siehe auch: Die Vernichtung der Juden in Bonn. Von Manfred van Rey (PDF, 1,3MB)

1. Akt: Die Nazibarbarei

Am Rande des jüdischen Ghettos in Bonn, wo Moses Hess in der Judengasse 807 geboren wurde, stand am Ufer des Rheins, bei der heutigen Kennedybrücke, die 1879 eingeweihte Bonner Hauptsynagoge.

http://www.floerken.de/texte/bonn38.htm Photo: Ferdi Kolb

Sie wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 niedergebrannt und zerstört.

2. Akt: Wenn die Nachkriegsmotorisierung Platz braucht

Norbert Flörken – cc: by nc nd

Im Frühjahr 1983 plante die Verwaltung der Stadt Bonn, diese Stelle für die Erschließung und Bebauung eines Parkplatzes zu widmen. Das Projekt sollte von der Firma Philipp Holzmann AG zusammen mit der Deutschen Bank durchgeführt werden.

Philipp Holzmann AG war eine Nazifirma höchsten Grades, welche neben anderen Großbauten für die NS-Herrschaft auch direkt in KZs Gebäude errichtete und KZ-Häftlinge sowie andere ZwangsarbeiterInnen ausbeutete. Nach dem Krieg verweigerte die Firma lange Jahre aus formalen Gründen Entschädigungen an Überlebende. Die nachhaltige Involvierung der Deutschen Bank in das Nazisystem ist allgemein bekannt und auch in diesem Fall wurde erst Jahrzehnte nach dem Ende des Nazi-Regimes und vor allem auf internationalen Druck an Entschädigungszahlungen gedacht.

3. Akt: Gedenkarbeit und -initiative

Als dies bekannt wurde, gründeten Gina und Michael Meir-Düllmann die Bonner Bürgerinitiative „GEDENKSTÄTTE statt Parkplatz“:

„Die Stadt Bonn und ihre Bürger sollten es nicht länger dulden, daß der Platz der ehemaligen Bonner Hauptsynagoge weiterhin als Abstellplatz für parkende Autos sinnentfremdet wird. Die Stadt Bonn und ihre Bürger sollten es auch nicht dulden, daß dieser Platz anderen Zwecken, etwa kommerziellen, zugeführt wird. Wir, die Unterzeichner, Bonner Juden und Bonner Bürger fordern für den Platz an der Kennedy-Brücke eine Gedenkstätte für die an dieser Stelle am 10. November 1938 von den Bonner Nazis verbrannte Bonner Hauptsynagoge. (…) Diese Gedenkstätte sollte bestehen aus einem von Künstlern geschaffenen Erinnerungsmal an die verbrannte Synagoge und aus einem Haus, wo sich die Öffentlichkeit, insbesondere die Jugend über die Zeit des deutschen Nationalsozialismus und über den antinazistischen Widerstand unterrichten kann.“

Dies löste heftige Diskussionen in der Bonner Öffentlichkeit aus. Die Gegner einer Gedenkstätte wiesen darauf hin, dass die Bonner jüdische Synagogengemeinde bereits im Jahr 1956 ein Ersatzgrundstück in der heutigen Tempelgasse erhalten hätten, wo die neue Bonner Synagoge stehe. Schnell mischten sich in die Diskussion ganz bewusst geschürte antisemitische Ressentiments.
Diese Diskussion führte 1984 zur Gründung des „Vereins an der Synagoge“, der die Einrichtung einer Gedenkstätte am historischen Ort zum Ziel hatte. Doch schnell wurde klar, dass gegen die ökonomischen Interessen und den Einfluss der Philipp Holzmann AG dieses Ziel nicht durchsetzbar war:

4. Akt: Geld besiegt Anstand

Im Dezember 1985 wurde das Grundstück trotz des Widerstandes der Bürgerinitiative, trotz des Engagements des Vereins an der Synagoge und trotz eines gegenlautenden Antrages der Bürgerinitiative, der von der Ratsfraktion der GRÜNEN am 9.10.1984 in den Rat eingebracht wurde, endgültig an die Philipp Holzmann AG für den Preis von 6,69 Mio. DM verkauft. Bedingung: Holzmann musste 75.000 DM zur Errichtung einer Gedenkstätte an einem anderen Ort beisteuern.

5. Akt: Synagogenfundamente

Bei den Ausschachtungsarbeiten für die Fundamente des Hotels wurden im Mai 1987 die fast vollständig und sehr gut erhaltenen Fundamente der alten Hauptsynagoge freigelegt.

