkungen der also veränderten Produktionsweise sind zweierlei Art, äußern sich nach zwei Seiten hin; sie haben eine besondere Beziehung zur speziellen Arbeiterkasse, die durch den Staatskredit instand gesetzt ist, Geschäfte für eigne
Rechnung zu machen; sie haben außerdem eine allgemeine Beziehung zur ganzen Gesellschaft, zu allen ihren produktiven Elementen.
Die Arbeiter, welche für eigne Rechnung produzieren, sind keine bloßen Produktionsinstrumente mehr, keine Werkzeuge und Kreaturen der Kapitalisten. Vom Reingewinne kommt ihnen alles dasjenige zu, was jetzt in die Taschen der Unternehmer fließt. Die Zinsen vermehren den wirklichen Nationalreichtum, nicht das, was man heute euphemistisch und heuchlerisch so nennt, was aber in der Tat nur der Reichtum der Kapitalisten ist. – Das auf diese Weise sich stets vermehrende Kapital kann wieder direkt für die Arbeit verwendet und verwertet werden. Indirekt wird freilich auch jetzt alles Kapital wieder in Arbeit angelegt, sonst würde es eben kein Kapital sein. Bei dieser indirekten Verwendung und Verwertung des Kapitals für die Arbeit bleiben aber – wie oft sich auch die Operation der Kapitalverwendung für die Arbeit und Kapitalverwertung für den Kapitalisten und Unternehmer wiederholt – Zinsen und Profit stets in den Händen der letzteren. Erst nachdem das Kapital diesen Umweg durch die Taschen der Bourgeoisie gemacht und seine Konsumtionsmittel in denselben zurückgelassen hat, kommt es wieder in den Verkehr, während es im Volksstaate, welcher den Arbeiterassoziationen Kredit bewilligt, nur unter Arbeitern zirkuliert. – Wenn unsere Philanthropen und Nachbeter der Manchesterschule jemals über diesen Unterschied der direkten und indirekten Zirkulation des Kapitals nachdenken, dann werden sie die Entdeckung machen, daß sie uns nicht widerlegt haben durch den Hinweis auf die allbekannte ökonomische Tatsache, daß alles Kapital doch schließlich wieder zu produktiven Zwecken verwendet werden muß. Die guten Herren haben ganz übersehen, daß mit diesem »so allgemein wie möglich« gehaltenen Argumente auch die liederlichste Wirtschaft beschönigt und gerechtfertigt werden kann. Nicht nur, was die bürgerlichen Herren, auch was die adeligen und nichtadeligen Staats- und Militärpersonen an Paraden, Lakaien- und Maitressenwirtschaft verprassen, können sie nur dadurch sich verschaffen, daß sie ihr Kapital durch die Arbeit verwerten, in produktiver Arbeit anlegen.
Doch versteigen wir uns nicht so hoch, meine Herren! Ein naheliegendes Beispiel mag Ihnen den Unterschied zwischen der indirekten und direkten Zirkulation des Kapitals unter Produzenten klarmachen.
Die hiesige Stadt Köln hat längst Gasbeleuchtung; sie hat die Anlage und Exploitation derselben einer englischen Gesellschaft überlassen, welche sich durch dieses Geschäft bereicherte, der Stadt aber bis jetzt die Wohltat der Beleuchtung nur in sehr spärlichem Maße angedeihen ließ. Der Vertrag der Stadt mit der Gesellschaft der Kapitalisten geht zu Ende. Denken Sie sich, wie groß der Gewinn der letzteren gewesen sein muß, wenn Sie erfahren, daß dieselben nunmehr der Stadt eine wahrhaft splendide Beleuchtung für einen ansehnlich geringeren Preis offerieren! –
Durch die Gasbeleuchtung ist unseren Stadtverordneten ein Licht aufgegangen. – Da man jetzt damit umgeht, in unserer Stadt Wasserleitungen anzulegen, so fragt man sich, ob die Stadt die Anlage und Exploitation dieses Geschäftes wieder anderen überlassen oder selbst in die Hand nehmen soll.
