(Broschüre nach einer Artikelserie, erschienen in Genf 1851. Teilweise abgedruckt in „Dokumente des Sozialismus“ 1902 (Herausgegeben von Eduard Bernstein),

von wo auch die einleitenden Sätze und die Paraphrasierung der nichtveröffentlichen ersten beiden Abschnittes stammen:

Die Broschüre beginnt mit einer aus fünf kurzen Abschnitten bestellenden Einleitung über Deutschland, in der, unter Anknüpfungen an Heinrich Heine, die Entwicklung der Philosophie in Deutschland von Kant bis auf Marx mit dem Verlauf der politischen Geschichte Frankreichs seit der grossen Revolution in Parallele gestellt wird. Wenn Heine Kant als den Robespierre des Theismus bezeichnet habe, so sei das, heisst es, ebenso wahr wie geistreich. Nicht minder das Wort: Fichte sei der Napoleon der deutschen Philosophie gewesen. „Fichte hat Descartes ebenso überboten, wie Napoleon Ludwig XIV., der, wenn er auch gesagt hat :Der Staat bin ich, doch nicht die Kühnheit gehabt hat, ohne die Gnade Gottes über Frankreich zu herrschen.“ Der Restauration der Bourbonen entspreche der mystische, zweideutige Pantheismus Sendlings, die Hegelsche Philosophie dagegen sei von Heine mit Recht der Juli-Revolution verglichen worden. Der Schlussact der religiösen Revolution, bzw. der deutschen Philosophie sei jedoch ausserhalb des pays legal der Hegeischen Philosophie vollzogen worden.

„Er setzte im Jahre 1840 ein. Zu jener Zeit, wo die Kritik, die klare und unumwundene Verneinung der himmlischen Dynastie, von den sogenannten Junghegelianern von neuem auf die Tagesordnung gestellt wurde, begann Ludwig Feuerbach, der Proudhon der religiösen Revolution, das philosophische Deutschland in Bewegung! zu setzen. Die Philosophie Ludwig Feuerbachs ist die letzte Consequenz, der Abschluss der deutschen Philosophie. Von ihm haben wir genauer zu sprechen.“

Mit diesen Bemerkungen, die hinsichtlich der Rolle der Philosophie eine völlige Uebereinstirnmung mit dem Gedankengang kundgeben, der später von Engels in der Schrift über Ludwig Feuerbach entwickelt wurde, schliesst der zweite Abschnitt der Einleitung. Wir lassen ihre weiteren Abschnitte vollinhaltlich folgen.

 

1. Hess über den Zusammenhang von Philosophie und Socialismus in Deutschland.

III.

Ich habe Feuerbach den Proudhon der religiösen Revolution genannt, und ich will jetzt sagen, warum.

Proudhon hat den Angelpunkt der alten politischen Ökonomie, das Kapital, in Frage gestellt; er hat ihn aber auf dem Boden dieser Ökonomie selbst bekämpft.

Feuerbach hat den Angelpunkt der alten religiösen Ökonomie in Frage gestellt, Gott und die individuelle Unsterblichkeit, von der er gezeigt hat, daß sie nur dasselbe, das himmlische Kapital, ist; aber auch er hat die alte religiöse Ökonomie auf dem eigenen Boden dieser abstrakten Materie bekämpft.

Beide, Feuerbach und Proudhon, sind unversöhnliche Feinde der alten sozialen Welt; aber wie Moses, der Held des Pentateuch, sehen sie nur in der Ferne, in der Wüste ihrer Abstraktionen, das gelobte Land, ohne in dasselbe eindringen zu können.

Auf die Frage: Was ist das Eigentum? hat Proudhon geantwortet: Das Eigentum ist die Ausbeutung des wirklichen Produzenten durch den vermeintlichen Produzenten, den Kapitalisten. Das Kapital, dieses Produkt des Arbeiters, befiehlt seinem Produzenten und meistert ihn, als ob es, das Produkt, das Geschöpf, der Schöpfer seines Erzeugers, der Arbeit, wäre!

Auf die Frage: Was ist die Religion? hat Feuerbach geantwortet: Die Religion ist die Ausbeutung des wirklichen menschlichen Wesens durch das vermeintliche menschliche Wesen. Das höchste Wesen, Gott, ist das vorgestellte menschliche Wesen. Das himmlische Kapital ist das Produkt der menschlichen Arbeit, die angesammelte Arbeit des Gedankens und des Herzens. Der Mensch beraubt sich, indem er das himmlische Kapital schafft, seiner eigenen, lebendigen, schöpferischen Kraft. Sobald dies Kapital von dem Menschen einmal geschaffen ist, personifiziert es sich und beherrscht seinen Produzenten, als ob es, das Produkt, das Geschöpf, der Erschaffer des Menschen sei.

Aber wie soll man das materielle und geistige Kapital des arbeitenden Volkes, der Menschheit, zurückerlangen, sobald es einmal veräußert ist? Wie dem Menschen seine von dem irdischen und himmlischen Kapital aufgesogene lebendige, schöpferische Kraft zurückerstatten? Weder Proudhon noch Feuerbach haben dieses große Problem gelöst.

Man muß, sagt Proudhon, den Produzenten das Produkt der Arbeit, das Kapital, durch den unentgeltlichen Kredit zugänglich machen.

Feuerbach sagt, man muß den geistigen Produzenten ihre lebendige Kraft dadurch zurückgeben, daß man ihnen das Bewußtsein von ihrer lebendigen Kraft beibringt.

Wir wollen hier nicht die von Proudhon in Vorschlag gebrachten ökonomischen Reformen durchgehen, die, soweit sie auf der Basis der bestehenden politischen Ökonomie ausführbar sind, schon zum großen Teil von den Engländern verwirklicht sind, mit deren Nationalökonomen Proudhon sich ebenso obenhin befaßt hat, wie er dies gegenüber den Philosophen Deutschlands getan hat, ohne weder die englische Nationalökonomie noch die deutsche Philosophie gründlich erforscht zu haben. – Wir werden Herrn Proudhon nur sagen, daß es unmöglich ist, die geringste ernsthafte Reform zum Nutzen der Arbeiter, zum Nutzen aller zu verwirklichen, ohne jene volkstümliche und revolutionäre Macht, vor welcher Proudhon zurückweicht, weil diese Macht der Tod seiner korrigierten und revidierten bürgerlichen Nationalökonomie ist! – Kehren wir vielmehr zu Feuerbach zurück.

