Paris, den 2. Januar 1844. — Das Quecksilber in Frankreichs politischem Leben steht in diesem Augenblick, wie das in Ihrem Thermometer, auf dem Gefrier­punkte, was freilich ganz in der Ordnung ist, denn die Kammern sind eröffnet. Die Revolutionen können hier bekanntlich nur im Sommer und die Gesetze nur im Winter gemacht werden. Die Kammern wurden vor einigen Tagen wieder zusammenberufen, um sich sagen zu lassen, daß alles im besten Zustande, das Land glücklich und der Weltfriede gesichert sei. Unglücklicherweise erinnerte sich der älteste Mann in der Deputirten-Kammer noch jener Zeiten, wo man von andern Zuständen, von einem andern Glücke träumte und wollte sich daher gar nicht zufrieden geben mit dem gepriesenen Wohlstande der Nation. Aber die Repräsentanten dieses Wohlstandes protestirten gegen die Laffite’sche Protestation und so blieb denn nach der bekann­ten dialectischen Methode der deutschen Philosophie, durch Negation der Negation alles beim Alten. Die einzige Genugthuung des alten Laffitte war ein Besuch des ehr­würdigen Beranger, der in ländlicher Zurückgezogenheit lebt, und nur in den seltenen Augenblicken, wo sich der bessre Geist des Landes mitten durch die Corruption hindurch zu erkennen giebt, wie ein Symbol erscheint und wieder verschwindet. Beranger ist der gute Genius der Juli-Revolution, der mit verhülltem Antlitz dem Trei­ben der officiellen Politik zusieht. Sein stilles Beifallslächeln mochte den greisen Deputirten für das laute Murren seiner jungen Collegen hinlänglich entschädigen.
Frankreichs Unglück ist der Antagonismus der beiden Partheien, welche seine beiden Revolutions-Prinzipien der Freiheit und Gleichheit vertreten, der Antagonis­mus der liberalen und der demokratischen Parthei. Ursprünglich nicht entzweit stehen sie sich gegenwärtig vielleicht schroffer gegenüber als je. Wir meinen hier nicht den Gegensatz des Radikalismus und Moderantismus. Unter Liberalen begreifen wir alle, die nur Reformen zu Gunsten der politischen Freiheit wollen, ob in conservativer, friedlicher, oder in radicaler revolutionairer Weise. Demokraten hingegen nennen wir jetzt diejenigen, die nur oder doch vorherrschend die sociale Gleichheit erstreben, und zur Freiheit sich grade so verhalten, wie die Liberalen zur Gleichheit, nämlich im besten Falle indifferent, zuweilen sogar feinldich.
Inder ersten französischen Revolution gab es nur Progressisten, sieggewisse Gegner des alten verrosteten Regiments. Allerdings unterschieden sich Radikale und Moderantisten, keineswegs aber Liberale und Demokraten im heutigen Sinn. Damals lebte dieser Gegensatz wenigstens nicht im Volksbewußtsein. Mit dem Bewußtsein dieses Gegensatzes wäre der Volksenthusiasmus, der schöpferische Träger der Revolution, gewiss nicht aufgekommen, oder wäre etwa nach dem Ausbruch der ersten französi­schen Revolution dieser Gegensatz ins Bewusstsein getreten, das Feuer der Begeiste­rung hätte von dem Augenblick an erlöschen müssen. Der Unterschied zwischen dem liberalen und demokratischen Elemente, der kein anderer als der Gegensatz von Freiheit und Gleichheit in dem nicht social gestalteten Leben ist, entwickelte sich viel­mehr erst im Verlaufe der Revolution. In der Republik, und zwar bis zum Direkto­rium, waren Freiheit und Gleichheit noch vereint das bewegende Princip.
