Lesen

Sie können mich auf die Toilette setzen

Kluge: […] Der August ist ein absoluter Arbeitsschwerpunkt für mich. Da schreibe ich Geschichten.
ZEIT: Auch ein Lesemonat? Viele Leute nehmen sich ja für den Sommer große Leseprojekte vor, noch einmal oder zum ersten Mal Krieg und Frieden, Prousts Recherche, den Mann ohne Eigenschaften und Ähnliches.
Kluge: Ich habe einen ganz anderen Zugang. Ich lese das ganze Jahr über, ich lese immer, Sie können mich auf die Toilette setzen, und ich lese, wenn ich allein esse, lese ich, aber wahllos, das heißt, nicht als Bildungsprojekt. Nehmen wir mal an, wir reden jetzt über den August und übers Wetter, dann lese ich noch mal nach, den Anfang vom Mann ohne Eigenschaften, die ersten dreißig Zeilen, diesen Augusttag 1913, den Musil mit einem Riesenwetterpanorama beschreibt.

Aus “Der August ist ein gefährlicher Monat”, Die Zeit 2010/32 S. 37


Durch den Strohhalm ins Vergessen

Schon wieder ein Krimi, bei denen die Gefährtin nach der ersten Seite aus der Badewanne ruft: Nein, nein, bitte einen anderen!
Dabei ists pure Poesie:

“Nur die leicht vibrierende Glasscheibe verhinderte, dass er durchs Fenster gezogen wurde wie Fleisch durch einen Strohhalm, hinaus ins Vergessen”
(Zane Radcliffe, Todesgruß)


Doch der Hausbibliothekar gehorcht und eilt zur Wanne, mit frischen Morden im Arm.


erdolcht eure Grillen wissenschaftlich

Bei der stückweisen Ablesung des während meiner Kurabwesenheit sich angesammelt habenden Druckpapiers fand ich heute in der Zeit Nr. 15 (leider nicht online) eine reizende Buchbesprechung von Sibylle Lewitscharoff über die erstmalige Gesamtausgabe der Werke Jean-Henri Fabres auf deutsch (über 80 Jahre nach der japanischen Übersetzung):

“Hier hat man es einmal nicht zu tun mit der faden Jammerware der heutigen Biologen, die alle nicht schreiben können, weil der forschende Reduktionismus, die Aufteilung in immer kleinere Segmente, kein sinnerfülltes Ganzes mehr ergibt, in dem die Sprache schwelgen könnte. Wohl wahr, die neuen Kameras bringen schier unglaubliche Tierbeobachtungen vor die Augen des Publikums, aber die begleitende Sprache ist dürr oder seifig, besonders wenn launisch menschelnd über die Bilder hinweggequasselt wird. Nichts davon bei Fabre.”

Und sie zitiert auch aus Fabre selbst:

“Oh meine schönen Grabwespen: fliegt ohne Furcht aus meinen Röhren, Schachteln, Flaschen und Behältern! Fliegt in diesen warmen Sonnenschein, den die Zikaden so lieben, brecht auf, hütet euch vor der Gottesanbeterin, die auf blühenden Distelköpfen auf euer Verderben sinnt, hütet euch vor der Eidechse, die euch auf sonnigen Höhen auflauert! Zieht hin in Frieden, grabt eure Höhlen, erdolcht eure Grillen wissenschaftlich, und erhaltet eure Art, um eines Tages anderen das zu gewähren, was ihr mir verschafft habt: einige der wenigen Glücksmomente in meinem Leben!”

Fabres, Jean-Henri: Erinnerungen eines Insektenforschers 1: Souvenirs Entomologiques

In den Wiener Büchereien verfügbar sind einige Auswahlbände:

- Bilder aus der Insektenwelt
Wunder des Lebendigen
Die verborgene Welt der Insekten (Bilband mit Texten von F.)