Nach ihm könnte man den geistigen Produzenten ihre Produktivkraft mittels der philosophischen Wissenschaft zurückerstatten, die ihnen das Bewußtsein ihrer Produktivkraft gibt.

Aber man schafft kein Volk von Philosophen, ohne zuvörderst ein glückliches Volk geschaffen zu haben; denn das Elend ist noch mehr als die Unwissenheit, die Mutter sowohl des himmlischen wie des irdischen Despotismus. Das materielle und das geistige Elend sind unzertrennlich. — Außerdem muß man, um dem Volke und nicht nur einigen Bevorzugten eine philosophische Erziehung zu geben, das gesellschaftliche Kapital zu seiner Verfügung haben, das in den Händen der Feinde des Volks ist. So setzen die Erziehung und die philosophische Wissenschaft, die der Menschheit ihre Produktivkraft zurückerstatten sollen, eine neue Welt voraus, die Feuerbach und die Philosophen sich einbilden durch die Erziehung und durch die philosophische Wissenschaft schaffen zu können!

IV.

Nach Feuerbach mußte die deutsche Revolution, wenn sie mehr als eine negative, nur den Gebildeten, den Privilegierten nützliche Revolution sein wollte, notwendigerweise den philosophischen Boden verlassen, um sich auf den politischen Boden zu verpflanzen. Das hat sie schon vor der Februar-Revolution getan. Eine gute Weile vor dieser Revolution warf sich die deutsche Jugend, die sich bis dahin vorwiegend mit der Philosophie beschäftigt hatte, mit Leib und Seele auf die Politik, durchlief schnellstens die verschiedenen Phasen der großen sozialen Bewegung unseres Jahrhunderts und gelangte bald beim letzten sozialen Problem, bei der Frage der Arbeit und des Eigentums an. Diese kühnen Denker, die dem himmlischen Kapital schon den Prozeß gemacht hatten, kostete es nicht viel, dem irdischen Kapital gegenüber das gleiche zu tun. – Bemerken wir jedoch, daß die Umwandlung der Philosophen in Sozialisten sich nicht ohne einige vorhergegangene Kämpfe mit denjenigen vollzogen hatte, die, treu ihren philosophischen Überlieferungen, gegen eine Revolution loszogen, die mit Hilfe des unwissenden Volks, der Masse, der käuflichen Menge zu vollziehen war, vor der die deutschen Philosophen sich schon entsetzten, bevor Monsieur Thiers sie ausspielte. – Die Sozialisten haben mit vielem Geist diese egoistischen Philosophen bekämpft, die sich von da an, wo Karl Marx ihnen den Krieg erklärte, vom Schauplatze zurückgezogen haben, verfolgt vom Spottgelächter der Zuschauer. Heute sind die deutschen Sozialisten, die Karl Marx als ihren Führer anerkennen, die einzigen, die, nachdem sie den philosophischen, politischen und nationalökonomischen Konservativen die Maske abgerissen haben, nicht mehr in irgendeine Falle gehen, weder in die der als Sozialisten verkleideten Demokraten noch in die der als Revolutionäre verkleideten Utopisten oder in die der als Erforscher von Lösungen verkleideten Bourgeois. – Nicht nur die Lösungen Emile de Girardins, sondern auch die von Proudhon sind von den deutschen Sozialisten aufgedeckt und auf ihren richtigen Wert zurückgeführt worden. – Kurze Zeit vor der Februar-Revolution hat Karl Marx ein ebenso gelehrtes wie scharfsinniges Werk gegen J. P. Proudhon geschrieben, in dem er die bourgeoismäßigen und oft abgeschmackten Ideen bloßlegt, die dessen philosophisch-nationalökonomischem Werk zugrunde liegen. Das bemerkenswerte Werk von Marx, das in Frankreich viel zu wenig bekannt ist, ist in französischer Sprache geschrieben. In der Neuen Rheinischen Zeitung, die seitdem von der preußischen Regierung unterdrückt ist, aber in London als Monatsschrift unter dem Titel: Politische und ökonomische Revue weitergeführt wird, haben dieselben Sozialisten sich durch ihre zutreffende Würdigung der sozialen Lage Europas ausgezeichnet. Dafür aber können diese deutschen Sozialisten, die alles wissen, nichts tun. Sie besitzen nichts als die Waffen der Kritik, um die alte soziale Welt anzugreifen. Sie verstehen aufs vorzüglichste die Kunst, den Körper unserer Gesellschaft zu sezieren, ihre Ökonomie zu entwickeln und ihre Krankheit klarzulegen. Aber sie sind zu materialistisch, um den Schwung zu besitzen, der elektrisiert, der das Volk hinreißt. Nachdem sie die idealistische Philosophie aufgegeben haben, haben sie sich der materialistischen Ökonomie in die Arme geworfen. Sie haben den nebelhaften Standpunkt der deutschen Philosophie mit dem engen und kleinlichen Standpunkt der englischen Ökonomie vertauscht. – Die germanische Rasse bewegt sich in zwei Extremen: im deutschen Spiritualismus und im englischen Materialismus. – Auch bilden die deutschen Sozialisten, von denen wir sprechen, nicht eine große revolutionäre Partei wie die französischen Sozialisten; sie bilden nur eine Schule gelehrter Ökonomen, mit ebensowenig Anhängern und ebensovielen Prätensionen wie die philosophische Schule, der sie früher angehört hatten. Die Masse des Volks, das Proletariat in Stadt und Land, die ruinierten Kleinbürger, alle diese Klassen, die die Macht der französischen Sozialisten ausmachen, stehen nicht hinter ihnen.

