Letzte Märzveigerln

Die großangelegte Neugestaltung des Pratersterns geht 1956 ihrem Ende zu. Es wird ein weiträumiger Platz mit Kreisverkehr und einem Hochhaus sein. Ein Schmuckstück der Stadt. Bis heute.

Praterstern 1956 Unterführung. März 1956
ONB Bildarchiv Austria

Der Asoziale. Inserat. März 1956

Der geplante Kreisverkehr erfordert eine etwas erhöhte Intelligenzleistung der Autofahrer, damit sie behirnen, dass gegenseitige Rücksichtnahme statt Autodrom fahren Schäden an Fahrzeug und Menschen minimieren könnte. Da scheuen die Verkehrssicherheitsexperten auch nicht von drastischen Formulierungen zurück, wie links zu sehen ist.

noch ein paar Zeitungsmeldungen aus dem März ’56:

Bonn hat “Anschluß” liquidiert: Deutsche Bundestag beschließt deutsch-österreichisches Staatsürgerschaftsgesetz, in dem der “Anschluß” als hinfällig festgestellt wird. Österreicher, die durch den Anschluß deutsche Staatsbürger geworden waren, verlieren mit der Wiederherstellung Österreichs die deutsche Staatsbürgerschaft. Österreicherinnen, die in jener Zeit Deutsche geheiratet haben, sowie deren Kinder behalten die deutsche Staatsbürgerschaft. Jene 70.000 Österreicher, die sich seit Kriegsende ständig in Deutschland aufhalten, können durch eine einfache Erklärung die deutsche Staatsbürgerschaft rückwirkend wieder erhalten.

Der Beschuldigte Karl Löbl ist schuldig, am 14. Februar 1956 in der Nr. 567 des Bild-Telegraf den auf Seite 5 mit der Überschrift “Die Hauptrolle spielt der Dirigent” enthaltenen Artikel verfaßt und durch die darin enthaltene Stelle “eine Isolde muß eine starke Bühnenpersönlichkeit sein und keine Kredenz auf Radeln” die PA. dem öffentlichen Spotte ausgesetzt zu haben.

Hört die Weiblichkeit bei Hosen auf?
Männer haben nicht mehr alleine die Hosen an!
Weibliche Amanzipation macht vor männlicher Kleidung nicht halt!
Aber: Nicht alle Frauen können Hosen tragen!
Shorts sehr beliebt.
Was die Wiener sonst von weiblichen Hosen halten.

Unter den Klosettmuscheln, die auf verschwiegenen Örtern in Ämtern und Behörden am Alsergrund installiert waren, begann ein großes Sterben; täglich kamen neue Verlustmeldungen: vom Postamt, aus Schulen, vom Magistrat. Ein Phantom ging um am Alsergrund, ein Phantom, das Klosettmuscheln zertrümmerte.
Die Sache wurde noch phantastischer, als die Ämter und Behörden “Urteilsverkündigungen” schriftlich zugestellt erhielten.
“Auch Sie haben sich schwer am kleinen Mann versündigt. Tod der Bürokratie! Ihr Amt wird entsprechend bestraft werden!” Und regelmäßig, kurz nach dem Abiso, ging eine Muschel in Scherben. Ein Wachdienst wurde eingerichtet. Schriftsachverständige und Psychiater wurden aufgeboten. Alles umsonst. Weiter klirrten die Scherben und unerkannt gelang es dem Täter zu entkommen. Dreizehn Muscheln hatten bereits ausgedient, die vierzehnte brachte dem Zertrümmerer Unglück: Scherben klirrten am Polizeikommissariat Alsergrund. Die Kriminalbeamten waren schneller. Fürs erste waren sie sprachlos. Der Zertrümerer legitimierte sich: Atomphysiker Dr. Leo Sch., 31, vom Physikalischen Institut. Motiv für seine Zerstörungswut: Er hatte einst Streit mit einem Briefträger und wurde wegen Amtsehrenbeleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Seither sein Haß auf alle Ämter und Behörden. Und aus dem Haß entstand der Plan, sich zu rächen.
Die Installateure am Alsergrund brauchen keine Überstunden mehr machen. Dr. Leo Sch. wurde der Psychiatrischen Klinik überwiesen.

Die Werbung richtete sich wie so oft an die Frau. Und an den Mann.

Volkskuehlschrank. März 1956

warum bevorzugt er die andere? März 1956

Schließlich gab es heute vor 60 Jahren noch zwei Ereignisse (aus chronik.net)

Das britische Verteidigungsministerium gibt in London den Abzug von 2200 britischen Soldaten aus Kenia, wo sie gegen die “Mau-Mau”-Untergrundorganisation kämpften, bekannt. Die militärische Lage lasse einen baldigen Sieg der Briten erwarten.

In München findet die deutsche Erstaufführung des 1936 entstandenen Spielfilms “Moderne Zeiten” von und mit Charlie Chaplin statt – eine beißende Kritik an Auswüchsen der Industriegesellschaft. Für Chaplins Filme bestand während der NS-Zeit Aufführungsverbot im Deutschen Reich.

Ob sich der britische Verteidigungsminister Antony Henry Head, 1. Viscount Head, of Throope in the County of Wiltshire da nicht ein wenig irrte?
Interessant auch, dass es nach dem Ende der Nazipest noch 11 Jahre gedauert hatte, bis Charlie Chaplins Film seine deutschsprachige Erstaufführung erleben durfte.

gOGGOMOBIL

Auf den Straßen sah man mehr und mehr dieses Auto. Mein Onkel, der Siegendorfer Gendarm, hatte eines davon erstanden und war mächtig stolz. Der andere Onkel, der Ebreichsdorfer Bauarbeiter, hatte nur ein Motorrad, mit dem er sich demnächst derstessen sollte, wie viele aus Niederösterreichs und Burgenlands Jugend. Er überlebte aber knapp.

Mein Vater, der Wiener Polizist, hatte kein eigenes Fahrzeug und hätte so gerne eines gehabt. Er musste noch bis 1963 warten. Dann konnte er eines jener 84.792 Modelle des Škoda 440, die seit 1955 vom Laufband liefen, erstehen. Damit schaffte er die 5-köpfige Familie bis nach Savudrija und zurück.

Skoda 440

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