Japan sucht 200 Hundertjährige
„Es ist unmöglich, den Überblick zu bewahren, ob jemand tot ist oder lebt, bis jemand den Tod einer Person registriert“
Stimmt auch irgendwie.
Zum Titel –> Georg Kreisler, Der Tod, das muß ein Wiener sein
Letztes Geleit für Fritz Teufel

Fritz Teufel, Politaktivist der Studentenbewegung, Gründer der Kommune1, aufsässiger Clown und Irrläufer des bewaffneten Kampfes, ist mit 67 Jahren an den Folgen von Parkinson gestorben. Und weil er nicht nur eine Apo-Ikone war, sondern auch einer, der das Leben nicht übermäßig erst nahm, gerät seine Trauerfeier zu einem Familientreffen der eher heiteren Sorte.
Sein letztes Interview
Howard Zinn: Ein Interview mit Chomsky, Klein, Arnove und Walker zum Gedenken an den legendären Historiker und Aktivisten
von Amy Goodman — 29.01.2010 — Democracy Now! / ZNet
“Ganz gleich, was uns gesagt wird, ganz gleich, welche Tyrannen es gibt, welche Grenzen überschritten wurden und werden, welche Aggression stattfand und stattfindet – wir werden nicht passiv sein im Angesicht von Tyrannei und Aggression, nein, wir werden andere Wege finden als den Krieg, um mit unseren Problemen fertig zu werden, was immer diese auch sein mögen. Denn ‘Krieg’ bedeutet unausweichlich – unausweichlich – dass Massen von Menschen unterschiedslos getötet werden, viele davon Kinder. Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder.
Wenn wir es recht bedenken, geht es nicht so sehr darum, (Leute wie) Saddam Hussein loszuwerden. Nun, wir sind ihn losgeworden. Im Verlauf dieses Prozesses haben wir Massen von Menschen getötet, die einst seine Opfer waren. Wenn man gegen einen Tyrannen Krieg führt, wen tötet man? Man tötet die Opfer des Tyrannen. Wie dem auch sei – dies ist geschehen, damit wir uns wieder Gedanken über den Krieg machen, damit wir uns klarmachen, dass wir in diesem Moment im Krieg sind – stimmt’s? Im Irak, in Afghanistan, in gewissem Sinne auch in Pakistan (weil wir Raketen nach Pakistan abschießen und in Pakistan Unschuldige umbringen). Also – wir sollten es nicht akzeptieren.
Schauen wir uns nach einer Friedensbewegung um, der wir uns anschließen können. Im Ernst – sehen Sie sich nach einer Friedensorganisation um und treten Sie ihr bei. Am Anfang wird sie noch klein, hilflos und Mitleid erregend wirken. Aber so beginnen Bewegungen nun einmal. So begann auch die Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Sie begann mit ein paar Grüppchen von Menschen, die sich hilflos und machtlos fühlten. Denken Sie daran, die Macht derer da oben hängt vom Gehorsam der Menschen da unten ab. Wenn die Leute nicht mehr gehorchen, haben jene keine Macht. Wenn die Arbeiter streiken, verlieren die großen Konzerne ihre Macht. Wenn Konsumenten einen Boykott starten, müssen große Unternehmen klein beigeben. Wenn Soldaten sich weigern, zu kämpfen – wie es viele getan haben in Vietnam (es gab etliche Deserteure, viele Verweigerungen, viele Akte des tatkräftigen Widerstandes von Wehrpflichtigen gegen ihre Offiziere in Vietnam; B52-Piloten weigerten sich, weitere Bombeneinsätze zu fliegen) – , kann ein Krieg nicht weitergehen. Ja, die Macht liegt bei den Menschen. Wenn sie anfangen, sich zu organisieren, wenn sie protestieren und eine starke Bewegung bilden, können Dinge sich verändern. Das ist alles, was ich sagen möchte. Danke.” (Howard Zinn 2009)
Vor wenigen Tagen, am 9. Jänner, wäre Kurt Tucholsky 120 Jahre alt geworden. Anlass genug, ein Lied von ihm zu bringen, welches insofern nicht ganz aktuell ist, als noch mit Mark und Pfennig statt Euro und Cent gerechnet wird.
Bürgerliche Wohltätigkeit
Sieh! Da steht das Erholungsheim
einer Aktiengesellschafts-Gruppe;
morgens gibt es Haferschleim
und abends Gerstensuppe.
Und die Arbeiter dürfen auch in den Park …
Gut. Das ist der Pfennig.
Aber wo ist die Mark –?
Sie reichen euch manche Almosen hin
unter christlichen frommen Gebeten;
sie pflegen die leidende Wöchnerin,
denn sie brauchen ja die Proleten.
Sie liefern auch einen Armensarg …
Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark –?
Die Mark ist tausend- und tausendfach
in fremde Taschen geflossen;
die Dividende hat mit viel Krach
der Aufsichtsrat beschlossen.
Für euch die Brühe. Für sie das Mark.
Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.
Proleten!
Fallt nicht auf den Schwindel rein!
Sie schulden euch mehr als sie geben.
Sie schulden euch alles! Die Länderein,
die Bergwerke und die Wollfärberein …
sie schulden euch Glück und Leben.
Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.
Denk an deine Klasse! Und die mach stark!
Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!
Kämpfe –!
Kurt Tucholsky Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 45, S. 11,
wieder in: Deutschland, Deutschland u. Lerne Lachen,
auch u.d.T. »Wohltätigkeit«.
“Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.”