Einer unserer tüchtigsten und redlichsten Stadtverordneten, Herr Klassen-Kappelmann, hat sich unlängst im politisch-geselligen Vereine mit aller Kraft gegen diejenigen ausgesprochen, welche diese städtische Anlage und deren Ausbeutung wieder in die Hände von Kapitalisten legen wollen, die sich nur selbst dabei zu bereichern suchen, der Stadt aber die wohltätige Flüssigkeit nur in spärlichem Maße zumessen würden. Die Gründe, die er zugunsten der direkten Ausbeutung des Geschäftes durch die Stadt vorgebracht hatte, waren so überzeugend, daß sie von keinem einzigen Mitgliede der Versammlung beanstandet wurden und daß der einstimmigste, lebhafteste Beifall seinem Vortrage gezollt wurde. Und welche Gründe waren es, die unsere sonst so kapitalfreundliche Fortschrittspartei (denn nur diese ist im politisch-geselligen Vereine vertreten) zu solchem Beifalle hinrissen?
Keine anderen, meine Herren, als diejenigen, die auch wir zugunsten der direkten Ausbeutung des Volkskapitals durch das Volk bei allen denjenigen Industriezweigen geltend zu machen, welche im großen betrieben werden. – Herr Klassen-Kappelmann hat nachgewiesen, daß der Gewinn des Geschäftes, wenn die Stadt es selbst in die Hand nimmt, der städtischen Bevölkerung wieder zugute komme, daß alsdann das Wasser billiger erlassen, allen zugänglich gemacht werden könne, während im anderen Falle, wenn die Wasserleitung von Kapitalisten ausgebeutet, das Produkt teuerer bezahlt und nur einem kleinen Teile der Bevölkerung zugänglich gemacht würde. Natürlich! Die Kapitalisten wollen den Gewinn ihres Unternehmens ihrem Kapitale oder ihren eigenen Bedürfnissen, etwa ihrem Weinbedürfnisse, in keinem Falle dem Wasserbedürfnisse unserer städtischen Bevölkerung zugute kommen lassen.
Meine Herren! Genauso wie sich in unserer und in jeder Stadt die Ausbeutung städtischer Unternehmungen durch Kapitalisten zur direkten Ausbeutung derselben durch die Stadt, genauso verhält sich in unserem und in jedem Staate die Ausbeutung einer nationalen Industrie durch Kapitalisten zur direkten Ausbeutung durch das Volk.
Schulze-Delitzsch würde hiergegen einwenden, die Stadt habe mehr Interesse an der Befriedigung des Wasserbedürfnisses ihrer Bewohner als an der Befriedigung des Weinbedürfnisses der Kapitalisten, welche die Wasserleitung ausbeuten; der Staat aber habe an der Befriedigung beider Bedürfnisse gleichviel und gleichwenig Interesse — gleichviel, weil die Weinkonsumtion durch Kapitalisten wieder der Weinproduktion durch Arbeiter zugute käme – gleichwenig, weil die Väter des Landes noch weniger als die Väter der Stadt das Interesse der unter ihrer Obhut stehenden Bevölkerung im Auge hätten.
Meine Herren! Beides ist nicht richtig! Allerdings kommt die Weinkonsumtion wieder der Weinproduktion zustatten; aber, wohlgemerkt, meine Herren, mit der Weinproduktion verhält es sich wieder genauso wie mit unserer städtischen Wasserproduktion. Sie bringt nur dem Kapitalisten einen Uberschuß ein, während der eigentliche Weinproduzent, der Weinbauer, dabei zugrunde geht. Käme der Überschuß der Weinproduktion der staatlichen wie jener der Wasserproduktion der städtischen Bevölkerung zugute, so würde mehr Wein produziert und konsumiert werden können als jetzt, wo er dem Volke, dem Produzenten, nicht zugänglich ist.
