Erwiderung an Immanuel Loew

Mein Messiasglaube wäre also historisch weniger gerechtfertigt als der phantastische des Mittelalters, den Sie den orthodoxen nennen und mit welchem Sie den meinigen aus dem Felde schlagen. Zwar geben Sie zu, dass das messianische Reich auch nach orthodoxen Grundsätzen einen schwachen Anfang haben könne; wie ja auch in der Tat alle grossen Dinge, alle wichtigen Ereignisse, nicht nur auf dem Gebiete der Kultur, sondern auch auf dem der Natur mit einem solchen Anfange beginnen: ganze Organismenreihen, wie ganze soziale Reiche beginnen mit einem unscheinbaren Keime. Der äusseren Erscheinung, von deren Grossartigkeit die Welt in Erstaunen gesetzt wird, geht immer eine verborgene, stille, innere geistige Arbeit vorher. Insofern stünden meine Bestrebungen mit der orthodoxen Anschauung des geistigen Vorläufers, mit dem welthistorischen Gesetze vorläufiger Entwickelung und dem Naturgesetze anfänglicher, unscheinbarer Keime in Übereinstimmung. — Aber inbetreff der vollen Verwirklichung unserer messianischen Hoffnungen befände ich mich doch, wie Sie meinen, im Widerspruch mit der Orthodoxie und dem Weltgesetze, welche diese Verwirklichung von einer eminenten Persönlichkeit abhängig machen.

Ich könnte mich schon mit Ihrem Zugeständnis des Anfangs begnügen. Die eminenten Persönlichkeiten bleiben nie aus, wo der Keim des Patriotismus und das Streben nach Wiedergeburt einmal in einem Volke Wurzel gefasst haben. Die Nationen, welche sich erheben, produzieren diese Persönlichkeiten: dieselben waren niemals die Schöpfer, sondern die Produkte einer gewissen Bewegung — und die Geschichte hat bewiesen, dass es auch solche jüdische Persönlichkeiten geben kann. — Indessen, Sie stellen meinen Messiasglauben dem orthodoxen, und meine Bestrebungen den echt jüdischen prinzipiell gegenüber. Die letzteren charakterisieren Sie durch Bibelverse, welche alles der allmächtigen „Hand“ überlassen, die nicht „verkürzet“ sei. Sie charakterisieren damit zugleich den theologischen Standpunkt, auf den Sie sich selbst schliesslich stellen, um meinen historischen als angeblich philosophischen zu verwerfen. Sie halten das „Wort Gottes“ gegen „Menschensatzungenu aufrecht …. Sie wollen mich wohl bekehren?

Wären Sie nicht als Talmudist und jüdischer Forscher bekannt, ich würde Sie für einen jener modernen jüdischen „Geistlichen“ halten, die sich vortrefflich zu einem christlichen Theologen qualifizieren, und die man nur darüber beklagen kann, dass sie ihre Karriere verfehlten. Bei solchen Geistlichen, die nicht unpunktiert hebräisch lesen können und mit der Bibel einen Götzendienst und — eine Industrie treiben, fände ich ihre Argumente ganz in der Ordnung. Sie aber wissen besser als ich, dass unsere Autoritäten, welche das Judentum geschaffen, konserviert und fortgebildet haben, mit den Werken ihres eigenen Geistes keinen Götzendienst treiben konnten. Sie können unmöglich die kritiklose Orthodoxie einer späteren Zeit, gegen welche ich mich allerdings im Gegensatze weiss und bekenne, mit dem biblisch-talmudischen Judentum verwechseln, mit dessen keineswegs phantastischem Messiasglauben ich mich in vollster Übereinstimmung befinde. — Sie wissen, dass die grössten jüdischen Autoritäten des Altertums und Mittelalters die nationale Wiedergeburt auf natürlichem Wege erwarteten. — Cyrus wird schon von den Propheten des babylonischen Exils „der Messias“ genannt, obgleich er nicht aus dem Hause David stammte, und Bar Kochba wurde von unserem grössten Mischnalehrer, von Rabbi Akiba, als Messias proklamiert, obgleich er nicht aus den Wolken herabgefahren kam. — Sie wissen auch, wie und wann der phantastische Messiasglaube entstanden ist. Als unsere letzten Aufstände gegen die römische Herrschaft im Blute unserer heldenmütigen Väter erstickt waren, als bei fortgesetzter Empörung gegen die Unterdrücker dem Judentume gänzliche Vernichtung drohte, da erklärten unsere Autoritäten — zuerst, wenn ich nicht irre, ein Ben Chananja, R. Jehoschua, mit dem damals beliebten Anschluss an einen Bibelvers — dass die Erlösung durch keine menschliche Hilfe herbeigeführt werden dürfe, sondern dem Himmel allein überlassen bleiben müsse. Nur in den schlimmsten Zeiten unseres Exils suchte und fand man in einem phantastischen Messiasglauben, der damals seine volle Berechtigung hatte, Trost und Hoffnung inmitten einer trostlosen und verzweiflungsvollen Gegenwart. Heute dagegen würde der alte Ben Chananja in meinen nationalen Bestrebungen schwerlich etwas Antijüdisches oder Heterodoxes finden und es seinen modernen Namensvetter fühlen lassen, was der jüdische Messiasglaube, was jüdischer Patriotismus ist.

