Ein Brief an Dr. Abraham Geiger, Rabbiner an der Synagogengemeinde zu Breslau. (Köln 1863)

Hochwürdiger Herr!

Wenn Anschauungen und Tendenzen, die eine Zeitlang en vogue waren, im Verlaufe der stets fortschreitenden Zeit schal geworden, dann geschieht es nicht selten, dass ihre Koryphäen, um sich wenigstens auf Augenblicke wieder in ihrem ehemaligen Glänze zu spiegeln, marktschreierisch ankündigen lassen, sie würden „nächstens“, wie Gott über die sündige Welt, zu Gericht sitzen, um die verirrte wieder ins rechte Geleise zu bringen; und es finden sich denn auch immer noch einige alte Anhänger, quelque vieux de la veille aus ihrer alten Garde, die ihnen aufs Wort glauben und die frohe Botschaft weiter kolportieren. So schrieb ein Mitarbeiter Ihrer Zeitschrift, Rabbiner Wechsler aus Oldenburg, im Juli vorigen Jahres, kurz nachdem meine Schrift „Rom und Jerusalem“ im Buchhandel erschienen war, an Rabbiner Hirsch in Luxemburg: „Geiger will nächstens dem tollen Spuk zuleibe gehen und ihn beleuchten.“

Meine Erwartungen waren nicht übermässig gross — wer die Geschichte der Literatur kennt, weiss, was er von solchen Verheissungen zu halten hat — und da die angekündigte Geisterbeschwörung nicht erfolgte, so hatte ich die drohende „Faust in der Tasche“, die mir gezeigt worden, längst schon vergessen, als mir vor einigen Tagen das jüngste Heft Ihrer Zeitschrift mit der Bemerkung zugeschickt wurde, ich sei von ihnen rücklings angefallen worden.

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, dachte ich und durchflog die mir bezeichnete Abhandlung „Alte Romantik, neue Reaktion“.

Ich hegte, wie gesagt, keine grossen Erwartungen. Aber das hatte ich dennoch nicht vermutet, dass Ihre ganze Polemik nur in einigen Schmähungen bestehen würde. Ich war überrascht, ich gestehe es.

Am meisten überraschte mich Ihre Bemerkung, dass die Schrift, die Sie nicht zu bekämpfen, die Sie, gleich den Sylphiden, nur im Davonlaufen zu besudeln wagen, den altjüdischen Kultus mit einer Idee befruchte, vor welcher sich die Vertreter desselben „fein vorsichtig“ zurückziehen.

Die Orthodoxie, auch die kritikfeindliche, hat alle die Punkte, welche zwischen ihr und mir Scheidepunkte sind, frei, offen und ehrlich bekämpft; im übrigen hat sie meine Bestrebungen ebenso freimütig anerkannt. Sie, hochwürdiger Herr, haben nicht einmal den Mut, die Punkte anzudeuten, die Ihnen in meiner Schrift anstössig erscheinen. Was Sie über Romantik und Reaktion sagen, ist ja lediglich eine Umschreibung dessen, was ich selbst über diese Richtungen gesagt habe. Nur sind Sie dabei so schlau — die List ist die Stärke der Schwachen — einerseits zu verschweigen, dass Sie die Anregung und Anleitung zu Ihrer Abhandlung einem „bankerott gewordenen Schwindler“ verdanken, was ich Ihnen verzeihe — andererseits unter der synonymen Bezeichnung „Orthodoxie, Konservatismus, Reaktion“ zwei wesentlich verschiedene Arten von Anhängern des altjüdischen Kultus, die historisch-kritischen und die kritikfeindlichen in eine Art zusammenzuschmelzen und mit allgemeinen Redensarten zu bekämpfen — eine unverzeihliche Gewissenlosigkeit, womit Sie nur Ignoranten hintergehen können.

Wahrlich, wenn irgend ein „Schwindel bankerott geworden“, so ist es der Reformschwindel, der nicht mehr den Mut hat, dem Gegner frei ins Gesicht zu schauen — und wenn irgend ein jüdischer Gelehrter sich „fein vorsichtig“ vor jedem starken Luftzuge zurückzieht, so ist es wiederum der, nicht sowohl gelehrte „Geistliche“, als vielmehr gelehrten und geistlichen Mummenschanz treibende Reformdoktor, der nicht nur das Kleid, sondern auch die Haut eines Pfaffen hat.

Die vorsichtige Methode, durch allgemeine Abhandlungen und zerstreute Bemerkungen einer Polemik auszuweichen, haben Sie übrigens nicht selbst erfunden, sondern Ihrem würdigen Kollegen Philippson abgelauscht. Gleich diesem vorsichtigen Helden würden auch Sie, wenn ich Sie zur Rede stellen wollte, mich mit der „Erklärung“ abfinden, keine bestimmte Schrift, keine bestimmte Persönlichkeit im Auge gehabt, auch ja niemand genannt zu haben, als Sie von einem „ausserhalb Stehenden“ sprachen, „der, an Sozialismus und allerhand anderem Schwindel bankerott geworden, in Nationalität machen will“.

Doch ich erlasse Ihnen diese Demütigung — nicht etwa blos deshalb, weil es mich anekelt, allen denen einzeln nacheinander entgegenzutreten, welchen nur noch unartikulierte Invektionen und Insinuationen zugebote stehen, die einer dem anderen abschreibt, sondern aus rein humanen Rücksichten. Die romantische Grimasse, mit welcher Sie sich 1848 vom Kampfschauplatze zurückzogen, als Sie merkten, dass die idealen Güter, die mit „ernstester Geistesarbeit“ errungen worden sind, reales Gemeingut werden sollten, — die Art und Weise, wie Sie in Ihrer neuen Abhandlung Ihren bekannten schmählichen Abfall vom „demokratischen Schwindel“ motivieren, — zeigt mir die klaffende Wunde, die Ihrer Eitelkeit geschlagen worden, seitdem die Welt sich für andere Reformen als kirchliche zu interessieren anfängt und Ihr pontifikales Schaugepränge nicht mehr beachtet. Armer Mann! Der „tiefe Schmerz“, der seit dies Zeit Ihre Brust durchwühlt, dauert mich wirklich, und glauben Sie es mir, dass ich mit einem aufrichtigen Gefühle des Mitleids ohne allen Groll von Ihnen Abschied nehme.

Stets bereit, Ihnen zu dienen, habe ich die Ehre, hochwürdiger Herr, mich Ihnen zu empfehlen.

Köln, im Januar 1863.