Die Konstitution von 1791 macht zwar schon für die Urversammlungen einen Unter­schied zwischen aktiven und nicht aktiven Bürgern, d. h. zwischen bourgeois und peuple, zwischen solchen, die eine Kontribution entrichten, und den eigentlichen Prole­tariern, welche zur Theilnahme [an] den Urversammlungen den geringsten politischen Rechten, nicht zugelassen wurden; ja, sie geht in Betreff der Wahlen zur Volks­repräsentation noch weiter, indem sie einen noch grössern Besitz zur Bedingung macht, um zu den Wahlversammlungen zugelassen zu werden. Aber man würde sehr irren, wollte man deshalb der Nationalversammlung eine feindliche Stellung zum Prin­zip der Gleichheit unterschieben. Das Verdienst dieser glorreichen Versammlung war die Abschaffung aller Feudalrechte, und die Konstitution von 1793 war die Vollendung jener von 1791. Die Erklärung der Menschenrechte ist eine feierliche Protestation gegen alle Privilegien, eine unzweideutige Proklamation der Freiheit und Gleichheit. Sanktionirte dieselbe Versammlung, welche die Menschenrechte erklärte, hinterher doch wieder einige Privilegien, so war dies ein naiver Irrthum, den die Konstitution von 1793 berichtigen zu können glaubte. — Sie berichtigte ihn auf ihre Weise durch die Aufhebung aller Vermögensunterschiede selbst für die höchsten politischen Rechte, was zur nothwendigen Folge den Terrorismus hatte. Der Terroris­mus ist der Despotismus der Gleichheit im Zustande des sozialen Egoismus. In unsern antisozialen Zuständen kann die Gleichheit nur in der Form der Negation aller in­dividuellen Freiheit, alles individuellen Lebens, in der Form der Herrschaft einer ab­strakten, transcendenten Einheit, einer äußern, absolutistischen Autorität, kurz, in der Form des Despotismus erscheinen. Die Konstitution von 1793 hatte daher die Diktatur Robespierre’s zur Folge. Die heutigen Demokraten sind sich dieser Nothwendigkeit wohl bewußt. Aber der Convent be­trachtete in seiner Naivetät den Terrorismus nur als eine passagere, provisorische Maßregel. Er vernichtete die Freiheit faktisch, keineswegs prinzipiell, wie unsere heutigen Demokraten. Ledru-Rollin hat jüngst in seiner Antwort an die «Re­forme» über die Lehrfreiheit siegreich nachgewiesen, daß es ganz und gar unstatt­haft, wenn die heutigen Demokraten, die der Gleichheit die Freiheit opfern möchten, sich auf die Grundsätze des Convents stützen. — Der Gegensatz zwischen dem Prin­zip der Gleichheit und dem Prinzip der Freiheit trat zuerst in der Konstitution von 1795 hervor. Der Unterschied von aktiven und nicht aktiven Bürgern, sowie die ver­schiedenen Formen des Wahlcensus kommen hier wieder zum Vorschein, und zwar jetzt nicht mehr in der unbefangenen Weise der Nationalversammlung, sondern als Reaktion gegen den Terrorismus. — Wie unter dem Direktorium das einseitige Freiheitsprinzip gegen das einseitige Gleichheitsprinzip, so reagirte später unter Bonaparte und dem Kaiserreiche das terroristische Gleichheitsprinzip zuerst in be­wußter Weise gegen das Freiheitsprinzip. Robespierre’s etre-supreme kam erst nach ihm auf die Welt: es war Napoleon. Hätte Robespierre sein etre-supreme gekannt, er hätte es nicht proklamiren, er hätte es guillotiniren lassen. — Seit dem Sturze Napoleons machte die französische Nation mehrere unglückliche Versuche, die beiden Revolutionsprinzipien vereint in’s Leben einzuführen. Der Restauration war es aber weder um Freiheit, noch um Gleichheit zu thun; sie gab sich nur den Schein diese beiden großen Prinzipien zu realisiren, und wurde gestürzt, als sie ihre heuchlerische Maske abwarf. Die Julirevolution sollte sodann die Vermittlung der beiden Prinzipien ausführen, wogegen sie die Unmöglichkeit ihrer Verwirklichung ohne radikale Umgestaltung des sozialen Lebens dargethan hat. Unter dem Regime der Julirevolution trat der Gegensatz der beiden Revolutionsprinzipien zuerst in’s Volksbewußtsein, und seit dem kann man die Physiognomie der liberalen und demo­kratischen Parthei genau unterscheiden.

