Vor- und Nachschwafler oder i wie faschistisch

Renaud Camus wird gehandelt als einer der Vorschwafler der französischen Front National und auch der hiesigen rechtsextremen Zusammenballung, deren Namen auf ein massives Ich-Problem hinweist und ähnlich wie “Idioten” klingt. In einem rechten deutschen Verlag sind nun zwei seiner Essays, ein Interview und ein Nachwort eines Obermachers jener oben genannten i-Zusammenballung unter dem Titel Revolte gegen den großen Austausch angelehnt an den Titel des einen Essays Der große Austausch oder: Die Auflösung der Völker, erschienen. Wer sich mit der Irrationalität eines “Denkens” bekannt machen will, welches aus einem Mischmasch aus Unterlegenheitsgefühl plus Gegenteil, aus Verschwörungstheorie und Allmachtsphantasien und aus Kleinmut und Größenwahn besteht, findet hier reichlich Material. Aufschlussreicher noch in Bezug auf die österreichischen Verhältnisse finde ich die Bekenntnisse jenes oben namentlich nicht genannten i-Obermachers im Nachwort, in dem die Politik der österreichischen Regierung als Ausfluss des eigenen rechtsextremen und menschenfeindlichen Agierens gelobt wird:

“Gestern Unsagbares wird heute salonfähig. Patriotische Kampfvokabeln wie “Festung Europa” gehen in den Sprachgebrauch der Politik ein. Die Verantwortlichen müssen zurückrudern. Erstmalig in der gesamten Geschichte von Multikulti wird eine “Obergrenze” der vorher per se unendlich guten Masseneinwanderung und “Vielfalt” angedacht.
Überall befinden sich die Betreiber des Großen Austausches in der Defensive. (…)
Patriotische Bewegungen und Parteien erleben überall Höhenflüge. Ein Aufstand gegen den Großen Austausch erscheint als neue Hoffnung. Europa erhebt sich aus dem Krankenbett. Erstmals erscheint eine Alternative. Erstmals ist es denkbar, daß die schäbigen Multikultiträume untergehen, aber Deutschland und Europa weiterbestehen.”

Der Nachwortschreiber verrät auch, mit welchen Mitteln der Austausch seiner und seiner Gruppe offenbar recht fragilen Identität verhindert werden soll und zählt einige Aktionen der letzten Jahre auf. Putzig wird es, wenn er den vorwiegend deutschen Lesern den lebenswerten Wiener Bezirk Favoriten als “gekipptes Viertel” vorführt, was Ortskundige als genauso eine Lüge erkennen werden, wie die Sache mit den “Frauenbadetagen” im Amalienbad (es handelt sich tatsächlich um wöchentlich 3 Abendstunden „Mädchen- und Frauenschwimmen“, organisiert von den Kinderfreunden):

“Wir hatten uns Großes vorgenommen: als Ort der Demo wurde der berüchtigte 10. Bezirk, das Neukölln Wiens, gewählt. Der Stadtteil hat den höchsten Anteil an Einwanderern und beherbergt nebenbei das größte linksautonome Zentrum Österreichs. Dort hat bereits stattgefunden,was der ganzen Stadt, ja ganz Europa droht. Die türkischen Einwanderer werden Woche für Woche mehr, kaufen gezielt ganze Straßenzüge auf, und das Viertel bekommt Schritt für Schritt ein “orientalisches” Straßenbild. Deutsch hört man kaum noch, während im Amalienbad, einem Jugendstilbau regelmäßig reine “Frauenbadetage” stattinden. Das Viertel ist gekippt. Wer es sich leisten kann, ist längst weggezogen.“

Das Problem mit dieser abstrusen rechtsextremen Propaganda, welche sich selbst als konkrete Analyse und strategisches Szenario versteht, sind nicht diese träumenden Wichteln, sondern, dass ihre Träume zusehends Teil des Mainstreams wurden und zu realen Alpträumen zu werden drohen. Außenminister Kurz etwa ist das beste Beispiel für einen Türöffner dieser Strömungen, die FPÖ sowieso.

Wenn wir früher sagten “Schlag die Faschisten, wo ihr sie trefft”, dann müssen wir heute feststellen, dass sie schon überall auftauchen und wir gar nicht nachkommen, wie bei der aktuellen Pokémon-Go-Jagd.

Apropos Faschisten:

hoferstreichen-900

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