1869 schrieb Moses (Maurice) Hess eine Broschüre in französischer Sprache, in der versucht wird aufzuzeigen, daß der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe in Frankreich sich in eine parasitäre, spekulantenhafte Hochfinanz umgestaltet habe, die die Wirtschaft und den Staat beherrsche und, ohne irgend eine nützliche Arbeit zu leisten, alle produktiven Klassen der Gesellschaft ausbeute und den Staatsapparat korrumpiere.
Viele Gedanken darin wirken überaus modern und scheinen teilweise aus Proklamationen der Occupy-Bewegungen entnommen zu sein.
Im Unterschied zu den Marxisten inklusive Marx und Engels hat Hess auch Überlegungen über das Verhältnis von Kollektiv- und Privateigentum nach der Revolution angestellt, sowie Grundlegendes zur Bündnisfrage:

Ohne Mitwirkung aller produktiven Klassen würden die heutigen Befreiungsbestrebungen des Proletariats auf die elendste Weise scheitern. Wenn es uns nicht gelänge, die Menschheit für uns zu gewinnen, würden wir vergebens unser Leben einer Sache zum Opfer bringen, die alsdann den Charakter eines sozialen Krieges ohne Ausgang annehmen würde. Der vierte Stand ist nur mächtig, wenn er seine Sache zur Sache der Menschheit zu machen versteht. Sonst bleibt er ein kleiner Bruchteil der modernen Gesellschaft, die ihn, wenn er sie für seinen Standeszweck allein zu bekämpfen fortfährt, als Feind behandeln und zermalmen würde.

An sich wollte Moses Hess seine Thesen für den Baseler Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation im selben Jahr zur Diskussion stellen. Allerdings war dieser Kongress dominiert von Marxens Komplott gegen Bakunin. Von den inhaltlichen Auseinandersetzungen, z.B. über das Erbrecht, sind wenig mehr als unvollständige Ergebnisprotokolle bekannt.
Es ist zu vermuten und durch einige Hinweise auch bestätigt, dass die Broschüre über das Finanzkapital nur wenig, und wenn, dann negativ rezipiert wurde. Für die deutschsprachige Sozialdemokratie beförderte wohl auch die Sprachbarriere das baldige Vergessen.

Im Folgenden wird die Zusammenfassung aus dem 3. Kapitel der Schrift „Moses Hess und die Internationale Arbeiterassoziation“ von Edmund Silberner wiedergegeben und hier das Original auf französisch (PDF, 1,2 MB).

3. Eine Broschüre gegen das Großkapital

Am Vorabend der französischen Wahlen im Mai 1869 verfaßte Hess die Broschüre La Haute Finance et l’Empire, die bei Armand Le Chevalier, einem der Internationalen Arbeiterassoziation nahestehenden Verleger, in Paris erschien. Die Tatsache, daß Hess, obwohl Ausländer und als »rot« bekannt, sie unter seinem eigenen Namen straflos veröffentlichen konnte, zeigt, wieviel »toleranter« das Regime, das sie angriff, um jene Zeit wurde. Die Broschüre wollte die Aufmerksamkeit der Sozialisten auf die Frage der Grenzen zwischen der kollektiven und der individuellen Produktionsweise lenken. Sie verfolgte indessen nicht nur einen theoretischen Zweck. Sie wollte überdies eine wirksame Zusammenarbeit zwischen der radikalen Bourgeoisie und den Sozialisten fördern.