Was den Unterschied zwischen den Vätern des Landes und jenen der Stadt betrifft, so hängt es hier wie dort von denselben Bedingungen ab, ob die Väter mehr oder weniger Interesse für das Wohl ihrer Kinder haben. – Je mehr sich das Volk an den öffentlichen Angelegenheiten beteiligt, desto mehr Interesse werden auch die Verwalter der öffentlichen Angelegenheiten für das Volk an den Tag legen. Je mehr umgekehrt jeder sich auf seinen ausschließlichen und nächsten Nutzen beschränkt, desto bornierter wird auch der Egoismus der Väter sein. – Dieselben Triebfedern, welche heute zur Produktion treiben, Bedürfnis, Interesse, Ehrliebe, werden auch bei veränderter Produktionsweise ihren Stachel nicht verlieren; sie werden nur offener als heute erscheinen können, weil sie nicht nötig haben, die häßlichen Grimassen, unter welchen sie heute auftreten, hinter der Maske einer heuchlerischen Moral zu verbergen. – Alles, was man gegen die Staatsintervention vorgebracht hat, beruht entweder auf Unverstand oder Entstellung. Die Staatsintervention schließt den Wetteifer, die gute Seite der Konkurrenz, sowenig aus als die Regulierung der Warenpreise durch Angebot und Nachfrage. Nach wie vor werden die Produktionskosten und die freie Konkurrenz den Wert der Produkte bestimmen – und wenn auch die Arbeit des Arbeiters nicht mehr direkt als Ware behandelt und verhandelt wird, so bemißt sich doch ihr Wert nach dem Werte der durch sie erzeugten Produkte, der im Preise des Weltmarktes seinen ökonomischen Ausdruck erhält.
6.
Meine Herren! Bis jetzt haben wir nur die eine Seite der Wirkungen der Staatsintervention, ihre Beziehungen zu derjenigen Klasse von Arbeitern kennengelernt, welche durch den Staatskredit befähigt werden, für eigne Rechnung zu arbeiten. Aber aus der Anerkennung des Rechtes auf Arbeit folgt nicht nur eine Verbesserung der Lage des besitzlosen Arbeiters, sondern auch eine allmähliche Steigerung der Produktion überhaupt. Diese Steigerung wird nicht auf eine künstliche Weise hervorgebracht; sie wird auch nicht, wie heute, durch eine blinde Spekulationswut erzeugt, die im Wechselfieber zwischen Überproduktion und Flauheit hinsiecht und jeden regelmäßigen Fortschritt der Produktion unmöglich macht; sondern ganz einfach durch die allmählich zunehmende Konsumtion unter der Masse aller Arbeiterklassen. Diese Wirkungen, meine Herren, sind von einer gar nicht zu berechnenden Tragweite. Ich will hier nur einige Gesichtspunkte hervorheben, welche die allmähliche Zunahme der Produktion infolge der Anerkennung des Rechtes auf Arbeit und der mit ihr gegebenen neuen Produktionsweise nach den Gesetzen der Nationalökonomie außer Zweifel stellen.
Es ist eine ebenso unbestrittene wie leicht erklärliche Tatsache, daß mit dem Fortschritt der Produktion der Zinsfuß fällt. Seit der Entwicklung der modernen Industrie ist der Zinsfuß stets heruntergegangen. Heute scheinen uns die Zinsen, die man in früheren Zeiten für das wenig vorhandene Kapital bezahlen mußte, ebenso fabelhaft hoch, als unsere Zinsen den Kreditbedürftigen früherer Zeiten, wenn sie dieselben gekannt hätten, fabelhaft niedrig erschienen wären. Die Ursache davon ist leicht einzusehen. Infolge der Entwicklung der Industrie werden große Kapitalien gewonnen. Die vorhandenen Kapitalien suchen in produktiven Geschäften ihre Verwendung und Verwertung, da sie nichts einbringen, wenn sie totliegen. Die Kapitalien werden daher mehr angeboten und mit ihrem vermehrten Angebot muß ihr Wert oder Zinsfuß nach den Gesetzen der Konkurrenz fallen.
