Erster Brief

Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Lehrer, der an der israelitischen Schule in Frankfurt am Main Religionsunterricht erteilte, von meiner damaligen Absicht, über die Mission Israels zu schreiben.

„Mission“, unterbrach er mich lächelnd, „ich gestehe keine solche der jüdischen Religion zu!“

Eine noch entmutigendere Antwort, von einem noch hämischeren Lächeln begleitet als das des Frankfurter Lehrers, erteilte mir ein anderer deutscher Israelit, eiu Doktor der Medizin, dem ich das grosse, sich bereits meiner ganzen Seele zu bemächtigen beginnende Interesse verständlich zu machen wünschte, das ich für eine heilige Sache empfand.

„Ach so! sagte er, „Sie wollen sich wohl noch einmal beschneiden lassen?“ —

Diese ehrlichen, sonst sehr intelligenten Leute, sehen in der Religion unserer Väter nur eine Betätigung des individuellen Gewissens; das Verständnis der Geschichte, oder der historische Sinn, wenn ich es so nennen darf, fehlt ihnen ganz. — In der Tat, man braucht einen besonderen Sinn zur richtigen Bewertung der Geschichte, wie man ihn für die Kunst, für die Wissenschaft, für das philosophische Denken braucht.

Das in anderen Beziehungen so intelligente vergangene Jahrhundert hatte die Rolle der grossen historischen Rassen nicht zu würdigen verstanden, ein Wissenszweig, der in dem jetzigen Jahrhundert so stark gepflegt wird. Aber die Resultate dieser Studien, die noch zu jung sind, um schon ihr letztes Wort gesprochen zu haben, sind noch weit davon entfernt, allen gebildeten Menschen bekannt zu sein, sie sind noch nicht populär. Viele aufgeklärte Menschen, speziell unter unseren Glaubensgenossen, die bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gewaltsam aus dem Lauf der Geschichte ausgeschlossen gewesen sind, ahnen kaum etwas davon; sie gehören, was ihre geschichtsphilosophische Anschauung betrifft, noch zum vorigen Jahrhundert; für sie ist die Geschichte, wie sie heute von den hervorragendsten Männern verstanden wird, nur ein abstrakter Begriff. Sie sehen in der Geschichte nur Individuen; sie sehen in ihr weder Rassen, noch historische Völker. Wie sollten sie also die Rolle dieser Rassen und Völker oder die Mission zu schätzen wissen? — Wenn diese Menschen auch nicht bestreiten können, dass Israel der älteste Sohn der einzigen Religion der Humanität ist, so schreiben sie doch diese Besonderheit Israels nicht dem hervorragend religiösen Charakter dieses Volkes zu, welches seit seiner Entstehung das Genie besessen, die Religion der Humanität zu erschaffen, sondern dem Zufall, der es fugte, dass es einmal unter ihnen einen gottbegeisterten Mann gegeben, Namens Moses, der die erhabene Lehre, die man seiner persönlichen Initiative zuschreibt, eben so gut jedes andere beliebige Volk hätte lehren können, wie er sie Israel gelehrt hat. — Einmal in diese Lehre eingeweiht, wären auch die Israeliten die Träger dieser Religion geblieben, die sich seither nicht mehr hätte entwickeln können, sondern im Gegenteil degeneriert wäre und heute zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückgeführt werden müsste. Nach dieser modernen Weisheit ist die ganze Mission Israels durch die Mission Mose erfüllt, wie sie abgeschlossen sein soll nach der gleichartigen christlichen Weisheit durch die Mission Jesu Christi.

Diese zu leichte Art, sich über die grosse historische Entwickelung der Menschheit Rechenschaft abzulegen, wird ebenso von der Wissenschaft und Kritik verurteilt wie von einer gesunden Geschichtsphilosophie.

Ich spreche nicht von dem rohen Glauben, der Gott auf das Niveau kindlicher Intelligenz herabdrückt, weil er sich nicht über die Sinneseindrücke erheben kann; ich spreche von der Religion gereifter, intelligenter Männer, deren religiöse Begriffe auf der Höhe der Wissenschaft und Philosophie stehen. — In keiner historischen Epoche hat es in der Tat eine die Geister beherrschende Religion gegeben, die nicht auf der Höhe der erworbenen Wissenschaft stand, welche — ich gehe noch weiter — nicht im Prinzip deren Resultat und Synthese war, so unbestimmt auch die Form sein mochte, in welcher die hohe Weisheit der Zeit ihren populären Ausdruck fand. Eine Religion, welche nicht oder nicht mehr fähig ist, sich auf die Höhe der erworbenen Wissenschaft zu erheben, ist eine tote Religion. Nicht so die Religion Israels, deren Entwickelung gerade in dieser geistigen Arbeit besteht: sich immer mit dem Fortschritt der Wissenschaft in Übereinstimmung zu bringen, eine Arbeit, welche bis heute immer den Koryphäen in Israel gelangen ist and welche dank dem göttlichen Charakter unserer Religion immer den von ihrem Geiste Erfüllten gelingen wird.

Die israelitische Religion ist immer, seit unserem ersten Patriarchen, die philosophische Religion par excellence gewesen. Wenn es nichtsdestoweniger einen sehr wichtigen Unterschied zwischen ihr und der eigentlichen Philosophie gibt, so besteht dieser Unterschied darin, dass unsere Religion noch etwas mehr ist. Worin besteht nun dieses Mehr?

Die Philosophie hat nur den individuellen Geist des Menschen zur Grundlage, ein Fundament, das sie nicht würde aufgeben können, ohne aufzuhören, Philosophie zu sein. Unsere Religion hat dagegen zum Ausgangspunkt die Begeisterung einer Rasse, die seit ihrem Erscheinen auf dem Schauplatz der Geschichte die letzten Ziele der Menschheit vorausgesehen und geahnt hat, die messianischen Zeiten, in denen der Geist der Humanität nicht nur in diesem oder jenem Individuum oder auch nur teilweise, sondern in den sozialen Einrichtungen der ganzen Menschheit verwirklicht sein würde, so dass es jedermann gestattet sein würde, alle seine menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Ausser der philosophischen ist unsere Religion auch noch die historische par excellence, und als solche unterschied sie sich von Anbeginn von allen heidnischen Religionen, welche, obwohl sie in gewisser Hinsicht philosophisch und zu ihrer Zeit wissenschaftlich waren, dennoch nur Beziehungen zur Natur hatte unter Ausschluss der Geschichte und der Geschicke der Menschheit.

Zweiter Brief.

Unter den menschlichen Rassen, welche den Erdball bevölkern, gibt es gewisse Gruppen, denen unsere Zivilisation alle Fortschritte verdankt, die seit dem frühesten Altertum bis zu unserer Zeit gemacht worden sind, durch die meistens ungerechten, immer aber barbarischen Kriege hindurch, die diese beweglichen Rassen fast beständig mit einander geführt haben. — Wenn trotz dieser immerwährenden Kämpfe die Kassen, von denen wir sprechen, schon die moderne Zivilisation mit ihren Wundern an intellektuellen und individuellen Schöpfungen hervorgebracht haben, so ist wohl, wie ich glaube, die Hoffnung gerechtfertigt, dass ihr brüderliches Zusammenwirken eines Tages das Ideal sozialer Gerechtigkeit verwirklichen wird, das auf jedem Blatte unserer heiligen Geschiebte von unseren Vätern und Propheten verkündet wird.

Wenn man die Geschichte und Naturwissenschaften zu Rate zieht, kommt man zu der Erkenntnis, dass diese die Initiative gebenden Völker im physiologischen Sinne des Wortes zwei Familien angehören, ebenso wie sie sich in zwei Sprachfamilien teilen, nach welchen man sie indo-europäische und semitische genannt hat. Welches war und welches ist die Rolle jeder dieser historischen Rassen und jedes der Völker, aus denen sie sich zusammensetzen, bei dem Werke, die Menschheit zu ihren höchsten sozialen Zielen zu führen?

So ist das der historischen Wissenschaft heute gestellte Problem, und ich würde glücklich sein, wenn ich durch eine unparteiische Bewertung der Mission unseres Volkes zu seiner Lösung beitragen könnte.

Und so beachte man vor allen Dingen, dass, wenn man heute im allgemeinen an die Einheit des menschlichen Geschlechts glaubt, die ursprüngliche Rassen Verschiedenheit dadurch nicht ausgeschlossen wird; nur mittelst einer langen historischen Arbeit, durch Kämpfe und Streite, die noch lange nicht beendet sind, gelangt die Menschheit dazu, sich als eine Gesellschaft zu konstituieren und anzuerkennen, die durch dieselben materiellen, intellektuellen und moralischen Bedürfnisse geeinigt ist. Und in der Tat ist nur dieser allgemeine Glaube an die Solidarität des menschlichen Geschlechts die Quelle des Glaubens an seine Einheit, der übrigens physiologisch wohl anfechtbar ist und angefochten wird. — Die Einheit des menschlichen Geschlechts ist mehr ein modernes Dogma als ein Resultat der Wissenschaften. — Um dieses Dogma mit dem jetzigen Stand der Wissenschaften in Einklang zu bringen, muss man die ursprüngliche Verschiedenheit der Rassen als seine natürliche Grundlage, ihre Kämpfe als geschichtliche Bedingung und ihr brüderliches Zusammenwirken als Ziel oder Endzweck hinstellen. — So verstanden setzt die Einheit des menschlichen Geschlechts also einen Endzweck in der Geschichte des sozialen Lebens, wie überhaupt in der Gesamtentwickelung der Menschheit voraus.

Heute, wo die Menschheit sozusagen schon diesem brüderlichen Zusammenwirken aller ihrer Glieder, diesem ihr von Anbeginn der Vorsehung gesteckten Ziel nahe kommt, findet sich diese Hypothese von den Endzwecken schon in dem Bewusstsein aller zivilisierten Völker. Aber im Altertum, wo die allgemeine Geschichte der Menschheit noch keine so fühlbare und sichtbare war, wie sie es heute ist, gab es nur ein einziges Volk, dessen moralisches und religiöses Bewusstsein Beziehungen zu dieser Geschichte hatte und ihr einen Endzweck supponierte, ein einziges Volk, welches das Verständnis oder wenigstens die Vorahnung eines Planes der Vorsehung in der Weltgeschichte hatte, und welches diesen Gedanken in einer Literatur zum Ausdruck brachte, die heute von der zivilisierten Menschheit als göttliche Offenbarung verehrt wird. Dieses Volk kennt jedermann; es war eines der ersten auf dem Schauplatz der Geschichte, und es ist heute noch überall da zu treffen, wohin die Zivilisation ihren Fuss gesetzt hat. In ihm hatte sich das Genie der semitischen Rasse im Altertum zu seiner grössten moralischen und intellektuellen Macht entfaltet. Durch dieses Volk wurden alle die anderen Völker der grossen historischen Rassen, die die moderne Zivilisation geschaffen haben, eingeweiht in das Geheimnis des Endzweckes der Geschichte der Menschheit. Dieses Volk endlich ist es, welches sowohl durch seine Religion, als auch durch seine philosophischen und wissenschaftlichen Arbeiten und besonders durch seine soziale Tätigkeit zwei Feinden der Menschen, die auch seine Feinde sind, einen Damm entgegensetzen muss: dem Materialismus, welcher zur Verneinung aller Moral führt, und dem Aberglauben, der den Ruin jeder Religion, jedes Glaubens an die Vorsehung in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit nach sich zieht. — Muss ich noch hinzufügen, dass dieses Volk, von dem ich spreche, das Volk Israel ist?