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Paris, 4. Januar. — Die beiden Partheien, welche die beiden Revolutionsprin­zipien einseitig vertreten, haben sich bis jetzt gegenseitig nur momentan überwinden können. In dem Augenblicke, wo das eine Prinzip siegte, gewann das andere wieder die Macht zureagiren, weil die Einseitigkeit nur zu erscheinen brauchte, um sich die ganze Nation zu entfremden. Gegenwärtig sind die beiden Prinzipien in einem Kampfe auf Leben und Tod begriffen. In der alten unorganischen Weltanschauung, worin Alle befangen sind, fallen, wie gesagt, die beiden Prinzipien der Freiheit und Gleich­heit, welche in Wahrheit nur das Eine Lebensprinzip der Selbsttätigkeit ausdrücken, nothwendig auseinander. Denn im unorganischen Leben ist die Freiheit nichts anderes, als die Unabhängigkeit des Einen vom Andern, das Nichtgebundensein an­einander. Die Gesellschaft aber ist nur dann organisch, d. h. menschlich, wenn ihre Glieder in-, mit- und durcheinander wirken, und die Freiheit der unorganischen Ge­sellschaft steht der Einheit, der Gleichheit, der Ausgleichung aller Lebensansprüche der Individuen, direkt entgegen. Auf der andern Seite widerspricht die Gleichheit, vom unorganischen Gesichtspunkte aufgefaßt, aller Freiheit. Denn die Gleichheit ist hier nichts Anderes, als die Aufhebung aller Individualität, jeder individuellen Selbstständigkeit. Die Gleichheit konnte sich bisher nie ohne despotische Gewalt ins Leben einführen, nie ohne eine Gewalt, welche jede freie Entwicklung der Indi­viduen, jede geistige und materielle Freiheit tödtete. Die Freiheit aber mußte sich stets auf das Privatinteresse, auf den Egoismus und die Corruption stützen. Einerseits der Convent und das Kaiserreich, andrerseits die constitutionnelle Monarchie und das Direktorium beweisen faktisch diese Nothwendigkeit. Und vergebens bemüht man sich jetzt, theoretisch durchzuführen, was praktisch un­ausführbar.
Seitdem aber der Gegensatz von bourgeoisie und peuple in das Volksbewußtsein eingedrungen und offen eingestanden ist, seitdem kein Hehl mehr gemacht wurde aus dem Bourgeoisieregiment mit allen seinen Consequenzen, d. h. aus der einseitigen Herrschaft des liberalen Princips, seitdem gewinnt die demokratische Richtung immer mehr die Massen. Der Haß gegen das Bourgeoisieregiment hat die Reaktion gegen den Liberalismus sogar auf eine Höhe getrieben, wo es dem Blindesten klar werden muß, daß das Prinzip der Gleichheit im Gegensatze zum Freiheitsprincip eben so unzulänglich, wie dieses Letztere im Gegensatze zu jenem Erstem ist.
Die demokratische Partei, die in allen Tonarten die Einheit anpreißt, ist jedoch nichts weniger, als einig. Sie theilt sich erstens in reine Demokraten, d. h. in Sozialisten, welche das Privateigenthum aufheben und in solche, welche mit Beibehaltung des Privateigenthums, wie sie sagen, die Arbeit organisiren wollen.
Die einen Demokraten, oder die Communisten, theilen sich wieder in religiöse und materialistische, in friedliche und revolutionäre, abgesehen von den verschiedenen Systemen, die alle mehr oder weniger Anhänger haben. — Und die anticommunistischen Demokraten! Welche Unzahl von Meinungen! Dennoch greift in diesem Augen­blicke die demokratische Journalistik überall, in Paris wie in den Provinzen, mächtig um sich. Doch ist es nicht die rein demokratische oder communistische Richtung, welche sich der Tagesliteratur bemächtigt. Es fehlt ihr erstens an ökonomischen Mitteln, um Journale zu gründen, an der nöthigen Unterstützung. Dann ist sie noch zu sehr mit der Herausarbeitung ihres Princips, ihres eignen Wesens beschäftigt. Sie versucht endlich ihre Principien weniger auf parlamentarischem Wege, als mittelst litterarischer Propaganda und geheimer Clubbs zu verbreiten, was übrigens nicht ihr zur Last zu legen ist, sondern den Septembergesetzen. Der Communismus über­schwemmt inzwischen Frankreich mit Systemen, Büchern, Broschüren und periodi­schen Schriften. Im Verein mit den andern Demokraten untergräbt er so die schon schwankende sociale Ordnung, oder vielmehr Unordnung, das öffentliche und das Privatrecht. So sehr aber die reinen Demokraten jene Einwürfe, die ihnen mit Recht vom Gesichtspunkte der individuellen Freiheit aus gemacht werden, zu entkräften streben, so wenig ist es ihnen bisher gelungen, die Freiheit in der Gleichheit theore­tisch zu begründen und die organische Lebensanschauung zu gewinnen, ohne welche keine organisirte Gesellschaft denkbar ist. Ihnen gegenüber sind die Liberalen noch immer berechtigt, das eigne Princip einseitig zu vertreten.