Von diesem Patriotismus hatte ich gesagt, er sei ein naturwahres – Gefühl, das weder demonstriert zu werden brauche, noch wegdemonstriert werden könne. Ihn zu charakterisieren, nicht zu demonstrieren versuchte ich durch Schilderung einiger Züge aus dem jüdischen Leben, welche seine Physiognomie kennzeichnen sollten. Sie, Herr Redakteur, ziehen dagegen vor, ihn zu demonstrieren. Sie sind in Ihrem Rechte. Aber Sie sind auch unparteiisch genug, mir zu erlauben, Ihnen zu antworten.

Mich bedankt, dass dasjenige, was das gegenwärtige Leben noch bezeugt, durch keine gelehrten Zitate bewiesen zu werden brauche. Sie aber finden im gegenwärtigen jüdischen Leben keinen Funken jüdischen Patriotismus mehr. Sie suchen die, wie Sie zugeben, einst glühende, jetzt, wie Sie behaupten, erloschene Liebe zum heiligen Lande der Väter unter einem Aschenhaufen von gelehrten Zitaten, die zu viel, und eben darum nichts beweisen. — Das war aber Ihre Absicht. Es wäre daher albern, Ihnen aus Ihrer Methode einen Vorwurf machen zu wollen. Sie wollen ja den jüdischen Patriotismus nicht nur demonstrieren. Ihre Methode ist jene bekannte dialektische, welche nicht das Konkrete analysiert, um es synthetisch zu rekonstruieren, wobei ein grosser Gewinn für die Wissenschaft und das Leben herauskommt — sondern nur deshalb das Konkrete in seine Bestandteile zerlegt, um von demselben zu abstrahieren und an deren Stelle das „ Wahre“ zu setzen, welches wieder nichts ist als das subjektive Belieben des Dialektikers, der irgend eine beliebige Seite seines analysierten Objektes als das allein Wahre festhält. — Man hat bei dieser Art Dialektik nur zu zeigen, wie ein einzelner durch die Analyse gewonnener Bestandteil nicht das Ganze, folglich nicht das Wahre, in unserem Falle also nicht der wahre Patriotismus sei. — Durch diese Operation eliminiert man, was einem unbequem ist, um nur dasjenige als das „Wahre“ übrig zu behalten, mit welchem man am leichtesten fertig zu werden hofft.

Zuerst eliminieren Sie als unwahres Objekt des Patriotismus „die Berge und Täler, Fluren und Flüsse des Vaterlandes“, natürlich auch die „Früchte“ desselben, die mir von meinem Grossvater gezeigt wurden, sodann die ganze patria naturae oder loci, die Sie so mühsam aus mehr als zwanzig Belegstellen als das Objekt des jüdischen Patriotismus zusammen gesucht haben, um nur die patria civitatis oder juris, die Institutionen des Vaterlandes, als würdigen Gegenstand der Liebe, als das Objekt des „wahren“ Patriotismus übrig zu lassen. — Jetzt haben Sie leichtes Spiel mit dem jüdischen Patriotismus: „Welche Institutionen“, fragen Sie, „hat aber der Herr Verf. bei seinem palestinensischen Patriotismus im Auge?“ —- Mich geniert nur, wie Sie meinen, der alte Opferkultus, dessen Restituierung doch in dem altjüdischen Kultus, in welchem ich kein Gebet verstümmelt wissen will, erficht wird. Also ein doppelter Widerspruch! Ich glaube nicht an die Wiederherstellung des Opferkultus im zukünftigen jüdischen Staate, spreche mich doch für den altjüdischen Kultus in der Gegenwart aus und muss den einzigen würdigen Gegenstand des Patriotismus, die Institutionen meines Vaterlandes, preisgeben. Denn es sind „ja nicht die Opfer allein, sondern auch die übrigen Institutionen“, welche ich fallen lassen muss, da ich „kaum in der Lage sein dürfte, auch nur einem kleinen Bruchteil derselben einen Platz“ zu reservieren.