Seltsam! Dieses im Vergleich zu den anderen geschichtlichen Völkern an Zahl so geringe Volk ist immer von der Macht der Geschehnisse fortgerissen worden, mit den mächtigsten Völkern der Geschichte in die Schranken zu treten, und, was noch seltsamer ist, es ist in diesen ungleichen Kämpfen niemals ganz unterlegen.

An den Grenzen Asiens, Afrikas und Europas hat es sich als freie und unabhängige Nation aus der ägyptischen Sklaverei befreit: der erste Kampf mit dem ältesten und in der Zivilisation vorgeschrittensten Volke, von dessen wechselnden Geschicken uns die Kapitel des Pentateuchs erzählen. Als Nation konstituiert, hat es mit den Assyrern, den Babyloniern, den Persern, den Hellenen, den Römern zu kämpfen, ohne von seinen beständigen Kämpfen zu reden, die es mit den kleinen Völkern und mit den inneren Feinden seiner Religion zu bestehen hatte, die jedoch nicht die am wenigsten gefahrlichen waren. — Aus seinem Vaterlande vertrieben, über die ganze Welt zerstreut, allen materiellen und moralischen Qualen unterworfen, deren Mannigfaltigkeit und Intensität alles übertrifft, was die fruchtbarste Phantasie erfinden könnte, hat es sich als Volk erhalten, mit seinen Traditionen undseinem göttlichen Glauben, indem es gegen eine Welt von Barbaren und gegen die nocb furchtbareren Verfuhrungen einer unmoralischen und skeptischen Zivilisation ankämpfte. Soll man glauben, dass ein solches Volk mit einer solchen Geschichte keine Zukuuft, keine Mission mehr in der Weltgeschichte zu erfüllen hat? —

Ja, wenn es möglich wäre, dass die Menschheit ihr Endziel durch die allseitigen Fortschritte der Industrie, der Wissenschaften und Künste erreichen könnte ohne einen starken Glauben an die Vorsehung, die ihre hohen sozialen Geschicke leitet, diese Grundlage aller menschlichen Moral, die das Opfer des Egoismus verlangt — oder, wenn es ausserhalb dieses israelitischen Gewissens, das der Menschheit schon einmal eine allgemeine Religion gegeben, es noch Glaubensformen gäbe, die zugleich kraftvoll und aufgeklärt, geschützt vor Skeptizismus und Aberglauben wären, — in diesen beiden Fällen, gestehe ich, würde Israel seine Rolle ausgespielt haben, die immer eine moralische und religiöso Bedeutung gehabt hat und auch in Zukunft keine andere haben kann.

Aber wenn es mir gelänge, zu zeigen, dass weder die erste, nocb die zweite Hypothese durch die Erfahrung gerechtfertigt ist, und dass nur Israel allein immer aus den Quellen seines eigenen Genies und seiner nur ihm eigentümlichen Traditionen schöpfend imstande sein wird, altersschwache Religionen durch die Regeneration seiner eigenen Religion neu zu beleben; — wenn es mir endlich gelingen könnte, zu beweisen, dass eine solche religiöse Regeneration kaum denkbar ist ohne eine nationale Regeneration Israels — dann wird man zugeben müssen, dass unser Volk noch eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen haben wird als diejenige, von der seit einem halben Jahrhundert einige Reformer, besonders unter unseren Glaubensgenossen in Deutschland, geträumt haben.

Dritter Brief.

Die Religion Israels ist nicht wie die der Christen und Mohamedaner auf eine schon bestehende Religion gepfropft, die von einer begeisterten Einzelperson reformiert worden ist. Sie ist wie die primitiven Schöpfungen der indo-europäischen Rassen das spontane Werk einer ganzen Rasse. Und ebenso wie das schöpferische Genie der indo-europäischen Rassen seinen klassischen Ausdruck in Griechenland gefunden hatte, hatte das der semitischen Rassen ihn in Juda gefunden. Daher ist auch der ungeheure Einfluss, den die Werke der Israeliten und der Griechen auf alle historischen Völker ausgeübt haben, ohne Gleichen in der Geisteswelt. Sie waren und werden für immer die granitenen und erzenen Grundlagen des ganzen sozialen Gebäudes und seiner Entwickelung bleiben. In den Werken dieser beiden auserwählten Völker findet man alle die höheren Eigenschaften, durch welche sich die menschliche Seele von allen anderen lebenden Wesen unterscheidet. Nur sind diese Eigenschaften gewissermassen zu gleichen oder gleichwertigen Teilen unter diesen beiden klassischen Völkern verteilt, von denen das eine vom Prinzip des Schönen und Wahren, das andere von dem des Guten und Gerechten durchdrungen ist. Die Hellenen haben erhabene Werke geschaffen, die Israeliten heilige. Philosophie, Kunst und Wissenschaften, Werke, welche Beziehungen zur Natur im allgemeinen und zum Menschen insofern hatten, als er ein natürlicher, vollkommener Organismus ist, waren der Anteil der Hellenen, während die Werke hoher Moral und humaner Religion, welche Beziehungen zum Menschen als zu einem vervollkommnungsfähigen sozialen Wesen haben, das Erbe der Israeliten waren.

Will man noch tiefer in das Genie der Rassen eindringen, dann analysiere man die elementaren Gefühle, die sich in allen ihren grossen Werken wiederfinden: Ruhe, Betrachtung, Reproduktion alles dessen, was in der vollendeten Schöpfung existiert, bei den einen; Streben nach dem Unbekannten, Agitation für alles, was in der menschlichen Welt sein soll, deren Schöpfung noch nicht vollendet ist, mit dem Bestreben, sie ganz aus einem Guss zu schaffen, bei den andern. — Einerseits der weise Genuss der Gegenwart; andererseits dio feste Hoffnung auf die Zukunft.

Mit solchen primitiven Bestrebungen führte die eine dieser beiden historischen Rassen im Altertume zum Kultus der vollendeten, unendlich mannigfaltigen Schöpfung voller Harmonie und Reiz; die anderen zum Kultus des Schöpfers einer Welt, die dank dem beständigen Eingreifen ihres Schöpfers erst vollkommen wird. Dieses Eingreifen des Schöpfers, das immer unerlässlich sein wird, so lange es eine unvollendete soziale Gesellschaft geben wird, hat einen Kultus hervorgebracht, der von den modernen Philosophen und ihren Anhängern unter unseren Glaubensgenossen wenig oder garnicht verstanden wird. — Mitten in einem Labyrinth von sich widersprechenden Ereignissen und Tendenzen, welche die gediegensten Geister erschüttern, ist die israelitische Tradition der Ariadnefaden, der die Menschheit durch den moralischen und religiösen Skeptizismus hindurch bis zur messianischen Epoche fuhrt, dieser Seele des historischen Kultus par excellence.

Wenn man gut von diesen Grundgedanken unseres Kultus durchdrungen ist, wird an ihm alles klar, bis zu den Verirrungen des Gefühls und der Phantasie, bis zu den Schwächen und Vorzügen Israels.

Leider haben unsere Glaubensgenossen unseren Kultus wenig oder garnicht verstanden. Alles muss wieder in der modernen Bewertung, sowohl seitens der sich für Orthodoxen Ausgebenden, als auch seitens der angeblich Aufgeklärten umgestaltet werden. Darum würde ich fürchten eine Arbeit zu unternehmen, die in vielen Hinsichten soviel ehrliche Überzeugungen schonungslos verletzen muss, wenn Sie, Herr Redakteur, in Ihrer seltenen und aufrichtigen Unparteilichkeit mir nicht zugebilligt hätten, mir ohne Parteinahme bis zum Schlüsse folgen zu wollen.

Zunächst ist in Verfolgung des Gedankens, dessen hauptsächlichste Züge ich entworfen habe, der israelitische Kultus eng verknüpft und wird es auch immer bleiben mit der Rasse, die ihn hervorgebracht hat, mit dem Volke, das ihn entwickelt hat und das allein ihn wird fortsetzen können. Der Israelit ist nicht geschaffen, um zu bekehren und bekehrt zu werden. Der Kultus Israels ist, was man auch sagen möge, ein nationaler Kultus, wie es jeder primitive Kultus zuerst war. Das hat auch Mendelssohn schon gelehrt, ohne die wahre Ursache hiervon gesagt zu haben. Die übernatürliche Ursache, von der er für seine These ausgegangen ist, ist ein offenbarer Widerspruch seiner rationalistischen Philosophie Daher haben auch seine Schüler, die seine rationelle Philosophie angenommen haben, einen Kultus aufgegeben, der auf übernatürlichem Glauben basiert ist Nach Mendelssohn soll das mosaische Gesetz, das er zuerst in Anbetracht des göttlichen Ursprungs, den er ihm zuweist, mit ziemlich wenig Respekt Zeremoni algesetz nennt, unveränderlich sein, weil der Ewige, in Person auf den Berg Sinai herabgestiegen, es Israel gegeben haben soll, und es wieder eines solchen Aktes bedürfe, um es aufzuheben. Das ist, sagt er, eine Tatsache, deren Zeugen dio Zeitgenossen waren, eine historische Wahrheit, die man nach dem Philosophen von Berlin wohl unterscheiden muss von ewigen Wahrheiten oder Philosophien des Verstandes.

Eine historisch bekannte Tatsache ist, dass dieses Zeremonialgesetz durchaus nicht ganz und gar sinaiischen Ursprungs ist, dass es sich im Gegenteil im Laufe der Geschichte Israels sehr bedeutend entwickelt und verändert bat und dass der Talmud selbst das Zeugnis verwirft, das den Aufstieg Moses auf den Sinai und das Herabsteigen Gottes auf den Sinai buchstäblich annimmt, indem er sagt:

Nie stieg die Gottheit hinunter und Moses in die Höhe!

Soll man sich darüber wundern, dass die moderne Ungläubigkeit sich geweigert hat, der bizarren Zeugenschaft zu glauben, die Mendelssohn anruft für unsere Verpflichtung zu dem Kultus unserer Väter?

Diese Verpflichtung existiert demnach, aber in einer anderen Art und aus einem anderen Grunde als dem, den der Philosoph von Berlin unterstellt hat.

Sie existiert, weil unser Kultus, so wie er sich historisch entwik-kelt hat, das Band ist, welches unser Volk in der Zerstreuung eint und welches für unsere Zukunft die Gewähr bietet, indem es unsere Gegenwart an die Vergangenheit knüpft. Es ist der Saft, welcher von der Wurzel zu den Zweigen und von den Zweigen zur Wurzel auf- und absteigt, um die reife Frucht am Lebensbaume der Menschheit hervorzubringen. Unser Kultus, das sind wir selbst, es ist unser Fleisch und Bein, der Ausdruck des heiligen Geistes, von dem wir durchdrungen sind. Es ist keine uns auferlegte Pflicht, sondern eine den Jahrhunderten der Geschichte gegenüber freiwillig übernommene Schuld, deren Zeugen und Bürgen wir bis zur Vollendung des Werkes sind. Aber unser Kultus, unser Gesetz ist nicht unwandelbar. Es war anders nach dem Auszug aus Egypten als nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, anders in unserem heiligen Vaterlande als in der Diaspora, und es wird noch ganz anders sein, wenn das Vaterland seinen getreuen Kindern wieder zurückgegeben sein wird.