Hess geht von dem Standpunkt aus, daß in Frankreich die Revolution von 1848 — nicht ohne Schuld der »Utopisten« – an der Furcht vor dem »roten Gespenst« zugrunde gegangen sei. Seitdem sei dort aber eine neue Generation aufgewachsen, die weder die Illusionen der Utopisten noch die Angst vor dem »roten Gespenst« mehr habe; namentlich der gebildete Teil der französischen Gesellschaft sei von dieser Furcht frei. Die Stimmung in Frankreich sei rotrepublikanisch: Man wolle nicht nur eine politische — obgleich diese vor allen Dingen -, man wolle auch eine sozialökonomische Reform im radikalen Sinne, ohne jedoch irgendeiner von den verschiedenen sozialistischen Theorien zu huldigen. Die Regierung habe seit einigen Monaten nichts unterlassen, um die Furcht vor dem »roten Gespenst« wiederzuerwecken. Der sozialistische Kampf müsse gegen das Finanzmonopol gerichtet sein, das mit der Regierung aufs engste verwachsen sei. Diesem Sozialismus schlösse sich auch die ganze Mittelklasse an. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, eine allzu radikale Politik zu treiben, die abermals, wie im Jahre 1848, die Mittelklasse abschrecken würde. Nur »unheilbare Utopisten« könnten sich jetzt erlauben, eine so extravagante Sprache zu führen wie im Jahre 1848.

In seiner Broschüre versucht Hess aufzuzeigen, daß der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe in Frankreich sich in eine parasitäre, spekulantenhafte Hochfinanz umgestaltet habe, die die Wirtschaft und den Staat beherrsche und, ohne irgend eine nützliche Arbeit zu leisten, alle produktiven Klassen der Gesellschaft ausbeute und den Staatsapparat korrumpiere. Die Hochfinanz müsse also beseitigt, d. h. das von ihr besessene Kapital verstaatlicht werden. Es wäre aber falsch, daraus zu schließen, daß das Privateigentum überhaupt abgeschafft werden müsse. Die Grenzen zwischen der kollektiven und der individuellen Produktion müßten wissenschaftlich untersucht und nicht vom doktrinären Standpunkt aus beurteilt werden. Diese Grenzen sind keine festen, sondern in steter Bewegung begriffen: sie ändern sich fortwährend mit dem Stande der Wissenschaft und Technik. Neben dem verstaatlichten Wirtschaftssektor könne und müsse sogar ein Privatsektor bestehen, in dem Privatkapital und Lohnarbeit sich unter freier Konkurrenz zum Wohle sämtlicher produktiver Klassen betätigen würden. Die Grenzen zwischen den beiden Sektoren verschieben sich Hess zufolge zugunsten des kollektiven; praktische Schlüsse daraus zu ziehen müsse man aber der Zukunft überlassen. Aus der richtigen Prämisse, daß der Kollektivsektor sich ausbreiten werde, zögen die Utopisten die falsche Schlußfolgerung, daß die ganze Wirtschaft kollektiv organisiert sein werde. Diese Schlußfolgerung nennt Hess einen »unheilvollen Irrtum, dessen bloße Erwähnung genügt hat, um Bestürzung im Herzen der modernen Gesellschaft zu erregen und um alle Freunde der Freiheit in die Reihen der Feinde jeder wirtschaftlichen Reform zurückzutreiben«.