Sie vergessen bei diesem ganzen Räsonnement nur eine Kleinigkeit. Sie selbst, Herr Redakteur, haben schon vorher die Basis desselben, die Institutionen, als den einzigen würdigen Gegenstand des Patriotismus fallen gelassen und müssen daher auch schliesslich Ihre ganze Operationsbasis ändern.

Bei den „Institutionen“ sind Sie nämlich auf eine Schwierigkeit gestossen. — Völker und ganze gesellschaftliche Klassen können unmöglich, wenn sie auch über jede „gereizte Gefühlsstimmung“ erhaben sind, Institutionen lieben, die sie als Parias behandeln. Dennoch findet sich auch bei ihnen, wie wir selbst täglich erfahren, Patriotismus. Man könnte hier wieder an die patria naturae, an gemeinsame Sprache, Geschichte und Abstammung denken. Sie beeilen sich daher zu erklären, dass auch hier nur die Liebe zu den Institutionen der ganze Inhalt des Patriotismus sei, aber — zu den Institutionen der Zukunft. — Nun erinnern Sie sich noch, dass auch ich die Institutionen der Zukunft „antizipiert“ habe. Ja, diese bilden, wenn nicht den ganzen, doch den vorzüglichen Inhalt meines jüdischen Patriotismus. Mit dem, was infolge Ihrer dialektischen Methode als wahrer Patriotismus übrig geblieben, haben Sie kein so leichtes Spiel als Sie anfänglich glaubten. — Aber Sie wissen sich zu helfen.

Einen „antizipierenden Patriotismus“ hatten die Nichtadeligen in Ungarn vor 1843 und 1848, die deutschen Untertanen im Jahre 1813, wohl auch die Russen im Jahre 1812, sowie andererseits alle Völker, die gleich dem französischen Volke im Jahre 1789 erst nach einem modernen Vaterlande ringen und streben. — Ein Volk jedoch gibt», ein einziges, bei welchem auch vom Gegenstande des „antizipierenden Patriotismus“, von den zukünftigen Institutionen, abstrahiert werden muss. Nichtadelige Ungarn, deutsche Untertanen und russische Leibeigene können für eine Zukunftsidee schwärmen. Die Juden nicht. — Andere Völker, die sich jene Idee der Gerechtigkeit und Humanität, welche die Seele der jüdischen Geschichtsreligion ist, erst nach einem langen historischen Prozess teilweise aneignen konnten, sind befähigt, dieselbe ins Leben einzuführen. Die Juden nicht. — Bei allen westeuropäischen Völkern ist die Lösung des grossen sozialen Problems, an welchem sie seit der ersten französischen Revolution arbeiten, ohne sie noch gefunden zu haben, selbstverständlich; sie haben wohl, meinen Sie, ihre „Konstitution“ schon in der Tasche? — Bei den Juden dagegen, die bereits im Altertume, soweit die damals noch unentwickelten Arbeits- und Verkehrsverhältnisse es zuliessen, ihr Volksleben „nach mosaischen, d.h. sozialistischen Grundsätzen“ gestalteten, ist die Lösung jenes Problems unmöglich.

Wie kommen Sie dazu, allen anderen Völkern den Glauben an y eine neue humanitäre Schöpfung, den jüdischen Glauben an die messianische Weltepoche zu vindizieren und ihn dem jüdischen Volke selbst abzusprechen?