Jedoch heisst das, (da das Gesetz oder der israelitische Kultus nicht unveränderlich ist), dass es einer jeden Generation erlaubt ist, es willkürlich zu ändern.

Vierter Brief

Ich habe die delikate Frage der Reform gestreift, die den Vorzug hat, selbst die gegen unseren Kultus Gleichgiltigsten mit Leidenschaft zu erfüllen. Sie ist aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt, so dass es sich empfiehlt, sie vor dem Versuch einer Lösung des grossen Problems zu analysieren.

Die ersten Motive, die für die Dringlichkeit der Reformen in unserem Kultus vorgebracht wurden, waren ziemlich unschuldig. Wirkliche Missbräuche, teils älteren, teils neueren Datums, alle von der Art, dass sie die Ordnung in unseren Tempeln störten und das ästhetische Gefühl jedes wohlerzogenen Menschen verletzten, hatten sich während der Jahrhunderte der Zerstreuung und Verfolgung in unseren Kultus eingeschlichen, inmitten einer wilden Barbarei, deren erste Opfer unsere Glaubensgenossen gewesen waren. Unerträglich sind diese Missbräuche geworden für eine Zeit, in der sich die Pforten der Zivilisation für unsere Brüder zu öffnen begonnen hatten, nachdem sie bisher, in ihren Ghetti eingeschlossen, nur ihre ungeheuerlichsten Ungerechtigkeiten kennen gelernt hatten. Die eifrigsten Israeliten würden keinen Grund gehabt haben, diese Reformen zu bekämpfen, wenn die zu ihrer Einführung vorgeschriebenen Motive aufrichtige gewesen wären. Der Beweis dafür ist, dass es in allen Gemeinden und in allen Ländern, wo diese Reformen von Männern vorgeschlagen und ausgeführt wurden, deren Liebe zu unserem Kultus unbestreitbar war, keinerlei Spaltungen gegeben hat. Zum Beispiel Frankreich! Obgleich es hier wie überall Indifferente und Zeloten gibt, merkt man dem Kultus doch nichts davon an. Jbre Indifferenten haben zu viel gesunden Verstand gehabt, um widerrechtlich Einfluss auf eine Sache gewinnen zu wollen, die sie nichts mehr anging, und die Zeloten haben schweigen müssen vor der bona fides einflussreicher Männer, die unserem Kultus ergeben blieben. Trotzdem diese Reformen eingeführt sind, sind ihre Tempel tatsächlich alle Tage für die eifrigen Israeliten geöffnet, die sie morgens und abends besuchen, und die Menge drängt sich dorthin an Sabbathen und Festtagen. In Deutschland ist es ganz anders! Soviel grosse Gemeinden, soviel Parteiungen, ja sogar wahrhafte Spaltungen. Von Anbeginn hatte man Misstrauen gegen die Reformatoren, welche unter dem Vorwand, Missbräuche abzustellen, die ehrwürdigsten Bräuche angriffen. Ich spreche noch garnicht von den biblischen und talmudischen Gesetzen, sondern nur von den Minhagim, z. B. von dem Brauch, dass wir nicht unbedeckten Hauptes in unseren Tempeln sind, ein Brauch, der zwar nicht immer und überall existierte, aber seit langer Zeit ein geheiligter ist.

Es gehörte garnicht so viel dazu, alle uoserer Religion ergebenen Israeliten von dem reformierten Gottesdienst fernzuhalten. Man verändere nur einige Gebete, führe einige Minhagim der sogenannten portugiesischen Israeliten in den Tempeln der sogenannten deutschen oder polnischen Israeliten ein, und man wird die Mehrheit daraus verjagen. Die meisten unserer Glaubensgenossen hängen selbst an weniger allgemein geheiligten Bräuchen, welche wahrhaft dem jüdischen Kultus ergebene Männer sich hüten werden abzuschaffen Ist es denn ein Grund, diese Bräuche zu reformieren, weil deren mehrere nicht mit den Bräuchen anderer Kulten übereinstimmen? Für die deutschen Reformatoren war es jedoch nicht nur ein Grund, sondern der Hauptgrund.

Bei dieser Gelegenheit kann ich es mir nicht versagen, von einer Diskussion zu erzählen, die ich kürzlich in dem grossen Tempel der Rue Notre Dame de Nazareth hatte. Ein Deutscher, Nichtisraelit, befand sich neben mir und schien wenig erbaut von allem, was er sah. Er fragte mich, ob das der reformierte Kultus der französischen Israeliten wäre. „Nein mein Herr“, sagte ich ihm, „es gibt in Frankreich keinen Reformierten‘ Kultus, wenn Sie dieses Wort im Sinne der deutschen Reform verstehen. Es ist der alte Kult unserer Väter; nur hat man ihn etwas verschönert und dafür Sorge getragen, mehr Ordnung einzuführen“. Der Fremde sah mich ganz verdutzt an. Ich verstand ihn und sagte: „Wenn Sie zum ersten Mal eine Synagoge besuchen, werden Sie erstaunt sein, wie wenige Umstände man dort macht. Man tritt ein und bleibt bedeckten Hauptes, wie die Freimaurer. Man plaudert dort mehr, als man betet. Man plaudert viel mit Gott und auch ein wenig mit den Nachbarn. Damit sich das Verhältnis der Plauderei nicht umkehrt, sehen Sie da Aufseher in der Uniform von Kassendienern, die zu häufiges Geplauder mit den Nachbarn verhindern. Glauben Sie jedoch nicht, dass die zahlreichen Besucher dieser Synagoge nicht sehr fromme Leute seien, unendlich viel frömmer als die seltenen Besucher der deutschen Reformtempel! Es würde zu weit fuhren, Ihnen die Ursachen aufzuzählen, die im Laufe der Jahrhunderte der Diaspora diese Art des Kultus herausgebildet haben, der für Euch Christen., die Ihr an ernstere und feierlichere Gebräuche und an den Glanz einer immer herrschenden Kirche gewöhnt seid, so voller Widersprüche und Rätsel ist. Indessen ich will Ihnen, wenn Sie mir zuhören wollen, eine kurze Erklärung geben.

In der Diaspora haben wir immer wenige oder gar keine persönlichen Wünsche an unseren erhabenen Richter zu stellen gehabt. Ganz Israel ist verurteilt, im Elend zu sein, so lange es sich im Exil befindet, und wir bitten in unseren Gebeten mehr um das Heil Israels als um das Heil unserer Seele. Es ist also sozusagen eine öffentliche Angelegenheit, die nicht so viel Sammlung erfordert wie die Angelegenheiten des privaten Gewissens.

Übrigens sind wir die „Stammgäste“ unseres Gottes. Es ist eben unser Gott, der Gott unserer Väter. Er ist uns nicht aus dem Auslande zugeführt und aufgedrängt worden. Ja, wir sind die alten Vertrauten des lieben Gottes. Er ist in unserem Glanz und in unserem Elend mit uns gewesen. Wir nähern uns ihm ungeniert, obwohl immer ehrfurchtsvoll. Mit ihm sind wir in unseren Synagogen zu Hause. Das soll keine Entschuldigung von Missbräuchen sein, sondern eine Erklärung der Gebräuche, die in unseren Tempeln herrschen.“

Mein Partner schien nicht sehr überzeugt von der Vortrefflichkeit der Gründe, die ich für die ein wenig sonderbaren Gebräuche unseres Kultus geltend machte. Während ich mich bemühte, ihm die Lösung des Rätsels zu geben, schüttelte er mehrmals den Kopf und antwortete, als ich zu Ende war: „Insofern Sie nicht scherzen, gibt es in Ihrem Kultus nichts, was die religiösen Bedürfnisse der modernen Menschheit befriedigen könnte, für welche die Religion nur eine Angelegenheit des individuellen Gewissens ist. Wenn die Ihre überdies noch eine nationale Angelegenheit ist, würden die deutschen Israeliten, welche sich bemühen, durch die Theorie und die Praxis ihrer Reformen das Gegenteil zu zeigen und zu beweisen, weder gegen Sie, noch gegen uns aufrichtig sein, und Ihre Feinde würden also Recht haben, wenn sie Ihrer Religion vorwerfen, nicht mehr zeitgemäss zu sein .“

„Mein Herr“, sagte ich, „ich pflege über Dinge, die mir eben so teuer wie ehrwürdig sind, nicht zu scherzen. Wenn ich mich, anstatt mich mit Ihnen in eine theologische Diskussion einzulassen, einer für jedermann verstandlichen Sprache bediene, so ist meine Erklärung, wenn auch salbungsvoll, doch darum nicht weniger ernst. Sie verwechseln in der religiösen Frage zwei Dinge: den Kultus, der in den modernen, wie in den alten Religionen immer eine öffentliche Angelegenheit gewesen ist, und das Gewissen, das bei uns ebenso wenig, wie bei Ihnen nie eine solche war, noch sein wird. Diese Verwechslung hat im ganzen Mittelalter geherrscht, sie ist nicht mehr zeitgemäss. Es ist ein grosser Fortschritt unseres Jahrhunderts, jede Einmischung, sei sie politisch oder kirchlich, in die Angelegenheit des privaten Gewissens abgeschafft zu haben, das nur auf der persönlichen Freiheit beruht und nur vor Gott verantwortlich ist. Der Kultus dagegen ist das öffentliche Band, das die Geister und Herzen iu ihren gemeinsamen und öffentlichen Bestrebungen einigt. Die Religion, soweit sie ausschliesslich private und rein individuelle Gewissenssache ist, wie Sie sie auffassen, kann den Kultus entbehren und entbehrt ihn tatsächlich. Der Kultus ist eine öffentliche Angelegenheit und untersteht als solche der Aufsicht der gesetzlichen Autorität. Aber wofern er keine der Moral und den Gesetzen widersprechenden Tendenzen und Handlungen in sich schliesst, kümmern sich die modernen Regierungen nicht darum: und Sie sollen sich wohl hüten, in unserem Kultus Dinge zu finden, die der Moral und den Gesetzen widersprechen. Wenn die israelitischen Reformatoren in Deutschland den Charakter unseres Kultus verändert haben, so geschah es nicht, um ihn mit der Moral und den modernen Gesetzen in Einklang zu bringen, sondern in der ebenso eitlen, wie dem Geist des Judentums widersprechenden Hoffnung, christliche Zuschauer in ihre Tempel zu locken und unter den deutschen Protestanten Propaganda zu machen, die, wenn sie auch zum Rationalismus hinneigen, deshalb nicht von weniger feindlichen Gefühlen gegen unsere Brüder beseelt sind. Man hat sich der religiösen Reformen bedient, um die politische Emanzipation zu fördern, und man hat sich mehr bemüht, die Gebräuche eines anderen Kultus nachzuahmen, als Missbräuche abzuschaffen, die sich bei uns eingeschlichen haben und welche die eifrigsten Israeliten am ehesten aufzugeben bereit sind.

So denke ich über die Reform unserer Gebräuche. Was die Gesetze anbetrifft, welche die Doktoren der Reform vergebens zu modifizieren versucht haben, so wollen wir versuchen, uns zuerst über deren Prinzipien zu verständigen.

Fünfter Brief.

Das Judentum hat sich niemals angemasst, eine Gewissenspolizei zu sein. Sein Dogma ist weit genug, um die Gedankenfreiheit nicht furchten zu müssen. Wenn es zugesteht, dass der menschliche Verstand irren kann, erkennt es über dem Irrtum keinen anderen Richter als den höchsten Richter. Im jüdischen Gesetz bandelt es sich nicht um das, was man denkt, sondern um das, was man tut; keine unverständlichen, dem Verstände aufgezwungenen Mysterien, sondern offensichtliche Dinge.

