Statistik, Schmutz & Schund

Im Frühjahr 1956 hatte der Leiter der Wiener Büchereien, Dr. Rudolf Müller, unter anderem zwei Probleme zu lösen. Das erste betraf die statistischen Aufzeichnungen, die nach jedem Ausleihetag von den BibliothekarInnen vorzunehmen waren. Es scheint, dass das Kontrollamt oder gar die Magistratsabteilung 7, die vor 60 Jahren für die Büchereien zuständig war, zwecks Arbeitsersparnis vulgo Personalminimierung Zweifel am Sinn dieser damals noch recht aufwendig zu erstellenden Büchereistatistik geäußert hat. Jedenfalls sah sich Dr. Müller dazu veranlasst, den Vorgesetzten den Sinn der Statistik zu erklären und fand dabei zu einigen anregenden Formulierungen.

 

Ein Hohelied der Statistik

a) Die Statistik ist das wertvollste Mittel, um im praktischen Ausleihefalle den Leser richtig einzuschätzen.

Das rasche und klaglose Funktionieren der Ausleihe ist nur möglich auf Grund einer psychologischen und soziologischen Typenkunde. Nur mit Hilfe dieser sachlichen Kenntnisse des Bibliothekars kann sich jene menschliche Verbundenheit zwischen Bibliothekar und Leser entwickeln, wie sie heute in allen städtischen Büchereien vorhanden ist. Die Grundlage für jede Typenkunde ist und bleibt aber die Ausleihestatistik, die der Gliederung der Bevölkerung angepaßt sein muß. Auf dem Lande z.B. homogene Bevölkerung, wenig differenzierter Buchbestand, daher: einfache Statistik. In der Großstadt dagegen vielfältige soziologische Schichtungen, Vielfalt der Leserinteressen, denen ein ebenso vielfältiger Buchbestand geboten werden muß, daher differenzierte Statistik. Es ist für den Bibliothekar auf die Dauer unmöglich, diese Gegebenheiten rein intuitiv zu überschauen.

b) Die Büchereistatistik ist das pädagogische Gewissen des Bibliothekars.

Es ist für jeden Bibliothekar eine Selbstverständlichkeit, bei Ausarbeitung der Monatsstatistik zu überdenken, wie weit seine Bücherei in diesem Monat ihrer Bildungsaufgabe nachgekommen ist oder nicht. Das einfache perzentuelle Verhältnis zwischen Schöner Literatur und Sachliteratur genügt ihm noch nicht. Innerhalb der Sachliteratur wird er über- und unternormale Zahlen feststellen und durch den Vergleich mit der Zusammensetzung seiner Leserschaft ermitteln, ob es sich um eine natürliche Erscheinung oder um eine Fehlleistung der Bücherei handelt, die dann sogleich im nächsten Monat korregiert werden kann.

c) Die Ergebnisse der Büchereistatistik ermöglichen Maßnahmen zu einer besseren Auswertung des Buchbestandes.

Ist z.B. das Interesse an naturwissenschaftlichen Büchern nur durchschnittlich, wie die Monatsstatistik zeigt und hat die Bücherei aber einen sehr guten naturwissenschaftlichen Bestand (was aus der Bestandsstatistik jederzeit abzulesen ist), so wird der Bibliothekar daran gehen, dieses Verhältnis durch Veranstaltung einer kleinen, ständig zu ergänzenden Ausstellung und entsprechende Beratung zu verbessern.

Dämme gegen die Schmutzflut

Sichtbare UnterhosenEs gab aber noch eine andere Baustelle. Die Kampagne gegen “Schmutz und Schund” strebte ihrem Höhepunkt entgegen, welcher im Herbst in der Übergabe von 1 Million Unterschriften für strengere Gesetze bei Printprodukten, inklusive Einfuhrverbot “jugendgefährdender Schriften” aus Deutschland kulminierte. Zuvor war der verhaltensauffällig rührige Initiator, der Chef des Buchklubs der Jugend, Richard Bamberger, bestrebt, einen Schulterschluss zwischen Buchklub der Jugend, der LehrerInnenschaft, den Buchhändlern und Verlagen und auch den Büchereien herzustellen. Dazu gab es eine Art Enquete, über die der Leiter der Büchereien seinen Vorgesetzten berichtete, sowie mit distanzierenden Anmerkungen versah. Zuvor aber einige Wortspenden aus der Kampagne, mit der auch die Büchereien sozusagen in Geiselhaft genommen werden sollten. (Quelle: Die Barke, Lehrerjahrbuch des Buchklubs der Jugend)