Vielleicht werden wir uns gegenseitig besser verstehen und dulden, wenn wir uns die Verschiedenheit unserer Gesichtspunkte nicht verhehlen. — Ihnen ist der Geist des Judentums, sein schöpferischer Genius, sein Gott und Gesetzgeber ein jenseitiger. Hiermit will ich nicht sagen, dass Ihr philosophischer Standpunkt, den ich nicht kenne und den Sie ja selbst von Ihrem theologischen unterscheiden, ein supernaturalistischer — ich meine nur, dass für Sie wie für die ganze nichtjüdische Menschheit das schöpferische Wesen des Judentums, welches meiner Ansicht nach vom jüdischen Patriotismus unzertrennlich ist, ein jenseitiges geworden sei, weil Sie heute kein jüdischer Patriot mehr, sondern ein ungarischer geworden sind. Das Judentum hat für Sie nur noch die historische Bedeutung einer durch dasselbe den weltgeschichtlichen Völkern gewordenen, von diesen passiv empfangenen „Offenbarung“, also die Bedeutung eines Bekenntnisses, nicht die einer stets aktiven Selbstoffenbarung. — Für mich dagegen ist ‚ der Geist des Judentums der Geist der Juden; der jüdische Gott ist der Gott unserer Väter, unser unveräusserliches Erbteil, an dem wir nicht blos zehren, das wir zu weiteren Schöpfungen verwenden wollen. Sie wollen mich nicht zu jener modernen Religion, noch zum Patriotismus des ubi bene ibi patria bekehren. Sie haben in meiner Schrift finden können, dass und warum ich jene moderne Reformreligion für den Widerschein eines sozialen Auflösungsprozesses halte, dass und warum ich von der Wiedergeburt der Völker auch die Wiedergeburt einer lebendigen Religion erwarte, die jedes Volk zu einem Volke Gottes gemacht. — Auch die Ungarn mögen, ich wünsche es ihnen von Herzen, ihre Wiedergeburt erringen, und ich halte es für eben so verdienstlich, aus den jüdischen, katholischen und protestantischen Ungarn ungarische Ungarn, als aus den ungarischen, polnischen, deutschen und anderen Juden jüdische Juden zu machen. Nur die Halbheit der modernen Fortschrittler ist mir zuwider, welche ohne alle Autorität reformieren und mit den Trümmern eines längst zerstörten Gebäudes den neuen Gesellschaftsbau aufrichten wollen. Bei den Juden wie bei allen nach Regeneration strebenden Völkern handelt es sich um kein Reformflickwerk, sondern um eine Neugestaltung des ganzen sozialen Lebens.

Worin aber, fragen Sie, wird diese Neugestaltung bestehen? „Von welchen Prinzipien wird sie geleitet werden? Welche Verfassung wird ihr als Ideal vorschweben? darauf weiss der Herr Verf. natürlich nicht zu antworten“

Sollte es wirklich Ihrem Scharfsinn entgangen sein, dass mein ganzes Buch eine Beantwortung dieser Frage ist? — Aus welchem anderen Grunde habe ich mich an das jüdische Volk gewendet, als weil ich die Überzeugung gewonnen habe, die ich auch überall zu begründen suchte, dass gerade dieses Volk berufen ist, die zukünftigen Institutionen, den „Geschichtssabbath“, den es zuerst verkündet hat, auch zuerst zu verwirklichen?

Religion, Philosophie und Politik lassen mich kalt, wenn sie die Lage der arbeitenden Klassen nicht durch Institutionen verbessern helfen, welche jedem Kastengeiste, jeder Klassenherrschaft ein Ende machen. Das Judentum kennt aber keinen Kastengeist und keine Klassenherrschaft. Der Geist des Judentums ist ein sozialdemokratischer von Haus aus. Der Geist des Judentums, ich wiederhole es, ist der Geist der Juden. Die Wurzel seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schöpfungen liegt nicht im Himmel, sondern im Geiste und Herzen unseres Volkes. So lange dieses Volk einen gemeinsamen Boden hatte, auf dem es seinen Geist frei entwickeln konnte, verwirklichte es ihn in Institutionen und einer Literatur, welche für die Gesamtmenschheit die Bürgschaft ihrer Vollendung enthält. Seit dem Untergange des jüdischen Staates konnte es nur das Geschaffene durch Observanzen heilig halten, welche einen rein konservativen Charakter haben. Es liegt kein Widerspruch darin, wenn ich den Geist der alten jüdischen Institutionen als Basis der zukünftigen betrachte, ihn darum durch Observanzen konserviert wissen will, welche sich nur an die alten Institutionen anschliessen können, und dennoch glaube, dass gerade dieser Geist, wenn er sich wieder auf dem Boden der Väter frei entwickeln kann, die Macht haben wird, neue Gesetze nach dem Bedürfnisse der Zeit und des Volkes zu schaffen. Die konservativen Observanzen des Judentums haben nur für uns Juden eine Bedeutung, nämlich die, unsere Nationalität für zukünftige Schöpfungen zu konservieren. Diese dagegen werden, wie die alten, als freie Geistesproduktionen wieder einen direkten Einfluss auf die gesamte Menschheit haben, und ich glaube, wir dürfen uns für die zukünftigen Schöpfungen unseres Volkes mindestens in gleichem Masse interessieren, wie jedes andere nach Wiedergeburt ringende Volk für die seinigen.