Das bedeutet nicht, daß der Antagonismus der Klassen in Deutschland nicht genügend entwickelt sei, um eine sozialistische Partei hervorzubringen; die Elemente für eine große sozialistische Partei sind in Deutschland ebensowohl vorhanden wie in Frankreich, wenn auch die sozialen Klassen weder in Frankreich noch in Deutschland so entwickelt sind, wie in England. Es liegt auch weder an diesem und jenem persönlichen Verstoß, an diesem und jenem zufälligen Fehler, sondern an einem angeborenen Mangel der germanischen Rasse.

V.

Es gibt bei den Franzosen Streithähne, ebenso wie es deutsche Gascogner gibt. Proudhon zum Beispiel, der mit all seiner Verteidigung der Gleichheit selbst ohnegleichen dastehen möchte – dieser unsoziale und ungebärdige Sozialist, der mit seinen Freunden wie mit seinen Feinden Streit sucht, um die Genugtuung zu haben, ein unvergleichlicher Mensch zu sein -, Proudhon steht in dieser Hinsicht keinem deutschen Sozialisten nach, selbst nicht Karl Marx, obschon er weder dessen Originalität noch dessen Gelehrsamkeit und Dialektik besitzt. Andererseits nimmt unter den Deutschen der aus der Hegeischen Schule hervorgegangene

Arnold Ruge, der seit zwanzig Jahren für und gegen alle Fraktionen, die sich in seinen Jahrbüchern Rendezvous gegeben haben, nichts als Phrasen – und was für Phrasen! – geschmiedet hat, – dieser alte Possenreißer, der sich noch nach 1848 für und gegen die Republik erklärt und sich schließlich mit Ledru-Rollin und Mazzini verbunden hat, um im Namen eines Gottes, den er seit 1840 verneint hat, eine Demokratie zu proklamieren, die er im Jahre 1848 in dem entscheidenden Moment verleugnet hat, – Arnold Ruge nimmt es mit allen französischen Großsprechern auf, mit denen er aber nur den hohlen Kopf gemein hat, ohne das Herz zu haben, das den französischen Prahlhans in den großen Momenten der Geschichte zu hochherzigen Eingebungen hinreißt, die er mit Enthusiasmus auszuführen versteht. Proudhon hat den deutschen Charakter und den französischen Geist; Ruge vereinigt die Leichtfertigkeit des Gascogners mit der Schwerfälligkeit des Pommern. Aber solche Leute sind nur die Bastarde der französischen Humanität und der deutschen Intelligenz. – Im allgemeinen ist der Deutsche, der den analytischen Geist besitzt, kritischer, aber auch ungebärdiger, streitsüchtiger, der Franzose, der synthetischer veranlagt ist, sozialer, aber auch enthusiastischer und großsprecherischer. – Die Deutschen wissen mehr, als sie die Fähigkeit haben auszuführen, weil sie nicht diesen Geist der Einigkeit oder der Brüderlichkeit haben, der die ganze revolutionäre Kraft Frankreichs ausmacht. Die Franzosen lassen sich manchmal zu großen Dingen hinreißen, ohne vorher über deren ganze Tragweite nachzudenken. – Die Deutschen sind kühne Denker, die Franzosen besitzen die Kühnheit des Herzens, die nach Danton dreimal notwendig ist, um eine Revolution zu machen. – Die Deutschen haben eine religiöse, philosophische Revolution ins Werk setzen können, die nur erst das Produkt des Dualismus und des Individualismus ist, die nur dem Bourgeois genutzt hat und nur auf den letzten Gegensatz zwischen der sozialen Produktion und der individuellen Akkumulation in der geistigen Welt hinausgelaufen ist, ebenso wie die industrielle Entwicklung der germanischen Rasse in England nur auf den letzten sozialen Antagonismus in der materiellen Welt hinausgelaufen ist. Nur die Franzosen werden die soziale Revolution unseres Jahrhunderts fertigbringen können.

Selbst die zurückgebliebensten Demokraten Frankreichs verfügen über mehr Fähigkeit, mehr revolutionäres Genie für die Aufrichtung der neuen Welt als die vorgeschrittensten deutschen Demokraten.

Kann man das deutsche Volk, das, sobald Frankreich das revolutionäre Signal gibt, sich ebenfalls gegen seine Unterdrücker erhebt und mit dem edelsten Heroismus und der hochherzigsten revolutionären Hingebung kämpft, kann man, fragen wir, diese mutige Volksmasse dafür tadeln, daß sie nicht das geringste Vertrauen zu einer deutschen Revolution hat, die nicht von Frankreich Deckung erhält?…..

 

2. Das jüngste Gericht

Dies irae, dies illa Solvet saecla in favilla.

1.

Wir leben in einer jener historischen Epochen, welche ganze Zeitalter abgrenzen. Solche Epochen sind, darüber darf man sich nicht täuschen, Epochen des Kampfes. Das Werk der Schaffung einer neuen Welt ist kein friedliches Werk. In der Gesellschaft geht, wie im Universum, jeder neuen Organisation die Auflösung und der Kampf der Elemente voraus, die den alten Organismus zusammengesetzt hatten. In der moralischen wie in der physischen Welt ist jede neue Schöpfung – akzeptieren wir das Wort – eine Katastrophe, aber eine von den alten Parteien, den Parteien der alten Welt, vorbereitete Katastrophe. In der Tat, was sehen wir heute vor uns? Noch einmal machen die alten Parteien sich die Fetzen einer Gesellschaft streitig, die unter der Last des materiellen, intellektuellen und moralischen Elends zusammenbricht. Zum letztenmal bereiten sie uns eine Katastrophe vor, die sie schließlich alle in das gleiche Grab versenken wird. Aber die Katastrophe, die sie uns heute vorbereiten, wird – dessen sei man sicher – keine Februar-Revolution sein; sie wird etwas dem ähnliches sein, was im Evangelium als das jüngste Gericht bezeichnet wird. Möge der vorgerückte Wachtposten der sozialen Demokratie, möge das französische Volk auf seiner Hut sein! Wir stehen am Vorabend dieses letzten Kampfes, der das Schicksal der Welt entscheiden wird.