Die Mischung von Gemein- und Privateigentum würde dagegen, meint Hess, alle Interessenten mit Ausnahme der geringen Zahl der enteigneten Hochfinanziers befriedigen. Das Privatkapital könnte sich weiter betätigen; die Arbeiter würden unter dem Schutze des Staates immer höhere Löhne verdienen; die Steuerlast würde sich durch Abschaffung unproduktiver Dienste vermindern. Hess sagt nicht genau, wie die Enteignung der Hochfinanz auszuführen sei, gibt aber zu verstehen, daß dies auf parlamentarischem Wege geschehen würde. Aus dem Vorworte zu einer geplanten, aber nicht erschienenen deutschen Übersetzung der soeben besprochenen Broschüre erfahren wir manches über ihren eigentlichen Zweck. Sie sei zwar, so erzählt Hess, bei Gelegenheit der Wahlbewegung in Frankreich herausgegeben worden, sei aber trotzdem weder eine Gelegenheitsschrift noch bloß für das französische Volk bestimmt gewesen. Nicht der Inhalt, sondern Zeit und Ort ihrer Veröffentlichung gäben ihr eine Lokalfärbung. Die politisch-soziale Reform, die von Frankreich, dem Vorposten der modernen Welt, ausgehe, weil hier die Bedingungen für sie sich am meisten entwickelt und vereinigt fänden, sei darum nicht minder ein Bedürfnis aller übrigen zivilisierten Länder. In seiner Broschüre, sagt Hess, habe er die neueste französische Bewegung zu einer raschen Zeichnung derjenigen sozialökonomisdien Reformen benutzt, die sofort nach dem Siege des freien Volksstaates ausführbar seien und die ausgeführt werden müßten, solle dieser Sieg ein definitiver sein; sie seien das Programm der künftigen Vereinigten Staaten Europas. In dem soeben genannten Vorworte sagt Hess ferner: »In kritischer Beziehung mit seinen jüngeren Gesinnungsgenossen Karl Marx und Ferdinand Lassalle vollkommen übereinstimmend, nimmt der Verfasser in der Beurteilung des positiven Inhalts der kapitalistischen Produktionsweise wie in den praktischen Schlüssen, die er daraus zieht, einen ihm eigentümlichen Standpunkt ein. Seine Schrift sollte ursprünglich den diesen Standpunkt bezeichnenden Titel führen Die gegenwärtigen Grenzen zwischen der kollektiven und der individuellen Produktionsweise. Auf den Vorschlag seines französischen Verlegers hin hat er ihn nur als Uberschrift des ersten Kapitels beibehalten. In der Tat besteht aber der ganze Inhalt dieser Schrift in der neuen Auffassung der modernen Produktionsweise als einer aus zwei verschiedenen Faktoren zusammengesetzten, welche gegenseitig begrenzt und voneinander getrennt werden müssen. Die sozialökonomische Reform, welche hiernach vorzunehmen ist, ergab sich von selbst.«

In der großen französischen Revolution habe der dritte Stand auch andere Stände mit in die revolutionäre Bewegung hineingezogen und seine Freiheitsbestrebungen zum Losungswort aller Menschen gemacht. Aber weit mehr müsse das heute bei den Emanzipationsbestrebungen des vierten Standes der Fall sein. Hierfür sprächen so entscheidende, so durchschlagende Gründe, daß es kaum begreiflich sei, wie es noch Sozialdemokraten geben könne, die auch nach der Bildung der Arbeiterpartei und nach dem Erwachen des Klassenbewußtseins der Arbeiter alles aufzubieten schienen, um die politische und soziale Bewegung zu einer ausschließlichen Arbeiterbewegung zu machen, statt ihr nun ihren hohen Charakter der letzten und allgemeinsten Menschenbefreiung aufzuprägen.

Diesen weiteren und höheren Gesichtspunkt der Arbeiterbewegung hervorzuheben und eben dadurch alle produktiven Klassen in die moderne revolutionäre Bewegung hereinzuziehen, die vom vierten Stande ausgegangen sei und ausgehen habe müssen, sei der Zweck der Broschüre La Haute Finance et l’Empire.

»Ohne Mitwirkung aller produktiven Klassen«, schließt Hess, »würden die heutigen Befreiungsbestrebungen des Proletariats auf die elendste Weise scheitern. Wenn es uns nicht gelänge, die Menschheit für uns zu gewinnen, würden wir vergebens unser Leben einer Sache zum Opfer bringen, die alsdann den Charakter eines sozialen Krieges ohne Ausgang annehmen würde. Der vierte Stand ist nur mächtig, wenn er seine Sache zur Sache der Menschheit zu machen versteht. Sonst bleibt er ein kleiner Bruchteil der modernen Gesellschaft, die ihn, wenn er sie für seinen Standeszweck allein zu bekämpfen fortfährt, als Feind behandeln und zermalmen würde.«

Seinem Freunde J. Ph. Becker bekannte Hess, er habe die Broschüre für die radikale französische Bourgeoisie geschrieben, die damals wieder revolutionär geworden sei und der man nur die Furcht vor dem »roten Gespenst« vollends nehmen müsse, um sie vorwärtszutreiben. Die Grenzen, die er zwischen der kollektiven und der individuellen Produktionsweise gezeichnet habe, seien natürlich keine fixen. Das habe er ausdrücklich betont. Aber er glaube, daß man die Radikalen dadurch »zum Anbeißen an die kollektive Produktion« bestimmen könne. Das übrige, nachdem der erste Sdiritt einmal getan sei, erfolge von selbst. Diese Taktik erschien Hess prinzipiell und wissenschaftlich korrekt. Er berichtete dem Freunde ferner, daß in französischen und deutschen Blättern bereits anerkennende Kritiken der Broschüre erschienen seien und daß man ihn aufgefordert habe, sie ins Deutsche zu übersetzen. Indessen scheine ihm die Schrift mehr für Frankreich geeignet zu sein.