Wäre ein Zustand denkbar, in welchem jedes rentable Geschäft, jede produktive Arbeit, sich das nötige Betriebskapital umsonst verschaffen könnte, so wäre dieser Zustand ohne alle Frage das Ideal aller produktiven Klassen, nicht allein der besitzlosen Arbeiter, sondern aller Geschäftsleute. Keine Klasse der Gesellschaft, kein zu irgendeiner nützlichen Tätigkeit geneigter und befähigter Mensch würde sich über einen solchen Zustand beklagen. Selbst derjenige, der sich durch mehr
Fleiß und Fähigkeit ein größeres Kapital erworben, ja selbst wer ein solches ererbt hätte, würde keine Ursache und noch weniger ein Recht dazu haben, sich darüber zu beklagen, daß er sein Kapital nicht verzinsen, sondern nur verzehren oder zu demselben Zwecke seiner Familie hinterlassen könnte.
Meine Herren! Ich habe an diesem Ideale nur die Folgen einer allmählichen Sinkens des Zinsfußes anschaulich machen wollen. Auch der Volksstaat kann kein Kapital umsonst vorstrecken; auch er muß sich nach dem allgemein üblichen Zinsfuß richten. – Wenn es aber wahr ist, daß in einem solchen Staate mehr und geregelter produziert wird und daß mit dem Emporblühen der Geschäfte der Zinsfuß fällt, so wird, wenn dem allmählichen Fortschritte der Produktion und Konsumtion nichts mehr im Wege steht, auch der Zinsfuß allmählich heruntergehen, und ich sehe für dieses allmähliche Sinken des Zinsfußes durchaus keine Grenze, die nicht überschritten werden kann. Die Grenze, welche heute dem Sinken des Zinsfußes gesteckt, ist eben die Grenze, welche dem Fortschritte der Industrie, welche der Produktion und Konsumtion selbst, bei der heutigen Produktionsweise, gesteckt ist. Fallen die Schranken des allmählichen Fortschrittes der Produktion, so hat auch das Sinken der Kapitalzinsen keine unübersteiglichen Schranken mehr vor sich. Während dieses Prozesses, ich wiederhole es, werden nicht nur die Geschäfte der vom Staate kreditierten Arbeiterassoziationen, sondern alle Geschäfte ohne Ausnahme mehr und mehr emporblühen müssen. Das Recht auf Arbeit wird, sobald es vom Staate anerkannt ist, nicht der besitzlosen Arbeiterklasse allein, obgleich dieser zunächst und am meisten, es wird allen produktiven Klassen, jeder nützlichen Beschäftigung zugute kommen. — Und bemerken Sie wohl, meine Herren, nicht nur indirekt hat der wirtschaftliche Volksstaat auf das Emporblühen aller produktiven Arbeit zu wirken. Aus dem Gesetze des Zinsfußes folgt, daß er in seinem eigenen Interesse und im Interesse der besitzlosen Arbeiterklassen handelt, wenn er die Geschäfte aller produktiven Klassen auf jede mögliche Weise positiv und direkt zu fördern sucht. Denn je besser die Geschäfte überhaupt gehen, desto leichter und billiger kann er den besitzlosen Arbeiterklassen Kredit verschaffen. – Schlecht sind daher diejenigen beraten, die uns vorwerfen, wir hätten nur eine Klasse im Auge. Nein, meine Herren, wir sind keine Gegner irgendwelcher ernstlichen Bestrebungen zur Förderung des Wohlstandes und der Bildung. Wir halten nur die bisherigen philanthropischen Bestrebungen für unzureichend.