Die reinen Demokraten theilen sich in zwei oder drei Hauptgruppen, in religiöse, materialistische und indifferente. Die letztern bedienen sich der Religion als eines Mittels, um ihre Grundsätze der Volksmasse beizubringen, weil sie eben kein besseres Mittel kennen. Will man sie noch zu den religiösen Demokraten zählen, so ist die größere Mehrzahl der Communisten religiös tangirt. Indessen selbst die, denen es Ernst mit der Religion ist, sind keineswegs Anhänger irgend einer positiven Reli­gion, etwa des Katholizismus, der überhaupt, trotz aller Anstrengungen des franzö­sischen Klerus, nichts weniger als populär ist. Die gläubigsten, die religiösesten Demokraten sind eben nur Rationalisten, und zwar Rationalisten von der klassischen Sorte. Sie verehren das «höchste Wesen» des gottseligen Maximilian Robespierre «im Geiste und in der Wahrheit», sie schwören nicht auf die Bibel, sondern auf Kant’s «Religion innerhalb der Gränzen der reinen Vernunft». Ihre Dogmatik geht nicht über das «Glaubensbekenntniß des vicaire savoyard» hinaus. Sprechen sie auch den Namen des Weltheilands mit großer Salbung aus, Christus ist ihnen doch nur eine Autorität neben andern, ein «kreuzbraver Mann». — Die Demokraten haben ein Band nöthig, welches die Menschen umschlingt und sie über den Egoismus der Privatinteressen emporhebt. Sie bedürfen ferner einer Autorität, welche der individuellen Willkür ihre Schranken setzt. Nun ist allerdings das einzige und das natürliche Gegengewicht des Egoismus die Liebe, so wie jenes der Willkür die Vernunft. Allein die Liebe und die Vernunft dieser Demokraten ist noch nicht genugsam erstarkt, noch zu sehr mit ihrem Gegentheil behaftet, um sich selbst ver­trauen zu können. Dagegen hoffen sie es mit Gottes Hülfe dahin zu bringen, den Egoismus und die individuelle Willkür zu überwinden. — Aber nicht nur die religiösen, auch die materialistischen Demokraten nehmen eine äußere übermenschliche Autorität wider den Egoismus und die Willkür in Anspruch, denn ihr Materialismus ist nicht organisch, sondern atomistisch. Um die fehlende Einheit im Menschenleben herzustellen, construiren sie in Ermanglung eines Prinzips, welches das ganze Leben des Menschen umfaßt und dessen Ausführung der Praxis überlassen werden muß, dogmatische Systeme, welche alle den Fehler haben, in allgemeiner uniformer Weise vorzuschreiben, was sich nach individuellen, nationalen klimatischen und lokalen Eigentümlichkeiten richten, also der Freiheit überlassen werden muß. Wir meinen die specielle Ausführung des Prinzips. Alle bisherige Demokraten gleichen sich darin, daß sie statt der wirklichen Einheit des organischen Menschheitslebens, eine transcendente suchen, welche ebenso gleichheitswidrig wie freiheitsmörderisch ist. Die Franzosen haben es in ihrem Sozialismus eben so wenig, wie die Deutschen in ihrem Idealismus, zu ihrem eignen positiven Wesen gebracht. Das Wesen des Sozialis­mus ist die organische, die menschliche Gleichheit, so wie das Wesen des Idealismus die lebendige, die menschliche Freiheit. Wie aber die deutschen Philosophen mit Aus­nahme des neuesten, nämlich Feuerbach’s, ihre Wahrheit nicht im Menschen, sondern in seinem transcendenten Wesen, im «Gott», im «absoluten Geiste» oder in einer vom Leben abgezogenen und abgeschiedenen «Logik» fanden, so finden die Franzosen die ihrige noch immer nicht in der Gesellschaft, sondern in deren transcendentem Wesen, in irgend einem sozialistischen System. In wie vielen Variationen beide Völker ihr Thema auch abgespielt haben, der disharmonische, der theologische Grundton ist geblieben. Den materialistischen wie religiösen Demokraten ist das soziale Leben noch immer ein jenseitiges; die Einen setzen es in Gott, die Andern in ein Individuum, das den Stein der Weisen gefunden, in einen communistischen Gesetzgeber oder Diktator, kurz, es ist ein äußerliches Band, eine transcendente Einheit, eine Autorität, es ist nicht der Mensch und das menschliche Leben.