Albert Camus 7. November 1913 – 4. Jänner 1960
“Durch Toni hat Österreich die Kompetenz im Skisport gewonnen. Die Wirtschaft und viele Hoteliers müssen hinaufblicken und Danke sagen”
Peter „Austria is a too small country to make good doping“ Schröcksnadel, Boss des Österreichischen Skiverbands und privatfirmenmäßiger Nutznießer, konzentriert sich auch in seiner Trauerrede für Toni Sailer auf das Wesentliche.
Dass das Hinaufblicken die richtige Richtung zum Danke sagen ist, bestätigte der diesbezügliche Professionist Andreas Laun:
“Jemand sagte zu mir, selbst der Himmel weint. Aber das stimmt nicht ganz, der Himmel hat jetzt unseren Toni mit Freude aufgenommen.”
Der große widerborstige Philosoph ist am 17. Juli gestorben:
“Wenn Kolakowski über Freiheit und Notwendigkeit, über Teilhard de Chardin oder über den Tod sprach, dann flüchtete er sich nicht in gedämpfte Höhlen der Fachbegriffe und Anmerkungsapparate. Er zollte vielmehr ungeschützt ein «Lob der Inkonsequenz», führte «Gespräche mit dem Teufel», erinnerte an Jesus Christus, den «Propheten und Reformator». Wer diese Versuche nach Jahrzehnten liest, wird nicht behaupten können, dass es eine Philosophie zu verbilligten Preisen, gar etwas Erbauliches war. Er entdeckt vielmehr einen Warschauer Sokrates, dem die Verführung zum Denken wichtiger ist als die nächste dickleibige Schrift, die in Fachkreisen auf wohlwollende Aufnahme stösst.”
(nzz)
Mit ungefähr 16 habe ich die Geschichten aus dem “Himmelsschlüssel” gelesen, eine gute Impfung gegen Dogmatismus und Zufriedenheit. Jedem dieser Kurztexte war ein kleiner Abschnitt mit dem Titel “Moral der Geschichte” beigegeben. Ich erinnere mich an eine, in welcher ein Spatz in einen Haufen Scheisse fällt und durch eine Katze befreit wird, die ihn dann frißt. Die naheliegende Moral lautete in etwa, dass nicht jeder, der einen aus der Scheisse holt, es auch gut mit einem meint …
Hab ich geschlafen? Hab ich geträumt? Gab ich nicht acht?
War’s eine Fliege, die mich plötzlich geweckt hat?
Oder der Sessel, auf dem ich saß, hat er gekracht?
War’s eine Hupe, die von fern mich erschreckt hat?
Jedenfalls tut es mir leid, wenn ich schlief,
denn es ist doch erst dreiviertel zehn,
lange vor Mitternacht, also zu zeitig,
um endgültig schlafen zu gehn.
War ich zu müde? Und zu passiv?
Ging etwas schief, während ich schlief?
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Und der Abend ist zu schön für solche Sorgen.
Und das morgige Programm beginnt erst morgen.
Ich weiß schon heut, was man dann sieht.
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Bäumen wachsen nachts verbotne Früchte.
Hinterm Haus erzählt man häßliche Gerüchte -
erst nur ein Wort – später ein Lied.
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Man verbot jetzt April und Musik in A-Dur
und begoß unsere Straße mit Leim.
Jeder Bürger erhält eine goldene Uhr,
doch das Wetter bleibt weiter geheim.
An der Staatsgrenze streicht man die Schlagbäume weiß,
und man muß jetzt die Semmeln verzolln.
Unser Nachbar bekam einen Förderungspreis,
damit andere auch einen wolln.
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Und die Würmer in den Äpfeln stehn schon strammer.
Und der Kammerdiener kommt aus seiner Kammer.
Gehn wir zu Bett, eh was geschieht!
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Jeder Feldmarschall kriegt ein besondres Dekret:
Was er tut, gilt sofort als verjährt.
Man läßt trotzdem die Strafanstalt stehn, wo sie steht,
sie wird einfach zum Irrenhaus erklärt.
In der Ferne, wo niemand erkennen ihn kann,
geht ein Mann auf und ab ohne Ruh.
Ich geh hin und – mein Gott! Ich bin selber der Mann
und ruf einsam und leise mir zu:
Hab ich geschlafen? Hab ich geträumt? Gab ich nicht acht?
War’s eine Fliege, die mich plötzlich geweckt hat?
Oder der Sessel, auf dem ich saß, hat er gekracht?
War’s eine Hupe, die von fern mich erschreckt hat?
Jedenfalls tut es mir leid, wenn ich schlief,
denn es ist doch erst dreiviertel zehn,
lange vor Mitternacht, also zu zeitig,
um endgültig schlafen zu gehn.
War ich zu müde? Und zu passiv?
Ging etwas schief, während ich schlief?
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Feldern reift das gestrige Gemüse.
Die Antennen wachsen langsam durch die Wiese.
Wer noch jung ist, wird schon jede Woche zäher.
Und die Tränenlieferanten kommen näher.
Irgendwer schreit. Irgendwer flieht.
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Der Große Georg Kreisler ist gestern 87 geworden. Kulinaria Katastrophalia hat seiner mit “Meine Freiheit, deine Freiheit” gedacht, miserable outskirts mit “Wir sind alle Terroristen”. Mir ist dieses stillere Lied eingefallen und jene Zeit, in der unsere Konversation vielfach gespeist wurde mit Textstücken aus den “Travnicek”-Dialogen, aus dem “Herrn Karl” und den “letzten Tage der Menschheit”, aus Biermann-Songs vom legendären Tonband, welches Toni Scholl aus der Chaussee-Straße in Ost-Berlin mitgebracht hatte und eben aus Kreislers Liedern. Ahja, und dann endete der Winter von 1967, welcher mit dem 9. Oktober begonnen hatte, schließlich am 30. Jänner und mündete in einen schier unendlich langen Frühling bis zum 21. August.