Welches wird, welches muß in diesem universellen Kampf zwischen den zwei Prinzipien, die heute die Gesellschaft in Freunde und Feinde der Demokratie teilen, die Rolle Frankreichs gegenüber den anderen Völkern sein? Nach dem Februar gab es noch Demokraten, ja selbst Sozialisten, die, obwohl sie erkannten, daß die Mehrheit der Mitglieder der provisorischen Regierung nur danach strebte, die demokratische Bewegung zu lähmen, und obwohl sie zugaben, daß diese Männer, die vom souveränen Volk an die Spitze der französischen Republik gestellt worden waren, Verräter an der Revolution waren, dennoch in der süßlichen, heuchlerischen und verlogenen Politik gegenüber dem Ausland etwas Gutes finden konnten. Zu jener Zeit konnte man sich wohl täuschen. Es war die Epoche der Illusionen. Die Revolution fand niemand, weder ihre Freunde noch ihre Feinde, auf sie vorbereitet. Die letzteren gaben der Furcht nach, jene rechneten zu sehr auf die Begeisterung des Augenblicks. – Ach! Die Lage ist heute sehr verändert, und es ist keinem mehr erlaubt, sich zu täuschen! Die ewigen Feinde des Volks und der Menschheit haben die Waffen wieder aufgenommen, welche die Furcht jüngst ihren Händen entwunden hatte und die ihnen fortzunehmen das Volk aus Großmut unterlassen hatte. In kurzer Zeit, vielleicht schon morgen, werden die wortbrüchigen Könige ihren letzten Schlag gegen die Demokratie führen. Eine von langer Hand angezettelte Verschwörung ist nahe daran auszubrechen. – Nun wohl! Wo die Feinde Frankreichs daran sind, der Republik den Krieg zu erklären, muß diese zu etwas anderem sich bereithalten, als zu einem Lamartinianischen Manifest!


Wir lassen den zweiten Abschnitt fort, der darzuthun sucht, dass eine Sonderexistenz der demokratischen französischen Republik ohne Erkämpfung der Republik im übrigen Europa, ohne Proclamierung und Erkämpfung der Weltrepublik eine Unmöglichkeit sei, weil

„nach einem allgemeinen Gesetz, das ewig und logisch unwiderleglich ist, die Daseinsbedingungen gleichzeitig in derselben Epoche lebender Wesen nicht so verschieden geartet sein können, dass sie einander ausschliessen,“ — sonst aber keinen besonders bemerkenswerten Gedanken enthält. [aus den „Dokumenten…“]

3.

Wir wollen beweisen, daß die materiellen Bedingungen, von denen die Menschheit und der soziale Fortschritt bis auf den heutigen Tag abhängig waren, den Existenzbedingungen der modernen Gesellschaft so entgegengesetzt sind, daß sie sich gegenseitig ausschließen; daß infolgedessen das Nebeneinanderbestehen dieser beiden sozialen Welten in der gleichen historischen Epoche materiell unmöglich ist und gerade aus diesem Grunde heute in der sozialen Organisation der Menschheit, wie ehedem in der physischen Organisation unserer Erde, eine letzte Katastrophe ausbrechen muß, die die beiden großen Epochen trennt, die in der Geschichte der Menschheit, wie in der jeder Organisation, aufeinander folgen und auseinander hervorgehen: die Epoche der Gegensätzlichkeit und die Epoche der Harmonie.

Bevor ich auf die Sache selbst eingehe, gestatte man mir ein Wort über die Idee des Fortschritts, diese wenig bestimmte Idee, von der ein jeder als von einer selbstverständlichen Sache spricht und die ich vielleicht anders verstehe als alle Welt. Der Fortschritt ist das Leben. Jedes Wesen, das sich noch nicht im Verfall befindet, von der wachsenden Pflanze bis zum Menschen, der seinen göttlichen Geist entwickelt, ist im Fortschreiten begriffen. Alles, was tätig und produktiv ist, schreitet fort. Es gibt aber zwei sehr verschiedene Arten von aktivem, produktivem und fortschreitendem Leben, zwei Arten des Fortschritts. Der Fortschritt von der Blüte bis zur Frucht ist ein ganz anderer als der der reifen Frucht, die ganz allein der Keim einer ganzen Pflanze werden kann. – In gleicher Weise besteht ein großer Unterschied, ein wesentlicher Unterschied, zwischen dem Fortschritt, den der Fötus bis zur Geburt des Individuums durch das aktive und produktive Leben der Mutter macht, und dem des Neugeborenen, der sich, frei und unabhängig von der Mutter, durch seine eigene Lebenskraft, sein individuelles Leben entwickelt.

Welches ist der Unterschied, der zwischen diesen beiden Arten von Fortschritt besteht?

Ihr begreift ihn sofort. Es ist der Unterschied zwischen dem nichtfertigen und dem fertigen Leben, der Unterschied zwischen der Abhängigkeit und der Unabhängigkeit, zwischen dem Organismus, der am Leben nur in unvollkommener und unharmonischer Weise teilnimmt, und jenem, dessen sämtliche Teile entwickelt sind, – zwischen der Entwicklung durch den Gegensatz und dem Fortschritt in der Harmonie.

Seht euch die Natur an. Ihr stoßt dort überall auf diesen großen Unterschied zwischen dem Fortschritt in der Harmonie und der Entwicklung durch den Gegensatz.

Der Organismus des Tieres unterscheidet sich gerade darin von dem des Menschen, daß der eine im Gegensatz stehengeblieben ist, während der andere sich bis zur Harmonie entwickelt hat, und gerade weil der menschliche Organismus reif, vollendet, harmonisch und vollkommen entwickelt ist*, besitzt er die Fähigkeit, seinerseits ein ganz neues aktives und fortschreitendes Leben, das soziale Leben, zu beginnen, von dem wir bis heute nur erst den ersten, den antagonistischen Teil kennen.