Paris, 5. Januar. — Alle Demokraten, wie sehr sie auch im Übrigen auseinander gehen, sind sich gleich in der Sehnsucht nach einer faßbaren Autorität. Allen fehlt die innere Selbstgewißheit, das männliche Selbstvertrauen. Ein frommes, kindliches, weibisches, unmännliches und unbestimmtes Herumstöbern nach einer politischen und religiösen Autorität charakterisirt sie Alle, Alle ohne Ausnahme. Lamartine selbst, als er zum großen Schrecken aller Demokraten die absolute Lehrfreiheit anzupreisen wagte, wies gleichzeitg hin auf die Theokratie (!) als das Ideal, dessen Verwirklichung in einer nähern oder fernem Zukunft zu hoffen sei. Kann man sich bei einem solchen Zustande der Geister über die Schilderhebung der Jesuiten ver­wundern? — Man fürchtet sich vor der «Auflösung aller socialen Bande» und schreit sogleich «über Anarchie», wo man die individuelle Freiheit auftauchen sieht. Macht irgend Einer Miene, die Lehrfreiheit, die der Klerus nur zum Scheine in An­spruch nimmt, im Ernste zu verlangen, so hört Ihr die demokratischen Blätter zit­ternd ausrufen: «Soll die Jugend tausend verschiedenen Lehren, also dem Skepticismus preisgegeben werden!» Dieser «Skepticismus» ist die bete noire der Jüngern Ge­neration in Frankreich, der Alp, der auf Allen lastet. Er treibt die Einen zur alten Religion zurück, die Andern zur Verkündigung einer neuen; er ist die Geburtsstätte der Jesuiten und der modernen Weltheilande; er macht aus den Republikanern Invaliden des großen Kaisers, und aus den Demokraten Apostel Jesu Christi. Zu dem Volkselend fügt er noch die moralische Selbsterniedrigung hinzu, und die Besitzer des Reichthums, die Inhaber der Macht, dürfen es wagen, sich den Demokraten gegenüber hinter der Lehre vom Sündenfall zu verschanzen! Der Autoritätsglaube, den ihre Vorfahren allzuflüchtig abgeschüttelt haben, macht auf die heutigen Fran­zosen wieder seine alten, freiheitsmörderischen Ansprüche geltend, und die Nach­kommen Voltaire’s und Rousseau’s machen den Versuch, die Lücken im Dictionnaire philosophique und Contract social durch Bibelstellen zu ergänzen!
