[Kölner Zeitung. Nr. 270. 27. Sept. 1843]
*** Paris, 23. Sept. Die Anarchie der materiellen Interessen wird täglich drohender. Die Weinbauer aus dem Süden widersetzen sich förmlich dem Gesetze, dem allge­meinen Staatsinteresse, in Bezug auf die Abgaben, welche auf dem Weine lasten — wie sich im vorigen Jahre das nördliche industrielle Frankreich gegen die Union mit Belgien auflehnte, nicht etwa in Rücksicht auf das Interesse des ganzen Landes, sondern wegen eines egoistischen Interesses von Privatleuten. Die Regierung kann diese Conspiration der Privatinteressen nicht besiegen, wird vielmehr selbst durch diese Associationen des Egoismus in ihren Handlungen gelähmt und besiegt, und zwar daher, weil sie ihrem eigenen Principe untreu, sich selbst lähmend, nicht das Gesetz oder die Humanität, sondern die Willkürherrschaft, den Egoismus anerkennt. Die moderne Gesellschaft, welche zunächst als Centralmacht der Bildung durch monarchi­sche Institutionen im Gegensatze zur mittelalterlichen Barbarei, zur Willkürherr­schaft und zu den seither wieder sehr angepriesenen Associationen des Egoismus (Stände und Corporationen) ihren Anfang nahm, diese moderne Gesellschaft strebt jetzt mittelst der französischen Revolution durch Ausbreitung der Bildung im Volke zur Herrschaft der Vernunft und Gerechtigkeit, zur wahren Demokratie hin, oder den Associationen der Humanität, d. h. einem socialen Leben entgegen, in welchem die egoistischen Privatinteressen sich ausgleichen und aufheben. Aber die mittel­alterliche Barbarei und die moderne Bildung, der Egoismus und die Humanität, sind noch im Kampfe, und die Reaction der mittelalterlichen Barbarei gegen den Humanismus tritt jetzt um so stärker hervor, weil, wie gesagt, die moderne Regierung ihrem eigenen Ursprünge untreu, die Privatwillkür begünstigt, und sie redet wiederum deßhalb der Privatwillkür und dem egoistischen Interesse überall das Wort, weil in ihr selbst das Princip der Willkür und des Privatinteresses noch nicht aufgehoben ist. Aber auch die Opposition hat noch keineswegs überall dieses barbarische, mittel­alterliche Princip überwunden; vielmehr ist die geheime Triebfeder der mit Unrecht „liberal“ genannten Opposition nur zu oft dasselbe rohe, versteckte Privatinteresse, welches sie bekämpfen soll und oft auch zu bekämpfen scheint. Aber freilich den Schein der humanen Bestrebungen gibt sich auch die Regierung, so daß im Grunde kaum ein Unterschied zwischen der sogenannten liberalen Opposition und dem System der Regierung obwaltet. Heute spricht das Regierungsblatt „Journal des Debats“4gegen den Egoismus der materiellen Interessen, dem es gestern noch, um den demokratischen Bestrebungen der Zeit entgegenzutreten, das Wort redete. Heute bekämpft ein liberales Oppositionsblatt, der „Commerce“, die Anmaßungen der Weinbauer, während es jene der Nordindustrie im verflossenen Jahre vertheidigte. Das Verderbniß, das reactionäre Princip, ist also auf beiden Seiten und wir finden nur liberale Heuchelei überall, wo nicht eingesehen und bekannt wird, daß das böse Wesen unsrer Zeit, das eigentlich negative, destructive und nihilistische Element im Privatinteresse, dagegen das gute Wesen der Zeit, das wahrhaft positive und humane Element, in der Kritik jener barbarischen, rohen, egoistischen Inter­essen und in allen Bestrebungen nach Einheit, Gemeinschaftlichkeit, Ausgleichung und somit in der definitiven Aufhebung der Privatinteressen zu suchen sei. Wenn wir Leute, wie Don Miguel, oder wie die Vertreter der Romantik, den Associationen des Egoismus huldigen sehen, so finden wir dies ganz in der Ordnung und freuen uns darob, weil diese Leute, obgleich sie ihre Tendenzen verbergen möchten, doch be­kannt genug sind — so wie man andrerseits nichts dagegen haben kann, es vielmehr billigen muß, wenn vom modernen Gesichtspunkte, der freien, humanen Association aus der rohe Communismus eines Weitling oder Cabet kritisch vernichtet wird, ob­gleich man wiederum das bornirte Gerede der Aberweisheit, die ohne Bedenken Humanismus und Communismus, Proudhon und Cabet, das radical demokratische Princip und den rohen Weitling’schen Dogmatismus durcheinanderwirft, die nicht
250 einmal das allgemeine Princip der modernen Gesellschaft erfaßt hat und sich dennoch berufen glaubt, im hohen Rathe der öffentlichen Meinung den Vorsitz zu führen, nur mit verächtlichem Achselzucken zurückweisen kann.