Zwanzigster Parteitag

Dieser Tage vor 60 Jahren hatte der Zwanzigste Parteitag der KPdSU stattgefunden, wobei die berühmte “Geheimrede” Chruschtschows vor ausgewähltem Publikum nicht nur monatelang vorbereitet und im Politbüro abgestimmt wurde, sondern es auch vor und während des Parteitages Probeballons gab, welche darauf hinwiesen und einstimmen sollten, dass der drei Jahre zuvor verstorbene Arsch Stalin als nicht mehr ganz so toll angesehen werde.

20. Parteitag. Chruschtschow redet. Stalin ist hineinmontiert.
Der imaginäre Stalin ist ursauer.

Diese Infoballons vor der Rede wurden von westlichen Kremlologen aufmerksam registriert und von deren journalistischen Vertretern entsprechend kommentiert. Auch die westlichen Kommunisten versuchten mit-, besser gegenzuhalten und die kommunistische Wahrheit zu verbreiten. Beides geschah auch in der österreichischen Presse, wovon einige wenige Splitter hier dargestellt werden.

Zuvor gab es noch sowas wie eine “Morgengabe” der französischen KP, welche einen Journalisten aus der Partei ausschloss, der in einem Buch ungefähr das schrieb, was wenige Wochen später zum parteiinternen diskursiven Allgemeingut werden sollte:

Journalist aus KPF rausgeschmissen. 1956

Der Widerstandskämpfer und ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Humanité, Pierre Hervé, schrieb im Buch „Revolution und Fetisch“ gegen die kritiklose Haltung der KPF gegenüber der Sowjetunion an. Hervé wurde aus KPF ausgeschlossen und die Humanité schrieb vom „Geist der vollständigsten Kapitulation vor der imperialistischen Politik“.

1. Die Eröffnung

Die kommunistische Volksstimme ist freudig und gefasst

Volksstimme zuer Eröffnung des 20. Parteitages

Die “Prawda” schreibt in ihrem Leitartikel, daß die Bevölkerung dem Parteitag mit Begeisterung entgegensieht. Die Kommunistische Partei ist vor ihrem XX. Parteitag in ihrer Einheit stärker als je. Sie ist eng zusammengeschlossen um das Zentralkomitee und unlösbar mit dem Volk verbunden.
Während die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der Oktoberrevolution 240.000 Mitglieder zählte, umfaßt heute die Kommunistische Partei sieben Millionen der besten Söhne und Töchter des Sowjetvolkes.
Die “Prawda” verweist auf die gewaltigen Erfolge der Innen- und Außenpolitik unter der Führung der Kommunistischen Partei. Sie stellt fest, daß die Bevölkerung einmütig diese Politik billigt und die Führung durch die Partei die Grundlage weiterer Siege, der erfolgreichen Vorwärtsentwicklung des Landes auf dem Weg zum Kommunismus ist.

Chruschtschows Eröffnungsreferat

umfasste 60.000 Wörter, für welche er 6 Stunden benötigte. Die Rede wurde durch Sprecher des Moskauer Rundfunks wiederholt, dauerte aber um 1 dreiviertel Stunden länger. Der Rederekord wurde damals allerdings vom Expremier Malenkow gehalten, der 1952 auf dem Parteitag auf 7 1/2 Stunden kam.

Bei Chruschtschows Rede erfolgte

23 mal “gewöhnlicher Applaus” 
6 mal  “stürmischer Applaus” 
35 mal  “lang anhaltender Applaus” 
12 mal “stürmischer, lang anhaltender Applaus” 
1 mal (am Schluss der Rede)  “Stürmischer, lang anhaltender Applaus, der zu einer Ovation wurde.” 

Das Kleine Volksblatt wusste gleich am Anfang, wo es lang geht mit dem Parteitag:

Eröffnung 20. Parteitag 1956

und wer nun das Sagen hat:

Chruschtschow in Fußstapfen Stalins

Auch der Bild-Telegraf hat es geschnallt:

Stalin nicht mehr Sowjetgott

Doch es kommt noch schlimmer:

Stalins Bücher auf den Scheiterhaufen

Moskau steht Kopf: Stalin und dessen Schriften wurden in einer bisher noch nicht dagewesenen Form auf dem 20. Parteitag der KPdSU angegriffen. Von niemandem Geringeren als dem ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten der Sowjetunion, Mikojan. Besonders an Stalins Büchern “Wirtschaftsprobleme des Sozialismus in der UdSSR” und “Geschichte der Kommunistischen Partei” wurde von dem Handelsexperten Mikojan scharfe Kritik geübt. Mikojan verläßt damit beträchtlich den Standpunkt, den er selbst auf dem 19. Parteitag im Jahre 1952 eingenommen hatte. Damals erklärte er, das Werk Stalins “erhellt mit Stalins Geist sowohl den großen historischen Weg zu einer mehr und mehr greifbaren kommunistischen Zukunft“.
Staatspräsident Woroschilow bringt es auf den Punkt: Chruschtschow ist der führende Theoretiker der sowjetischen KP.