Bis jetzt hat der Mensch am sozialen Fortschritt nur in unvollkommener und unharmonischer Weise teilgenommen. Die Gesellschaft hat nur vereinzelte Fortschritte gemacht, sie hat sich nur durch den Antagonismus ihrer Mitglieder entwickelt. Sie war bisher ein Organismus, der erst seiner vollen Ausbildung entgegenging und infolgedessen noch nicht seine volle Tätigkeit entfaltete. Sie war ein in der Entwicklung begriffener Keim, ein Fötus, der noch nicht ein Mittel besaß, unabhängig und frei zu leben. – Um diese Mittel zum Leben zu erwerben, haben die verschiedenen Parteien und Glieder der menschlichen Gesellschaft einander ausgebeutet, betrogen, bestohlen, bekämpft und unterjocht. Die Geschichte der Gesellschaft ist bis heute die Geschichte der offenen oder verkleideten Sklaverei. Damit die einen ihre Fähigkeiten entfalten konnten, waren die anderen gezwungen, ihnen die Mittel zum Leben zu verschaffen. Diese große Arbeitsteilung – um uns hier eines Wortes der modernen politischen Ökonomie zu bedienen – oder besser: diese Teilung der Gesellschaft in zwei Lager, in zwei wesentlich antagonistische Parteien, die der Herren und die der Sklaven, von denen die einen den anderen die Mittel zum Leben und zur schrittweise vor sich gehenden Entwicklung einiger menschlichen Fähigkeiten verschaffen mußten, sie ist es, die bis auf den heutigen Tag den sozialen Fortschritt hervorgebracht hat. Bis heute hat sich, wie wir nachweisen werden, die menschliche Gesellschaft gerade durch den Antagonismus der Klassen und der Individuen entwickelt. Wir wollen gleich bemerken, daß dieser Antagonismus, in dessen Mitte und vermöge dessen die menschliche Gesellschaft sich bis heute entwickelt hat, nicht das Ergebnis des bösen Willens der einen und der Dummheit der anderen, nicht ein zufälliger Fehler war, dem die Menschen mit etwas mehr Mut und Klugheit hätten abhelfen können, sondern daß er die durchaus notwendige Folge der Unzulänglichkeit der Lebensmittel, der Armut der Produktivkräfte und des fast absoluten Mangels großer Kommunikationsmittel war. – Heute allerdings, wo die Produktion der materiellen und intellektuellen Reichtümer sich dank jenem Antagonismus, der die Menschheit auf den Weg des sozialen Fortschritts gestoßen hat, zu einer solchen Höhe erhoben hat, daß wir, um die Gesellschaft in harmonischer Weise zu entwickeln, dies nur zu wollen brauchen, — heute, wo jene Fortschritte den barbarischen Menschen schon in einen sozialen Menschen umgewandelt und in allen Klassen der zivilisierten Gesellschaft genügend Licht und Intelligenz verbreitet haben, so daß die offene und verkleidete Sklaverei, die noch besteht, alle Geister empört – heute allerdings, sagen wir, haben die aufgeklärteren Menschen nicht unrecht, wenn sie das Weiterbestehen dieses Antagonismus dem bösen Willen einer Handvoll Privilegierter zuschreiben. Ja, heute braucht es nur der Abschaffung der Privilegien, um zu den großen Reformen zu gelangen, die an die Stelle des antagonistischen Fortschritts den harmonischen Fortschritt setzen werden; denn heute haben wir die Mittel zu leben und all unsere Fähigkeiten und die Fähigkeiten aller ohne irgendeine andere Ausbeutung zu entfalten als die der von dem antagonistischen Fortschritt schon geschaffenen Arbeitsmittel. Von jetzt an trägt, was auch immer die gelehrten Ökonomen, ob Sozialisten oder nicht, sagen mögen, der Antagonismus der Klassen und der Individuen nichts und weniger als nichts zum Fortschritt der materiellen und intellektuellen Produktion bei; wir werden beweisen, daß dieser Antagonismus und Individualismus sogar eine Fessel für den sozialen Fortschritt geworden ist. -Aber wenn es wahr ist, daß es von heute ab außerhalb der gern ein wirtschaftlichen Assoziation keinen Fortschritt mehr gibt, so ist es nicht minder wahr, daß es bis auf den heutigen Tag außerhalb des Antagonismus keinen Fortschritt gegeben hat.

4.

Wir leben in einer Zeit, für die es kein Vorbild gibt und die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen nicht hat. Will man irgend etwas finden, was der Revolution unseres Jahrhunderts entspricht, so muß man bis auf die Schöpfung zurückgehen. Um die Bewegung zu verstehen, die sich heute in der Gesellschaft vollzieht, muß man das große Naturgesetz kennen, nach welchem das organische Leben, der ganze Organismus, jede Organisation sich in eine antagonistische und eine harmonische Epoche teilt, die voneinander durch die Periode des Geburtsaktes geschieden sind.

Wir sind am Ende einer Welt angelangt, wir wohnen dem Geburtsakt einer neuen Welt bei.

Ja, es ist das Ende der Welt, bei dem wir angelangt sind — das Ende jener Welt, in deren Mitte die Menschheit sich seit Beginn der Geschichte entwickelt hat —, das Ende der Geschichte, der Entwicklung, des Fortschritts auf der Grundlage des Gegensatzes.

Das soll nicht sagen, daß die zukünftige Gesellschaft keine Fortschritte mehr machen wird; im Gegenteil, sie muß nach dem Gesetz der Schöpfung ein neues, tätiges und fortschreitendes Leben, das harmonische, das brüderliche Leben neu anfangen. Aber da der Fortschritt in der Harmonie das Gegenteil des Fortschritts im Antagonismus ist, müssen die Lebensbedingungen der Zukunft denen der Vergangenheit entgegengesetzt sein.

Die Gesetze der sozialen Ökonomie bestätigen, was die Gesetze der Natur anzeigen. Die Natur belehrt uns durch Tatsachen, die denen unseres tatsächlichen sozialen Lebens entsprechen; die politische und soziale Ökonomie ergründet diese Tatsachen. Die Natur offenbart uns durch ihre Gesetze die Geheimnisse der Zukunft, die soziale Wissenschaft legt uns die Zukunft bloß. Die Natur läßt uns die ganze Tragweite der revolutionären Frage unserer Zeit erkennen, die ökonomische Wissenschaft gibt uns ihre Lösung an.

