Wie der Bonner Generalanzeiger berichtet, wurde im Rahmen einer Veranstaltung mit ca. 100 BesucherInnen die aktualisierte Neuauflage des schon lange vergriffenen Werkes „Moses Hess in seiner Zeit“ von Prof. Horst Lademacher.
„Er ist ein bedeutender Sohn der Stadt Bonn, der zwar nicht in Vergessenheit geraten ist, über den aber wenig bekannt ist“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch in seinem Grußwort. „Dank Professor Lademacher gibt es endlich wieder etwas Neues über Moses Hess auf dem Buchmarkt.“

Das Stadtarchiv veröffentlicht die Studie in seiner Schriftenreihe anlässlich des 200. Geburtstages des berühmten deutsch-jüdischen Denkers, zu dessen Ehren in diesem Jahr bereits ein Abschnitt des Erzbergerufers zwischen Josefstraße und Kennedybrücke benannte wurde.

„Es sind vor allem zwei Leistungen, die Hess‘ besondere Bedeutung als Publizist und Philosoph ausmachen“, sagte Lademacher. Zum einen sei Hess schon früh von der Notwendigkeit der sozialen Revolution überzeugt gewesen, bestrebt, die Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern.

Der Höhepunkt des Abends war aber der Vortrag von Herrn Prof. Horst Lademacher über die Bedeutung von Moses Hess aus seiner Zeit hinaus bis in unsere Gegenwart. Freundlicherweise hat uns der Autor das Manuskript seines Vortrags zur Verfügung gestellt, welches als PDF (80kb) heruntergeladen oder hier direkt gelesen werden kann:

„…aber weil ich nicht nur weiß, was ich will, sondern auch will, was ich weiß, bin ich mehr Apostel als Philosoph“. Das schrieb Moses Hess 1850 in einem der sogenannten Iskander-Briefe an den in Paris lebenden russischen Revolutionär Alexander Herzen. Diese ihn selbst porträtierende Aussage steht am Ende einer Periode des langjährigen revolutionären Versuchs in Europa, steht am Ende von Jahrzehnten, in denen das Wort von der Revolution immer in großen Lettern buchstabiert wurde und die mit der großen französischen Revolution ihren Anfang nahmen, um dann wiederum mit den Aufständen von 1848 in Frankreich und in deutschen Ländern zu enden. Es ging um politische Verfassung und Behebung des sozialen Elends gleichermaßen – um unterschiedliche Ebenen also – und schließlich um auf Nationsbildung gerichtete Bestrebungen. Die Franzosen haben, wie Eric Hobsbawm mitteilt, für die begeisterten Träger des revolutionären Gedankens das Wort von den „quarante-huitards“ gefunden – ein Begriff, in dem Bärte, fliegende Krawatten und breitkrempige Hüte ebenso verarbeitet sind wie die allgegenwärtigen Barrikaden, die Sehnsucht nach Freiheit, die Hoffnung auf Veränderung. Sie haben damit eine Zeit ins Bild gesetzt, die dann nicht überall nach quarante-huitards-Zuschnitt war, aber sich doch durch allgegenwärtiges oppositionelles Denken auszeichnete. Es war ein Denken, das zunächst einmal Öffentlichkeit des politischen Vorgangs verlangte. Die Zeit nach 1830 steht hier zentral. Die Forderungen waren oppositionell, aber auch unterschiedlicher Natur. Da verlangte man Presse- und Glaubensfreiheit, Petitions- und Versammlungsrecht, Geschworenengerichte und das Recht auf jährliche Steuerbewilligung und sprach vom Ende aller Kabinettsordres in jenen Bereichen, die das Eigentum und die Nutzung desselben betrafen. Das waren die Forderungen einer neuen und selbstbewussten Bürgerlichkeit, die den Raum der öffentlichen Betätigung voll für sich in Anspruch nahm – Forderungen freilich, die sich nur angesichts der stagnierenden Verfassungsentwicklung in Preußen radikal ausnahmen, mit Blick auf die politische Mitbestimmung jedoch besitzbedingte Beschränkungen vorsahen. Das war schon etwas anderes bei jener Reihe von Publizisten und Schriftstellern, bei den Intellektuellen, die nichts anderes als bedingungslose politische Freiheit verlangten, ohne welche Einschränkungen auch immer. Beide Strömungen unterlagen offensichtlich insofern der Verjährung, als mit der industriellen Revolution schon in ihrem Frühstadium eine veränderte soziale Problematik entstand, die im einfachen Ruf nach politischer Mitbestimmung nicht mehr gelöst werden konnte. Es tauchte da plötzlich eine radikale Gedankenwelt auf und mit dieser auch Regungen des Vierten Standes, die ursprünglich bei Maschinenstürmerei, Lohnunruhen und Streiks einsetzten und schließlich zur Assoziation drängten. Die Assoziation – von Werner Conze als Zauberwort der Zeit bezeichnet – war dann zwar noch keine Massenerscheinung, gleichwohl als Bewegung schon stark genug, um den liberalen Bürgern Furcht einzuflößen und die Polizei zu beschäftigen. Der preußisch konservative Sozialwissenschaftler Lorenz von Stein, ein scharfsinniger Beobachter dieser Zeit, hat dazu festgestellt: „Es ist kein Zweifel mehr, dass für den wichtigsten Teil Europas die politische Reform und Revolution zu Ende ist; die soziale ist an ihre Stelle getreten und überragt alle Bewegungen der Völker mit ihrer furchtbaren Gewalt und ihren ernsten Zweifeln. … vergeblich sind die Bemühungen, es in sein früheres Nichts herabzudrücken. Wer die Augen verschließen will, den wird die Bewegung erfassen und vernichten; das einzige Mittel, ihrer Herr zu bleiben, ist die klare, ruhige Erkenntnis der wirkenden Kräfte und des Weges, auf den die höhere Natur der Dinge lenkt.“

