So lange der Mensch noch über seine Bestimmung Zweifel hegen und fragen kann, was sie sei, erfüllt er sie noch nicht. Die Unklarheit der Begriffe über die Bestimmung des Menschen entsteht aus dem Factum, daß wir unsere Bestimmung nicht erfüllen. — Man hört häufig in unserer Krämerwelt die tiefsinnige Bemerkung: „Wenn wir aber unsere Bestimmung ganz erfüllten, dann hätten wir ja unser Ziel erreicht und es bliebe uns fortan nichts mehr zu thun übrig.“ Das ist die Sprache der Bornirtheit und des Egoismus. So könnten auch gewissenlose Ärzte sprechen, die bei der Heilung einer Krankheit nur ihre subjective Thätigkeit und nicht zugleich das objective Ziel derselben, die Heilung oder die Gesundheit, oder die, mit andern Worten, nur sich selber und nicht gleichzeitig die Andern, für die sie thätig sind, im Auge hätten. So würde auch die Pflanzenblüthe, wenn sie Bewußtsein von ihrer Lebensthätigkeit hätte und so egoistisch bornirt wie die Menschen unserer Krämerwelt wäre, in Betreff der Frucht raisonniren, welche sie nothwendig hervorzutreiben bestimmt ist. So sprechen wirklich alle unsere Lohnarbeiter, wenn man ihnen sagt, daß sie überflüssig werden, und sie müssen so sprechen, da sie nur als Lohnarbeiter und nicht als Menschen thätig sind, da ihr Leben und Wirken von dem Erwerbe ihrer Lebensmittel absorbirt ist. — Allerdings hört die Thätigkeit des Menschen als Arzt, so wie jene der Pflanze als Blüthe und die des Arbeiters als Lohndieney einmal auf, aber damit hört doch die Thätigkeit des Menschen und der Pflanze, oder die Thätigkeit, die Arbeit überhaupt nicht auf.

Die Bestimmung des Menschen, wie die jedes andern Wesens, ist, sich ganz zu bethätigen. Der Mensch kann sich aber als einzelnes Individuum gar nicht bethätigen. Das Wesen der menschlichen Lebensthätigkeit ist eben das Zusammenwirken mit andern Individuen seiner Gattung. Außerhalb dieses Zusammenwirkens, außerhalb der Gesellschaft kommt der Mensch zu keiner einzigen specifisch menschlichen Thätigkeit. So lange aber dieses Zusammenwirken dem Zufalle überlassen, so lange es nicht organisirt ist, kann der Mensch in seiner Lebensthätigkeit eben sowohl ge­hemmt, als gefördert werden — gefördert, sofern er jede andere menschliche Lebens­thätigkeit verbunden mit seiner eigenen betrachtet, d.h. sofern diese Verbindung, dieser Zusammenhang wirklich stattfindet und sein Verstandesblick ausgebildet genug ist, um diesen Zusammenhang auch einzusehen — gehemmt, sofern er sich als isolirtes Individuum betrachten muß. Die Hemmnisse, die wir uns selbst in den Weg legen, sofern wir isolirt leben, und die mit jedem Tage drückender werden, weil sich fortwährend neue Kräfte entwickeln, mithin neue Collisionen durch die Isolirung entstehen, diese Hemmnisse erzeugen in uns das unglückliche Bewußtsein, daß wir unsere Bestimmung als Menschen hienieden nicht erfüllen. Wir sind nur innerlich befriedigt, wenn wir unser Wesen ohne Hemmniß bethätigen können. Fühlen wir uns in unserm Streben gehemmt, dann erscheint uns unsere Bestimmung als etwas Jenseitiges, Ideales, Unerreichbares. In der That aber — und das ist’s worauf wir aufmerksam machen wollten — in der That aber, sagen wir, ist unsere Bestimmung immer und selbst dann noch, wenn wir unser Leben gehemmt fühlen, eine diesseitige, reale, erreichbare. Fühlen wir unser Leben gehemmt, wohlan! so legen wir Hand an’s Werk, die Hemmnisse wegzuräumen, und wir werden vollkommen befriedigt sein, denn wir erfüllen alsdann unsere menschliche Bestimmung! Bedenken wir uns nicht lange erst, was wir zu thun haben, um ein jenseitiges Ziel zu erreichen. Was uns hemmt, ist unsere Isolirung, was uns fördert, ist das vereinigte Wirken. Vereinigen wir uns, vereinigen wir uns als Menschen — und die Hemmnisse sind weg­geräumt !