 

Mit der Barke der Sauberkeit

Wollen Sie, daß Ihre Buben ein Zerrbild der Revolver- und Messerhelden aus den Schundheften werden, daß Ihren Mädeln Grillen in den Kopf gesetzt werden durch verlogene Kitschromane? Gewiß nicht!
Man neigte in jüngster Zeit dazu, mit den Kindern recht früh große Demokratie zu spielen. Da diskutierte man mehr laut als weise und klopfte wohl auch da und dort dem Lehrer jovial auf die Schulter. Die Mittelschüler gingen gar an weltweite Probleme der Vereinten Nationen, jüngst sogar ans Atom heran. Darüber vergaßen sie manchmal die alte Frau an der Ecke, die nicht allein über die Straße gehen konnte.
Das genügt nicht, wenn man sich darüber entsetzt, daß man bei Kindern üble Schundhefte gefunden hat. Das genügt nicht, wenn man die Hände ringt und ausruft: “Was ist diese Jugend verdorben!” Man muß schon mit beiden Händen zupacken und versuchen, einen Damm gegen diese Schmutzflut zu errichten.
Da war zunächst die Aktion Reinemachen! Für drei schlechte Hefte ein gutes und neues gratis. Das zog! In drei Tagen türmten sich in der Kanzlei nicht weniger als 2488 Hefte übler und übelster Sorte. Es war, als wäre die Hölle los gewesen. Aber wir haben schließlich Erfolg gehabt. 829 wertvolle Kleinschriftenhefte kamen damals unter die Kinder. 829 Bausteine gegen die Schmutzflut. 829 Wegweiser zum guten Buch.

Blitzkrieg für das gute Heft

Ein Wort zu der sogenannten Umtauschaktion, die in der Presse verschiedentlich falsch gesehen wurde. Man sagte:
“Die Umtauschaktion für Schundbücher bleibt ohne wirklichen Erfolg. Mitunter hat sie sogar gegenteilige Wirkung. Da die Kinder für sechs Schundbücher gratis ein gutes Buch erhalten, kaufen viele von ihnen einfach die Schundbücher, lesen sie vorher eifrig und tauschen sie nachher für ein gutes Buch ein.”
Dazu ist zu sagen, daß solche Äußerungen reine Phantasieprodukte sind; dies zeigt sich schon darin, daß überhaupt nie ein Buch für sechs Schundbücher gegeben wurde, sondern ein gutes Heft für drei Schundhefte.
Außerdem wurden überhaupt nur unvermittelte Blitzaktionen gemacht. Es bestand daher nicht die Gefahr, daß die Kinder vorher die Schundhefte kaufen und lesen konnten.

In “Die unterwertige Lektüre” (1965) gestehen die Autoren Bamberger und Jambor allerdings die Wahrheit ein

Umtauschaktionen: Fast kein Kind gab die Hefte weg, ohne sie vorher gelesen zu haben bzw. sie noch schnell einem Freund zu leihen. Dadurch wurden Schüler erst aufmerksam. Daher Aktionen blitzschnell machen. Viele Kinder versuchen, abgegebene Hefte wieder zurückzubekommen.

Die unterwertigen Lektüre” erschien bereits nach dem offenkundigen Scheitern der Schmutzundschundkampagne. Dennoch halten die beiden schwarzpädagogischen Leseapostel unbeirrt Kurs

Neben Gewalt und Grausamkeit bringen viele Hefte eine raffiniert versteckte Erotik, die nach Meinung der Psychologen viel bedenklicher ist als eindeutige Sexualität.
Der Wurzelboden der untergeistigen Literatur – literarisches Narkotikum, baue auf untergeistige Triebe imd Instinkte auf und werde vor allem durch die mechanische Tätigkeit in der modernen Industrie und das überhitzte Milieu der Großstadt gefördert. Wirtschaftswunderjünglinge seien die stärkste Konsumenten.
Merkmale werterfüllter Jugendlektüre: Scham, echte Geborgenheit, wahres Heimweh und Fernweh, Armut und Demut, Fest und Feier, Humor, Dankbarkeit, Hoffnung, Sorge, Entsagung, Geduld…
Der Dichter Stefan Andres hat in einem Warnungsruf von einer Rückentwicklung unserer Kultur – vom Logos zurück zum Bild – gesprochen: “Die düstere Ahnung umsummt mich, daß in weniger als 100 Jahren der letzte Neger, Tunguse und Polareskimo seine analphabetische Unschuld verliert und Comics liest, während in den zivilisierten Ländern von tausend nicht einer mehr lesen kann.”

