Warum gibt es keinen Ludwig Ganghofer in den Städtischen Büchereien?

Vor ziemlich genau 60 Jahren klärt der Leiter der Städtischen Büchereien in einem freundlichen Brief einen Leser darüber auf, dass und warum Ludwig Ganghofer Scheisse ist und deshalb in den Büchereien nicht angekauft wird.

Sehr geehrter Herr E.!
GanghoferDie in Ihrem Schreiben vom 9.ds.M. vertretene Meinung, die Romane Ludwig Ganghofers seien „dem Index verfallen“ und dürften daher in den städtischen Büchereien nicht ausgegeben werden, entspringt anscheinend einer falschen Information. Es gibt bei den Städtischen Büchereien keinen Index im Sinne dieses Begriffes, aber auch keine diktatorische Beurteilung einzelner Bücher oder Autoren. Die Bibliothekare der städtischen Büchereien lektorieren Bücher und aus diesen Einzelurteilen wird ein wohlüberlegtes und geprüftes Gesamturteil erarbeitet.
Unserer Meinung nach sind die Bücher Ganghofers heute literarisch und inhaltlich veraltet. Der historische Hintergrund einzelner Romane ist wohl interessant, entspricht aber nicht den historischen Gegebenheiten und vermittelt daher dem Leser ein falsch dargestelltes, oder unabsichtlich verfälschtes Bild einer bestimmten Geschichtsepoche. Ihr Urteil ist für Sie selbstverständlich richtig. Vielleicht versuchen Sie aber einmal, sehr geehrter Herr E., einen Roman Ganghofers kritisch zu lesen, vergleichen Sie bitte „Das Schweigen im Walde“ mit Anzengrubers „Sternsteinhof“ oder Paula Groggers „Grimmingtor“, den „Ochsenkrieg“ mit Habecks „Scholar vom linken Galgen“; prüfen Sie die pathetische, gefühlsselige Handlung der Romane Ganghofers, seine lebensfremde Charakterschilderung und Sie werden unser Urteil nicht mehr ungerecht finden. Der Buchankauf der Städtischen Büchereien wird durch das Grundprinzip bestimmt, den Lesern nur beste und wirklich empfehlenswerte Bücher zu vermitteln.
Die Städtischen Büchereien sind eine kommunale Volksbildungseinrichtung, die der Gemeinschaft für ihre Arbeit verantwortlich ist und daher einwandfreien literarischen und kulturellen Erfordernissen gerecht werden muß.
Hochachtungsvoll
Der Leiter der Städtischen Büchereien
Dr. R. Müller
17. Februar 1956

Damals war es erst so gute 40 Jahre her gewesen, dass der Verfasser idyllischer Bauernromane – im Bibliothekarsjargon wurden diese ab den 70ern immer weniger gelesene und daher in den Regalen verrottende Gattung auch “kalter Bauernroman” genannt – als Kriegsberichterstatter von idyllischen Schützengräben zu berichten wusste, wie hier zu lesen:

“Recht bezeichnend heißt eine Strecke dieses Schützengrabens das „Pfuiteufelgasserl“. Ein Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: Bei leidlich trockenem Wetter heißt er „König-Ludwig-Straße“; steigt das Grundwasser, so heißt er „König-Ludwig-Kanal“. Und in einer Grabensenkung, die immer Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift: „Bitte nicht auf den Boden spucken!“
“Täten wir alle daheim so bis zum letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge und kein Opfer unseres Lebens!”

Ganghofer im Krieg

Allerdings steht Ganghofer auch mit dem Kaiser auf gutem Fuß, was er in etlichen Artikeln auch dokumentiert, aus dessen Sprachmaterial Karl Kraus diese unsterblichen Zeilen geschrieben hat:

(S[eine]. M[ajestät]. mit Gefolge. Im Hintergrund der Photograph der Woche. S. M. geht auf den Dichter zu und streckt ihm unter herzlichem Lachen die Hand entgegen.)
ganghofer1Der Kaiser: Ja Ganghofer, sind Sie denn überall? Hören Sie mal Ganghofer, Sie sind gut!
Ganghofer: Majestät, mei Gmüat hat sich bemüat den Siegeslauf der deutschen Heere einzuholen. Fix Laudon, dös is aber gach ganga! (Er hüpft.)
Der Kaiser (lachend): ‘s ist gut Ganghofer,’s ist gut. Ha–haben Sie schon Mittagbrot gegessen?
Ganghofer: Nein, Majestät, wer würde denn in so großer Zeit an so etwas denken?
Der Kaiser: Um Gottes willen, da müssen Sie doch gleich etwas essen! (Der Kaiser winkt, es wird ein Topf mit Tee gebracht nebst zwei festen Schnitten Gebäck. Der Kaiser greift selbst mit der Hand in eine Blechdose, stopft Ganghofer die Taschen mit Zwieback voll und sagt dabei immer wieder.) Essen Sie Ganghofer, essen Sie doch! (Der Photograph knipst.)
Der Kaiser: Waren Sie schon in Przemisel, Ganghofer? Essen Sie doch, um Gotteswillen, essen Sie doch! (Ganghofer ißt.) […]
(Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit, I. Akt, 23. Szene)

Heute gibt es übrigens etliche Ganghofer-Bände in den Wiener Büchereien. Und das ist gut so ;-)