Die Bestimmung des Menschen ist immer sein gegenwärtiges Leben. Wir sagen nicht, daß der Mensch seine Bestimmung erfüllt, indem er lebt oder existirt — denn existiren kann er auch isolirt, wie ein Thier, wie ein Stein — wir sagen aber, daß der Mensch jederzeit seiner eigenen Natur nach menschlich leben, wahrhaft frei thätig sein könnte, wenn er nur Einsicht und Charakterfestigkeit genug hätte, den Hemmnissen, die ihn gegenwärtig umgeben, durch vereinigtes Wirken die Spitze zu bieten, sie nach­haltig zu bekämpfen. In der Unfreiheit ist es die Bestimmung des Menschen, immerfort zu kämpfen, zu protestiren und zu opponiren: Gift gegen Gift, Kampf gegen Kampf, Kampf der vereinigten Menschen gegen den Kampf der isolirten, zerfallenen Bestien! — Haben wir die Thierwelt überwunden, dann und nicht eher ist es unsere Bestimmung, zu bilden, dann können wir schaffen, ohne im Schaffen zu zerstören. Die verschiedenen menschlichen Schöpfungen treten alsdann nicht mehr störend und hemmend einander entgegen, weil sie alle vereinigt zusammenwirken. — Das organische Leben der blinden Natur beschämt das gesellschaftliche Leben der noch nicht vereinigten Menschen. Was der Mund an Nahrungsmitteln aufnimmt, hält er nicht im Rachen fest als sein „unveräußerliches Eigenthum“, sondern nachdem er es verarbeitet oder genossen hat, übergibt er es dem Magen; dieser verarbeitet oder consumirt es in seiner Weise und übergibt es dem Blute; das Blut leitet es weiter zu den verschiedenen organischen Wirkungskreisen, die es zu ihrer Thätigkeit bedürfen u. s. f., bis es wieder zu den Elementen übergeht, die ihrerseits von den verschiedenen organischen Wirkungskreisen absorbirt, consumirt, verarbeitet, d. h. zu organischen Productionen benutzt werden. Solche organische Wirkungskreise haben wir in unserer Gesellschaft nicht, und so lange die Gesellschaft noch nicht in dieser Weise organisirt ist, tritt in ihr jede individuelle Schöpfung allen andern feindlich entgegen. Es entstehen lügenhafte Widersprüche, blutige Collisionen, Gegensätze, die das einige Leben trennen und daher vernichten, z. B. der Gegensatz von Producenten und Consumenten, während doch jede Production Consumtion und jede Consumtion Production ist. Dieser Kampf ist eben so nothwendig, wie die Harmonie, die daraus ersteht. Indem der Inhalt des menschlichen Wesens sich entfaltet, entstehen die verschiede­nen Individuen, die einseitigen Lebensthätigkeiten. Der erste Act im Drama der Menschheit ist diese Entfaltung der verschiedenen Individualitäten. Ist dieser Act vollendet, haben sich die Kräfte entfaltet, so beginnt der zweite Act, der eigentliche Gattungsact, das harmonische Zusammenwirken aller Kräfte. Sehen wir in der ersten Epoche des Gattungslebens, nämlich in der Epoche der Entwickelung der verschie­denen Lebensäußerungen, auf die Einzelnen, so erblicken wir überall Kampf, Wider­spruch, Tod und Vernichtung, ja, diese Vernichtung steigert sich sogar in dem Maße, wie die Entwickelung des Ganzen fortschreitet. Das kann uns leicht an der Bestim­mung des Menschen irre werden lassen. Wie Viele flüchten jetzt, wo der Kampf seinen Höhepunct erreicht hat, vom Schlachtfelde und verzweifeln daran, daß dieser Noth jemals werde abgeholfen werden können — während gerade die Größe des Jammers der sichere Vorbote des Unterganges der ersten Epoche und des Aufganges einer neuen Welt Ordnung ist.

Die Bestimmung des Menschen ist die allseitige Entfaltung seines Gattungslebens. Erfüllt wird diese Bestimmung erst ganz in der organisirten Gesellschaft, im organisch ausgebildeten menschlichen Gattungsleben. Dieses Ziel, nach welchem wir streben, keineswegs das Ende, sondern der Anfang echt menschlicher Thätigkeit, kann nicht mehr gar fern sein. Die Buchdruckerkunst hat es schon längst möglich gemacht, daß alle Menschen an allen geistigen Erzeugnissen jedes Einzelnen Theil nehmen können. Was diese Erfindung für die geistigen, das hat die moderne Industrie schon fast für alle menschlichen Erzeugnisse gethan. Es wird nun möglich, daß Alle an Allem, was erzeugt wird, Theil nehmen können, einmal wegen der ungemein erleichterten Communication, sodann weil die Producte ohne vielen Kraft- und Zeitaufwand fast in’s Unglaubliche vervielfältigt werden können. Um das, was jetzt möglich geworden ist, auch wirklich werden zu lassen, dazu sind nur noch formale Hindernisse hinweg zu räumen; denn das Material, der Inhalt zur Organisation der menschlichen Gesellschaft ist gewonnen. — Erfüllen wir unsere gegenwärtige Bestim­mung, und aus der alten Form, die sich zerbröckelt, weil sie dem neuen Inhalte nicht mehr entspricht, wird dieser gar bald erstehen und sich seine Form schaffen!