Wolfgang Eßbach weist in „Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe“ darauf hin, dass das Jahr 1840 voller geschichtsträchtiger Jubiläen war: Der 400. Jahrestag der Erfindung der Buchdruckerkunst war einer der wichtigsten, was die kritische Intelligenz in deutschen Landen dazu bewog, bei der Vorbereitung von Feierlichkeiten zu einem Gutenbergtag auch die gerade in Preußen zutiefst mangelnde Preßfreiheit zum Thema zu machen, was wiederum die Obrigkeit irritierte.

Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses aber stand der 100. Jahrestag der Thronbesteigung von Friedrich II., dem „Philosophenkönig”. Er wurde demonstrativ in die Reihe der Enzyklopädisten gestellt und als „freiester Diener des Weltgeistes, der je gelebt und geherrscht hat” sozusagen als Speerspitze der Aufklärung gepriesen. Der Linkshegelianer und spätere Mitarbeiter der „Rheinischen Zeitung“ Carl Friedrich Köppen schließt sein Buch

Und wie es der Teufel will, stirbt Friedrich Wilhelm III, der König der „Demagogen“verfolgung und der Restauration, ausgerechnet zu Pfingsten dieses Jahres, was auf mystische Übersteigerungen nicht gerade bremsend wirkt, sodass bei der Thronbesteigung von Wilhelm dem IV. die komplette Mythologisierung schon gefertigt war, wie sie Robert Prutz in seiner Beschreibung der damaligen Hochstimmung treffend auf den Punkt gebracht haben dürfte:

Das Gefühl des „Alles, alles sieht anders aus” und das Anklingen an die 1830er-Revolution (Varnhagen) wird aber auch als Verwandlung der sozialen Situation empfunden, wie hier von Franz Chassot von Florencourt, zitiert bei Bruno Bauer:

Frühling in jeder Brust, längst zu Grabe getragene Wünsche erwachen wieder, erstarrte Hoffnungen brechen wieder hervor. Die Menschen schauen sich wieder an, freier, frischer, das gebückte Haupt hebt sich wieder an, man sieht sich ins Auge, man fühlt sich. Alles, alles sieht anders aus. Es sind nicht mehr dieselben Menschen, die uns begegnen: man geht rascher, fröhlicher, der Morgenschein der Hoffnung liegt auf allen Antlitzen, strahlt auf allen Blicken; es ist, als wenn jeden Augenblick unendlicher Jubel aus allgemeiner Brust hervorbrechen wollte.

Wer sieht sich ins Auge? Es ist die liberale Bourgeoisie, die schräg nach oben blickt, noch voller Hoffnung, dass die ideelle Wiedergeburt des Herrschers der Aufklärung im anfangs durchaus ambitioniert auftretenden Wilhelm II. erfolgt sei. Und die freier und frischer sich dünkenden Häupter sitzen auf den Rümpfen von kritischen Intellektuellen und Journalisten, wie Bruno Bauer, Adolf Rutenberg, Karl Friedrich Köppen, Arnold Ruge, Max Stirner, und andere, die im berühmten „Doctorclub“ den Hegel entgotten und wo auch der bummelnde Student Karl Marx durch seinen Witz und seine Belesenheit Ansehen genießt. Der Morgenschein der Hoffnung lag sozusagen auch auf ihren Antlitzen.

In diese hohe und hoch gesinnte Erwartungshaltung hinein erschienen knapp hintereinander vier Bücher:

Pierre-Joseph Proudhon:    Qu’est ce que la propriété? (Was ist Eigentum?)
Etienne Cabet:    Voyage en Icarie (Reise nach Ikarien)
Louis Blanc:    Organisation du travail (Die Organisation der Arbeit)
Moses Heß:    Europäische Triarchie

von denen Leopold Schwarzschild in Der rote Preuße schrieb:

Diese vier Bücher waren der Blitz, der in das Kaffeehaus eingeschlagen war. Der Blitz hatte die Augen der Herren vom Doktorklub geblendet und ihre Geister in Aufruhr gebracht. Neben der Beseitigung Gottes war die Beseitigung der Armut als ein neues Interesse in ihnen aufgestiegen. Alle diese Bücher handelten von der Beseitigung der Armut.

