Stalin im März

VolksstimmeMit beispielhafter Kühnheit ist der XX. Parteitag darangegangen, Schwächen und Mängel in der Arbeit der Partei zu beseitigen, dem Personenkult entgegenzutreten, dessen Verbreitung die Rolle der Partei und der Volksmassen herabgesetzt und die Rolle der kollektiven Führung in der Partei herabgemindert hat.

hatte die Volksstimme, das Parteiorgan der KPÖ, am 26. Februar 1956, zum Ende des 20. Parteitags der KPdSU noch geschrieben und dabei nicht geahnt, welche Kühnheiten ihr noch bevorstanden. Eine Woche später, am 4. März, gab es dann eine im Wiener Musikverein vom Politbüro der KPÖ einberufene Konferenz zu den Ergebnissen des sowjetischen Parteitags. TeilnehmerInnen waren FunktionärInnen aus Niederösterreich und Wien. Die Konferenz war bereits vor Ende des Parteitags und ohne das Wissen von der Geheimrede Chruschtschows festgelegt worden. Das brachte die Parteitags-Delegierten Koplenig, Fürnberg und Honner in Verlegenheit. Sie konnten einerseits die ihnen zugänglich gemachten Informationen über die in Chruschtschows Rede offenbarten Verbrechen Stalins nicht bekannt geben, andererseits lieferte bereits der öffentliche Teil des sowjetischen Parteitags selbst allerhand Material, um Unruhe unter den GenossInnen zu verbreiten. Was angesichts der zu schlagenden Wahl im Mai nur kontraproduktiv sein konnte. Daher wurde bereits

am 1. März, also unmittelbar nach der Rückkehr  der  KPÖ-Delegation  aus  Moskau,  bevor  die  Enthüllungen Chrušcëvs an die Öffentlichkeit gelangen konnten, im Politbüro festgelegt, dass die Parteidiskussion erst nach den Wahlen, also ab Mai, durchgeführt werden solle. In den bis dahin stattfindenden Aktivistenkonferenzen sollten die Referenten nur kurz zum KPdSU-Parteitag Stellung nehmen, allfällig auftauchende „ernste Unklarheiten“ bei einzelnen Parteimitgliedern seien in internen Aussprachen auszuräumen. (Manfred Mugrauer)

Am Besten wäre gewesen, eine solche Veranstaltung bis nach der Wahl hinauszuschieben. Doch dazu war es zu spät. So entschloss man sich für einen scheinbar schlauen Mittelweg. Friedl Fürnberg, Delegationsteilnehmer und Sekretär des Zentralkomitees,

behandelte schwerpunktmäßig die „grandiosen Perspektiven des sechsten Fünfjahresplanes“ mit seiner Zielsetzung des Einholens und Überholens der USA sowie die „Grundfragen der gegenwärtigen Epoche“ wie die Politik der „friedlichen Koexistenz“, die Vermeidbarkeit von Kriegen und die verschiedenen Wege zum Sozialismus. Zuletzt ging er in knapper Form auf die am Parteitag erörterten „Probleme der Partei, ihrer kollektiven Führung und der Beseitigung des schädlichen Personenkults“ ein. (Mugrauer)

Volksstimme zu Stalins TodestagAuch zu den (“Lügen”)berichten der westlichen Presse wurde routiniert mit einem Ausspruch Kiritschenkos geantwortet: “Von Schweinen kann man nicht erwarten, daß sie wie Nachtigallen singen.” Das war nicht unbedingt das, was die den Musikvereinssaal füllenden Genossinnen hören wollten. Hatten sie doch aus der nicht-kommunistischen Presse erfahren, dass das Monument Stalin gerade massiv abgeräumt wurde und dass es nicht nur allgemein “gegen Personenkult” und “für kollektive Führung” ging, sondern sozusagen ans Eingemachte: Wie haltet ihr es mit Stalin? Held oder Verbrecher? Dazu kam, dass die Delegierten in ihrer Tasche die Volksstimme vom Tage hatten. Darin war auf Seite 2 in der 4. Spalte ein Bild Stalins anläßlich seines 3. Todestages. Dem Stalin nur eine Viertelspalte und nicht mal auf der ersten Seite zu widmen, war beunruhigend. Dann enthielt der Bildtext auch keine Würdigung von Stalins Leistungen, sondern nahm nur Bezug auf die nicht stattgefunden habenden Nachfolgekämpfe nach seinem Tod. Zusehends rätselhaft war dann das wiedergegebenen Stalinzitat: “Was mich betrifft, so bin ich nur ein Schüler Lenins …”

