Vor 100 Jahren auf dem Newski-Prospekt und anderswo

Am Donnerstag, dem 23. Februar, stieg die Temperatur in Petrograd auf frühlingshafte 5 Grad unter Null. Die Menschen erwachten aus ihrem Winterschlaf, um die Sonne zu genießen und sich an der Jagd nach Nahrungsmitteln zu beteiligen. (…) Der 23. Februar war der Internationale Frauentag, ein wichtiges Datum im sozialistischen Kalender, und gegen Mittag begannen Frauen in großen Scharen ins Stadtzentrum zu marschieren, um für Gleichberechtigung zu demonstrieren. (…) Es handelte sich dabei um “Damen der Gesellschaft, noch mehr Bauersfrauen, Studentinnen und im Vergleich zu früheren Demonstrationen weniger Arbeiterinnen.” Fotos zeigten, dass die Frauen guter Laune waren, als sie über den Newskiprospekt marschierten.

 

Am Nachmittag begann die Stimmung jedoch umzuschlagen. Textilarbeiterinnen aus dem Wyborg-Bezirk hatten an jenem Morgen aus Protest gegen die Brotknappheit einen Streik begonnen. Gemeinsam mit den Arbeitern der benachbarten Metallfabriken waren sie ins Stadtzentrum marschiert, hatten unterwegs Arbeiter anderer Fabriken mitgezogen, manchmal sogar zum Mitgehen gezwungen, und immer wieder “Brot!” und “Nieder mit dem Zaren!” skandiert. Am Spätnachmittag befanden sich etwa 100.000 Arbeiter im Streik. Es kam zu Zusammenstößen mit der Poilizei, als die Arbeiter versuchten, die Litejny-Brücke zu überqueren, die die Wyborger Seite mit dem Stadtzentrum verbindet. Da sie zurückgedrängt wurden, gingen die meisten Arbeiter auseinander und kehrten nach Hause zurück, wobei einige unterwegs Geschäfte plünderten. Doch mehrere tausend überquerten den Fluss auf dem Eis und marschierten auf den Newski-Prospekt, wo sie sich den Frauen mit dem Ruf “Brot!” anschlossen. Am dichtesten drängte sich die Menge um die Stadtduma. Balks Kosaken konnten sie nicht vertreiben und ließen auch wenig Bereitschaft erkennen, das zu tun.

Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epochen der russischen Revolution 1891 bis 1924. S 334.
Anm.: Zeitangabe nach dem alten Kalender, d.h., 23. Februar = 8. März, also heute vor 100 Jahren.

Am 23. Februar sollte meine Frau aus Ruha in Finnland zurückkehren, wohin sie zusammen mit unserem Sohn bereits Mitte Januar gefahren war und wo sie nach dessen Rückkehr noch ein paar Tage geblieben war, um sich von einer Bronchitis zu erholen. Ich fuhr zum Bahnhof, um sie abzuholen, und kann mich noch lebhaft erinnern, wich ich auf dem Wege nach Hause ihr und Oberst Mjatlew (den wir in unserem Automobil bis zu seinem Haus auf dem Isaakplatz brachten) erzählte, dass es in Petersburg sehr unruhig sei: unter den Arbeitern gäre es, es komme zu Streiks und zu großen Menschenansammlungen auf den Straßen, die Regierung sei nervös und offenbar kopflos und könne sich anscheinend nicht mehr ohne weiteres auf die Truppen, vor allem auf die Kosaken, verlassen.

Wladimir Nabokow, Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution.
Anm.: Autor ist der Vater des bekannten Schrifstellers (“Lolita”)

  

“Radaubrüder haben sich in Bewegung gesetzt: junge Kerle durchstreifen die Straßen und schreien, dass es nichts zu essen gibt, bloß um Unruhe zu stiften. Auch Arbeiter sind dabei, die wiederum andere von der Arbeit abhalten. Hätten wir sehr kaltes Wetter, dann würden sie wohl alle zu Hause bleiben.”

Zarin Alexandra

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