“Weder — noch”

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Weder will ich anerkennen,
Recht sei, was dem Raubtier nützt,
noch das Raubtier rechtlich nennen,
das vor ihm als Richter sitzt.

Weder gegen Mordgewalten
will ich auf Gewalt verzichten,
noch es mit den Richtern halten,
die sich selbst nach Mördern richten.

Ach, der Kampf mit den Hyänen
ist ein Umgang mit Gefahren,
deren schlimmste: sich gewöhnen
an hyänisches Gebahren.

Den Hyänen bin ich feindlich,
die ums Lager gierig streichen.
Doch schon seh ich, die vermeintlich
sie bekämpfen, ihnen gleichen.

Zum Entweder-Oder-Beten
lasse keiner sich verführen.
Toten Pfad nicht auszutreten,
neuen gilt es auszuspüren,

nächste Schritte auszufinden,
neue Tiefen auszuloten.
Zählt denn Sehen schon als Sünde?
Ist denn Denken schon verboten?

IWAN HEILBUT

Habe das Gedicht heute in Schwarzschilds Neue Tage-Buch 1937/7 S. 162 gefunden, im Umfeld der Moskauer Prozesse und kurz nach der Rückkehr Lion Feuchtwangers aus “Sowjetrussland”, wonach bald das Stalin lobpreisende und die Terrorprozesse rechtfertigende Buch “Moskau 1937” folgte; was wiederum für heftige Reaktionen in dieser Zeitschrift sorgte, die sich außerdem äußerst kritisch – und aus heutiger Sicht gesehen, völlig korrekt mit der Inszenierung und dem staatsterroristischen Gehalt dieser Prozesse auseinandersetzte. Daraus folgte eine Hetze des stalinistisch dominierten Pariser “Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller” und von Medien wie der Neuen Weltbühne gegen Schwarzschild, was mit dessen Ausschluss aus dem Verband endete. Was wiederum zur Gründung des “Bundes freie Presse und Literatur” führte, welcher sich antifaschistische SchriftstellerInnen anschlossen, die nicht bereit waren, im Kampf gegen die eine Diktatur die andere zu forcieren.
Diese Haltung scheint mir in dem Gedicht von Iwan Heilbut ausgezeichnet dargestellt zu sein.
Mir war der Name bis vor wenigen Stunden unbekannt, aber auch Hans Magnus Enzensberger schrieb 2006 ganz überrascht in der FAZ: “Heilbut? Nie gehört!” In diesem Artikel wird zwar das bemerkenswerte Leben dieses deutschen Schriftstellers und Antifaschisten skizziert (“Auch unter den schwierigsten Bedingungen gab unser Autor sich nicht geschlagen.”), endet aber überaus melancholisch:

“Die kleine Aura

Wahrscheinlich wird nie wieder jemand seine Schriften drucken. Womöglich reicht es nicht einmal zu einer Dissertation, und auch den Roman seines Lebens wird keiner mehr schreiben. Die Geschichte der Literatur ist vergesslich, und damit mag es am Ende sogar sein Bewenden haben. Die Menschheit kann und will sich nicht alles merken.

Und doch sieht man das Blatt in der Vitrine mit anderen Augen an, wenn man weiß, wer es geschrieben hat. Die kleine Aura und der schwache Trost, das ist es, was uns die Archive zu bieten haben. Sie nehmen den Kampf mit der Vergeßlichkeit auf. Es ist ein Kampf, den niemand gewinnen kann. Daß die Archivare ihn nicht aufgeben, darin liegt ihr diskreter Ruhm und ihre Tugend.”

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