Zwar verdammt es die falschen Propheten, die Verkünder von Lehren, die seinen Vorschriften entgegenstehen. Aber damit verdammt es nur, was auch die modernen Gesetzgeber der in der Zivilisation am weitesten vorgeschrittenen Länder ohne Zögern verdammen, gewiss nicht als Gewissensangelegenheit, aber als aufrichtige Handlung.

Andererseits muss man anerkennen, dass das Gesetz Israels nicht unveränderlich ist, dass es sich den Bedürfnissen der Zeit gemäss verändern kann und muss und auch tatsächlich verändert hat.

Warum besitzen wir denn nicht mehr, wie in der Vergangenheit, ja wie noch in der allerjüngsten Vergangenheit, Männer, die von der Allgemeinheit genügend anerkannt sind, um mit Autorität entscheiden zu können, was in unseren Gesetzen aufrecht erhalten werden muss und was verändert werden könnte?

Zwar haben sich besonders im Anfang der Reformbewegung viele junge Rabbinatskandidaten, die keine genügende Kenntnis des jüdischen Gesetzes besassen, aus dieser ihrer Unkenntnis ein Recht hergeleitet, sich den reformsüchtigen israelitischen Gemeinden als aufgeklärte Kandidaten vorzustellen. Aber es ist nicht minder wahr, dass die gelehrten Talmudisten nicht dabei gefehlt haben und dass sie heute weniger als je in der Reformpartei fehlen. In letzter Zeit scheint man sogar das Werk einer radikalen Reform, die keine Anhänger mehr hat, aufgegeben zu haben, und man begnügt sich, wie bei den ersten Anfängen mit unbedeutenden Änderungen, die dennoch nicht mehr Erfolg haben als die kühnen Versuche der sogenannten radikalen Reform. Woher kommt also, wiederhole ich, dieser vollkommene Mangel an Autorität, diese absolute Ohnmacht, an unseren traditionellen Gesetzen irgend etwas zu verändern, dieses Misstrauen, welches selbst auf den gelehrtesten und gemässigsten Reformen lastet?

Die Antwort ist leicht, wenn man der Frage nur ein wenig unparteiisch gegenübersteht.

Die Reform ist von einem anderen Geiste als von dem des Judentums durchdrungen. Sie, die sich liberal, sogar radikal nennt, hat sich bei weitem nicht zu der Höhe der liberalen Prinzipien des Judentums erhoben, die ich soeben dargelegt habe. Sie bleibt in den Ideen der protestantischen Christen, der sogenannten Rationalisten, stecken, deren Kultusgebräuche ohne historische Bedeutung und ohne Zukunft sie ehemals nachgeahmt hatte und von denen sie noch das Dogma eines transzendentalen Deismus übernimmt, der jedes Eingreifen des Schöpfers in der Geschichte der Menschheit ausschliesst, der nur den individuellen Bedürfnissen dient und gleichgiltig ist gegen jede Betätigung der Gesamtheit, sei es der Nation, sei es der Menschheit. Indem die Reform dem Schöpfer einen Platz ausserhalb der Welt anweist, ihn von seiner Schöpfung trennt, wie das Individuum von seiner Nation, die Nation von ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, hat sie keine Fühlung mehr mit unserer eminent historischen Religion. Sie würde sie auch nie gehabt haben, selbst wenn sie nicht nach dem Vorbilde des christlichen Protestantismus willkürliche Schranken zwischen Bibel und Tradition aufgerichtet hätte, eine Trennung, deren man sich nur als Kriegsmaschine bedient hat; denn, wie heute jedermann weiss, glaubten unsere Reformer ebensowenig an die Intervention Gottes in den biblischen wie in den neueren Zeiten. Der moderne Individualismus hat keine anderen religiösen Bedürfnisse, als die: dem Individuum unbeschränktes Wohlergehen zu sichern. Wenn er die Ewigkeit des Individuums und ein allmächtiges Wesen als das Pfand für die Unsterblichkeit der Seele braucht, so ist das nur die edle Seite der Medaille, deren Rückseite der Materialismus ist.

Unsere Reformer hätten, indem sie die Gedankenfreiheit zum Prinzip erhoben, wenigstens mehr Achtung vor Glaubensbekenntnissen haben müssen, die nationaler, historischer und schliesslich humaner waren. Aber nein! Sie lassen dem philosophischen Denken nicht soviel Spielraum wie das Judentum, welches jedem die Freiheit lassen kann, sich das göttliche Eingreifen in die Angelegenheiten der Menschheit nach seiner Art zu erklären.

Man versteht, dass die christliche Gesellschaft sich eine Waffe der Kritik schmieden musste, um mit den feudalistischen und hierarchischen Traditionen zu brechen, die den Fortschritt hemmten. Aber muss deshalb das Judentum, das nie Feudalismus und Hierarchie gekannt hat, dessen Traditionen den gerechtesten, Gleichheit verkündenden und wenn ich so sagen darf, nationalen, modernsten Geist atmen, aus reiner Nachahmungssucht, an der allgemeinen Krankheit einer vorübergehenden Epoche teilnehmen, die es wohl verstanden hat, mit den Traditionen des Mittelalters zu brechen, aber noch nicht das Band hat wiederfinden können, das die Zukunft mit der Vergangenheit und die Menschheit mit ihrem Schöpfer verbindet?

Die Existenz des Judentums ist unzertrennlich von der Existenz unseres Volkes. Diese Voraussetzung ist so wahr, dass sie schon einer Tautologie gleicht. Indessen muss man nachdrücklich darauf hinweisen, wenn man uns unaufhörlich sagt, dass wir unser Volkstum verwischen und dennoch weiter Israeliten bleiben sollen. Warum sind unsere Reformer in einen Widerspruch verfallen, den man als absurd bezeichnen kann? Weil sie koine Ahnung von unserer uns durch die Vorsehung bestimmten Mission haben. Sie wollen das Unmögliche, die Wirkung ohne die Ursache, das Endziel ohne den Weg, der dahin fuhrt. Man nehme der messianischen Religion das Messias-Volk, und diese Religion, die Gott selbst in uns gepflanzt hat, existiert nicht mehr; es bleibt nur ein Schatten zurück, vor dem sehr schnell Skeptizismus und Materialismus verschwindet. Man nehme im Gegenteil unserem Volk seinen alten, nationalen Kultus, und es hat keine Daseinsberechtigung mehr: es geht zu Grunde in dem ungeheuren Ozean der Völker, zwischen die es geworfen worden ist, wie es teilweise schon seit dem frühesten Altertum bis heute in dem Masse zu Grunde gegangen ist, als es die Religion unserer Väter verlassen und den Kultus der umwohnenden Völker nachgeahmt bat. Es wäre schon völlig untergegangen, wenn es in seiner Mitte nicht immer wieder einen Kern von Menschen gehabt hätte, die von unserer göttlichen Mission begeistert waren, und eifrige Patrioteu, die sich um diesen Kern gruppierten. Der Kern eifriger Israeliten existiert noch; aber die von göttlicher Begeisterung Erfüllten sind heute selten. Wie kann man erwarten, dass wir Fortschritte machen auf dem Wege unserer göttlichen Mission, wenn die in intellektueller Hinsicht höher Stehenden den Kern der Israeliten, die an diese Mission glauben, zurückstossen, und man sich daher infolge einer uns zu natürlichen Reaktion gegen alles sträubt, was Wissenschaft und Kritik lehrt?

Trotzdem steht nichts in der Wissenschaft und der Kritik in Widerspruch mit unserm alten nationalen Kultus. Weder die historischen, politischen und moralischen, noch die Naturwissenschaften stehen im Gegensatz zu unserer Religion. Unter allen bestehenden Religionen ist es vielmehr gerade die unsere, welche durch die Fortschritte der Wissenschaften und der modernen Gesellschaft gefestigt wird. Religionen haben die Denkfreiheit zu fürchten und sind gezwungen, die Kritik fernzuhalten; die unsere hat sie niemals gefürchtet, niemals gehemmt. Andere Völker haben neue moralische und religiöse Grundlagen für ihre zukünftigen Institutionen zu suchen, in unserem nationalen und humanen Kultus sind alle diese Grundlagen schon gefunden. Wessen also bedürfen wir, um weder von den Feinden der Wissenschaft, noch von den Gegnern unseres Kultus behindert, unseren göttlichen Weg auch durch die heutige Übergangsepoche fortzusetzen? Nichts als die Kenntnis unserer Geschichte und das Bewusstsein unserer Mission!

Wenn wir von unserer göttlichen Mission durchdrungen sind, werden wir diese Idee der nationalen Wiedergeburt schätzen, die ich für die Trümmer unseres unglücklichen Volkes in Polen und im Orient angerufen habe, und die ich als den Ausgangspunkt von weit ernsteren und andersartigen Reformen betrachte, als es die unserer Reformer jenseits des Rheins sind.

Wenn wir schliesslich die Geschichte Israels befragen, werden wir sehen, dass es nicht das erste Mal ist, dass unser Volk eine kritische Zeit durchlebt, die gleichzeitig die Existenz seiner Religion nnd Nation bedroht; aber wir werden auch sehen, dass diesen kritischen Zeiten immer schöpferische und regeneratorische Epochen folgten.

Sechster Brief

Wenn es ein zeitgenössisches Zeugnis gibt, welches die Wahrheit der Idee der zugleich moralischen und nationalen Wiedergeburt des Judentums beweist, so ist es die Leidenschaftlichkeit, mit der die Gegner unseres alten nationalen Kultus die Idee der Wiedergeburt bekämpfen, und die einmütige Zustimmung, die alle unserem Kultus treuen Israeliten ihr entgegenbringen; es ist die Antipathie, die sie bei unseren Feinden in Deutschland und die Sympathie, die sie bei unseren Freunden in Frankreich gefunden hat.

Ich kann dem Wunsche nicht widerstehen, Ihre Leser mit der Originalität der beredten Stelle eines Ihrer christlichen Landsleute bekannt zu machen, die ich in meinem deutschen Werke „Rom und Jerusalem“ übersetzt habe. Es ist eine begeisterte Ansprache, die im Jahre 1860 bei E. Dentu veröffentlicht wurde in einer Broschüre mit dem Titel: „Die neue Orientfrage“ und dem Untertitel: Die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität“

Ja edles Frankreich, wenn man deine Kinder kennt, voll Hochherzigkeit und Mitgefühl für alle Leidenden, wundert man sich nicht mehr, dass du ein zweites Mutterland für alle bedrückten Völker geworden bist.

Und nun muss ich erzählen, wie die Deutschen im allgemeinen und die zur Reformpartei gehörenden deutschen Israeliten im besonderen diese Idee der nationalen Regeneration unseres alten Volkes aufgenommen haben.