Indessen haben sozialistische Gelehrte, die die ökonomische Seite der sozialen Wissenschaft gründlich erforscht, aber die revolutionäre Frage von einem zu engen Gesichtspunkt betrachtet haben, sich über den Charakter unserer Revolution seltsam getäuscht. Dieselben Leute, die sich noch heute hartnäckig der brüderlichen Belohnung nach Maßgabe der Bedürfnisse widersetzen, die sich einbilden, das Gebäude der neuen Gesellschaft auf der Grundlage der alten Formel errichten zu können: Jedem nach seinen Fähigkeiten, jeder Fähigkeit nach ihren Leistungen, – haben die große Entdeckung gemacht, und andere haben sie nachgesprochen, daß der wesentliche Unterschied zwischen dem alten sozialen Leben und dem der Zukunft darin bestehe, daß in der Zukunft die Arbeit für den Fortschritt organisiert werden wird, was voraussetzt, daß bis heute das Gegenteil stattgefunden hat. Aber sagen, daß die Arbeit bis heute nicht für den Fortschritt organisiert war, heißt die Entwicklung der sozialen Produktion ignorieren, heißt die schrittweise vor sich gehende Vervollkommnung, die fortgesetzte Vermehrung der Produkte und der Produktionskräfte verkennen; beißt die Geschichte, die stets fortgeschritten ist, verneinen und die ganze Menschheit auf das Niveau jener verkommenen Völker herabdrücken, die keine Geschichte mehr haben, weil sie nichts mehr von jener Lebenskraft haben, die gegen den Tod reagiert, nichts von jener Energie, die sich gegen die Bedrückung auflehnt, nichts von jenem göttlichen Hauch, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Der Mensch ist in Wahrheit stets vorwärts gegangen, er hat trotz aller Bedrückung die Sklaverei überwunden. Die Menschheit hat sich durch den Antagonismus ihrer Mitglieder selbst entwickelt. Alle Völker, die eine Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt haben, haben sich gegen ihre Bedrücker aufgelehnt, sobald die Bedrückung den ihnen geschichtlich vorgezeichneten Weg versperrte. Zu allen Zeiten sind soziale Revolutionen in dem Moment ausgebrochen, wo der Fortschritt der Arbeit durch die herrschenden Klassen gehemmt wurde, und diese Klassen sind erst dann reaktionär geworden, wenn ihre Interessen nicht mehr mit dem Fortschritt der gesellschaftlichen Produktion in Einklang standen. Die Arbeit ist stets für den Fortschritt organisiert gewesen, stets hat der Fortschritt der Arbeit die Produktivkräfte vermehrt und vervollkommnet, und stets sind die großen Revolutionen zu dem Zweck ausgebrochen, die Produktionsweise auf die Höhe der Produktivkräfte zu erheben, – die Arbeit für den Fortschritt zu organisieren.

Worin besteht also der Unterschied zwischen der sozialen Revolution von heute und jenen der Vergangenheit, zwischen der alten Gesellschaft und der Gesellschaft der Zukunft? – In der Verschiedenheit der Existenzbedingungen, in den verschiedenen Bedingungen der Produktion und des Fortschritts muß der Unterschied zwischen der alten und der neuen Welt, der Charakter der modernen Revolution gesucht werden.

Die Zentralisation der Produktivkräfte war und wird immer das einzige Mittel der Organisation der Arbeit für den Fortschritt sein. In ihrer Isolierung hätten sich die Produktivkräfte der Menschheit in der Vergangenheit niemals entwickelt und würden sie sich auch niemals in der Zukunft entwickeln können. Aber in der Vergangenheit konnte die Zentralisation der Produktivkräfte nur stattfinden mittels ihrer Anhäufung in den Händen jener wenigen Privilegierten, die stets die herrschenden Klassen gewesen waren: in der Vergangenheit war die Akkumulation die einzig mögliche Form der Zentralisation. Die Armut der Produktivkräfte, der fast absolute Mangel großer Verkehrswege und die daraus sich ergebende allgemeine Unwissenheit machten es materiell und moralisch unmöglich, die Produktion und den Austausch der Produkte zum Nutzen aller durch die Assoziation aller zu organisieren, d. h. zu zentralisieren. Die Produzenten konnten wegen der Dürftigkeit der Produktivkräfte und der Kommunikationsmittel nur vereinzelt schaffen, der Austausch der Produkte konnte wegen der Isolierung der Produzenten nur ein individueller sein, und so bedurfte es der Akkumulation im Interesse der Zentralisation der Produktivkräfte, der Belebung der Arbeit und des Austausches der Produkte – kurz, für den materiellen und intellektuellen Fortschritt der Arbeit. Die Revolutionen konnten die Völker wohl von den reaktionär gewordenen herrschenden Klassen befreien, waren aber nicht imstande, die Arbeit zum Nutzen aller zu reorganisieren, weil es nicht in ihrer Macht lag, die Assoziation aller herzustellen. Sie konnten nur für andere, dem Fortschritt mehr entsprechende herrschende Klassen, d. h. für eine neue Form der Akkumulation und Produktion den Weg bahnen, die mit den bestehenden Produktivkräften mehr in Einklang stand.

Eine immer stärkere, immer reichere Akkumulation des gesellschaftlichen Kapitals in den Händen einiger Privilegierten, das war das Gesetz des Fortschritts und das soziale Ziel der Revolutionen in der Vergangenheit. Schließlich fand man auch die Formel dieses Gesetzes des Fortschritts: Jedem nach seinen Fähigkeiten, jeder Fähigkeit nach ihren Leistungen!

Ein einfacher Vergleich der alten mit der modernen Gesellschaft wird uns das Gesetz des Fortschritts in der Zukunft, das soziale Ziel der Revolution von heute zeigen.