Zur Erinnerung, das waren Auszüge aus den Zeitungen, die vor der “Geheimrede” Chruschtschows erschienen.

2. Die Zukunft, die lichte

Aber es gab durchaus Erfreuliches zu hören. Daten und Fakten, welche prosowjetische Herzen höher schlagen lassen sollten:

vier Schuhe für Iwan

Bulganin verheißt: Ganze fünf Jahre noch, dann dürfte jede sowjetische Kolchose ihr WC haben. Jedenfalls hat dann jeder kleine Iwan jährlich zwei paar neue Schuhe, zwei Meter Wollstoff und 32 Meter Baumwollstoff. Außerdem kann er wöchentlich 750 Gramm Fleisch essen.
1960 werde der Lebensstandard der Sowjetbürger über dem der westeuropäischen Länder liegen – die Schweiz und Schweden ausgenommen.
Anno 1970 werde sich die sowjetische Wirtschaft dann in jeder Hinsicht mit der amerikanischen messen können.

und womit das bewerkstelligt werden soll, davon weiß die Volksstimme zu künden:

Mit Atomkraft in den Kommunismus

Im Lauf der Debatte über diesen Bericht (dem von Bulganin und den Schuhen) kamen Vertreter ganzer Arbeitsgebiete des Sowjetstaates zu Wort. Ihre Ausführungen waren keine improvisierten Ansprachen, [Das glaub ich aufs Wort, dass da nichts improvisiert war ;-)] sondern gründliche, in gemeinsamer Arbeit mit vielen anderen Kommunisten erarbeitete Darlegungen. Die Ausführungen aller Delegierten waren vorwärts gerichtet, auf eine Verbesserung der Arbeit der Partei, auf eine Stärkung des Sowjetstaates auf allen Gebieten.
Die Leistungen der Sowjetdelegierten auf dem Gebiet der Ausnützung der Atomkraft für friedliche Zwecke, führte der Präsident der Akademie der Wissenschaften Nesmejanow aus, stellten keine einzelnen Entdeckungen dar, sondern diese Erfolge sind ein Ergebnis des raschen Vormarsches auf allen Wissenschaftsgebieten der Kernphysik.
“Man darf hoffen”, sagte Nesmejanow, “daß die Zeit nicht fern ist, die Wärme und das Licht der Wüsten direkt in elektrischen Strom zu verwandeln.”
Die Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion besitzt jetzt Elektronen-Rechenmaschinen, von denen die größte die Arbeit von zehntausend Kalkulatoren ersetzt und Aufgaben löst, die man früher nicht errechnen konnte.”

Schließlich wird auf dem Parteitag aber auch noch eine Wette abgeschlossen:

Russland gegen Ukraine, das ist Brutalität

Der Vorsitzende des Minsiterrates der Russischen Föderativen Sowjetrepublik Jassnow nahm in der Debatte zum Bericht Bulganins den Vorschlag des Sekretärs der Kommunistischen Partei der Ukraine Kiritschenko an, daß die beiden Republiken miteinander in Wettbewerb treten mögen, insbesondere zur Steigerung des Ertrages der Landwirtschaft.

Es scheint, als ob dieser Wettbewerb bis heute fortgesetzt wird, wenn auch um andere Dinge.

 

Diese zukunftsfrohe Schau erschien übrigens am selben Tag in der Wiener Volksstimme, an dem die schon mehrfach erwähnte “Geheimrede” Chruschtschows – allerdings in der Nacht zum folgenden Tag – gehalten wurde. Die österreichischen Vertreter der KPÖ, Koplenig, Fürnberg und Honner, waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Heimweg. 20 Minuten vor ihrem Abflug wurde ihnen jedoch eine kurze Zusammenfassung mündlich übermittelt, was sicher dafür gereicht hat, ihnen den Kopf schwer zu machen. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Wien haben dann Koplenig und Fürnberg im Politbüro laut Ernst Fischer nur „einen verworrenen Bericht“ erstattet.

Wie die Parteiführung und die Mitglieder der KPÖ dann weiter mit den Ergebnissen des Parteitags und der beginnenden Entstalinisierung vulgo “Tauwetter” umgegangen sind, davon im März ff.
Soviel sei verraten: Agnesichts der für Mai anberaumten Nationalratswahl verordnete das Politbüro ein internes Diskussionsverbot über die Ereignisse des Parteitags der KPdSU. Kam aber nicht so gut an.