Dass empörend viel Armut herrschte, war seit einigen Jahrzehnten zwar offenkundig geworden, als sich zeigte, dass die Fabriken und Maschinen zwar den Reichtum steigerten, die Lage der Fabrikarbeiter aber immer schlechter wurde. In England und Frankreich hatte es bereits eine kritische Literatur gegeben, in denen auch die Begriffe „socialistisch“ und „communistisch“ vorkamen. Doch davon war nur wenig nach Deutschland gekommen und auch in Frankreich war nach 1830 das Interesse daran abgeflaut.

1840 aber, entfesselt von dem Anprall der neuen französischen Bücher, war plötzlich eine zweite Welle des Interesses aufgeschäumt – und diesmal war die Welle auch über den Rhein hinübergeschlagen. Die Clique des Doktorklubs in Berlin war von ihr schlechterdings aus der Balance geworfen worden. Eine Art von rebellischem Veitstanz hatte sie befallen, und … der ehemalige Stammtisch von Philosophen verwandelte sich in eine Rotte von karnevalistischen Provokateuren.

Die drei Franzosen und Moses Hess bewirkten in der Tat einen Paradigmenwechsel in der Orientierung der kritischen Intelligenz. Hier ist der Beginn anzusetzen vom Übergang der Theorie in die Praxis, von der Philosophie des Geistes zur Philosophie der Tat und schließlich von der bloßen Interpretation der Welt hin zu ihrer Veränderung. Hier ist aber auch die Trennung der Junghegelianer in eine anarchisch-dadaistische Strömung, wie sie ein Teil des Berliner Doktorklubs um Bruno Bauer verkörperte und in eine politisch-praktische Strömung erfolgt, wie sie von Moses Hess und Karl Marx repräsentiert wurden, und die dies in der „Rheinischen Zeitung“ umzusetzen versuchten. Auch Arnold Ruge, der sich von den „Freien“ trennte, wie sich die Berliner bald nannten, und auf die Herausgabe der „Halleschen Jahrbücher“ konzentrierte, sowie später mit Marx die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ herausgab, ist dieser zweiten Strömung zuzuzählen. Die „Dadaisten“ verglühten mit der Zeit und etliche wurden in späteren Jahren extrem konserativ, Einzelne erledigten zum Teil sogar Spitzel- und Denunziationsdienste für die Reaktion. Die „Politischen“ hatten ein Leben der Verfolgung und des Exils vor sich.

Der Spiritus rector für jene Zeit der Umorientierung aber war Moses Hess mit seiner „Europäischen Triarchie“.
Neben der strikten Trennung von Staat und Kirche, der Erwartung, dass nach der deutschen Reformation, der französischen politischen Revolution nunmehr in England die soziale Revolution zu erwarten sei, setzt sich Hess auch mit Hegel und den Junghegelianern auseinander, denen er vorhielt, in der Philosophie zwar alles erreicht zu haben, was zu erreichen war, den entscheidenden Schritt zur Tat aber nicht gesetzt zu haben. Das Entscheidende dieser Schrift war die aus Zensurgründen zwar verdeckt formulierte, aber klare Absage an das Privateigentum. Solange Individuen, Familien, Stände usw. entgegengesetzte Interessen hätten, könne von einer Einheit der Gesellschaft keine Rede sein

Folglich darf im Besitze keine Trennung sein zwischen Individuen, Familien usw., folglich müssen wir uns assoziieren, um den vollkommenen Zustand der menschlichen Gesellschaft zu verwirklichen.

Hess wendet sich auch gegen soziale Utopien, „in welchen die Gesellschaft wie eine Maschine construiert und ihr jedes Rad, jede Triebfeder vorgezeichnet wird“ und setzt dagegen:

Die sociale Freiheit kann sich, solange die Emancipation der Gesetze vom historischen Rechte noch nicht realisiert ist, nur negativ, als antihistorisch, nicht in Systemen manifestieren, welchen noch der Boden der Realität fehlt.

Karl Marx, dem sich „Socialistismus“ und „Communismus“ vorerst nur in den Narreteien der Bauer-Clique und deren dementsprechenden Artikeln in der „Rheinischen Zeitung“  offenbarte, war zutiefst skeptisch gegenüber dieser „neue Mode“. Erst durch Moses Heß  wurde er schließlich dazu angeregt, sich ernsthaft mit den radikalen Franzosen auseinanderzusetzen. 
Die Fortsetzung findet in Paris statt.