Strikt & Strenge: Manschettenverkümmerung und Spinozadefizit

Vorigen Herbst gab es zwei unangenehme Ereignisse: Die rechte Schulter schmerzte höllisch und ich kam drauf, was ich im Grunde längst wissen musste: So wie Lenin während seiner Hegellektüre feststellte, dass Marxens Kapital, insbesondere die drei ersten Kapitel, ohne Erarbeitung der Hegelschen Logik nicht verstanden werden könne, daher seit 50 Jahren keiner der Marxisten Marx verstanden hätte, so war auch für mich der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr umhin konnte einzugestehen, dass mir sowohl Foucault als auch Negri ohne die Kenntnis von Spinozas Ethik und dem Theologisch-Politischen Traktat nur eingeschränkt versteh- und kritisierbar sind. Der Schulterkrankenstand, der u.a. meiner “äußerst atrophen Außenrotatorenmanschette” und allerlei Verschmälerungen, Einschränkungen und Schwunden “zu verdanken” ist, bot Gelegenheit mal mit Einführungen zu beginnen. Eine erste große Hilfe dabei war mir Pierre-François Moreaus “Spinoza. Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens” und ich sah mich bereit, zu den Texten selber zu greifen. Doch dann kam ein langer Winter und der Passivitätsmodus hatte mächtig Platz gegriffen.
Doch jetzt habe ich eine Kur bewilligt bekommen und Schulter und Spinoza wachsen vielleicht zusammen :-)

Im Begleitschreiben zur Kurbewilligung darf ich lesen, dass es bei der Kur von meiner Seite aus auch einer positive Einstellung bedürfe. Das mir, der bislang mit der “produktiven Kraft des Negativen” sehr gut gelebt hat, und der auch stets der Meinung ist, dass positives Denken krank macht!
O.k., die Schulter hat das vielleicht anders gesehen, und was Spinoza meint, das weiß ich noch gar nicht.
Weiters heißt es im Schreiben:

“Dazu gehört ganz besonders die strikte Befolgung der ärztlichen Weisungen, sowie die strenge Einhaltung der Heimordnung”

A geh wusch a geh wui, denk ich mir noch im Zug, der mich zu meinem Kurort bringt, es reicht also nicht die Befolgung ärztlicher Weisungen, nein strikt muss sie sein. Und mit einer bloßen Einhaltung der Heimordnung werde ich wohl auch nicht durchkommen, wenn ich dies nicht strenge tue. Die Machtverhältnisse sind also mal klar festgelegt und das Arzt-Patient-Verhältnis wird hier offenbar noch weitgehend frei gehalten von irritierendem Patienten-Zruckreden. Mit leichtem Blues im Gemüt döse ich im Zug und träume von der Geburt der Klinik und von Benthams Panopticon.


Die SPÖ-Verstümmeltenpolitik

Es ist schier unglaublich, mit welch verdrehten Stellungnahmen SPÖ-Sprecher das Unmögliche möglich zu machen versuchen: die gesetzliche Fundierung polizeilicher Repressionsmaßnahmen als sozialpolitischen Ausfluss sozialdemokratischer Politik darzustellen. In der Auseinandersetzung um das von der SPÖ initiierte Bettelverbotsgesetz wird diese Argumentationsakrobatik bedauerlicherweise von einem solchen erledigt, der sich selbst immer als junge Hoffnung dieser Partei gesehen hat: 

SPÖ stellt klar: Es geht nicht um Verwahrloste, es geht um Verstümmelte | Klaus Werner-Lobo

Zum Thema siehe auch http://bettellobbywien.wordpress.com/


Literaturgenüßlich

„Hier saßen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: ‘Wir haben am Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke der Dichtkunst genährt.’
Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen empfindsamen Szenen kämpfen mußten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.
Neries fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade Reisern ganz vorzulesen; bei der entsetzlichen Langenweile nun, die diese Lektüre beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber kaum zu gestehen wagten, hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens, womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt, zu hören und über das Gehörte entzückt zu sein …“
Karl Philipp Moritz, Anton Reiser.


Weihnacht der Schreckensmänner

Drei Geräte zum Teil mehrmals aufgesetzt mit XP, Vista und Suselinux drüber, und nichts davon freiwillig, sonder kleinweichbedingt bzw. einem weihnachtlichen Virenbesuch zu verdanken. Zum eigentlich geplanten Vergnügen, den “Spiele”-PC mit Fedora und einigen Ubuntus zu bestücken, bin ich dabei gar nicht gekommen. Weihnachtsfeiertage, wie man sie liebt.