Ihre theoretischen Einwürfe, die doch meine ganze Weltanschauung, mit welcher mein jüdischer Patriotismus steht und fällt, unberührt Hessen, wären somit beseitigt; ich hätte nur noch den einzigen praktischen Einwand zu beleuchten, den Sie gegen die Möglichkeit einer nationalen Wiedergeburt unseres Volkes erheben. Allein ich fürchte, Sie und Ihre Leser durch längere Erörterungen zu ermüden. Ich werde mich daher kurz fassen.

Es handelt sich um die Sprache einer jüdischen Nation. Sie geben zu, dass die hebräische Sprache in unserer Zeit wieder kultiviert wird, wenn Sie auch das Aufblühen der neuhebräischen Literatur von der Mendelssohnschen Schule her datieren. Dass im westlichen Europa, von dem ich überhaupt, wie Sie wissen, kein Kontingent für den neuen Staat erwarte, Neu-Orthodoxen sich der deutschen und französischen Sprache bedienen, ändert nichts an der Tatsache, dass man sich im östlichen Europa zur Verständigung mit den dort so zahlreich lebenden Juden hebräisch geschriebener Zeitungen und Zeitschriften bedient. Aber, wenden Sie ein, im Leben sprechen die jüdischen Volksmassen drei verschiedene Idiome, jüdisch-deutsch, spagnolisch und arabisch. „Und diese Elemente“, rufen Sie aus, „sollten sich zu einer Nationalsprache vereinigen können? Der Herr Verf. wird hierauf schwerlich anders als mit einem entschiedenen „Nein“ antworten; damit hat er aber das, was er die nationale Wiedergeburt Israels nennt, für ein eitles Phantasiegebilde erklärt!“

Und Sie, wenn man Sie fragte, ob in Ungarn, wo mehr als drei grundverschiedene Sprachelemente herrschen, diese Elemente sich zu einer Nationalsprache vereinigen können, würden Sie auch hierauf mit einem entschiedenen „Nein“ antworten und damit allen ungarischen Patriotismus für ein eitles Phantasiebild erklären?

Beruhigen Sie sich; die Sprachverschiedenheit hat noch keine — ausser beim babylonischen Turmbau — Gesellschaft verhindert, sich zu organisieren, weder sonst noch jetzt, weder in den romanischen, noch in den arabischen und germanischen Ländern, weder in Frankreich, noch in England, weder in Belgien, noch in der Schweiz; sie wird auch in Ungarn und in Judäa kein Hindernis sein. — Jede neue Gesellschaft verschmilzt entweder die vorhandenen Sprachen, wie dies im Mittelalter der Fall war, zu einer neuen; oder sie kultiviert neben den verschiedenen Volkssprachen eine gemeinsame, offizielle, literarische Sprache, wie es gegenwärtig zu geschehen pflegt; oder endlich es bildet sich neben der Landessprache eine Weltsprache, wie sie uns bei dem täglich lebhafter werdenden Weltverkehr wahrscheinlich die Zukunft bringen wird. Wir haben jedenfalls keine babylonische Sprachenverwirrung mehr zu befurchten. Der fortschreitende Prozess des Geistes ist, wie jener des sozialen Lebens, kein Scheidungsprozess mehr, sondern ein Streben nach Einheit und Universalität, nicht nach einer verflachenden, sondern nach einer lebendigen, organischen, welche das Individuelle und Nationale als das eigentlich Schöpferische in sich birgt und heilig hält.