Ja wir haben es erlebt, daß Männer aus der demokratischen Partei ihren Vorfah­ren die «übertriebene» und «anarchische» Preßfreiheit vorwarfen, welche 1789 allen Meinungen bewilligt wurde. Was ist von solcher Weisheit zu erwarten, wenn sie erst an der Regierung und eben so mächtig, als jetzt unterdrückt und ohnmächtig ist? — In dem Mangel an Selbstvertrauen sind sich übrigens Alle gleich; Cabet, der Communist, will neben seinem «Populaire» kein anderes communistisches Organ dulden; Louis Blanc verhehlt seine Abneigung gegen die Preßfreiheit nicht; die Republi­kaner des «National», und die Sozialisten der «Reforme» sprechen sich gegen die Lehrfreiheit aus; die Besten fürchten sich vor einer «Anarchie der Meinungen», die sie nur durch den Autoritätsglauben besiegen zu können sich einbilden. Und wären die ehrlichen Jesuiten nicht ein längst aufgelöstes Räthsel, hätte man nicht a priori gewußt, daß sie die Fahne der Lehrfreiheit nur zum Scheine aufpflanzen, die ko­mische Haltung gegenüber Lamartine und Ledru-Rollin, die mit dieser Freiheit Ernst machen, hätte ihre «Freisinnigkeit» hinlänglich charakterisirt. Diese Vor­kämpfer einer Religion, der die «Majorität der Franzosen», wie die Charte meint, und alle peres de famille, wie sie selbst behaupten, mit Leib und Seele angehören soll, fürchten sich noch weit mehr vor der wirklichen Lehrfreiheit, als die Regierung. Seht, wie sie ihre Verlegenheit Angesichts der Lamartine’schen und Ledru-Rollin’schen Vorschläge schlecht verbergen! Und sie brauchen sich in diesem Augenblicke noch nicht zu beunruhigen; wahrlich, die Gefahr ist für sie noch nicht groß, sie können vertrauensvoll die Bekämpfung der Oppositions-Deputirten den demokra­tischen Journalen, die Verteidigung ihrer Privilegien dem ministeriellen «Globe» überlassen. — Was würden sie aber erst sagen, wenn der Staat wirklich seine spenden­reiche Hand von der katholischen Kirche abzöge und sie sich selbst überließe? —
Die Übelstände, welche aus der Freiheit im Zustande des Egoismus, die Übelstände, welche mit andern Worten aus der Willkür erwachsen sind, haben die Franzosen mißtrauisch gegen die Freiheit gemacht, und dieselbe Reaktion, die sich heute in sozialer Beziehung gegen die falsche Freiheit der Konkurrenz und Arbeit zu Gunsten eines längst überwundenen knechtischen Zustandes erhebt, macht sich auch gegen eine noch nicht bis zur wirklichen Menschenfreiheit hindurchgedrungene individuelle Denkfreiheit zu Gunsten eines längst überwundenen Glaubens geltend und droht das bereits Errungene wieder zu verscherzen. Unvermögend den Sieg über die Knecht­schaft konsequent zu verfolgen, wirft man sich in die eroberten Festungen und fängt an, die geschleiften Zwingherrnburgen wieder aufzubauen. — An diesem Punkte tritt es hervor, daß der französische Geist zu seiner Ergänzung des Deutschen be­darf, welcher das ganze System des Autoritätsglaubens und der religiösen Phantasie nach einem dreihundertjährigen Kampfe für immer besiegt hat.

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Paris, 6. Januar. — Der Einfluß des Sozialismus und Communismus auf die französische Tagespresse wird mit jedem Monate bedeutender. Die alten Parteien müssen sich schon bequemen, dem Strome der Zeit zu folgen, um nicht auf’s Trockene gesetzt zu werden. Man kann jetzt die ganze Presse in zwei Hauptgruppen eintheilen, in die alte und neue, oder in die liberale und demokratische Presse. Wie belebt und wie respektirt ist diese halb politische, halb sozialistische Presse, die so un­scheinbar begonnen und noch bis vor Kurzem gegen Verläumdung und Spott zu kämpfen hatte!
Von den beiden Hauptparteien, in welche die neue, politisch-soziale Richtung aus­einander geht, wird die eine, nämlich die konservative Partei, durch die Journale «la Presse» und «la Democratie pacifique», die andere, die reformistische oder radikale Partei durch «le Bien publique» und «la Reforme» vertreten. Die «Reforme» und die «Democratie pacifique» sind die vorgerückten Posten, jene der radikalen, reformistischen, diese der konservativen, friedlichen Demokraten, und um deren Verhältniß zu «le Bien publique» und «la Presse» im Allgemeinen zu charakterisiren, kann man sagen, daß jene offen aussprechen, was bei diesen im Hintergrunde reservirt und nur diplomatisch ausgesprochen wird. Das Programm der konservativen, wie der reformistischen Demokraten, steht eigentlich schon auf dem Titel ihrer Journale, «Reforme» und «Democratie pacifique»: diese wollen den Frieden, jene die Reforme ä tout prix. Den «Friedlichen» ist jede Regierung, jede Dynastie, jede Religion, jede Politik gleichgültig, weil sie ein unendliches Vertrauen in ihre Weisheit, in ihre Geschicklichkeit, in ihre Klugheit, in ihre Schlauheit setzen, mittelst deren sie am Ende Alles bekehren zu können sich einbilden. Sie liebäugeln mit Ludwig Philipp und den Legitimisten, mit Guizot und Lamartine, mit der Religion und Philosophie, und lachen sich dabei heimlich in’s Fäustchen, denn sie haben ja den Stein der Weisen gefunden! Ihre Weisheit ist aber der mechanischste, oberflächlichste, pedantischste Schematismus. Sie berechnen Alles mit Zahlen und Buchstaben. Das Talent und die Arbeit, die organischste, innerlichste, freieste, menschlichste Thätigkeit messen sie, wie das äußerliche, todte, unorganische Ka­pital, nach Prozenten und Bruchtheilen: Das Kapital hat so viel, die Arbeit so viel und das Talent so viel Prozentchen in ihrer Gesellschaftsrechnung!