In diese von Lorenz von Stein beschriebene Welt der unumstößlichen Gewissheit, in diese Gesellschaft der Denker des Neuen und der aufrührerischen Bewegung gehört Moses Hess. Hier ist er tätig geworden, wuchs er in ein gesellschaftliches Umfeld hinein, das ihm gewiss nicht vorbestimmt war. Der am 21. Januar 1812 in der Bonner Judengasse geborene Moses Hess war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns, der bald nach der Geburt seines Sohnes nach Köln zog und sich dort eine neue Existenz gründete. Des jungen Hess nächste Umgebung war eine Welt des Handels und des kaufmännischen Erwerbs, auch ihm von vornherein für die Zukunft bestimmt. Die Familie Hess war strenggläubig, und Moses, der nach dem Ortswechsel des Vaters noch viel Zeit beim Großvater in Bonn verbrachte, hat sich in seinem so auffälligen Buch „Rom und Jerusalem“ daran erinnert, dass der Großvater das ganze Jahr hindurch sich mit dem Talmud beschäftigt habe. Nur in den neun Tagen vor der Wiederkehr der Zerstörung Jerusalems habe er die Lektüre unterbrochen, dann aber habe er bis nach Mitternacht die Legenden von der Vertreibung der Juden aus Jerusalem gelesen. Freilich, sein Tagebuch aus den 30er Jahren bietet da noch ungleich härtere Kost. Bis zu seinem 15. Lebensjahr sei er „über den Talmud schwarz und blau geschlagen worden“, und als er nach dem Tode der Mutter 1825 durchaus Eifer für das Geschäft des Vaters an den Tag legte, sei er zugleich auf ein noch intensiveres Studium des Talmud gewiesen worden, der ihm „herzlich zuwider“ war, obwohl er sich doch für ein „frommes Judenkind“ hielt. Solches Epitheton, das er sich da gab, hat wohl nicht so lange vorgehalten, folgt man seinen frühen Tagebuchaufzeichnungen und seinen frühen Briefen, die in einigermaßen selbstquälerischer Sinnsuche geschrieben sind, als ob er in seiner frühen Jugend nie gelacht habe. Schon der 19 Jährige bemerkte, er sei nur insofern ein echter frommer Jude als er ein frommer Mensch sei. Die Lektüre der Tagebücher zeigt die Distanzierung von der Religion seiner Väter, die Hinwendung dann zum Christentum (die Reformation). Ich deute es als frühe Auflehnung gegen die Enge der eigenen Religion, als frühen Versuch auch, seine Orientierungslosigkeit aufzuheben. Für ihn gilt, was Bertrand Russell als Problem angesprochen hat: „Zu leben ohne Gewissheit, ohne gelähmt zu sein durch Ungewissheit“. Das Christentum war ihm die nicht mehr an eine Nation gebundene Religion der Güte und Gerechtigkeit, eine Weltreligion, in der Güte und Gerechtigkeit Offenbarungen des Göttlichen waren. Es war eine Art „Seid-umschlungen, Millionen-Haltung“, die er offenbarte. Zwei Dinge sind zu beobachten. Zum einen trat bald an die Stelle des Göttlichen das vernunftgesteuerte Sittengesetz, zum anderen verließ er damit den religiösen Boden und wandte sich ganz konkret der Gesellschaft und ihren Fehlern zu, die es im Sinne der Gerechtigkeit zu beheben galt. Schon 1837 veröffentlichte er die „Heilige Geschichte der Menschheit“. Es ist das Buch, in dem er zum sittlichen Handeln aufruft und die soziale Erkenntnis in einen zielbewussten Tatwillen zugunsten der gesellschaftlichen Harmonie umgesetzt sehen will. Freiheit und Gleichheit will er realisieren, da Freiheit nur bestehen könne, wenn die Gleichheit hergestellt sei. Er benennt auch die Gegner: den Feudaladel und die Geldaristokratie, und mehr noch: er entwickelt ein Wirtschaftsbild, in dem der autonome ökonomische Prozeß einen wichtigen Platz einnahm. Hess konzipierte schon eine Art Konzentrations-, Zusammenbruchs- und Verelendungstheorie, die sich ihm aus der auf Privateigentum beruhenden Wirtschaftsstruktur der freien Konkurrenz ergab. Schaut man genau hin, dann ist das Kommunistische Manifest in nuce schon angelegt. Es mag dann so sein, dass er im Titel des frühen Buches noch die Existenz des Göttlichen behaupten will, aber diese Existenz ist identisch mit dem Sittengesetz, das es zu verwirklichen gilt. Das heißt, es ist die soziale Moralität, die er ins Spiel bringt. In diesem Grundanliegen steigt er in die so aufgeregten 40er Jahre ein, in denen er die Frage des Nationalen oder Konstitutionellen links und rechts liegen ließ und sich in allererster Linie dem Problem des Sozialen, dem Gesellschaftlichen im engeren Sinne zuwandte. Die sozialen Missstände und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die er in der „Heiligen Geschichte“ vorgetragen hatte, durften doch nicht neben der Konzeption von der Menschheit als harmonischem Ganzen fortbestehen.