Diese Bestrebungen, welche sich in Deutschland an den Namen Schulze-Delitzsch knüpfen, sind keineswegs neu. Bevor sie noch in England aufgetaucht sind, haben französische Kleinbürger und ihre Literaten ganz ähnliche Versuche, und zwar in größerem Maßstabe und mit mehr Energie und Konsequenz als Schulze-Delitzsch, zur Ausführung gebracht. Im Jahre 1848 haben Arbeiterassoziationen aller Art in Frankreich bestanden. Proudhon, ein ebenso heftiger Gegner der Staatshilfe, ein ebenso großer Enthusiast der kleinbürgerlichen Selbsthilfe wie Schulze-Delitzsch, Proudhon, der erklärte Gegner der französischen Sozialisten, hatte damals eine Volksbank, eine banque d’echange, eingerichtet, in welcher sich die kleinen Geschäftsleute gegenseitig auf ihre eigenen Produkte Kredit geben sollten. Mittels sogenannter bons d’echange, die natürlich nur im Kreise ihrer Assoziationen zirkulierten, sollten sie sich alles dasjenige verschaffen, was sie für das Atelier und für die Haushaltung bedurften. Da die banque d’echange und ihre Assoziationen darauf angelegt waren, sich in ganz Frankreich auszudehnen, so war das Unternehmen Proudhons jedenfalls die konsequent durchgeführte
Selbsthilfe. Eine Bevölkerung von Hunderttausenden kleiner Geschäftsleute, eine freie Presse und das Talent eines großen Schriftstellers standen ihm zu Gebote; seine Zeitungen zählten mehr Abonnenten, als sämtliche Schulze-Delitzschen Assoziationen Mitglieder aufzuzählen haben; die kleine Bourgeoisie von Paris, Lyon und den übrigen großen französischen Städten vergötterte ihn; sie sah in ihm einen Erlöser vom großen Kapital und von den Armeen der Sozialisten. — Trotzdem ließen die Proudhonschen Unternehmungen keine Spur hinter sich. – Die Anhänger der Schulze-Delitzschen Selbsthilfe haben auf das Scheitern der sogenannten Nationalwerkstätten und auf die Utopien der Sozialisten und Kommunisten hingewiesen, um unsere heutigen Bestrebungen zu verdächtigen, welche nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dergleichen haben. Wir könnten mit größerem Rechte auf das Scheitern der Proudhonschen Versuche hindeuten, welche sehr viel Ähnlichkeit mit den Versuchen unserer deutschen Selbsthelfer haben. Hat doch ein Schüler Proudhons, Pierre Darimon, diese große Familienähnlichkeit und intime Seelenverwandtschaft durch einen Artikel bestätigt, den er kürzlich im Siecle über die Bestrebungen unsrer Selbsthelfer veröffentlichte, indem er unsere Landsleute darob in den Himmel hob, seinen eigenen Landsleuten dagegen herbe Vorwürfe darüber machte, daß sie der Selbsthilfe den Rücken gekehrt! – Aber wir werden uns hüten, in die Fehler unserer einseitigen und exklusiven Gegner zu verfallen und alle ökonomischen Bestrebungen außerhalb der Staatsintervention nicht zu dulden. Die neuen Prinzipien der französischen Revolution sind umfassend genug, um nichts auszuschließen, was der Förderung der Produktion von Nutzen sein kann. Mögen die Herren der kleinbürgerlichen Selbsthilfe immerhin ihre politischen und ökonomischen Mittelchen in Anwendung bringen, wo sie können. Mögen sie aber auch uns, die wir nicht den allergeringsten Nutzen aus diesen Mitteln schöpfen können und dieselben überhaupt für durchaus unzureichend halten, den großen sozialen Übelständen abzuhelfen, unsere eigenen Wege gehen lassen! Wir haben weder nötig, uns gegenseitig Konzessionen zu machen, noch uns feindselig einander zu bekämpfen. Wir unterstützen uns schon allein dadurch, daß wir uns nebeneinander dulden. Die Arbeiter, die nur die Anerkennung der Arbeitsrechte verlangen, welche die französische Revolution proklamiert hat, können ihre Fahne hoch emporhalten und dabei noch allen produktiven Klassen die Hand reichen. Mögen diese aber in die ihnen dargebotene Hand einschlagen oder nicht, unserer Fahne dürfen wir in unserem eigenen Interesse wie im Interesse aller produktiven Klassen in keinem Falle untreu werden. Sie ist das Panier vom Jahre 1789 und vom Jahre 1848: das Recht der Arbeit und das Recht auf Arbeit!