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Um 1885, zehn Jahre nach dem Tod von Moses Hess, übergab seine Witwe Sibylle Hess dem Parteiarchiv der SPD in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Manuskripte, Briefe und Akten. 1902 erhielt schließlich Paul Trapp, Vertrauensmann der SPD in Paris, von Sybille Hess die Vollmacht, den Rest des Nachlasses zu sichten und dem Parteiarchiv zuzuführen.

Zu gleicher Zeit versuchten Angehörige der jungen zionistischen Bewegung, aus dem Nachlass Schriftstücke zu erhalten, welche im Zusammenhang mit den jüdischen Schriften von Moses Hess (angefangen mit „Rom und Jerusalem“) standen. In ihrem Auftrag setzte sich Arthur Meyerowitz mit Paul Trapp in Verbindung. Er wurde in seinen Bemühungen von Eduard Bernstein unterstützt, der damals zwar, wie im Grunde die gesamte Sozialdemokratie, den Zionismus ablehnte, aber die Schriften von Moses Hess kannte und schätzte. In „Documente des Socialismus“ hatte er eine deutsche Ubersetzung von Hess‘ „Jugement dernier du vieux monde social“ mit einem Kommentar veröffentlicht, welcher das Verdikt von Marx und Engels gegen Moses Hess relativierte. Jedenfalls hatte er volles Verständnis für die Anliegen der Zionisten und informierte in diesem Sinn den Parteivorstand der SPD.

Was Bernstein aber nicht vorausgesehen hatte, war die heftige, bis ins Persönliche gehende Ablehnung, der ihm seit dem „Richtungsstreit“ innerhalb der SPD vom Parteiestablishement entgegenschlug. Weiters unterschätzte er die Gehässigkeit führender Parteimänner, die nicht bereit waren, sich mit einer Angelegenheit, die absolut nichts mit Bernsteins Revisionismus zu tun hatte, sachlich auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, sie nützten die Gegenteil, im intimen Briefwechsel einander an politischer und menschlicher Erbärmlichkeit zu übertreffen.

So schrieb Julius Motteler, SPD-Abgeordneter und verdienter Förderer des Parteiarchivs, an Karl Kautsky:

„Die Sehnsucht, das bei Trapp noch ungesichtet liegende Material von Hess rechtzeitig abknobeln zu können, bestimmten unsern Pfadfinder Ede [gemeint war Bernstein], den Parteivorstand gelegentlich wissen zu lassen, dass ein Herr Meyerowitz, Berlin, bezüglich des Nachlasses des Genossen Hess mit Paul Trapp, Paris, korrespondiere, … Die Frau neigt nicht zu Rom und Jerusalem, sondern will ihren Mann als Parteigenossen zur unbeschnittenen Geltung kommen sehen, — im Fahrwasser der dynamischen Arbeit Hessens. — Weder für die ,Zionisterei‘ noch für Hessens Glorifikation als Bahnbrecher derselben ist sie zu haben.
Was einschliesslich Hessens zwei Tagebücher von 1835 her, in Trapps Hand ist und vorläufig bleibt, ist vormarxistischer Herkunft.“

Karl Kautsky, die unbestrittene politische und theoretische Autorität der deutschen Sozialdemokratie, antwortete umgehend:

„Die Affäre Meyerowitz-Bernstein-Hess erscheint mir sehr belustigend. Nichts wäre schöner, als wenn Bernstein sich zum Zionismus revidierte, und wenn ich dabei mit helfen könnte, möchte ich es tun. Die Zionisten brauchen einen Propheten, Bernstein braucht Gläubige für sein Prophetentum, und wir brauchen ihn nicht. Also wäre allen Beteiligten geholfen. Man sollte Theodor Herzl und Nordau auf die neue Kraft aufmerksam machen.“

In dieser Weise ging es einige Zeit hin und her, schreibt Silberner abschließend in sehr zurückhaltender Weise, nämlich kommentarlos, zu diesen ekeligen und antisemitisch konnotierten Bemerkungen von immerhin von zwei Spitzenpolitikern der SPD.

Als sich der Nachlassverwalter Trapp dafür einsetze, dass vor einer eingehenden Nachlassprüfung (gemeint war durch Karl Kautsky) das Material zusammen bleiben sollte, war es entschieden: alles landete im Parteiarchiv der SPD und die Zionisten gingen leer aus, wie es Motteler überaus sensibel formulierte:

„dass der Parteivorstand dafür sorgt, dass die ,Schnüffelnasen es nur beim Schnüffeln belassen müssen“.

Karl Kautsky übernahm die Tagebücher zur Bearbeitung, doch er bearbeitete sie nicht. Auch sonst war innerhalb der SPD das Interesse an Moses Hess gering.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass die erste umfassende Biographie von Moses Hess von Theodor Zlocisti, einem der frühesten Zionisten, stammt, der auch die Herausgabe wesentlicher Schriften besorgte.

Das Parteiarchiv bestand bis 1933 in Berlin. Glücklicherweise ist es gelungen, alle wichtigen Nachlässe, darunter auch den Hess-Nachlass, vor den nationalsozialistischen Barbaren ins Ausland zu retten, wo sie vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte erworben wurden.
Dem Institut gelang es auch, seine Archivbestände vor der Nazi-Besetzung Hollands nach England zu verschiffen, von wo sie nach der Befreiung wieder nach Amsterdam gebracht wurden und wo sie heute noch sind. Nach Edmund Silberner liegt dort noch eine Menge unveröffentlichtes Material, wie die Tagebücher, die einer Edition mehr als würdig wären.

 

Artikel basiert auf der Darstellung Edmund Silberners in seinem Vorwort zum Moses-Hess-Briefwechsel. S 8f., sowie weiteren Recherchen.