„Am Neujahr verließ uns die in weiten Parteikreisen bekannte Parteigenossin Hess, um nach einem reichbewegten Leben, welches sie an der Seite eines der besten geistigen Vorkämpfer der Sache des Proletariats führte, in Genf in der Mitte einiger Veteranen unserer Partei ihren Aufenthalt zu nehmen“

ist im deutschen „Sozialdemokrat“ in einem Korrespondenzbericht aus Paris, unterfertigt mit Die Pariser Genossen, im Februar 1886 zu lesen, also ein gutes Jahrzehnt nach dem Tod von Moses Hess. Möglicherweise war es ihr in der Schweiz ein wenig fad, denn bereits nach vier Jahren ist sie wieder in Paris, wo sie bis zu ihrem Tod am 8. November 1903 lebt. Ihre rege politische Aktivität ist nicht nur durch das obige Zitat belegt, sondern auch dadurch, dass Sybille Hess jahrelang unter Beobachtung der französischen Polizei steht. 1880 wird sie sogar verhaftet und an die Schweizer Grenze abgeschoben. Sowohl die „Züricher Post“ protestiert in einem Leitartikel „Republik und Polizeiwillkür“ gegen die brutale Ausweisung, auch Wilhelm Liebknecht setzt sich für sie ein und erwirkt, dass der Abgeordnete Talandier erfolgreich für die Rücknahme der Ausweisung interveniert.

Die Schikanen durch die Polizei waren damit aber nicht zu Ende, was Sybille Hess allerdings nicht daran hinderte, sich weiterhin an Kundgebungen und anderen Aktivitäten der sozialdemokratischen Partei zu beteiligen. Sie hatte regen Kontakt nicht nur mit den in Paris lebenden deutschen GenossInnen, sondern wurde auch häufig von Parteimitgliedern aufgesucht, die aus Deutschland nach Paris kamen. Klara Zetkin etwa berichtet über sie in einem 1919 verfassten Brief:

„Frau Hess war eine prächtige Frau, stolz darauf, die Lebensgefährtin des bedeutenden Mannes und von ihm erzogen worden zu sein.“

Wer war diese Frau Sybille Hess? Geboren wurde sie am 10. Dezember 1820 in Schmidtheim, im Regierungsbezirk Aachen als Kind des katholischen Taglöhners Josef Pesch und seiner Frau Helene (Trierscheid). Wie zu jener Zeit häufig bei Mädchen aus den Unterschichten, erhielt sie fast keinen Unterricht und konnte auch als Erwachsene kaum fehlerlos schreiben. Wenn man ihre wenigen erhaltenen Briefe liest, fällt aber ein frischer, unmittelbarer Stil mit großer Ausdruckskraft auf, was eine Persönlichkeit ahnen läßt, wie sie in „Der Gleichheit“, dem sozialdemokratischen Blatt für Frauen, beschrieben wird:

„Die junge Putzmacherin, die das Herz des Philosophen Moses Hess gewann, war von bestrickendem Liebreiz der Erscheinung, die verkörperte Jugendfrische, eine muntere Plauderin mit schlagkräftigem Mutterwitz. Ein heller Verstand, ein empfindsames, reiches Gemüt und ein feuriges Temperament ließen sie in der Schule ihres Gatten und im Verkehr mit dessen Freundeskreis rasch zur leidenschaftlichen Bekennerin des Sozialismus werden- („Sybille Hess“ in Die Gleichheit, 1.1.1904)

Dieses Zeugnis, dass Sybille Hess eine lebenslustige und trotz geringer Schulbildung kluge Frau gewesen sei, wird auch aus anderen Quellen bestätigt. Weiters erweist sie sich im vorsorglichen Umgang mit dem Nachlass ihres Mannes als verantwortungsvoll und vorausschauend (siehe „Der Nachlass von Moses Hess und die Sozialdemokratie„).  Hartnäckig und unter großen persönlichen Opfern betreibt sie auch die Publikation des ersten Bandes der „Dynamischen Stofflehre“, deren zweiter Band nicht mehr vollendet wurde, weil, wie Sybille Hess lakonisch an J. Ph. Becker schrieb,

„der Tod störend dazwischentrat“.