Siebenter Brief

In Deutschland hat man mir Absichten untergeschoben, die ich niemals gehabt und die ich sogar mit Entschiedenheit zurückgewiesen habe. Ich habe es in meinem ersten Werk über die nationale Wiedergeburt Israels wiederholt gesagt: meiner Meinung nach würde es kindisch sein zu glauben, dass die abendländischen Israeliten, welche sich in den Ländern, in denen sie seit Jahrhunderten wohnen, wohl fühlen, geneigt sein sollten, nach Palästina auszuwandern, selbst wenn Israel dort schon wieder eingesetzt wäre; um so weiter bin ich davon entfernt, von unseren abendländischen Brüdern eine andere Mitarbeit an diesem Werke der Neubesiedlung zu verlangen, als die mit den Mitteln, über welche sie in ihren Geisteskräften, ihrem Reichtum und ihrer sozialen Stellung verfügen. Heisst das von der Solidarität der Israeliten zu viel verlangen? Ja, ich weiss wohl, dass es für gewisse abendländische Israeliten etwas lästiges ist, ihrer Abstammung nach, wenn auch nicht ihrer moralischen und religiösen Überzeugung nach, zu diesen Söhnen Israels zu gehören, die immer untereinander solidarisch gewesen sind und es ewig bleiben werden.

Erinnern Sie sich noch des grausamen Ausspruches eines unserer reichen Glaubensgenossen, dem ein unglücklicher Mitbruder vorgestellt wurde?

„Warum wenden Sie sich lieber an mich, als an meinen christlichen Nachbarn?“

Früher haben getaufte Juden Verbrechen erfunden und ihre vormaligen Glaubensgenossen derselben bezichtigt, damit man ihnen die Solidarität ihrer Abstammung verzeihen sollte, deren sie in den Augen der Christen immer schuldig blieben, obwohl sie ihren alten Glauben abgeschworen hatten. Heute sucht man Verzeihung für diese Solidarität durch nicht weniger zu verdammende, aber auch nicht weniger schmerzliche Bosheiten.

So lange es noch irgendwo Israeliten im materiellen oder moralischen
Elend geben wird, leiden alle Mitglieder des Volkes darunter und bleiben
gewissermassen dafür verantwortlich, alle, einschliesslich der Abtrünnigen
und Verräter! Vor Gott und vor den Menschen sind alle diejenigen
Israeliten, die ihrer Abstammung nach zu den Kindern Israels gehören,
— die „von dem Samen Gottes“ sind. Vergebens ist es, unsere
Religion und Nation zu verleugnen. Wir sind nichtsdestoweniger ihre
Glieder, und wenn der grösste Teil unseres alten Volkes im Elend ist,
solange unsere nationale Wiedergeburt noch nicht vollzogen ist, werden
alle übrigen den moralischen Rückschlag verspüren. Ich habe die praktischen Mittel genau bezeichnet, durch die man es mit Hilfe der Zeit und Vorsehung erreichen könnte, denjenigen unserer unglücklichen Brüder im Osten das Vaterland wiederzugeben, die es unaufhörlich anrufen, nicht in wenig verstandenen und wenig empfundenen lauten Gebeten, sondern aus der Tiefe ihres Herzens.

Frankreich, das uns schon in unsere politischen und sozialen Rechte wieder eingesetzt hat, dessen politische Interessen so bewundernswürdig mit den Interessen der Menschheit harmonieren und das nichts sehnlicher will, als diese öden Gegenden wieder zu bevölkern, in denen es heute schon einen neuen Verkehrsweg zwischen Europa und Ostindien vorbereitet; Frankreich, wiederhole ich, wird mit Befriedigung sich dort die Kolonisten eines befreundeten Volkes niederlassen sehen, das so voller Sympathien für seine liberalen und humanen Gedanken ist.

Anstatt diesen durchaus aktuellen Vorschlag zu prüfen, haben die Israeliten von jenseits des Rheins sich beeilt zu erklären, dass sie viel zu gute deutsche Patrioten seien, um nach Palästina auszuwandern und die Pläne Frankreichs zu begünstigen.

Wie kann man nur annehmen, ich sollte etwa ein Buch geschrieben haben, um diese Patrioten zur Auswanderung zu veranlassen?! Man muss ein Deutscher sein, um einem Israeliten törichte und strafbare Absichten unterzuschieben; und man muss gleichzeitig Israelit von der Reformpartei sein, um sich mit Beteuerungen seiner Vaterlandsliebe dagegen zu wehren. Warum sollte die Annahme, dass ich die deutschen Israeliten zur Auswanderung bewegen wollte, nicht in einem Lande auftauchen, das für alle Teile der Erde mehr Auswanderer liefert, als alle anderen Ländern des europäischen Festlandes zusammen?

Zwar sind es nicht allein die deutschen Israeliten, die sich unaufhörlich ihres deutschen Patriotismus rühmen; sie ahmen darin nur die geräuschvolle Demonstration der Deutschen aller Konfessionen nach.

Ihr Franzosen singt nicht immer patriotische Weisen. Die Italiener und alle anderen Völker, deren Patriotismus durchaus nicht bezweifelt werden kann, singen sie auch nicht so oft und zur Unzeit wie die Deutschen, von denen man sagen könnte, dass ihr Patriotismus nur darin besteht, zu lärmen. Aber die Zeiten Josuas sind doch vorüber; man erstürmt nicht mehr die Festungen der Vaterlandsfeinde mit Posaunengetöse.

Ich könnte noch sehr vieles über jene Patrioten sagen, die dem Grundsatz: „Ubi bene, ibi patria“ aus guten Gründen eine so grosse Bedeutung beilegen. Der Wille macht den Patrioten nicht. Aber lassen wir das! Ich habe Sie von viel ernsteren Dingen zu unterhalten. Ich will Einwendungen gegen meine These prüfen, die ich nicht im voraus widerlegt habe, die aber, wenn sie auch logischer erscheinen, sich darum nicht weniger als Scheinwahrheiten erweisen.

Ein sehr gelehrter Jude aus Frankfurt am Main, den ich hoch schätze und der auch nicht direkt zur Reformpartei gehört, der aber, zwischen die Wahl der Regeneration unseres Volkes und der Auflösung des uns umschlingenden Bandes gestellt, die Auflösung vorzuziehen scheint, machte mir einst folgenden anscheinend sehr schwerwiegenden Einwand, den ich wörtlich zitiere, um ihn in voller Kraft wirken zu lassen:

„Sie gestehen selbst“, sagte er zu mir, „dass die aufgeklärten Juden, die Sie mit Pbilippson „Kulturjuden“ nennen, kein Kontingent zu Ihrem wiedererstandenen Juda stellen werden. Sie geben auch zu, dass die Gegner von Wissenschaft und Kritik unfähig sind, eine neue Gemeinschaft zu bilden, also auch ungeeignet für Ihre nationale Regenerationsarbeit. Woher wollen Sie denn aber das Kontingent für Ihre wiederzuerstehende jüdische Nation nehmen? – Sie sagen, die Volksmassen, im Orient und in Polen namentlich, ersehnen das alte Vaterland. — Nun wohl! Aber so lange diese Massen nicht an der Zivilisation des Abendlandes teilnehmen, werden sie, Ihrem eigenen Ausspruche nach, unfähig sein, eine neue Gesellschaft zu schaffen, und andererseits sagen Sie auch, oder Sie müssen es wenigstens sagen, wenn Sie konsequent sein wollen, dass sie, sobald sie an der Zivilisation teilzunehmen beginnen, ebenso wie wir „Kulturjuden“, nicht mehr nach Palästina werden auswandern wollen, um dort einen neuen Staat zu gründen“

Diesem Freunde, der mich mit meinen eigenen Waffen schlagen wollte, habe ich geantwortet, dass die moderne Zivilisation erst einen wirksamen Einfluss auf die Volksmassen unserer Brüder haben wird, nachdem sie eine politische Gesellschaft gebildet haben werden und dass dieser Entschluss, anstatt wie heute unheilvoll für unseren nationalen Kultus zu sein, nur ausgezeichnete Wirkungen zeitigen wird, sowohl in moralischer und religiöser Hinsicht, als auch in allen anderen Beziehungen — Wirkungen, zu denen die Israeliten und die Völker aller Länder sich nur werden beglückwünschen können.

Der Einwand, den man erhoben hat, nämlich dass diejenigen, die heute die unwissende und wenig zivilisierte Volksmasse bilden, unfähig sein würden, eine moderne Gesellschaft zu bilden, würde einigermassen begründet sein, wenn diese ganze Volksmasse, von den Koryphäen des Abscurantismus geführt, sofort und nach Palästina gebracht werden sollten, um dort den Tempel wieder zu errichten, bevor sie den Boden kultiviert und unter dem Schutze der liberalen und allmächtigen Völker des östlichen Europas durch Arbeiten aller Art materiellen und moralischen Wohlstand erzeugt haben würden. Aber da es sich heute nur um Kolonisation handelt und handeln kann, muss man gerade das Gegenteil aller jener Voraussetzungen als Vorbedingung des Regenerationswerkes betrachten. In der Tat hat sich ein bekannter Gegner der Kritik und jedes Fortschrittes bei den Israeliten gegen den Gedanken der israelitischen Kolonisation in Palästina ausgesprochen — einen Gedanken, der, wie Sie wissen, schon zur Gründung einer israelitischen Gesellschaft geführt hat — weil er den heilsamen Einfluss der Arbeit und der europäischen Zivilisation auf die israelitischen Kolonisten furchtet. Diese Furcht der Dunkelmänner scheint mir gerechtfertigt. Die Abneigung der aufgeklärten Israeliten gegen alles, was unser Volk regenerieren kann, würde weniger verständlich sein, wenn man nicht wüsste, wie schwer es dem individualistischen Geist, der ihre Erziehung geleitet hat, ist, die Wirkungen einer Gesamtleistung zu schätzen, die doch nur allein aus allem Elend befreien kann.

Leider ist es nur zu wahr, dass es bis jetzt nur eifrige ungebildete Israeliten und in religiöser Beziehung mehr oder weniger Indifferente gibt. Aber eben um aus dieser Sackgasse, in die sich das moderne Judentum verrannt hat, herauszukommen, habe ich Mittel vorgeschlagen, die uns niemals aus einer religiösen Reform kommen können, welche die Fundamente des Judentums untergräbt, ohne sich zur Höhe seiner göttlichen Berufung zu erheben. Die Zeiten der religiösen Reform sind vorüber, und unser Kultus würde weniger als jeder andere durch Reformen regeneriert werden können, die einen dem Judentum fremden Sektengeist voraussetzen. Wenn das Christentum zu einer Zeit, als es noch im Fanatismus des Mittelalters befangen war, Sekten gebildet hat, so folgt daraus nicht, dass heute, wo diese Sekten sich selbst in der Kirche als ohnmächtig erweisen, (die sie so heftig erschüttert hatten, ohne dass sie sie mit der modernen Gesellschaft hatten aussöhnen können,— dass heute im Judentum ähnliche Sekten irgendwelchen Einfluss gewinnen und ihm die Zukunft sichern könnten.

Was uns heute nottut, das ist eine soziale Regeneration, die sich auf den Hoffnungen Israels aufbaut. Die Erfüllung dieser Hoffnungen wird der Welt das Gottvertrauen wiedergeben. Man hat viel von der Notwendigkeit einer neuen Religion gesprochen, ein Beweis, dass man im allgemeinen die Notwendigkeit einer solchen empfindet. Aber man hat sich seltsam über die Bedingungen einer solchen Schöpfung getauscht, die sich nicht improvisieren und ohne Wurzeln in der Vergangenheit schaffen lässt. Israel besitzt das Geheimnis der Zukunftsreligion, in welcher die modernen Nationen den Glauben wiederfinden werden, den sie ebensowenig entbehren können wie die antiken Völker, die aus Mangel an moralischem und religiösem Glauben zu Grunde gegangen sind.