J. Ph. Becker zufolge war man in den Kreisen der soeben in Eisenach gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit Hessens Broschüre unzufrieden. Die führenden Männer dieser Partei, aber auch J. Ph. Becker selbst, warfen Hess vor, er habe den Grundsätzen der Internationalen Arbeiterassoziation ins Gesicht geschlagen und seine Konklusionen diplomatisch formuliert. Hess nahm diese Kritik nicht ernst: Die Internationale Arbeiterassoziation habe noch keinen Grundsätze-Kodex, sie sei erst in der Ausarbeitung der Theorie begriffen. J. Ph. Becker und andere Kritiker verwechselten gewisse Stichworte mit theoretischen Grundsätzen.

»Ich habe«, schrieb Hess seinem Genfer Freunde, »in Ubereinstimmung mit den Resolutionen des letzten (Brüsseler) Kongresses in betreff der Notwendigkeit der kollektiven im Gegensatze zur heutigen individuellen Produktions- und Austauschweise, die praktischen Maßregeln erörtert, die nach dem Siege der sozialen Republik sofort ergriffen werden können, um diese Reform zu verwirklichen. Die Konklusionen, zu welchen ich gelangt bin, sind keine „diploma-tischen“, sondern die radikalsten im kommunistischen Sinne. Wenn ich dabei alte Stichwörter gegen die „Lohnarbeit“, die „freie Konkurrenz“ usw. als durchaus nutzlos und folglich schädlich für das unmittelbar zu erzielende Resultat kritisiert und auf ihren reellen Inhalt zurückgeführt habe, so war das nicht „diplomatisch“, auch nicht nur praktisch, sondern selbst theoretisch richtig.« Kein Sozialist, auch Marx nicht, habe den Versuch gemadit, die heutigen Grenzlinien zwischen der kollektiven und der individuellen Produktionsweise zu ziehen und hiernach eine ganze Kategorie von Arbeiten zu bestimmen, die gegenwärtig und unmittelbar nach dem Siege der Revolution kollektiv betrieben werden könnten. Wohl habe Lassalle gewisse praktische Produktionsreformen vorgeschlagen, doch habe es sich dabei mehr um Agitationsmittel als um Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit gehandelt. Jedenfalls habe sie Hess seinerzeit als Agitationsmittel aufgefaßt; später habe er sie falsch, widerspruchsvoll und unausführbar gefunden.

Seine Broschüre La Haute Finance et l’Empire betrachtete er als ganz besonders geeignet für Frankreich, wo das kleine Eigentum noch eine geraume Zeit hindurch eine Rolle spielen werde, während dort doch andrerseits die Finanzspekulation ihren Höhepunkt erreicht habe und am Umkippen sei. »Glaube nicht, lieber Alter«, heißt es in seinem Brief an J. Ph. Becker, »daß die soziale Revolution in allen Ländern dieselbe Form annehmen wird. Der Geist ist überall derselbe, aber das Leben ist nicht bloß universal, sondern auch individuell oder, im vorliegenden Fall, national und durch die eigentümliche historische Entwicklung bestimmt. Zum Kämpfen und Agitieren bedarf es bloß der Fahne und des Stichwortes; zum Organisieren oder Reorganisieren ist es nötig, auf das Detail einzugehen.«

Hess wollte es übrigens nicht bei dieser Broschüre bewenden lassen. Die sehr anerkennenden Urteile, die er über sie in rein sozialistischen wie in radikalen demokratischen Blättern fand, ermutigten ihn, seine Theorie sowohl gegen Nationalökonomen wie gegen Sozialisten aller Nuancen zu verteidigen. Er beabsichtigte dies besonders auf dem nächsten Kongresse der Internationalen Arbeiterassoziation zu tun.