Sie hatten es satt – Hungerstreik in Lungenheilanstalt

Es begann mit dem Beschluss der ÖVP-Mehrheit im niederösterreichischen Landtag, die Lungenkrankenabteilung im Speisinger Landeskrankenhaus, welches zu Niederösterreich gehörte, aufzulassen. Weil das Defizit zu groß sei.
Ab 2. Februar 1956 sollten keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden, sondern nach Grimmenstein, St. Pölten oder Mödling kommen. Die Patienten von Speising befürchteten, über ganz Niederösterreich verteilt zu werden und beschlossen zu handeln.

Auch das Zureden der Ärzte nützte nichts: Die TBC-Kranken von Speising verharrten den ganzen Montag über im Hungerstreik, um so gegen die Auflassung ihrer Station zu demonstrieren.
Das verlockend aufgefahrene Essen blieb unberührt.

 

“Die acht schwersten Fälle (von insgesamt 203) wurden zur Nahrungsaufnahme gezwungen, da sonst Lebensgefahr besteht.”

SPÖ: Man läßt aus Parteienprestige die Kranken sogar streiken.
ÖVP: Die Patienten wurden aufgeputscht. Nicht sie haben das Essen zurückgewiesen, sondern Streikposten, die die Küche besetzten. Sie wissen ja kaum, wofür sie eigentlich streiken. Man hat in den letzten Wochen sogar parteitreue sozialistische TBC-Kranke in die Klinik geschleust.
KPÖ: die KP werde die ganze Welt informieren.
Landesrat Müllner (ÖVP): „Für die Kranken tun wir alles. Aber wir lassen uns nicht terrorisieren. Auch dann nicht, wenn Wahlen vor der Tür stehen.“

   

Landtag von NÖ, VI. Gesetzgebungsperiode III. Session, 3. Sitzung am 18. Oktober 1956
Antrag des gemeinsamen Finanz- und Gesundheitsausschusses, betreffend den Beschluß, wonach das Allgemeine öffentliche Krankenhaus Mödling als Landeskrankenhaus endgültig übernommen, das Öffentliche niederösterreichische Landeskrankenhaus Speising aufgelassen und dessen Abteilungen dem Allgemeinen öffentlichen niederösterreichischen Landeskrankenhaus Mödling eingegliedert werden. Mit Mehrheit angenommen

Landesrat Viktor Müllner hat, wie wir inzwischen wissen, seinerzeit nicht nur für die Kranken alles getan, sondern auch für die ÖVP und für seine eigene Familie. Zehn Jahre nach dieser Landtagssitzung mit dem endgültigen Aus für die Lungenabteilung in Speising wurde Viktor Müllner verhaftet und wegen Amtsmissbrauchs und Untreue verurteilt. Falls es noch Überlebende der Streikaktion gegeben hat, so waren diese vermutlich von einer gewissen Genugtuung ergriffen.