Der protestantische Theologe Erich Thier hat Hess einen ekstatischen Denker genannt, und das gilt ohne Zweifel für die Jahre des deutschen Vormärz, in denen Konstitution und sozialökonomischer Umbruch ganz oben auf der Tagesordnung standen. Es waren Jahre auch, in denen er in enger Beziehung zum Handwerkerkommunismus stand und Beziehungen zu den Junghegelianern pflegte Hess zeigte sich in seiner hohen Emotionalität durchaus steigerungsfähig. Was schrieb er doch an seinen liberalen Freund Berthold Auerbach, nachdem er sich vergeblich um eine leitende Stellung bei der „Rheinischen Zeitung“ beworben hatte: „Ich kann mit den Geldaristokraten und ihrem Anhang nicht harmonieren…zum Teufel mit diesen Halunken. Sie müssten alle aufgeknüpft werden, sie haben nichts als Geld und Hochmut…Man muss erst den Reichtum verachten, um die Reichen verachten zu können…Krieg zwischen mir und ihnen.“ Und den tieferen Grund seiner Empörung umschreibt er – etwas grob dann – an eben jenen Auerbach: „Du hättest Dich nicht aus dem Elend des Lebens in deine Vorhaut zurückziehen dürfen, um mit der eigenen Gemütlichkeit zu kokettieren, derweil die Menschen vertieren, verelenden und verhungern“. Es ist, als ob das so beschriebene Elend der Unterschicht von Heß als eine persönliche Demütigung gefühlt worden sei, was die in solchen Worten enthaltene Empörung erklärt, wichtiger freilich ist, dass Hess früh schon von der Notwendigkeit der sozialen Revolution überzeugt ist und sie im Laufe der 40er Jahre immer drängender fordert. Es ist seine Eigenart, daß er in der 1841 erschienenen „Europäischen Triarchie“ seine Forderung nach Umsturz der Verhältnisse gleichsam europaweit ausdehnte, indem er Großbritannien, Frankreich und den deutschen Ländern eine jeweils eigene Position zuschrieb. Auf der britischen Insel schätzte er den Pauperismus als Folge der frühindustriellen sozialökonomischen Verhältnisse für besonders fortgeschritten ein, Frankreich sollte den schon mehrfach bewiesenen politischen Tatwillen einbringen und die Deutschen schufen die philosophischen Grundlagen zur Rechtfertigung der sozialen Revolution. Das war eine Art Internationalismus, der wenige Jahre später im Kommunistischen Manifest der Marx und Engels wohl etwas anders gedacht war.