Achter Brief

Genau genommen ist es keine neue Religion, die unser Volk eben durch die Tatsache seiner nationalen Regeneration zum zweiten Male diesen historischen Völkern geben wird, die dank der Vermittelung seines religiösen Genies schon das Christentum haben. Es ist vielmehr eine Verjüngung dieser bestehenden Religion, aber eine wahre Verjüngung, die einer Neuschaffung gleichwertig ist. Das neue Christentum, dessen die neue Welt bedarf und dessen Prinzipien erst in diesem Jahrhundert erkannt worden sind, der neue Messianismus, der nur die nationale Wiedergeburt des Hebräervolkes erwartet, um die religiöse Grundlage der ganzen modernen Gesellschaft zu werden, gleicht in keiner Weise jenen mehr oder weniger radikalen, aber doch nur rein dogmatischen Reformen, die von den christlichen und jüdischen Reformatoren, von Luther und Mendelssohn bis zu den modernen Rationalisten und Philosophen versucht worden sind.

Was ist denn in Wirklichkeit dieses neue Christentum, zu dessen Apostel sich nach St. Simon, auch einem der Unserigen (?), Salvador gemacht hat, ohne dessen Prinzipien ebenso klar erkannt zu haben, wie das Haupt der sozialistischen Schule?

Es ist das alte Christentum, das neue Wurzeln in den Boden schlägt, aus dem es erwachsen ist, um sich neue Elemente zu eigen zu machen, im Einklang mit seinen neuen Lebensbedingungen. Das Christentum, das nichts anderes ist als der den religiösen Bedürfnissen seiner Entstehungszeit angepasste Messianismus des hebräischen Volkes, muss heute wieder zu seineu Quellen zurückgehen, um neue Kraft daraus zu schöpfen, wenn es den moralischen und religiösen Bedürfnissen der Zukunft genügen will. Ohne diese wahre Verjüngungsarbeit kann das Christentum nicht reformiert werden. Keine Schöpfung, religiöser oder anderer Art, kann sich, ohne in Verfall zu geraten, von ihren Grundprinzipien und ursprünglichen Tendenzen entfernen, wofern sie sich nicht neue Elemente und neue Grundprinzipien zu eigen macht. Man reformiere das Christentum, soviel man will, man reinige es von allem Aberglauben, verwandele es in Protestantismus, in Rationalismus, in Philosophie, schreibe Kritiken oder Apologien des Lebens Jesu, führe dessen göttliche Gestalt auf sein menschliches Wesen zurück und, wenn man den Mut seiner Meinung hat, verwandele man es mit Feuerbach, aus Theologie in Anthropologie, aus Religion in Moral: Man wird dann das Wesen des Christentums blosgelegt, man wird es profaniert, aber trotz aller Anstrengungen daraus keine Religion gemacht haben, die den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft entsprechen könnte. Das alte Christentum ist in seinen Prinzipien und seinem Ursprung das Gegenteil einer sozialen Religion, wie die modernen Völker sie brauchen. Für die Bedürfnisse einer Zeit geschaffen, in welcher die sozialen Bande sich gelöst hatten, hat das Christentum, indem es sich als Vermittler zwischen das All umfassende Wesen, wie es ihm von der Religion unserer Väter überkommen war, und zwischen das zu seiner Zeit isolierte und elende, jedes sozialen Bandes bare Individuum stellte, den Menschen loslösen können von einer zusammenbrechenden Gesellschaft, ihm zum Tröste für seine irdischen Verluste himmlische Güter für das Heil seiner individuellen Seele, für seine Unabhängigkeit von sozialer Macht bieten können; aber es hat nie vermocht und wird es nie vermögen, den Menschen wieder in den Schoss seiner Familie, seines Vaterlandes und der menschlichen Gesellschaft zurückzuführen, ohne wieder im Judentum Wurzel zu schlagen, in dem Boden, aus dem es erstanden. Diese ursprünglichen und vom alten Christentum unzertrennlichen Eigentümlichkeiten machen es viel mehr als die besserungsfähigen Fehler unverbesserlicher Menschen ungeeignet, eine Religion der modernen Menschheit zu sein, solange es nicht eine Verjüngung erfahrt, die einer Neuschaffung gleichwertig ist.

Aber damit das Christentum sich auf dem Boden, aus dem es erstanden ist, verjüngen könne, muss erst das Judentum seinerseits verjüngt werden. Durch wen und durch welche Mittel? Durch das Christentum und seine dogmatischen oder philosophischen Reformatoren? Oder etwa durch unsere Reformatoren, die sie nachahmen? Das würde nach allem, was ich gesagt habe, heissen, sich in einem circulus vitiosus bewegen. Dahin haben bis jetzt und dahin müssen notwendigerweise alle Anstrengungen doktrinärer, dogmatischer oder philosophischer Reformatoren führen, einschliesslich der grössten Gelehrten und hervorragendsten Schriftsteller, der Strauss, Salvador, Renan. Ohne Zweifel hat das Judentum, um zur Regeneration fähig zu sein, vor allem an der modernen Zivilisation teilnehmen müssen, die nicht sein Werk, aber auch durchaus nicht das ausschliessliche Werk des Christentums ist; um. sie zu schaffen, hat es nicht weniger bedurft als die Arbeitsleistungen aller historischen Völker vom frühesten Altertum bis zur französischen Revolution, die ihre politischen und sozialen Grundsätze geschaffen hat. Wenn das Judentum sich gegen dieses Werk des historischen Fortschrittes ablehnend verhalten hätte, wenn es sich, wie man ihm sehr zu Unrecht vorgeworfen, immer von der Menschheit isoliert hätte, wenn es nicht gerade im Gegenteil sich weitgehend an den Arbeiten der Zivilisation beteiligt hätte, so oft es ihm gestattet wurde — unglücklicherweise war das in den letzten sechs Jahrhunderten vor der französischen Revolution sehr selten der Fall — dann, und nur unter dieser Voraussetzung würde ihm das geistige Leben und jede Vorbedingung zu sozialer Regeneration abgehen; es würde tot sein ohne jede Hoffnung auf Wiederauferstehung. Unsere Teilnahme an der Zivilisation beweist die Befähigung unseres Volkes zu einer sozialen Regeneration. Diesen Beweis unserer Lebensfähigkeit liefern wir in einer wohlbekannten und schwer zu bekämpfenden Weise. Wir liefern ihn denen, welche die Wahrheit unserer Teilnahme an dem Fortschritt der Gesellschaft leugnen, dadurch, dass wir mit ihr gehen. Aber für unsere soziale Regeneration genügt es nicht, wenn wir an der Bewegung der modernen Gesellschaft als Individuen teilnehmen. Als Individuum unterwerfen wir uns und lassen höchstens ihren Einfluss auf uns einwirken; als Nation werden wir ihr einen mächtigen Impuls geben. Als Individuen ziehen wir Nutzen aus der Mission der anderen grossen historischen Rassen; als Nation erfüllen wir die unserige. Als Individuen haben wir zweifellos Rechte zu beanspruchen und Pflichten zu erfüllen; aber unsere heiligsten Rechte und Pflichten sind die, welche wir als Nation zu fordern und zu erfüllen haben.

Die Menschheit kann den Glauben an eine Vorsehung, die unsere Geschichte lenkt, nicht entbehren, was auch immer unsere grossen Geister *)

*) Die deutschen Philosophen, welche seit Feuerbach sich von dem idealistischen Individualismus entfernt haben, um in den materialistischen Individualismus zu verfallen, und nach ihnen einige französische Philosophen, die den populären Strom des Sozialismus verlassen zu müssen geglaubt haben, um in den Wassern eines rein individualistischen Liberalismus zu schwimmen, haben das Werk des 18. Jahrhunderts wieder aufgenommen, welches seine Daseinsberechtigung von der grossen französischen Revolution hatte, als es sich darum handelte, die alte Gesellschaft in ihren moralischen und religiösen Grundlagen zu unterminieren, die aber ein Anachronismus ist zu einer Zeit, welche die Mission hat, die aus dieser Revolution hervorgegangene neue Gesellschaft zu organisieren. Wenn wenigstens diese französischen Materialisten, die sich auf Voltaire und den gallischen Geist berufen, dessen freimütige und geistvolle Allüren hätten, das moquante und frivole Genie, welches ganz dazu angetan ist, die moralischen und religiösen Grundlagen von Institutionen einer vergangenen Epoche zu untergraben! Aber sie haben den schwerfälligen und pedantischen Geist der deutschen Philosophen, ihrer wahren heutigen Meister. Sie bilden sich ein, eine Religion zerstören zu können durch die Darlegung, dass die religiöse Idee nur die zu einer „göttlichen erhobene Moral14 ist. Sie bekämpfen nicht die christliche Moral, sie bekämpfen nur deren göttliche oder ideale Seite, um nur die materielle Seite des christlichen Individualismus gelten zu lassen. Während Voltaire und nach ihm alle französischen Revolutionäre gerade diese menschliche Grundlage, die Moral des Christentums angegriffen haben, erkennen unsere fränkisch-deutschen Philosophen keine reinere, erhabenere Moral an als die, welche tatsächlich der christlichen Religion als Grundlage dient. Was sie zu zerstören sich einbilden, würde im Gegenteil in seiner Wesenheit erhalten und nur in eine andere Form, die des Materialismus, gekleidet werden, statt der des Spiritualismus, die der christlichen Moral ihren ganzen Wert gegeben hat, wenn nicht schon die auf der sozialen Wissenschaft und dem Gefühl der Solidarität begründete moderne Moral in dem Geiste der zeitgenössischen Völker die Moral der spiritualistischen, wie die des materialistischen Individualismus verdrängt hätte. Man kann auf diese atheistischen Philosophen das Wort Leasings anwenden: „Was in ihren Lehren neu ist, ist nicht wahr; und was daran wahr ist, ist nicht neu.u In der Tat hat die Experimentalwissenschaft dem Übernatürlichen den Boden entzogen. Die spekulative Philosophie kann in dieser Beziehung zu der viel wirksameren Arbeit der Erfahrungswissenschaften nichts hinzufügen. Aber weder die Wissenschaft noch die Spekulation werden das religiöse Bedürfnis der Menschheit zerstören, welche sich immer, auch wenn sie alles Übernatürliche ausschliesst, eben auf die Wissenschaften der Natur und Geschichte gestützt, eine höchste Intelligenz suchen und finden wird, ohne welche die Anstrengungen der Natur erfolglos, die Bestrebungen der Menschheit ohne Zweck wären.

Da ich diese Frage in einer Rede behandelt habe, die Sie in der „Monde maconique“ finden, kann ich mich hier auf diese Arbeit beziehen, um diese Note nicht übermässig zu verlängern

sagen mögen, und das neuerstandene Judentum wird ihr noch einmal ihren verlorenen Glauben wiedergeben. Denn das Judentum besitzt das ihr von der Vorsehung verliehene Geheimnis jener humanen Ära, jener messianischen Zeit, die mit der französischen Revolution angebrochen ist, deren Keime aber auf das hebräische Volk zurückzufahren sind.

Wie aber können die modernen Völker in dieses Geheimnis eingeweiht werden, so lange das einweihende Volk nicht als Nation am Geschichtswerke mitarbeitet?

