enthalten in:

  1. Hess, Moses: Philosophische und sozialistische Schriften : 1837-1850 ; eine Auswahl / Hess, Moses ; Cornu, Auguste. – Berlin : Akad.-Verl, 1961. – LXVIII, 516 S.
  2. Hess, Moses: Ausgewählte Schriften / Hess, Moses ; Lademacher, Horst. – Köln : Melzer, 1962. – 467 S.
  3. Fließtext ab hier
  4. Marxist’s Internet Archive
  5. Original in Georg Herwegh (Hrsg.): Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz S. 92-97 Zürich u. Winterthur 1843


Die eine und die ganze Freiheit

Das philosophische Deutschland hat in den letzten zwei Jahren eine jener großen Umwandlungen erfahren, welche nicht nur in der Geschichte der Philosophie, sondern auch in der Weltgeschichte Epoche machen. Die Philosophie als solche ist sogar an dieser Umwandlung weniger beteiligt als die Geschichte der Menschheit überhaupt, und wie der Fortschritt, von dem wir sprechen, weniger ein philoso­phischer als ein weltgeschichtlicher, so ist er auch weniger von der Philosophie oder deren Repräsentanten, also nicht so, wie die bisherigen Fortschritte in der Philosophie, von bestimmten Personen oder gar von einem einzigen philoso­phischen Genie, als vielmehr von Völkern, und zwar näher vom Genius des deut­schen und französischen Volkes ausgegangen. Der Gedanke, daß die Philosophie ins Leben eingreifen, daß sie Tat werden müsse, hat sich in den weitesten Kreisen Bahn gebrochen. Wenn aber einerseits die Schnelligkeit, mit der sich dieser Ge­danke ausgebreitet hat, Beweis genug von dessen Zeitgemäßheit ist, so mag uns dagegen andrerseits die Fassung, in welcher er bis jetzt ausgesprochen wurde, das Allgemeine und Unbestimmte seines Inhalts, den Beweis liefern, daß man sich bis jetzt über das, was man will, noch keine genaue Rechenschaft abgelegt hat. Man fühlt wohl, wie zwischen Denken und Handeln, zwischen der geistigen und sozialen Freiheit ein so inniger Zusammenhang besteht, daß die eine ohne die andere nicht zu ihrer vollen Wirklichkeit kommen kann. Im allgemeinen erkennt man sogar diesen Zusammenhang; man weiß, daß im denkenden Subjekte wie in der objektiven Welt der menschlichen Gesellschaft, die Freiheit von einem und demselben Prinzipe ausgeht; man gibt es zu, daß sie kein Monopol der Philo­sophen, daß sie allgemeines Gut werden muß, wenn sie mehr als eine Fiktion sein soll – und die jüngeren Philosophen begnügen sich nicht mehr damit, die Wirk­lichkeit zu begreifen, sondern sie haben schon den Mut und den Willen, den Begriff zu verwirklichen. – Aber wir haben noch nirgend gesehen, daß man über diesen bloßen Mutwillen hinausgegangen wäre; wir haben noch nirgend den wirk­lichen Zusammenhang der geistigen und sozialen Freiheit von unsern Philo­sophen entwickelt gefunden.