Aber eben diese Revolution. Zunächst entsprach es wohl eher seinem Harmoniedenken, wenn er sich zusammen mit Friedrich Engels und dem Düsseldorfer Maler Köttgen nicht nur um das Wuppertaler Proletariat, sondern auch um Unternehmer und Mittelstand bemühte, um hier die Vorteile des Kommunismus in regelmäßigen Versammlungen deutlich zu machen. Das ist nicht gelungen und endete mit Versammlungsverbot. Hess versuchte auch danach noch Denkanstöße im Wuppertal zu vermitteln, aber er galt nur noch als Schreckfigur, die für Weibergemeinschaft eingetreten sei wie es hieß.

Dieser Ausflug in die Einsichtsfähigkeit anderer blieb freilich Episode. Der Schwerpunkt im Denken des Moses Hess verharrte bei der notwendigen und zugleich bevorstehenden Revolution. Das äußerte sich in einer Reihe von Beiträgen in den vielen Zeitschriften jener Jahre. Er verfolgte auch die Diskussion zwischen Weitling und Marx über den Zeitpunkt der Revolution. Er ergriff nicht unverhohlen Partei, weil er sich wohl in einer Situation des Zwiespalts befand. Weitlings These von der revolutionären Nähe stand ihm, dem revolutionären Moralisten, näher als der Systemanalytiker Marx, aber er war nachgerade ein Verehrer des Karl Marx, hatte an der „Deutschen Ideologie“ mitgearbeitet und Friedrich Engels, so meinte er jedenfalls, auf dem Wege des Gesprächs zum Kommunisten transformiert. Hauptsache, es wurde überhaupt die Revolution thematisiert. Ihn schien es daher nicht zu tangieren, daß die beiden Dioskuren zu ihm auf Distanz gingen. Und die Tatsache, daß man ihm den Beinamen „Kommunistenrabbi“ gab, störte ihn nicht. Dabei war es als Schimpfwort gemeint.