Was die KonferenzteilnehmerInnen nicht wußten: Es hatte im Parteivorstand, der ja bereits im Bilde war, dazu eine vermutlich heftige Diskussion gegeben, deren Verlauf ich mir ungefähr so vorstelle: Den Todestag ganz zu übergehen war nicht möglich, das hätten die Moskauer Genossen nicht gern gesehen, die ja durchaus von Verdiensten Stalins gesprochen hatten. Ihn auf die erste Seite zu geben hätte vielleicht als Opposition gegen jede Stalinkritik verstanden werden können. Das ging schon gar nicht. Der Kompromiss war dann eben die Innenspalte der 2. Seite. Ein weiteres Problem: vor oder nach dem Todestag? Denn der 5. März war ein Montag, und da erschien die Zeitung nicht. Nachher wäre in Bezug auf die Konferenz besser gewesen, doch vielleicht kriegten das die Moskauer Genossen in die falsche Kehle? Und die auch nicht ganz einfache Frage, welches Foto von Stalins verwendet werden konnte, wurde elegant gelöst: eines von der legendären Ansprache am 7. November 1941 in Moskau, als die deutschen Horden nur 30 km entfernt ihre Stellungen hatten. Und so geschah es.

 

Fürnberg sprach schließlich noch davon, dass Stalins letztes Buch “Ökonomischen Probleme des Sozialismus” zwar ein bedeutendes Werk des Marxismus-Leninismus sei, aber nicht alles davon richtig wäre. Etwa, dass der Umfang der Produktion der kapitalistischen Länder zurückgehen und der Weltmarkt zerfallen würde. Im Gegenteil sei derzeit ein Anwachsen der Produktion in den kapitalistischen Ländern zu beobachten. Fürnberg beruhigte aber die GenossInnen:

“Um so wichtiger war es aber festzustellen, daß das zeitweilige Anwachsen der Produktion in den kapitalistischen Ländern zwar vorhanden ist, jedoch seine inneren Widersprüche nur verschärfen wird.”

Manfred Mugrauer berichtet weiters über die Reaktion der TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung, wovon naturgemäß in der Volksstimme nichts zu lesen war:

Unter den Anwesenden rief die Akzentsetzung in Fürnbergs „Routinerede“ im Musikverein „ziemlichen Unmut“ hervor Wochen später musste er im Zentralkomitee eingestehen, dass diese Konferenz „von Anfang an unter einem unglücklichen Stern gestanden“ sei, da zum Zeitpunkt ihrer Einberufung noch nicht bekannt war, „welche umwälzenden Fragen“ der KPdSU-Parteitag bringen werde. Dass einige Tage später „neue große Diskussionen“ in der KPÖ begonnen hätten, hänge jedoch nicht mit seinem Referat, sondern mit den Enthüllungen in der bürgerlichen Presse zusammen.

Doch auch die Volksstimme brachte “Enthüllungen”:

20. Parteitag KPdSU

Diese “Freimütigkeit” fand sich teilweise auch in der KPÖ. Allerdings gegen den Willen der Parteiführung. So schreibt Mugrauer, dass

die überaus lebhaften Debatten der unteren Parteiorganisationen in der Parteipresse kaum Ausdruck (fanden). Obwohl in der Redaktion von “Weg und Ziel“ eine große Anzahl von Anfragen zum „Personenkult“ und zur „Rolle Stalins“ einging, wurde ebenso wie im Zentralorgan in den Folgemonaten keine dieser Zuschriften veröffentlicht.

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