Die deutschen Philosophen scheinen, trotz ihrer Anerkennung der freien Tat und des innigen Zusammenhanges der geistigen und sozialen Freiheit, mit der wirk­lichen Volksfreiheit noch nicht Ernst machen zu wollen. Ihr ganzer Fortschritt, den sie bisher gemacht haben, beschränkt sich auf das Bestreben, der Philosophie beim Volke Eingang zu verschaffen. Wollen sie aber wirklich das Volk gewinnen, so müssen sie vor allen Dingen auch den Volkswünschen bei sich selber Eingang verschaffen. Es ist ein nutz- und fruchtloses Unternehmen, das Volk geistig frei machen zu wollen, ohne ihm zugleich die wirkliche, soziale Freiheit zu geben, und wenn ihr mit der Freiheit nicht Ernst machen wollt, so ist nicht abzusehen, worin ihr euch zu eurem Vorteil von denen unterscheidet, die da behaupten, es sei gegen die Philosophie nichts einzuwenden, nur müsse man die »Fackel der Aufklärung« dem Volke nicht in die Hände geben, weil sie hier nicht »leuchte«, sondern »zünde«. Ihr fürchtet euch vor dem Volke, weil ihr von dessen Wünschen gar keine Notiz nehmt. Wer bürgt aber dafür, daß ihr nicht dieselbe Gesinnung wie jene Furchtsamen hegen werdet, sobald ihr die Gefahren kennenlernt, welchen dasjenige, was ihr als ein Heiligtum verehrt, ausgesetzt ist, wenn einmal das Volk die Freiheit, die ihr ihm predigt, realisieren will? – Ihr seid noch keineswegs von der Wahrheit durchdrungen, daß die geistige und soziale Freiheit miteinander stehen und fallen, sonst würdet ihr es aufgeben, dem Volke nur von der Geistes­freiheit zu sprechen oder ihm statt der wirklichen sozialen Freiheit das Phantom eines »freien Staates« vorzuhalten. Das Volk, das »im Schweiße seines Ange­sichts«, wie die Bibel lehrt, arbeiten muß, um sein elendes Dasein zu fristen — das Volk, das nicht frei tätig sein kann — dieses Volk (und ihr kennt kein anderes) dieses Volk, sagen wir, bedarf der Religion; sie ist seinem gebrochenen Herzen ein selten so unerläßliches Bedürfnis wie der Branntwein seinem schmachtenden Magen, und es ist eine grausame Ironie, von Sklaven oder Verzweifelnden Nüch­ternheit und Heiterkeit des Geistes zu verlangen. Solange ihr das Volk nicht aus dem Zustande des Tieres erheben könnt oder wollt, lasset ihm auch das Bewußt­sein oder vielmehr die Bewußtlosigkeit des Tieres. Solange das Volk in materieller Knechtschaft und Elend schmachtet, kann es nicht geistig frei sein; das Unglück kann wohl in letzter Instanz die religiöse Selbstverleugnung, aber nicht das philo­sophische Selbstbewußtsein erzeugen.