Dazwischen aber auch, ausgehend von Safranskis “Romantik”, Heines “Romantische Schule” und “Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?” von J.H.Voß und dazu “Die Schreckensmänner” von Arno Schmidt, welcher Voß als einen der deutschen “Schreckensmänner” nannte und von sich selber gesagt hat: “Ich gehöre eben zu jenen Realisten a la Johann Heinrich Voß!”. In diesem Feld liegt noch einiges, mir völlig Unbekanntes. Zum Beispiel die Antwort von Fritz Stolbergs Bruder auf die Voßsche Polemik. Diese war zwar teilweise durch die vielen zeitgenössischen Bezüge mühsam zu lesen. Doch Wikipedia half großzügig aus und letztlich ist der Text ein großartiges Spätaufbegehren eines Altaufklärers gegen den kalten Gang ins normal-Reaktionäre. Und natürlich geben die “Schreckensmänner” einiges her:

“Und ihre Kennzeichen sind mannigfach und immer wieder hübsch gleichmäßig vorhanden: arm geboren sind sie. Unter unglücklichen Familienverhältnissen aufgewachsen. Brennend scharfen Geistes übervoll – und dieser, da auf einen bösen Boden gepflanzt, nichts weniger als angenehm. Ihre spätere Entwicklung ist häufig eine Frage der körperlichen Kosntitution: wem Allah die Knochen eines Ochsen verliehen hat, daß er mit jeder Hand einen Zentner heben kann, überlebt die grausamen Entbehrungen, hat weniger Angst, wird wütender, – wenn auch vielleicht nicht ganz so giftig – als Der, der bei jedem Wort husten muss.[...]

Dadurch, daß an ihnen das Mißverhältnis zwischen einem Geist erster Größenordnung und seiner armseligen Umgebung handgreiflich, – im wahrsten Sinne des Wortes ‘schreiend’ – wird, erhalten sie den Rang von Sprechern des Vierten Standes.[...]

… der große Bürger Johann Heinrich Voss, der freilich als unschätzbares Pfand die Statur des Donnerers Thor mit auf den Lebensweg bekommen hatte; und der – Enkel eines mecklenburgischen Leibeigenen, Sohn eines Dieners – die französische Revolution auch da noch bejahte, wo sich die Hausbesitzer zurückzogen; auch er ein Modellfall schreckensmännisch-deutscher Dichtung und Gelahrtheit.” (Schmidt a.a.O., 392f)

Der nächste Schreckensmann in Gestalt seines Anton Reisers liegt schon auf dem Tisch.


Grund zum Lesen

ZEITmagazin: Lesen Sie?

Allen: Nicht viel. Wegen meiner Brille hält man mich für einen Intellektuellen, der darauf brennt, nach Feierabend Kierkegaard zu lesen oder Bleistiftnotizen in Aufsätze über Hegel zu schreiben. Das ist aber ein Irrtum. Mein erstes Buch las ich mit achtzehn. Und zwar nur, um die Mädchen zu beeindrucken.

Sollte hier das Geheimnis der Berufswahl von Bibliothekaren zu finden sein?


Heine über die Gefährlichkeit von Büchern

Heinrich Heine in “Die romantische Schule”:

“Zu seiner Zeit hat man sein Buch gewiß für gottlos und ähnliche Dichtungen, wozu schon der »Lanzelot« gehörte, für gefährlich gehalten. Und es sind wirklich auch bedenkliche Dinge vorgefallen. Francesca da Polenta und ihr schöner Freund mußten teuer dafür büßen, daß sie eines Tages miteinander in einem solchen Buche lasen; – die größere Gefahr freilich bestand darin, daß sie plötzlich zu lesen aufhörten!

Hintergrund dazu: Um eine Fehde mit der Malatesta-Familie aus Rimini zu beenden, beschloss Guido da Polenta, seine Tochter mit dem Erben des Hauses Malatesta, Giovanni, zu verheiraten. Giovanni war jedoch körperlich entstellt und lahm. Da Guido wusste, dass seine Tochter eine Heirat mit Giovanni verweigern würde, trat Giovannis gutaussehender Bruder Paolo als Vermittler auf. Francesca entdeckte die Täuschung erst am Morgen ihrer Hochzeitsnacht.
Paolo und Francesca verliebten sich ineinander, angeregt auch durch die Lektüre der Geschichte von Lancelot und Guinevere. Giovanni entdeckte die Affäre und tötete die beiden.


Kommunistische Kinderbücher?

fragt Florian Freistetter im ScienceBlog und bringt dieses Cover:

Weiter lesen (auch der Kommentare) nur für KommunistInnen und AntikommunistInnen, Gläubige und Ungläubige empfohlen :-)


 
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