Bei den Reformisten dagegen ist Alles warmes; heißes Leben; da gährt und kocht ein weltenzerstörender und weltenschaffender Vulkan, das ewige Feuer der natura naturans. Wenn dort Alles Wasser, so ist hier Alles Blut; wenn dort Alles unorganisch, so ist hier Alles organisch. Es ist wahr, daß ihre Glut sie bis jetzt noch mehr erwärmt, als erleuchtet; aber in ihren Adern pulsirt Leben und ihre Augen strahlen schon von dem Lichte, das einst die Welt erleuchten wird. — Es ist wahr, daß sie in ihrem dun­keln Drange mehr glauben, als erkennen von ihrem eigenen Wesen; aber der Genius der Nation lebt in ihnen, wenn auch noch verborgen. Sie meinen’s Ernst mit Allem was sie lieben, hassen, anerkennen oder verwerfen. Man hat hier keine Zahlen, son­dern Menschen vor sich, welche für alle Erkenntniß den Keim in sich haben, und ich möchte lieber mit Diesen irren, als mit Jenen richtig rechnen. — Die Refor­misten müssen sich’s oft von den Konservativen, Friedlichen sagen lassen, daß sie «unpraktisch» seien. Wir glauben, daß die, welche sich dem lebendig bewegten Strome der Geschichte hingeben, sich in einem praktischen Elemente bewegen, als jene Andern, die außerhalb des Volkes stehen, und dennoch die Prätension haben, sein Schicksal zu lenken und sein Loos zu verbessern.

Inzwischen ist das große Verdienst der «friedlichen» Demokraten um die Ein­führung des sozialistischen Elementes in’s Leben, in die Presse, in das öffentliche Bewußtsein, nicht zu verkennen. Ihre ewigen Friedenspredigten und Predigten des ewigen Friedens, die ihnen eben so sehr von der Klugheit, wie vom Standpunkte ihrer Lehre eingegeben wurden, schläferten die Wächter der Septembergesetze ein, und sie konnten Dinge aussprechen, welche sonst als hochverrätherisch galten und ihren Verkündern Prozesse ohne Ende zuzogen. Sie gewöhnten auf diese Weise die Krämerwelt und ihre Repräsentanten daran, ohne Angst die Diskussion der socialen Probleme anzuhören. Sie schmeichelten so lange der Regierung, bis sie ihnen huld­reich zulächelte. Dann wurden sie immer dreister, und zuletzt konnten sie es wagen, ihre Glaceehandschuhe auszuziehen und dem «Globe», der über Verrath schrie, ins Gesicht zu schlagen. — Wir trauen zwar der kriegerischen Haltung, welche die friedliche Demokratie seit einiger Zeit angenommen hat, eben so wenig, als ihrer weiland phalansterischen Sanftmuth; aber unbestritten bleibt es, daß sie der Demo­kratie den Weg in die Journalistik, der ihr seit der Verurtheilung Dupoty’s ver­schlossen war, wieder gebahnt hat. Andere Demokraten, als die der «pacifique», echte Männer des Volkes, denen es nicht um Dogmen, nicht um die eigene Weisheit zu thun ist, treuere Anhänger der französischen Revolution, als diese altklugen Ver­unglimpfer derselben, werden die günstige Stellung, die den Demokraten überhaupt durch die «Friedlichen» bereitet wurde, von jetzt an benutzen.