Die Armut und die Isolierung waren die soziale Krankheit der Vergangenheit; die von heute besteht im Gegenteil im Reichtum und der Akkumulation der Kapitale. In der Vergangenheit war der Verbrauch ein dürftiger, weil die Produktion dürftig war, und die Armut der Produktion war die Folge der Armut der Produktivkräfte. Heute ist die Produktion dürftig, weil der Konsum ein dürftiger ist, und diese Dürftigkeit rührt nicht von der Armut, sondern von dem Überfluß an Produktivkräften her, der Ursache der Krisen, der Bankerotte und des allgemeinen Elends. In der Vergangenheit war die Unzulänglichkeit der Lebensmittel die Ursache des Antagonismus, heute ist im Gegenteil nur der Antagonismus der Klassen die einzige Ursache davon, daß der großen Masse die Lebensmittel fehlen. In der Vergangenheit mußte man, um die einfachen und mäßigen sozialen Bedürfnisse einer wenig zahlreichen Bevölkerung zu befriedigen, alle vorhandenen Produktivkräfte in Anwendung bringen; heute kann man unsere Produktivkräfte, mittels derer die unendlich vervielfältigten sozialen Bedürfnisse einer sehr zahlreichen Bevölkerung befriedigt werden könnten, wenn nicht jener unglückliche Gegensatz herrschte zwischen den Arbeitern einerseits, die nicht die Mittel haben, das zu erwerben, was sie produzieren, und den Besitzern der akkumulierten Arbeit andererseits, die nicht alle die Reichtümer, welche sie besitzen, konsumieren können, – heute kann man diese Produktivkräfte nur in unterbrochenen Zeitperioden und in sehr beschränktem Umfange verwenden. In der Vergangenheit haben sich die Produktivkräfte der Menschheit auf Grund ihrer Akkumulation in den Händen einer Klasse entwickelt, heute ist die Akkumulation der Produktivkräfte in den Händen einer Klasse im Gegenteil ein Hindernis ihrer Entwicklung. In der Vergangenheit war die Akkumulation die einzig mögliche Form der Zentralisation; heute ist die einzige, der Höhe unserer Produktivkräfte entsprechende, mit unseren materiellen und intellektuellen Mitteln, mit unseren Bedürfnissen und Ideen übereinstimmende Art der Akkumulation die Zentralisation aller Produktivkräfte in der Assoziation aller zum Nutzen aller. Diese kommunistische Vereinigung, die in der Vergangenheit materiell und moralisch unmöglich war, ist heute eine unabweisbare Notwendigkeit. In der Vergangenheit war das Ziel der Revolutionen der Sturz irgendeiner reaktionär gewordenen herrschenden Klasse zugunsten einer Klasse, die sich mit dem Fortschritt mehr in Übereinstimmung befand; heute gibt es keine Klasse, keine fortschrittliche Partei mehr, die nicht reaktionär wird, wenn sie zur Macht gelangt, ohne den Klassengegensatz abzuschaffen.

Heute wird das Läuten der Todesstunde der herrschenden Klassen die Todesstunde der alten, auf den Antagonismus gegründeten sozialen Welt, das Ende des antagonistischen Teils der Geschichte der Menschheit, die Geburt einer neuen Welt verkünden, deren Gesetz des Fortschritts ganz und gar in der Formel gegeben ist: von jedem nach seinen Kräften, an jeden nach seinen Bedürfnissen.


Abschnitt 5, 6 und 7 beschäftigen sich mit weiterer Untersuchung und Kennzeichnung des Gegensatzes zwischen den Lebensbedingungen, Kräften und Grundsätzen der alten und neuen Welt und den Grundzügen der Psychologie der Völker. Das Rechtsprincip der neuen Welt, die Gleichheit, werde vertreten, durch die Arbeiterclasse; ihr geistiges Wesen, die Synthese aus Kritik und Herz, finde ihre vollkommenste Vertretung im französischen Volk, der Synthese der Völker des Nordens und des Südens von Europa. Die französische Nation sei die centralisierteste und daher die geselligste, bei ihr der Geist der Brüderlichkeit am stärksten vertreten. [Aus den „Dokumente …“]

8.

Wenn es bewiesen ist, daß die Freiheit nur durch die Gleichheit verwirklicht und die Gleichheit nur durch die Brüderlichkeit fruchtbar gemacht werden kann; wenn es festgestellt ist, daß keine andere Klasse der Gesellschaft als die der Arbeiter die Gleichheit liebt und keine andere Nation der zivilisierten Welt als nur die französische Nation das Genie der Brüderlichkeit besitzt, – so folgt daraus, daß das französische Volk im Interesse der Freiheit aller das Recht und die Pflicht hat, all denen, die nicht genügend vorgeschritten sind, um ohne sein Eingreifen die Feinde der Freiheit zu Boden zu werfen, die Gesetze seiner Revolution zu diktieren.

Möge das französische Volk denn durch sein Eingreifen in die Geschäfte Europas die Revolution vollenden, die es mit so viel Heldenmut und Hingebung begonnen hat und durch die es an die Spitze der europäischen Nationen gestellt ist! Wehe Frankreich, wehe dem ganzen Europa, wenn die französische Nation ihre Pflichten vergäße, auf ihre Rechte freiwillig verzichtete!

Wie verblendet sind jene, die uns heute, am Vorabend einer Katastrophe, die das Geschick Europas entscheiden wird, in Frankreich von einer Dezentralisation, vom Föderalismus sprechen und die nicht die Falle sehen, die mittels dieser von verdächtigen Leuten so sehr gepriesenen Idee der direkten Regierung den Republikanern gelegt wird. Noch mehr verblendet oder noch mehr Verräter diejenigen, die heute in den Beziehungen Frankreichs zu Europa die Politik Lamartines wiederholen wollten!

Denn hinsichtlich dieser Beziehungen kann es nur einen von zwei Wegen geben: entweder wird Europa durch das neue und humanitäre Geschlecht regeneriert, dessen machtvollster Vertreter das französische Volk ist, oder Frankreich wird von den Mächten des Nordens und ihren Helfershelfern besetzt werden, die nicht mehr, wie ehedem, Barbaren, sondern Sklaven sind.

Die herannahende Katastrophe wird uns töten, wenn wir nicht während ihrer ganzen Dauer ebensoviel und selbst mehr Energie und revolutionäre Fähigkeit zu entwickeln verstehen, als unsere Väter, die Helden der großen Epoche. Die berühmte Prophezeiung des gewaltigen Mannes dieser heroischen Epoche beginnt sich in unseren Tagen zu erfüllen: In unseren Tagen wird Europa republikanisch oder kosakisch werden.