Ebenso nutz- und fruchtlos ist aber auch andrerseits, das Volk zur wirklichen Freiheit zu erheben, es an den Gütern des Daseins zu beteiligen, ohne es von der geistigen Knechtschaft, von der Religion zu befreien. Es gibt nur eine Freiheit! Man kann nicht sagen, daß die eine der andern, z. B. die soziale der geistigen vorhergehen müsse. Die geistige und soziale Knechtschaft ist ein Kreis, dessen diabolische Macht nur gebrochen werden kann, indem man aus demselben heraus in die gesunde Lebensphäre der Freiheit tritt und so dem Zauber mit einem Schlage ein Ende macht. Ein Volk, das nicht selbständig denkt, kann auch un­möglich selbständig handeln. Die Religion kann wohl das unglückliche Bewußt­sein der Knechtschaft dadurch erträglich machen, daß sie dasselbe bis zur Zerknirschtheit steigert, in welcher jede Reaktion gegen das Übel und somit jeder Schmerz aufhört – wie das Opium in schmerzlichen Krankheiten gute Dienste leistet – der Glaube an die Wirklichkeit der Unwirklichkeit und an die Unwirklichkeit der Wirlklichkeit kann wohl den Leidtragenden eine passive Gefühlsselig­keit, eine tierische Bewußtlosigkeit, aber nicht die aktive Energie, nicht die männliche Tatkraft geben, bewußt und selbständig gegen das Unglück zu reagie­ren und sich vom Übel zu befreien. Die wirkliche und die geistige Knechtschaft, das Unglück und die Religion, bedingen sich gegenseitig und so wie die wahre Religion, das Christentum, historisch nachweisbar eine Tochter des Unglücks ist, so hat das Unglück wiederum seine größte Stütze und die stärkste Garantie seiner Fortdauer in der Religion. – Die dem Volke die soziale Freiheit ohne die geistige geben wollen, unternehmen ein ebenso unmögliches Werk, wie die Philosophen, die die Geistesfreiheit allein vorbereiten möchten. Indem sie neben der sozialen Freiheit die geistige Knechtschaft, die Religion, bestehen lassen, heben sie mit dieser Knechtschaft jene Freiheit in dem Augenblicke selbst wieder auf, wo sie dieselbe als wirklich setzen. Denn die Religion betrachtet die wirklichen Güter der Welt als äußerliche, die Religion spaltet das einige Leben entzwei, weil sie eben ein Produkt des unglücklichen Bewußtseins ist. Der religiöse Mensch kann nicht nach wirklichen Gütern streben, denn dieses Streben wird unter seiner Hand entweder zu materieller Genußsucht oder zur Ironie, die das Gegenteil dessen ist, was sie zu sein scheint. — Die also eine soziale Freiheit ohne die geistige wollen, machen mit der Freiheit ebenso wenig Ernst als diejenigen, die eine geistige ohne eine soziale Freiheit zu erstreben scheinen. Im besten Falle schlägt ihr Streben nach einem unabhängigen Dasein in materielle Genußsucht um. Der wahre Genuß, die freie Tätigkeit des menschlichen Willens, existiert für den geistig unfreien, für den religiösen Menschen gar nicht. Die Religion verdammt die menschliche Neigung als das Böse. Des Menschen Wille, sagt sie, ist böse von seinem Ursprünge an. Was in der Freiheit das ursprünglich Gute, das ist in der Knechtschaft das ursprünglich Böse. Der freie Wille, die menschliche Neigung zur freien Tat kann von dem System der Knechtschaft nicht als das Gute anerkannt werden, und wo der Tod als das wahre Leben angepriesen wird, da muß natürlich das wahre Leben als der Tod erscheinen und verdammt werden. Wollt ihr also mit eurer Freiheit Emst machen, so bleibt nicht auf halbem Wege stehen. Begnügt euch nicht damit, diese oder jene Form der Knechtschaft anzu­greifen; verfolgt und zerstört die Knechtschaft von Grund aus: seid radikal! Es gibt nur eine Knechtschaft, wie es nur eine Freiheit gibt! Das Wesen des Men­schen, das Spezifische, wodurch er sich vom Tiere unterscheidet, besteht eben in seiner freien, von jedem äußern Zwange unabhängigen Tätigkeit. Diese Freiheit ist, wie das einzige Leben, so auch der einzige Genuß des Menschen. Solange diese eine und ganze Freiheit nicht hergestellt ist, lebt der Mensch nicht rein mensch­lich, sondern mehr oder weniger tierisch; er hat entweder ein unglückliches Be­wußtsein, das Bewußtsein seines Elends, oder er schwelgt in Müßiggang und materieller Genußsucht, greift zu den bekannten betäubenden Mitteln, zu Opium, Religion und Branntwein, ertötet so alles Lebensbewußtsein in sich und sinkt zum Ideal aller Brahminen, Rabbinen und Mönche, aller Pfaffen, Pietisten und Mucker hinab.

Der Unterschied zwischen der geistigen und sozialen Knechtschaft, zwischen der religiösen und politischen Regierungskunst ist nur ein formaler; jene will den Menschen einer überirdisch-irdischen, diese will ihn einer irdisch-überirdischen Macht unterwerfen. Beide vernichten alle sittliche Macht, alle Freiheit im Men­schen und in der Welt, im Geiste und in den objektiven Schöpfungen desselben. An die Stelle des Rechtes und der Gerechtigkeit setzen sie die Gnade und das Vertrauen auf äußere Mächte. Die himmlische Regierung ist die beste Stütze der irdischen und diese wiederum der himmlischen. Beide erreichen ihr Ziel, die Ver­nichtung aller Freiheit und jedes wahren menschlichen Lebens, auf dieselbe Weise, indem sie nämlich den Lebensnerv der Freiheit, die Einheit von Arbeit und Genuß, zerschneiden, und den Menschen in zwei Wesen teilen, in einen arbeitenden Sklaven und in ein genießendes Tier. »Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten – ruhen!« lehrt die Bibel, und unsere Staatsmänner finden diese Lehre noch immer sehr weise, obgleich sie das Motiv dieses Gebotes (»weil Gott in sechs Tagen die Welt erschaffen, am siebenten aber geruht hat«) nicht eben billigen; denn sie denken sich die Trennung von Arbeit und Müßiggang schon nicht mehr als ein göttliches Ideal. Ihr Gott ist wenigstens kein Fabrikarbeiter mehr! – Dagegen finden es unsere Politiker noch immer sehr angemessen, daß das Volk an ein »jenseitiges« Leben glaube und »diesseits« dafür »bete und arbeite«; ja, sie sind sogar gutmütig genug, ihm schon auf Erden einen Vor­geschmack des himmlischen Genusses zu geben, wie denn die konsequentere österreichische Regierung ebensosehr die Genußsucht ihrer Untertanen fördert, als in Bayern und Preußen der Glaube poussiert wird. »Zwei Blumen blühen« noch immer in Deutschland für den »weisen Finder«: Genieße, wer nicht glauben kann, heißt es in Österreich. Wer glauben kann, gehe nach Bayern oder Preu­ßen! – Aber »die Weltgeschichte ist das Weltgericht« . . .

