[Kölner Zeitung. Nr. 231. 19. Aug. 1843]
*** Paris, 15. Aug. Die Reformideen im socialistischen Sinne gewinnen täglich neue Anhänger, wie man dies am besten aus den neu entstehenden Journalen und, bei aufmerksamerer Beobachtung der Presse, auch aus den alten Journalen ersehen kann. Diese letzteren müssen schon deßhalb von der socialistischen Literatur Notiz nehmen, weil sie sich jetzt nicht mehr, wie früher, auf Bücher und Broschüren oder Zeitschriften allein beschränkt, sondern ihre Tagblätter hat. Wenn man bedenkt, mit wie großer Schwierigkeit die Herausgabe eines täglich erscheinenden Blattes hier verbunden ist und wie schwer es überhaupt einem neuen Journale wird, sich neben den vielen alten Bahn zu brechen, so begreift man, daß eine Partei, die es schon zu einem Journale gebracht hat, eine Macht ist, wie es umgekehrt mit einer Partei, die schon Jahre lang ihre Journale hat und aus Mangel an Abonnenten auf die fernere Herausgabe derselben Verzicht leisten muß, schlimm genug steht. Der „National“, der weder zu den reformscheuen Anhängern der Dynastie, noch zu den Socialreformern, sondern zu den rationalistischen Politikern gehört, deren Ziel und Ende eben das herrschende System der Bourgeoisieregierung ist, der „National“ wird diesem tragi­schen Schicksale nicht lange mehr ausweichen können. Dagegen hat sich das Blatt der Socialisten, die „Phalange“, welche bis zum August nur dreimal wöchentlich erschien, jetzt unter dem veränderten Titel „Democratie pacifique“ zum Journal erhoben. Die Partei dieser Socialisten vereinigt zwar wenige Talente und hat in der That in neuerer Zeit fast nichts geleistet. Die Leistungen anderer Schriftsteller und sonstiger Celebritäten, die Socialisten sind, vor allen Dingen Lamartine und Proudhon, haben vielleicht mehr Leser für das neue socialistische Blatt gewonnen, als die Fourieristen selbst. Indessen hat diese socialistische Partei das Verdienst der Vermittlung, d. h. nicht etwa einer Vereinigung verschiedener auseinandergehender Reformbestrebungen zu einem umfassendem Reformprincip; sie ist vielmehr so nachgiebig und gleichsam elastisch, daß sie Allen Alles Recht machen kann. Ein solches Blatt ist für gewisse Zeiten und Umstände ein unentbehrliches Bedürfniß; es ist ein Zwittergeschöpf, das den Übergang aus einer niedrigen Schöpfung zu einer höhern bildet und, wie jene, zu Grunde geht, sobald diese ins Leben tritt. Es ist komisch, daß das erwähnte Blatt der Fourieristen sich zur Aufgabe stellt, Dinge zu vereinigen, die entweder ihrer innern Natur nach nicht zu vereinigen sind, oder deren Natur ihm ganz unbekannt ist. So will es z. B. den Absolutismus mit der Freiheit, das Bour­geoisieregiment mit der Gleichheit, Deutschland mit Frankreich ganz friedlich ver­einigen. Zum letztgenannten Vorhaben, würde doch vorab eine genaue Kenntniß der deutschen Zustände, des deutschen Geistes und der neuesten Geschichte Deutsch­lands gehören. Von alle dem wissen aber die Redactoren der ehemaligen „Phalange“ wenig oder nichts, und bilden sich ein, die deutsche Nation der französischen nähern zu können, wenn sie Alles ohne Kritik loben, was Deutschland angehört, namentlich die deutschen Professoren und Potentaten — als ob solche wohlmeinende Urtheile allein hinreichten, Deutschlands und Frankreichs Geschicke dauerhaft zu verschmel­zen ! Ist es nicht zum Lachen, in einem und demselben Blatte einen deutschen Fürsten und Arnold Ruge, den „Begründer der neuhegel’schen Schule“ (!) auf die freundlichste Weise, die man sich nur denken kann, behandelt zu sehen? — Die Franzosen sehen wohl ein, daß ihnen eine Beschäftigung mit Deutschland Noth thut; aber auch die Besten können es nicht über sich gewinnen, die deutsche Sprache zu lernen, ohne welche Deutschland doch wohl nicht studirt werden kann. Das neueste Werk Proudhon’s De la creation de Vordre dans l’humanité398, worin viel von Philosophie und Metaphysik und namentlich auch von deutscher die Rede ist, legt hierfür den spre­chendsten Beweis wieder ab. Es dürfte kaum noch ein Mensch in unserer Zeit leben, der so viel Wissensdrang hat und so vielseitig gebildet ist, wie Proudhon. Aber, wo es sich um deutsche Wissenschaft handelt, da sehen wir auch Proudhon, das größte Genie des jetzigen Frankreichs, scheitern!