© Alfred Kerger

 

6. Akt: Geld siegt über Denkmalschutz

Die Untere Denkmalbehörde stellte diese zwar umgehend unter Denkmalschutz, doch folgte fast ebenso schnell ein Kompromiss mit der Holzmann AG, der folgende Regelung vorsah:

  1. Nach Errichtung des Bauvorhabens ist die rheinseitige Mauer des Fundamentes entsprechend Lageplan und Angabe des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege originalgetreu und in der Höhe wiederherzustellen
  2. Der Grundriß der ehemaligen Synagoge ist im Fußboden des 1. Untergeschosses (Parkdeck) in seinen Umrissen kenntlich zu machen
  3. Auf den Standort der ehemaligen Synagoge ist am oder im Gebäude an geeigneter Stelle hinzuweisen.“

Selbst dieser Kompromiss im Zusammenhang mit der „Gedenkstätte für die früheren jüdischen Mitbürger der Stadt Bonn und Erinnerung an die zerstörte Synagoge“ (man beachte dieses gewundene Bürokratendeutsch!) wurde anschließend nur in Teilen umgesetzt:

7. Akt: Vorauseilender Antisemitismus

Der Hotelbetreiber, die Scandic-Crown- Gruppe, argumentierte, dass eine Gedenktafel im Hotel die erwarteten, zahlreichen arabischen Gäste verprellen könnte und deshalb „unzumutbar“ sei !

8. Akt: Ein neuer Kampf um die Erinnerung

© Alfred Kerger

Es kam zu einer zehntägigen friedlichen Bauplatzbesetzung, bei der u.a. ein jüdisches Gebetszelt errichtet wurde,

© Alfred Kerger

und Michael Meir-Düllmann einen zweiwöchigen Hungerstreik durchführte.

© Alfred Kerger

 

9. Akt: Eine Niederlage für die Menschlichkeit

Doch am 17.9.87 – eine Woche vor einer geplanten Sondersitzung des Deutschen Bundestages – schafften die Holzmann-Bagger vollendete Tatsachen. Die Zerstörungsarbeit der Nazis wurde nach fast 50 Jahren unter dem Schutz der bundesrepublikanischen Polizei fortgesetzt und in Gestalt eines abgrundtief häßlichen Hotelmonsters vollendet, dessen Gästen der Anblick eines Erinnerungsmals an die jüdischen Opfer der NS-Zeit nicht zugemutet werden sollte.

© Alfred Kerger

 

10. Akt: Die schielende Justiz

Die sieben zuletzt verbliebenen Bauplatzbesetzer wurden von Bonner Richtern wegen Hausfriedensbruchs zu Geldstrafen verurteilt. Mit diesen Urteilen wollten die Richter verdeutlichen,

„dass der gute Zweck und beachtliche Motive nicht jedes Mittel heiligen, also auch trotz guter Absichten ein Straftatbestand erfüllt werden kann.“

Derselbe Richter, der diese Worte formulierte, hatte kein halbes Jahr vorher acht bekannte Bonner Neonazis zu einem je zehnseitigen Aufsatz über den Holocaust verurteilt, weil sie teilweise in braunem Hemd, das Horst-Wessel- Lied grölend und „Juda verrecke!“ rufend, durch Bonns Innenstadt gerannt waren!

Nachklang

1988 wurde in der damals noch Bundeshauptstadt Bonn, die bis dahin keinen Ort der Erinnerung an das Verbrechen der Shoah hatte, dieses Mahnmal zwischen heutigem Moses-Hess-Ufer und dem nunmehrigen Hotel Hilton zur Erinnerung und zum Gedenken errichtet.

© Alfred Kerger

1996 gelang es dem „Verein an der Synagoge“ nach langen zähen Kämpfen die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus in der Franziskanerstraße zu eröffnen.

2012 hat die Stadt Bonn den Rheinuferteil, wo das Shoamahnmal steht, in Moses-Hess-Ufer umbenannt. 200 Jahre nach seiner Geburt erinnert sich die Heimatstadt ihres großen Sohnes.

Bonn, Rand des alten jüdischen Ghettos, Ort der 1938 von den Nazis abgebrannten Synagoge (Hotel Hilton), Mahnmal, Moses-Hess-Ufer.

Hinweis: Die Informationen zu dieser schier unglaublichen und den AktivistInnen große Zähigkeit und Ausdauer abverlangenden Geschichte stammen von Herrn Wolfgang H. Deuling, dem Initiator der Benennung des Moses-Hess-Ufers, der mir auch die meisten hier wiedergegebenen Fotos vermittelte. Der Text beruht weitgehend auf der Rede, die Andreas Buderus (1987 Mitglied der BI „Retten wir den Synagogenplatz“ und einer der Bauplatzbesetzer), Sprecher d. AntiRassistischerArbeitsKreis ver.di NRW-Süd am 9.11.2003 anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht an der Stelle, von der hier die Rede ist, gehalten hat. Abgedruckt ist sie in „Exzess“ 1/2004 S. 19f (PDF 1,8 MB). Auch den Titel „Es gibt keine Überreste eines jüdischen Wohnbezirks in Bonn mehr…!“ habe ich übernommen, da er in seiner Anlehnung an die Meldung des SS-Brigadeführers Jürgen Stroop nach der Vernichtung des Warschauer Ghetttos „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ meiner Meinung nach am treffendsten die Situation trifft.