Wie immer er sich auch in privaten Bekundungen vor der Marxschen Diktion und Marxschem Denken verbeugte – gerade in den Jahren unmittelbar vor und nach der Revolution von 1848 -, bewies er, dass er sich nicht wirklich mit der Marxschen Systemanalyse anfreunden konnte. Er wollte die bürgerliche Revolution übersprungen wissen, sofort die proletarische Revolution ausrufen. Seinen Grund fand das im Zweifel an der Einsichtsfähigkeit des Bürgertums, das zu erziehen er kurz zuvor noch versucht hatte, seinen Grund fand das aber vor allem in seinem Anspruch an die Moralität und im Mitgefühl. Und genau das war es, was Marx als „liebesschwülen Gemütstau“ der sogenannten „wahren Sozialisten“ typisiert hatte. Für Marx war Moral keine wirklich politische Kategorie. Wo Hess die Revolution schon „morgen“ einsetzen sah, hatte Marx sie erst für „übermorgen“ prognostiziert. Und für Hess bedeutete Umsturz nicht nur Übernahme politischer Gewalt, sondern war auch verbunden mit einer Erziehungsaufgabe. So schrieb er: „ Wir haben vor allen Dingen der heutigen Gesellschaft ihr Elend und ihre Bestimmung zu einem besseren Dasein ins Bewusstsein zu rufen, damit der Wunsch nach menschlichen Zuständen, der Wunsch, aus dieser Sklaverei …herauszukommen, in der Mehrzahl der Menschen rege wird.“

Der herben Enttäuschung ob der an ihm praktisch vorbeiziehenden Revolution und der gleichsam letzten Empörung folgte – der polizeilich Verfolgte fand Aufnahme in Frankreich – die Ruhe in Zeiten der Reaktion. Hess wandte sich dem Studium der Naturwissenschaften zu, um dann, 1862, einen Überraschungscoup – diese etwas saloppe Umschreibung des Sachverhalts sei erlaubt – zu landen. Er brachte sein Buch „Rom und Jerusalem“ auf den Markt. Dieses Buch war objektiv nicht überraschend, fügte es sich doch ein in die durchaus zeitgemäße Diskussion um die Nationalstaatsbildung, aber die Person des Autors ließ aufhorchen, kam er doch – nach eigenem Bezeugen – drei Jahrzehnte nach seinem Abschied vom Judentum zurück in diese Welt. Wo ihn zuvor Gesellschaft gleichsam Tag und Nacht begleitet hatte, traten nunmehr Nation und Rasse an die Stelle. Über das Motiv zum Buch sei hier nicht gehandelt, vielmehr hingewiesen auf den von ihm eingebrachten Begriff „Rasse“, der bei ihm keine Wertigkeit enthält, sondern nichts anderes sagen will als Eigenart der Lebensgestaltung und Lebensführung. „Das Leben ist ein unmittelbares Produkt der Rasse, die ihre sozialen Institutionen nach ihren angeborenen Anlagen und Neigungen typisch gestaltet“, so heißt es bei ihm. Dahinter steckt etwas von Dauerhaftigkeit und Lebenskraft der jüdischen Nation, vom Unverwüstlichen in der jüdischen Rasse. Das allein war schon berechtigter Anspruch genug, einen jüdischen Nationalstaat zu gründen, der noch dazu den Ausgangspunkt einer aus Religion und Geschichte ableitbaren Mission des jüdischen Volkes bilden sollte. Abgesehen davon, dass er die Bildung des Nationalstaats immer als einen Vorgang auf dem Boden der Demokratie begriff oder begriffen hatte, sollte in seinem Vorhaben auf dem mit dem Kapital der Bankhäuser Rothschild und Montefiori zu erwerbenden Siedlungsland in Palästina jedoch ein Staat auf sozialdemokratischer Grundlage entstehen. Und das war das Neue – die Verbindung von Zionismus und Sozialismus bei Moses Hess. In einem Brief an die Zeitschrift „Ben Chananja“ hat er die Motivation eingebracht. Religion, Philosophie und Politik ließen ihn kalt, so hieß es, wenn sie die Lage der arbeitenden Klasse nicht verbessern könnten durch Institutionen, die der Klassenherrschaft und dem Kastengeist entgegen zu wirken hätten. Das Judentum kenne nicht solche klassengebundenen Verhältnisse. Der Geist des Judentums sei sozialdemokratisch von Haus aus. Der jüdische Nationalstaat erhielt also die Rolle eines sozialen Vorbilds nach Hess’schen Vorstellungen zugewiesen. Es war der Missionsgedanke, den er dem jüdischen Volk zurechnete – ein Gedanke, den er, der sich ein gutes Jahrzehnt zuvor einen Apostel genannt hatte, leicht in Worte kleiden konnte. Der Zionismus bei Hess ist ein solcher in fortgeschrittener Gestalt.