Gegenüber dieser Geisteshaltung und dem vom (schwarzen) Unterrichtsministerium massiv unterstütztem Aktionismus mussten die Büchereien in Gestalt ihres Leiters die Worte sorgfältig wählen, um nicht der Nachlässigkeit gegenüber den apokalyptischen Gefahren für die Seelen von Kindern und Jugendlichen geziehen zu werden, gleichzeitig aber auch das Standing der Büchereien festigen und sich gegenüber diesem kreuzrittlerischem Furor gegen Bildergeschichten und Texten, die so richtig fetzen, im Sinne eines optimistischeren und liberaleren Weltbildes abzusetzen. Also sozusagen Graupädagogik gegen Schwarzpädagogik.

Das Werbeheft des Österreichischen Buchklubs der Jugend “Dein Kind kommt zu dir!” erfüllt seine Aufgaben, Mitglieder für den Buchklub zu werben, sicher. Darüber hinaus versucht diese Broschüre, den Eltern Wert und Bedeutung guter Bücher zu erläutern und ihnen die verderbliche Wirkung unterwertigen Schrifttums zu erläutern. Einige belletristische popularisierte Beiträge sollen die Eltern in die Eigenarten der phasengemäßen Literatur des Kindes einführen. Die in einer Auswahlliste angekündigten 100 Jugendbuch-Titel, die ausnahmslos von österreichischen Verlagen sein müssen, sind zweifellos brauchbare Bücher, viele von ihnen können allerdings nicht zur ersten Garnitur des Jugendbuches gezählt werden. Und darin liegt die ganze Problematik einer nur auf österreichische Verlage begrenzten Auswahl. Bekäme das österreichische Kind (zumindest in Wien) in den Volksbüchereien nicht die Fülle und Schönheit des ganzen deutschsprachigen Jugendbuches zu sehen, müßte die Bevölkerung in dieser irgendwie doch provinziellen Begrenzung verharren.
Zu den in dieser Broschüre angekündigten Kleinschriftenreihe, die als Anti-Schundheftreihen gedacht sind, dürfen die Städtischen Büchereien ihre schon mehrmals geäußerten Bedenken wiederholen. Quantitativ können diese Kleinschriften mit der Millionenzahl der Schundhefte nicht in Konkurrenz treten; außerdem darf nicht unbemerkt bleiben, daß sich die Ausstattung dieser Hefte nicht viel von den genannten unterwertigen Schriften unterscheidet und damit das Moment einer auch vom Buchklub der Jugend immer wieder geforderten ästhetischen Erziehung durch die wertvolle Illustration nicht berücksichtigt wird.

Zu diesen Heften gibt es auf der überaus informativen Website von Peter Lukasch eine Gegenüberstellung von guten und schlechten Heften:

gutschlecht

Literatur zum Thema: Edith Blaschitz: Der Kampf gegen Schmutz und Schund, Elisabeth Lercher: “…Aber dennoch nicht kindgemäß”. Ideologiekritische Studien zu den österreichischen Jugendbuchinstitutionen. Christian Flandera: “Schmutz und Schund”: die Diskussionen der sozialdemokratischen und der katholischen Lehrerschaft in Österreich.

Die Zeiten dieser alten Kulturkämpfe sind glücklicherweise lange vorbei. Der Buchklub der Jugend präsentiert sich heute anders als damals, wiewohl mir persönlich dieses System des verdeckten Zwangskaufs von Büchern immer noch nicht geheuer ist. Aber gut. Auch die Büchereien müssen sich nicht mehr mit verzopften Ansichten herumschlagen und können sich daher heute ganz anderen Themen widmen, die wie das Schwarze unter den Fingernägeln brennen, z.B. das

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