So wenig Unterschied zwischen der geistigen und materiellen Knechtschaft, eben­sowenig Unterschied besteht zwischen der geistigen und materiellen Freiheit. Man kann nicht die eine ohne die andere verteidigen oder gar ins Leben rufen und es ist nicht gerade nötig, daß das Volk in Elend schmachte, um die soziale Frei­heit, oder daß es unter der Pfaffenherrschaft seufze, um die Geistesfreiheit wün­schenswert zu finden. Es ist vielmehr gewiß, daß überall, wo nicht die eine und ganze Freiheit existiert, auch keine Garantie gegen die äußerste Knechtschaft vor­handen ist. Ein Volk, das frei sein will, muß auch das letzte Gewebe der Lüge und des Truges zerreißen, welches die Wahrheit verschleiert. – Möglich, daß die geistige und materielle Knechtschaft dem Volke erst in ihrer unerträglichsten Gestalt als ein Übel zum Bewußtsein kommt; möglich, daß diesem Übel nicht vorgebeugt werden kann, daß es vom Volke selbst erst erlebt werden muß und die wahre Freiheit nur durch Blut erkauft werden kann; möglich, daß Staat und Kirche erst wieder einige Schritte zurück tun und in ihrer wahren, ursprünglichen Gestalt auftreten müssen, um dem Volke die Erscheinungen der Religion und Politik, die von der Wahrheit einen Heiligenschein abgeborgt haben, in ihrem Wesen und Prinzip kennenzulernen – die neueste Geschichte scheint sogar auf eine solche Entwicklung durch die überall sich kundgebende religiöse und politische Reaktion hinzudeuten – möglich also, sagen wir, daß das Maß des Übels, welches uns durch die mittelalterlichen Institutionen der Religion und Politik beschieden worden, noch nicht voll ist, daß die Giftbrut so lange anschwellen muß, bis sie von selber berstet und die Lüge also noch eine kleine Weile Frist hat: das aber darf uns nicht abhalten zu bekämpfen, ja bis in den Tod zu verfolgen und mit der Wurzel auszureißen, was wir schon lange als den großen Feind der Volksfreiheit und alles menschlichen Lebens erkennen. – Gewisse Leute, die nichtsdestoweniger als Volks- und Freiheitsverteidiger gelten wollen, scheinen anderer Ansicht zu sein. So wie wir der Überzeugung leben, man könne dem Übel nicht früh genug vorbeugen, so scheinen jene sogenannten Liberale der Ansicht zu huldigen, man könne ihm nicht spät genug steuern. Charakteristisch ist in dieser Beziehung, was neulich in der Augsburger Zeitung dem »preußischen Kommunismus« vorge­worfen wurde. In Deutschland, wird hier unter andern ähnlichen Gründen gegen die in Rede stehende Geistesrichtung vorgebracht, in Deutschland sei das Volk ja noch nicht am Verhungern wie in England. Nach diesem Räsonnement be­stimmt nicht Kopf und Herz, sondern der Magen die Wahrheit und das Zeit­gemäße ihrer Erscheinung. Wir unsrerseits glauben dagegen, daß eine Wahrheit zeitgemäß ist, sobald sie erkannt wird — und wir wollen nicht warten, bis eine Hierarchie und die rohe Gewalt der Industrieritter das Volk geistig und leiblich knechtet, um erst dann, wann es vielleicht wieder zu spät ist, gegen die mittel­alterlichen Institutionen, gegen Staat und Kirche zu Felde zu ziehen. Wir wollen die innere Lüge aller Religion und Politik, sowie den innigen Zusammenhang der geistigen und sozialen Freiheit aufdecken.