Ich weiss, dass gegenwärtig die wahrhaft patriotischen Israeliten weder zahlreich, noch gebildet genug sind, um die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich unserer nationalen Wiedergeburt noch entgegenstellen; dass das heilige Land von einer zu unwissenden und zu barbarischen Bevölkerung bewohnt ist, um Einrichtungen zu fördern, die sie weder schätzen noch entwickeln kann, und dass schliesslich die europäischen Mächte heute andere Angelegenheiten als die des Judentums zu regeln haben. Indessen gibt es schon zwei israelitische Gesellschaften, die beweisen, dass es nicht nur einzelne alleinstehende Individuen sind, von denen man sagen kann, dass sie von patriotischem Geist erfüllt und von dem Gefühl der Solidarität Israels durchdrungen sind. Diese beiden Gesellschaften, die Alliance isra&ite universelle, mit dem Sitze in Paris, und die Israelitische Gesellschaft zur Kolonisation des heiligen Landes in Frankfurt an der Oder brauchen sich nur in ihren edlen Bemühungen zusammenzutun, nur mit Hilfe der Zeit und Gottes alle Schwierigkeiten zu besiegen. Ich habe unsere nationale Frage übrigens immer als die allerletzte aufgefasst; so habe ich sie auch hingestellt und ausdrücklich bezeichnet (die letzte Nationalitätsfrage). Aber das ist kein Grund für uns, uns damit nicht dringend zu beschäftigen, da unsere Existenz als historisches Volk und als Religion von der Lösung dieser Frage abhängen wird. In unserem Jahrhundert schreiten die Ereignisse schnell, und es stände uns übel an, als wenig vorbereitet dazustehen, wenn wir eines Tages berufen werden, unseren Platz unter den modernen Nationalitäten einzunehmen.

Neunter Brief

Wenn wir die Geschichte Israels auf seine Mission hin betrachten, erkennen wir zuerst die intimen Beziehungen, die zwischen der Rasse und der Geschichte eines Volkes bestehen. So wie das organische Leben, nämlich die Sphäre, die das vegetabile und tierische Leben umfasst, nicht von dem der Himmelskörper oder dem kosmischen Leben getrennt werden kann, dessen physikalische und chemische Kräfte immer die Basis der physiologischen und psychologischen Kräfte der organischen Wesen bilden, so knüpft auch die Geschichte der Menschheit oder die Sphäre, welche alles soziale Leben umfasst, wieder an die Naturgeschichte der Organismen an. Die anthropologischen Gesetze werden immer die Grundlagen der moralischen und religiösen Gesetze bilden, die Gegenstand der historischen Forschung sind.

Die menschlichen Rassen sind nicht gleichmässig für das soziale Leben befähigt. Die Ethnographie hat uns tatsächlich solche kennen gelehrt, die gar keine Geschichte haben, weil sie sich nicht einmal zu dem niedrigsten Grade sozialen Lebens haben erheben können, der das Leben der Barbaren von dem der Wilden unterscheidet. Diese Rassen können als ein Übergang von dem rein tierisch-organischen Leben zu dem sozialen Leben der historischen Rassen betrachtet werden. Und wer möchte bestreiten, dass es unter diesen historischen Rassen selbst auch verschiedene Abstufungen des Gesellschaftstriebes gibt, natürliche Fähigkeiten, die nicht nur differenziert, sondern ungleich qualifiziert sind in Bezug auf ihre Eignung für das soziale Leben. Aber hier ist vor allem ein zu allgemein verbreiteter Irrtum zu berichtigen. Nichts ist falscher als die unmoralischen Konsequenzen, die man aus der Verschiedenheit der menschlichen Rassen ziehen zu können geglaubt hat. Die Anhänger der Sklaverei in Amerika haben sich dieses Argument zu Nutze gemacht, um ihr angebliches Recht auf die direkte Ausbeutung der Arbeit der afrikanischen Rasse zu beweisen. Die Tatsache allein, dass man sich dieser Rasse bedienen kann, um nützliche und für das soziale Leben nötige Arbeiten auszuführen, beweist, dass die Negerrasse für das soziale Leben fähig ist, und dass es ein Verbrechen ist, sie von allen bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten auszuschliessen. Wenn unser göttlicher Gesetzgeber uns Mitgefühl mit unseren Nebenmenschen ins Herz pflanzen wollte (mögen sie nun fremd oder in Dienstbarkeit im Lande unserer Väter gewesen sein), so hat er uns immer wiederholt: „Gedenket, dass Ihr Sklaven wäret in Egypten“

Nicht nur die Geschichte der Zivilisation unseres Volkes allein, sondern die aller historischen Völker, das ganze soziale Leben hat mit der Sklaverei, mit der Knechtschaft begonnen, mit der Abhängigkeit der einen und der Herrschaft der andern. Aus der Abhängigkeit in der Ungleichheit ist die Abhängigkeit in der Gleichheit entstanden. Ohne sie keine Arbeitsteilung, und mithin keine Solidarität unter den Produzenten. Die Dienstbarkeit ist der Anfang alles socialen Lebens. Die Sklaverei ist gewissermassen die Lehrzeit in allen sozialen Arbeiten, im Ackerbau und besonders in der Industrie. Nur die Wilden bleiben immer unabhängig; sie haben nur das Bedürfnis nach Nahrung, Vergnügen und tierischen Leidenschaften, die sie in voller Unabhängigkeit befriedigen, indem sie einander verschlingen, wenn die Beute von Tieren und die Produkte des unangebauten Bodens dazu nicht genügten.

Ich weiss, dass es auch historische Rassen gegeben hat, die nur Jäger, wenn auch nicht Kannibalen waren noch zu einer Zeit, wo unsere Väter schon unter dem Gesetz Gottes lebten. Aber ihr soziales oder historisches Leben hat immer mit der Hörigkeit begonnen: Gedenket, Amerikaner sächsischer Rasse, gedenket, dass Ihr in Europa Sklaven gewesen seid!

Die Fähigkeit zu sozialem Leben oder der Gesellschaftstrieb ist mehr eine Eigenschaft der Seele als der Intelligenz. Man kann an Wissen überlegen sein und in der Nächstenliebe zurückstehen, und der Grad der Herzensliebe, deren eine Rasse fähig ist, bestimmt den Grad der Zivilisation, den sie erreichen kann. Die Negerrasse, die in Amerika in der Sklaverei lebt, ist vielleicht mehr für das soziale Leben geschaffen als die Rasse, die sie beherrscht. Im allgemeinen sind die Ureinwohner heisser Länder geselliger als die kalter Gegenden. Das Blut ist unter einer heissen Sonne edler als in einem eisigen Klima; und wo die Natur fruchtbarer ist, ist der Mensch weniger raubgierig. Selbst in Europa sind die südlichen Völker geselliger als die nördlichen; und wenn die einen die Entwickelung der Industrie gefördert haben, haben die anderen sich durch all das ausgezeichnet, was den Geist veredelt und das Solidaritätsgefühl der Menschen befestigt. Ohne die Berührung mit den edlen Völkern, deren soziales Leben schon im Altertum einen so hohen Grad von Zivilisation erreicht hatte, wären die Völker des Nordens niemals zu anderer Zivilisation gelangt. Und wer sieht nicht ein, dass es selbst in den neueren Zeiten die Assimilation der Rassen des Nordens an die des Südens von Europa, das gewissermassen innige Bündnis des kühlen Verstandes mit den edlen, warmen Gefühlen des Herzens ist, welches am meisten zu den Fortschritten der Kultur beigetragen hat und noch beiträgt? In welchem Lande sind die Grundlagen eines höher stehenden privaten Lebens als das des Altertums und des Mittelalters gelegt worden, wenn nicht in Frankreich durch seine glorreiche Revolution? In der Tat haben die Regionen Europas, wo sich die innigste Verschmelzung der Rassen des Nordens mit denen des Südens vollzogen hat, auf ihrem Boden die moderne Nation par excellence entstehen sehen, deren „soziales Leben, ohne Gleichen in der ganzen zivilisierten Welt schon im Keim das Ideal der Menschheit enthält.

Aber das Volk, welches zuerst dieses Ideal erfasst hat, existiert noch, wenn auch nicht als Gesellschaft, so wenigstens als Rasse, und wenn es wahr ist, dass das soziale Leben seine tiefsten Wurzeln in den natürlichen Eigenschaften hat, die der Schöpfer uns ins Herz gepflanzt hat, wer wollte dann leugnen, dass dieses alte Volk, diese Rasse Abrahams, die das menschliche Geschlecht seine göttliche Mission gelehrt hat, auch dazu beitragen muss, dieses hervorragend soziale Ideal zu verwirklichen? Unsere Weisen haben schon gesagt:

„Wer ein religiöses Gebot zu erfüllen begonnen hat, muss es auch vollenden“ Aber das erste Gebot Gottes, das er uns als Schöpfer der Rassen ins Herz gepflanzt hat, die Quelle und das Grundprinzip aller anderen unserem Volke gegebenen Gebote, ist, dass wir das Gesetz auch selbst ausüben, welches wir die anderen historischen Völker zu lehren die Mission haben. Die grösste Strafe, die uns auferlegt wurde, weil wir von dem uns durch die Vorsehung vorgezeichneten Wege abgewichen sind, und die unser Volk immer am tiefsten gebeugt hat, ist, dass wir seit dem Verluste unseres Landes, Gott nicht mehr als Nation durch Institutionen dienen können, die in der Diaspora nicht aufrecht erhalten und entwickelt werden können. Sie setzen eine im Lande unserer Väter bestehende Gemeinschaft voraus. Ja, das Land fehlt uns, um unsere Religion auszuüben!

„Das Land fehlt uns, um unsere Religion auszuüben“ — werden unsere aufgeklärten Brüder wiederholen und in lautes Gelächter über eine so veraltete religiöse Auffassung ausbrechen. Sie, die sie im Grunde mehr Christen als Juden sind, kümmern sich eben nicht um eine so irdische Religion. Menschen, die nur ihr persönliches Heil erst hienieden und dann im Jenseits, erst in der Zeit und dann in der Ewigkeit suchen, diese Menschen kennen die religiösen Bedürfnisse der unserer Mission ergebenen Israeliten nicht. Das edle Blut unserer Väter ist aus ihren matten Herzen entflohen, und nur sein geisterhafter Schatten ist darin zurückgeblieben. Aber die, welche noch einige Tropfen davon in ihren Adern fliessen fühlen, begnügen sich nicht mit dem Himmel; ihnen fehlt das Land, um das historische Ideal unseres Volkes zu verwirklichen, welches kein anderes Ideal ist als die Herrschaft Gottes auf Erden, die messianische Zeit, die von allen unseren Propheten verkündet worden ist. Diese trauern über das, worüber andere spotten; sie weinen bitter, wo die andern laut lachen.

Trocknet Eure Tränen, Ihr Weinenden; denn die Zeit der Rückkehr ist nahe!

Und Ihr, die Ihr lacht über den Glauben, den Ihr veraltet nennt, wisset, dass die edlen Gefühle des Herzens und die grossen Ideale der historischen Rassen niemals veralten — und dass sie noch in der Blütezeit sein werden, wenn die Sonne einer brüderlichen Gesellschaft schon längst die Schatten zerstreut haben, wird, die Euch den fernen Horizont der Menschheit verschleiern!

Zehnter Brief.

Die ältesten Spuren unserer Rasse gehen auf prähistorische Zeiten zurück. Die Traditionen, die uns darüber in unseren heiligen Büchern aufbewahrt sind, zeichnen sich trotzdem durch eine Einfachheit aus, die einen seltsamen Kontrast zu den sprichwörtlich gewordenen Übertreibungen der orientalischen Phantasie und zu den nicht weniger phantastischen Mythen aller anderen Völker bildet.