Hess Arbeit hat hohen Widerspruch und Zustimmung zugleich auch in Kreisen der jüdischen Intellektuellen gefunden. Darüber ist hier nicht zu sprechen. Vielmehr ist festzustellen, dass es sich nicht nur um eine kleine Episode in seinem Leben handelt, sondern um einen Gedanken, den er länger gepflegt hat Eine Episode will ich dagegen seine Mitarbeit im ADAV des Ferdinand Lassalle nennen – eine Mitarbeiterschaft, die eher im organisatorischen als im multiplikatorischen oder ideologischen Bereich lag. Ich meine sogar, dass er über die Rolle eines Wasserträgers nicht hinausgekommen ist. So hat er auch bald die noch junge Organisation verlassen, ohne den Glauben an die sozialistische Arbeiterbewegung aufzugeben. Er begab sich nach Paris, wo er weiterhin publizistisch im sozialistischen Sinne tätig war. Dort ist er 1875 gestorben. Er wurde auf eigenen Wunsch auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz neben seiner Familie beigesetzt. Die Gebeine wurden dann 1961 nach Kinnereth, am See Genezareth, überführt.

Ich will abschließend noch einige wenige Worte zu meinem Protagonisten vortragen. Ich bin bereit, ihn zuvörderst den Statthalter der Empörung im 19. Jahrhundert zu nennen, den Mann der moralischen Entrüstung, der schon früh an die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Umsturzes glaubt. Revolution gleichsam als Erfordernis des Sittengesetzes, als eine Folge des im System des Kapitalismus liegenden Elends. Er hatte sich schon recht früh ins Gewühl des sozialen Kampfes begeben, noch ehe dieser Kampf richtig ausgebrochen war. Er kündigte ebenso früh an, nicht was geschehen würde, sondern was geschehen sollte. Da war er eben ein Voluntarist. Er ist vor noch nicht allzu langer Zeit von Volker Weiss ein „Unbequemer“ genannt worden: das gilt ganz sicher für die Jahre des Vormärz und die Zeit unmittelbar nach der Revolution von 1848, aber er war auch jemand, der auf die Einsicht jener setzte, die nicht am Ufer der Elenden wohnten – Revolution als Ergebnis gesamtgesellschaftlicher Einsicht! Ein Sanguiniker, dieser Mann! Deswegen habe ich ihn auch an anderer Stelle zu meinem Freund erklärt. Er entschied sich früh für Revolution – und das galt für ihn grenzüberschreitend. Aber darüber hinaus war er kein Auguste Blanqui, der neben revolutionärem Wollen wirkliches Machtbewusstsein, gepaart mit unbedingtem Durchsetzungswillen, entwickelte. Es ist ja das Eigenartige, dass Hess ein solches Machtbewusstsein nicht wirklich besaß, auch wenn er in besonders aufgeregten Zeiten eine schärfere Klinge schlug oder die ganz dicke Keule schwang.

Hess ist als „Vater der Sozialdemokratie“ eingestuft worden. Nun hatte diese Partei eine Reihe von „Vätern“, und Hess ist einer von ihnen. Aber er hat in seiner Forderung nach Revolution praktisch den Anstoß gegeben zu einer durchaus jahrzehntelangen Diskussion um den richtigen Zeitpunkt revolutionären Handelns – eine Diskussion im Übrigen, die geführt wurde, als die Partei zu einer Massenbewegung heranwuchs. Was sich da an neuen Aufgeregtheiten abspielte, hat Hess nicht erahnen können. So sehr ich auch sein revolutionäres Wollen hervorhebe, ich stehe nicht an, die von ihm gewollte und offenbarte Verbindung von Zionismus und Sozialismus als eine Art gedanklichen coup d’état einzuordnen, als eine originäre Leistung, die eine äußerst tiefgehende Kenntnis jüdischen Geistes und jüdischer Kultur voraussetzte. Aus diesem Grunde bleibt „Rom und Jerusalem“ für immer empfohlen, denn damit ist revolutionäres Denken eng verbunden.