Unsere Gesellschaft, die den brutalen Egoismus zur Triebkraft, die knechtische Arbeit zur Grundlage und die allgemeine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zur letzten Konsequenz hat, unsere europäische Gesellschaft hat ihre Lebens- und Fortschrittsbedingungen erschöpft; sie ist altersschwach, – sie wird sterben.

Soziale Institutionen, die durch ihre eigene Triebkraft, den Egoismus, auf gehalten werden; eine Produktion, die durch das eigene Prinzip, das sie leben und fortschreiten ließ, durch die Akkumulation des Kapitals, gehemmt ist; eine auf der Sklaverei in ihren verschiedenen Formen, in letzter Linie auf der abhängigen Arbeit des Proletariers beruhende Gesellschaft, die ihren Sklaven nicht mehr die Existenz, dem Proletarier nicht mehr die Arbeit gewährleistet; eine Zivilisation, die den Fortschritt zum Motto hat und die keinen Schritt mehr nach vorwärts machen kann, ohne über Ruinen und Leichen zu schreiten: – wahrlich, eine solche Gesellschaft, eine solche Zivilisation ist zum Tode verurteilt.

Der Tod unserer europäischen Institutionen ist unvermeidlich, unentrinnbar. Aber von uns, den Völkern des alten Europa, und vor allem vom französischen Volk wird es abhängen, ob dieser Tod ein physischer oder ein moralischer, ein zeitweiliger oder ein ewiger sein wird, – ob er nur der Tod unserer Institutionen oder ein solcher unserer Völker sein wird.

Wenn der soziale Antagonismus, wenn der Individualismus, wenn der Dualismus, in dem wir bis heute gelebt haben, nicht unsere Seele, unser menschliches Wesen ertötet hat, indem er das, was im Leben der Menschheit unteilbar ist, den bewußten Willen, geteilt hat; wenn es noch Völker gibt, die noch nicht verkommen genug sind, um keinen andern Willen zu haben als den des materiellen und intellektuellen Egoismus; wenn trotz unserer fehlerhaften Gesellschaft, die einerseits das kühle, reflektierende Urteilen auf Kosten der hochherzigen Eigenschaften des Gemüts und andererseits die düsteren Leidenschaften des Herzens auf Kosten der klaren, bewußten Reflexion entwickelt, wenn es trotz alledem in der alten Welt noch ein Volk, ein einziges Volk gibt, dessen glückliches Temperament es verstanden hat, die Harmonie der menschlichen Anlagen zu bewahren: so wird dieses Volk, seid dessen sicher, Europa retten, indem es in den Tagen, wo die alte Gesellschaft unter den Schlägen des jüngsten Gerichts zusammenbricht, neue soziale Einrichtungen ins Leben ruft.

Wenn wir aber im Gegenteil derart mit unseren Institutionen verwachsen wären, daß uns kein anderer Beweggrund bliebe als der Egoismus; wenn heute die Völker, die Menschen, die Schöpfer aller sozialen Institutionen in Europa ebenso verkommen wären wie ihr Werk, wenn die Seele unseres sozialen Körpers, die europäische Menschheit, ebenso abgelebt wäre wie ihr Körper, – so wäre der Tod Europas zweifellos ein moralischer Tod, ein Tod ohne Auferstehung. Was viel fürchterlicher ist als der physische Tod, das ist der moralische Tod. – Der moralische Tod der Völker ist die Sklaverei.

Die Geschichte hat uns zwei fürchterliche Beispiele unglücklicher Völker bewahrt, die exemplarisch dafür bestraft wurden, daß sie sich mit ihren toten Einrichtungen identifizierten, von Völkern, die sich in der letzten Stunde ihres sozialen Lebens, als dieses abgelaufen war, an ihre Institutionen klammerten, deren Lebens- und Fortschrittsbedingungen erschöpft waren.

Ein der Seele verlustig gegangener Körper, ist eines dieser unglücklichen Völker dazu verdammt, eine unbewegliche, leichenhafte Existenz fortzuführen, eine gerechte Strafe für seinen abscheulichen Materialismus!

Eine des Körpers beraubte Seele, muß das andere wie ein Gespenst durch die Jahrhunderte umherirren – zur gerechten Strafe für seine spiritualistischen Verirrungen!

Die unbewegliche, leichenhafte Existenz, ihr seht sie in China. Das Gespenst, den ewig umherirrenden Juden, seht ihr überall.

Die Menschheit ist unsterblich; die Völker aber können sterben!

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Es folgt hier noch ein Schlussabschnitt, der die Gefahr chinesischer Zustände näher ausmalt und in einen leidenschaftlichen Appell an das französische Volk ausläuft, sich in der Stunde der Erhebung nicht von denen bethören zu lassen, die ihm von Nichteinmischung und Achtung der Selbständigkeit der Nationen sprechen, sondern die Grenzen zu überschreiten, um seinen Nachbarn, seinen Brüdern zu helfen, die es mit offenen Armen empfangen würden.

Ehrgeizige, Ränkespinner, Thoren, für die die Geschichte nicht existiert, würden diese Anrufung an das revolutionäre Frankreich zur Einmischung in die Angelegenheiten Deutschlands Vaterlandsverrat nennen.

„Wohlan, ich fordere alle Patrioten aller Länder Europas auf, ob sie uns, wenn sie die Hilfe Frankreichs zurückweisen, ein anderes Glück verschaffen können, als den Einmarsch der Kosaken, und ich erkläre jeden für einen Verräter an der europäischen Menschheit, der heute noch den russischen Einmarsch dem Einmarsch der Franzosen vorziehen wollte.“ [Aus den „Dokumenten…“]
Hess schliesst mit den Worten :
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Zum Glück haben es weder die deutschen Patrioten, noch die anderer Länder, noch selbst die Republikaner und Sozialisten Frankreichs in der Gewalt, die Beziehungen Frankreichs gegenüber Europa nach ihrem Belieben zu formen. Die Macht der Tatsachen, der Wille der Völker, der heilige Geist der Geschichte, der noch die europäischen Gesellschaften in Bewegung setzt, wird alle Nationen wider ihr Wissen und ihr egoistisches Wollen dazu treiben, das oberste Gesetz der letzten sozialen Revolution durchzuführen, welche das französische Volk an die Spitze der europäischen Nationen gestellt hat .