Was ihrem Mann nicht gelungen war, der sein Buch vergeblich bei Otto Meißner drucken lassen wollte und auch bei einem sozialdemokratischen Buchhändler in Hamburg erfolglos blieb, gelang ihr. Da auch sie keinen Verleger fand, gab sie das Buch in Paris im Eigenverlag heraus.

Das war mit enormen Kosten verbunden, die durch beigelegte Tafeln mit astronomischen Zeichnungen noch erhöht wurden. Dass ihr schließlich die Veröffentlichung des letzten Werkes ihres Mannes gelang, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, denn

„Hess hinterließ kein Testament, aus dem einfachen Grunde, weil er über kein Vermögen verfügte. Das Kapital, von dem er lebte, hatte er einst seiner Schwester zediert, die ihm dafür eine Leibrente von fünfhundert Talern zahlte. Diese Rente, um ein Fünftel gekürzt, wurde seiner Witwe weitergezahlt.“  

Das verausgabte Geld kam nie herein. Der Absatz des im Oktober 1877 erschienenen Werkes ging sehr schleppend: Nach einem Jahr waren nur vier Exemplare verkauft worden und auch später dürfte der Umsatz kaum gestiegen sein, obwohl Sybille Hess versuchte, die deutschen Arbeitervereine für das Buch zu interessieren und in „Die Neue Welt“ eine Empfehlung erschien, blieben alle ihre Bemühungen, die Arbeiterbewegung für das Buch zu interessieren, erfolglos.

Über das Leben von Sybille Pesch vor der Begegnung mit Moses Hess ist nur wenig bekannt. Eine Quelle ist die jüdisch-orthodoxe Familie von Hess, für welche eine Verbindung mit einem armen christlichen Mädchen zu böswilligen Spekulationen Anlass gab. Da nichtjüdische Frauen im jüdischen Sprachgebrauch oft als „Schickse“ bezeichnet werden, und dieser in der Regel pejorativ gemeinte Ausdruck in seiner Bedeutungsbreite bis hin zum „Flittchen“ reicht, scheint es durchaus möglich zu sein, dass die Behauptung, Sybille Pesch sei eine Prostituierte gewesen, hieraus abgeleitet wurde. Der ein Jahrzehnt später abgefasste Polizeibericht, der sich mit der inzwischen mit Hess verheirateten Sybille beschäftigt, verweist auf sie als „Winkelhure“. Hessens Biograph, Edmund Silberner, von dem die meisten der Informationen auf dieser Seite stammen, vermutet, dass es sich möglicherweise um den Transfer jener Familienlegende handelt. Denn in einem ersten Polizeidokument, kurz nach dem Bekanntwerden der Beziehung der beiden, wird Sybille als Stickerin bezeichnet. Von Prostitution ist darin nicht die Rede, obwohl der Bericht ziemlich zeitgleich mit dem Gerede in Hessens Familie erschienen sein dürfte.

Welches Vorleben auch immer – für Moses Hess war es kein Hindernis für eine Liebesbeziehung, welche – mit einer oder mehreren Unterbrechungen – in einem von Verfolgung und Flucht geprägtem Leben, mit oftmaligem Ortswechsel und mit einem Leben in stetiger Armut, letztlich ihresgleichen sucht. Aus den Zeugnissen über ihre Beziehung und ihre Ehe läßt sich entnehmen, dass Moses und Sybille einander gebraucht haben und aneinander gewachsen sind.

Eine Episode im Leben von Moses und Sybille Hess-Pesch – die Engels-Affäre – wird hier bewusst ausgespart, weil sie meiner Meinung nach besser zum noch zu behandelnden Komplex Inhalt und Stil der politischen und privaten Auseinandersetzung von Marx und Engels mit Moses  Hess gehört.