Gelehrte Schriftsteller, die wenig Sympathieen für unsere Rasse haben, haben uns mit ihren übel gesinnten Kritiken bis auf unsere ältesten Traditionen hinein beschenkt. Sie haben indessen nicht umhin können, deren einfachen Charakter anzuerkennen, indem sie eben das als geistige Trockenheit hinstellen, was weit eher das charakteristische Merkmal des Geistes der Wahrheit ist, der bei der Verfassung unserer heiligen Geschichte gewaltet hat.

Die Kapitel der Genesis, die sich auf die antediluvianische Epoche beziehen, enthalten schon einen traditionellen Grundstock, Legenden von höchstem Alter. Die, welche von den Taten und Gebärden der ersten Menschen handeln, sind mehr allegorisch oder symbolisch als mythisch. — Was die eigentliche Genesis betrifft, so kennen Sie ja meine Anschauung über dieses an die Spitze des alten Testaments gestellte Kapitel.

In diesem Kapitel, das mit der Feier des letzten Tages der Woche durch den Schöpfer schliesst, ist als höchstes Universalgesetz der Gedanke znm Ausdruck gebracht, der uns immer beseelt hat, dieser Gedanke, dass jede Schöpfung mit einem Zustand vollkommener Harmonie endigt.

Unsere Väter haben immer geahnt, dass die Schöpfung der sozialen Welt, ebenso wie die der kosmischen und organischen, mit einer harmonischen Epoche endigen wird, die den Sabbath der sozialen Woche darstellt Die Geschichte birgt ihn in ihrem Schosse, und er wird anbrechen, wenn die Entwickelung der Menschheit vollendet sein wird — das offenbart uns. das erste Kapitel der Genesis. — Nachdem die Arbeitswoche der natürlichen Erschaffung vollendet ist, beginnt die der sozialen Schöpfung. Aber auch diese Arbeit der Geschichte muss ihr Ende und ihr Ziel haben. Das Volk, das den letzten Tag der Woche feiert, muss in der Erwartung des Sabbaths der historischen Woche den Festtag der natürlichen Welt mit dem der sozialen Welt vereinigen, lejaum schekulau schabos.

Denen gegenüber, die in unserer Genesis die Lösung einer naturwissenschaftlichen Frage suchen, der aufeinfolgenden Erschaffung der Wesen, und den anderen gegenüber, die ein irriges Prinzip daraus abgeleitet haben, das der Schöpfung vorangehende Nichts, muss man nachdrücklich auf die tiefe Bedeutung und das wahre Prinzip hinweisen, das in vollstem Einklang mit den letzten Resultaten der Natur- und der sozialen Wissenschaften steht. Ich werde darauf zurückkommen, wenn ich den Standpunkt unserer Genesis gegen die Irrtümer des wissenschaftlichen Materialismus zu verteidigen haben werde, den ich schon an anderer Stelle bekämpft habe. Schon jetzt aber muss ich sagen, dass unsere heiligen Bücher in der Gegenüberstellung des schöpferischen Geistes und des Materialismus der anderen Rassen augenscheinlich nur das materialistische Prinzip bekämpfen wollten, und nicht das der Ewigkeit des schöpferischen Prinzips, — ebenso wie die Einheit Gottes, welche diese Bücher so nachdrücklich proklamieren, der Vielheit der Götter, aber niemals dem Begriff eines dem Weltall immanenten Gottes gegenübersteht, einem Begriff, den diese Bücher niemals bekämpft haben. — Was den traditionellen Teil der besprochenen Kapitel betrifft, so versieht es sich von selbst, dass er nur auf Ereignisse Bezug hat, deren Zeugen unsere Vorväter gewesen sein konnten, und dass er sich weder auf den Erdball, noch auf das ganze Menschengeschlecht bezieht.

Die Kapitel von der Sündflut, die zwar mit Legenden anderer benachbarter Völker untermischt und mit moralischen und religiösen Absichten in Bezug auf unseren humanen Kultus verfasst sind, fuhren uns zu der Katastrophe zurück, welche die heutige Gestalt Palästinas geschaffen hat. Man kann die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, die Bildung des roten Meeres als den letzten Nachball der Katastrophe betrachten, in welcher Rassen, Ureinwohner des palästinischen Bodens ihren Tod gefunden haben.

Nach der Verjüngung des Bodens und inmitten der ersten Einwanderungen neuer Rassen sehen wir unsere Väter erscheinen und von dem verjüngten Boden Besitz nehmen, der seit jener Zeit unser Vaterland geworden ist.

Kein Volk hat so alte und so heilige Rechte auf das Vaterland, das es zurückfordert, als die Nachkommen Abrahams, eines der ersten Besitzer seines erneuerten und wenig bevölkerten Bodens. Er hat es erworben, wo schon andere davon Besitz ergriffen hatten und hat es rechtmässig ausgebeutet, ohne die Rechte anderer zu verletzen.

Zwar hatten unsere Patriarchen als Führer von Nomadenstämmen nur ausnahmsweise die Fähigkeit sich zu Nutze gemacht, sich zu Besitzern eines jungfräulichen Bodens zu machen, dessen Beweidungsrecht ihren Herden nicht bestritten war. Das erste dauernde Eigentumsrecht, das unser ältester Patriarch auf vaterländischem Boden erworben hatte, war das, dort seine verstorbene Frau zu begraben. Die berühmte Grabhöhle bei Hebron hat er für 400 Silber-Schekel von einem Manne, Namens Ephron, gekauft. Das Beerdigungsrecht ist auch das einzige, das uns als letztes verblieben ist, und unser Volk hat, wie Sie wissen, davon reichlich Gebrauch gemacht. Noch heute sehen wir häufig Glieder unseres in der ganzen Welt zerstreuten Volkes auswandern, um sich in heiliger Erde begraben zu lassen.

Ich betone das aussergewöhnlich heilige und alte Recht, womit das Hebräervolk sein Vaterland zurückfordern kann, weil man uns gesagt hat, dass wir auf dem Boden Palästinas keine anderen Ansprüche geltend zu machen haben, als die der anderen Völker auf ihre Vaterländer: das Recht der Eroberung. Tatsächlich datiert unsere Nationalität und unsere Niederlassung in Palästina nicht seit den Zeiten Mosis und Josuas, sondern seit den Tagen Abrahams.

Die genealogische Tabelle, die in ihrer lakonischen Kürze Spuren eines solchen Alters aufweist, lässt uns der Einteilung der nachsündflutlicben Rassen, der Gründung der ersten Städte auf einem eben entstandenen Boden beiwohnen. Nach der Zeit der Einwanderung der Völker, die vorher in der Umgebung des babylonischen Turmes ansässig gewesen waren, sehen wir unter anderen Stammeshäuptern, deren Namen nur in unseren heiligen Büchern erwähnt sind, die grosse Gestalt unseres ersten Patriarchen Abraham erscheinen. Auch er ist mit seinen Vorfahren aus den Tälern des Euphrat „von jenseits des Flusses“ gekommen, um in Palästina einzuwandern, um sich dort mit seinen Frauen und seinen Herden niederzulassen, um dort das Oberhaupt eines grossen Volkes zu werden. Die historische Mission dieses Volkes war ihm offenbart; »sie ist in der Biographie Abrahams stark betont, denn fast jedes Wort und jede seiner Handlungen bezieht sich darauf. — Die Geschichte der Patriarchen trägt dasselbe traditionelle Gepräge wie die von Moses und Josua. — Warum also die eine annehmen und die andere verwerfen?

Allerdings hat kein anderes Volk aus einer so prähistorischen Zeit so einfache und doch an Ereignissen historischen Charakters so reiche Traditionen bewahrt, wie die Nachkommen der Patriarchen. Die historischen Zeiten beginnen in der Tat für jedes Volk erst mit der Zeit seiner staatlichen Konstituierung. Unser Vaterland war noch ein junges, von Nomaden bewohntes Land, zu einer Zeit als Egypten schon Ackerbau und Industrie mit den Einrichtungen eines zivilisierten Staates hatte. Die Nachbarschaft dieses Staates, zu welchem unsere Patriarchen immer in Beziehungen standen, konnte auf unsere Ahnen nicht ohne Einfluss bleiben, selbst bevor sie sich dort niedergelassen haben, um dann in Sklaverei zu geraten. — Unser Volk hat das durchmachen müssen, um eine zivilisierte Gemeinschaft werden zu können. Unsere Patriarchen hatten das mit einer starken Vorahnung ihrer historischen Mission erfasst. Egypten bat sie immer angezogen, und lange vor Jakob sehen wir schon unseren ersten Patriarchen dort einwandern. Der unangebaute Boden Palästinas bot schon in fruchtbaren Jahren nicht genügend Nahrung für die reichen Herden Abrahams und Lots, um wieviel weniger in den Teuerungsjahren, wo unsere Patriarchen immer gezwungen waren, das Land zu verlassen, das ihren Nachkommen verheissen war. Wenn Isaak, wie wir es in der Biographie dieses Patriarchen lesen, nach einem göttlichen Befehl Egypten immer meiden musste, so hat Jakob dagegen wiederum seine Zuflucht zu diesem Land nehmen müssen, das dazu ausersehen war, das Grab der individuellen Freiheit eines Nomadenvolkes und die Wiege der sozialen Freiheit zu werden nach dem göttlichen Gesetz der Gleichheit, das immer fortschreitet, aber niemals aufgehoben wird.

Hier stehen wir der ersten Epoche unseres Gesetzes gegenüber, wie es nach dem Siege der Freiheit erstand. Erlauben Sie mir, dass ich mich erst sammle, ehe wir zu dieser mit dem Ende des egyptischen Exil anbrechenden ersten Manifestation des schöpferischen Genies unserer Rasse kommen. — Wir werden später am Schlüsse eines zweiten Exils zu einer zweiten schöpferischen Epoche kommen. — Und wer möchte bestreiten, dass wir, nachdem wir den Kelch der dritten Verbannung geleert haben, am Vorabend einer dritten schöpferischen Epoche stehen werden? — Aber sind wir schon so weit? Hat Israel das Ende seiner jahrhundertlangen Leiden erreicht? Ist die Emanzipation, deren sich ein kleiner Teil unseres Volkes in den vorgeschrittensten Abendländern erfreut, der letzte Ausdruck seiner sozialen, moralischen und intellektuellen Freiheit, dieser nationalen Freiheit, die immer die Conditio sine qua non war, um unser religion-schöpferisches Genie zur Blüte zu bringen?

Ich glaube nicht. Unsere Arbeit kann nur eine vorbereitende sein. Inmitten der theoretischen und kritischen Arbeiten, die auszuführen wir berechtigt und verpflichtet sind, haben wir nicht die Autorität, die Traditionen unseres Kultus vor dem Tage zu ändern, an welchem die ersten israelitischen Pioniere von unserem alten Vaterlande Besitz ergreifen und mit seiner Kultivierung beginnen werden in der laut bekannt gegebenen Absicht, dort die Basis für eine politische und soziale Niederlassung zu schaffen. Diejenigen, die ihr Interesse und ihre Mitarbeit diesem heiligen Werke weihen, das nicht nur allen unseren abendländischen Brüdern, sondern auch den Volksmassen unserer orientalischen Glaubensgenossen zu gute kommen wird, werden das unbestreitbare und wohl auch unbestrittene Recht haben, weil es ja zu ihrer Mission gehört, ein grosses Sanhedrin einzuberufen, um das Gesetz gemäss den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft zu modifizieren.