Das Jugendamt und die Kanaillen

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Auch im Februar ’56 erregte Schmutz und Schund die Gemüter. Und die Sorge um die Kinder, die solchem hilflos ausgesetzt waren. Ein hervorstechender Fall war  ein Filmplakat, welches den Leiter des Wiener Jugendamtes zur Feder greifen und einen herzzerreißenden Appell an die Redaktionen verfassen ließ. Es handelte sich um das Plakat zu dem Film “Schade, dass sie eine Kanaille ist” von Vittorio de Sica, mit Sophia Loren als Hauptdarstellerin, die in diesem Film ihre Qualitäten als attraktive, mit Humor begabte Schauspielerin erstmals zeigen konnte. Der Film mit dem Originaltitel “Peccato che sia una canaglia“, der zumeist mit “Schade, daß du eine Kanaille bist” übersetzt wurde, hatte am 10. Februar im Künstlerhauskino Premiere. Er war dem Jugendamtsleiter kein Dorn im Auge, weil der eh Jugendverbot hatte, aber das Plakat, das wahrscheinlich wie nebenstehendes aussah, löste einige Phantasien in ihm aus. Neben dem Brief habe ich einige Berichte von Kindern gestellt, die in dieser Zeit im dem Jugendamt unterstellten Heim Wilhelminenberg untergebracht waren.

 

„Das Jugendamt der Stadt Wien bittet um Ihre Hilfe: In dieser Woche wurde ein Plakat angeschlagen, das für einen Film wirbt: ‚Schade, daß sie eine Kanaille ist‘. Wir lernen in unseren Bemühungen, wie wichtig in der Erziehung der jungen Menschen gerade die öffentliche Meinung, damit auch die Publizität ist. Nun zeigen schon die ersten Erlebnisse mit dieser Ankündigung, wie dieser sicher wirksame Slogan ‚Schade, daß sie eine Kanaille ist‘, auf unsere Kinder wirkt. Der Verfasser dieses Titels rechnet sehr zielbewußt mit der Schlagkraft seiner Ankündigung, schätzt ausgezeichnet die daraus erzeugte Spannung ein: ‚Warum schade?‘ – ‚Warum ist sie eine Kanaille?‘ – ‚Bleibt sie eine Kanaille?‘ – ‚Wie stimmt das Bildnis einer bedeutenden Schauspielerin mit diesem Urteil überein?
Unsere Erfahrungen mit anderen Filmen (wie etwa ‚Semiramis, die Kurtisane von Babylon‘) bestätigen, daß auch Kinder mit solchen Slogans ‚spielen‘, und auch die ‚Kanaille‘ wird zum Ausgangspunkt ähnlich ‚kindlicher‘ Fragen werden. Sehr geehrter Herr Redakteur, haben Sie ein 10jähriges Töchterchen? Was werden Sie antworten, wen Ihre Tochter fragt: ‚Warum ist es schade, daß sie eine Kanaille ist?‘ Was werden Sie antworten, wenn ihr achtjähriges Töchterchen buchstabiert ‚Kurtisane‘ und fragt: ‚Was ist eine Kurtisane?
Wir bitten Sie, uns nicht für prüde zu halten: Sturm und Drang spielen heute, wie immer, ihre bedeutende Rolle in der seeliscen Entwicklöung der jungen Menschen. Das ist aber der bedeutende Unterschied, ob sich jugendliche Äußerungen (Grobheit, Roheit, vielleicht Obszönität und Blasphemie) als individuell manifestieren oder ob sie, von anderen her ins Vielfache vergrößert, als allgemeine Meinung ‚plakatiert‘ werden.
Wir bitten Sie, um Ihre Hilfe. Wenn Sie fragen, sehr verehrte Herren, wie wir uns diese vorstellen, so antworten wir: Wir bitten nur um Ihre Stellungnahme in Ihrem Blatt. Wir vertrauen der Kraft einer sauberen, verantwortungsvollen Presse. Und wir bitten Sie darum, weil wir uns verpflichtet fühlen, unserer Jugend zu dienen.“  

“Es wurde Essen verteilt, ich konnte trotz Hungers nichts essen, in Zweierreihen gingen wir zum WC, in den Waschraum und in den Schlafsaal. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Am nächsten Morgen war mein Bett nass, ich lernte die Schlagkraft der Schwestern kennen (…)
Man hat mir das Nachthemd heruntergerissen und über den Kopf geschlagen, dann bin ich geohrfeigt und getreten worden, ich wurde gepackt, ich musste mit dem nassen Handtuch, ansonsten nackt, auf dem kalten Gang stehen (…)
Die Schule war auch im Haus, wir waren komplett abgeschottet. Die Tagesräume sind als Klassenzimmer eingerichtet worden, ich wurde in eine Klasse gebracht und von den Kindern ausgelacht und ausgespottet, weil man ihnen von meinem Bettnässen erzählt hat. Nach der Schule gab es Mittagessen, da konnte ich ein bisschen essen (…)
Wir durften auch nicht miteinander sprechen, es war strengstes Sprechverbot, es hatte absolute Ruhe und absoluter Gehorsam zu sein. Wir waren zirka vierzig Kinder in der Gruppe, fünf auf oder ab, die meisten Kinder haben geweint, weil sie unglücklich waren und Angst hatten, wir waren ja noch ziemlich klein (…)”

„Es war ein großer Schlafsaal, da wurde das Licht aufgedreht und ein bestimmtes Mädchen herausgeholt, die kam dann in einem fürchterlichem Zustand zurück, die hat man dann ein bis zwei Tage nicht gesehen, zurückgekommen ist sie mit blauen Augen, aber schon verblasst, manche waren nicht ansprechbar, manche haben nur geweint, ich hatte keinen Kontakt mit diesen Mädchen, habe versucht, mich herauszuhalten, und ich war zu kurz dort, dass ich mit irgendwem mehr Kontakt gehabt hätte. Sie wurden zu dritt oder viert geholt, manchmal nur Einzelne, es waren verschiedene Mädchen. Manchmal ist es vorgekommen, dass der Erzieher jemanden fixiert hat und dann mit jemanden geredet hat und sich die Mädchen angeschaut hat.“ 

Quelle: Endbericht der Kommission Wilhelminenberg, Juni 2013 (PDF)

Die Redaktionen nahmen die Intervention des Jugendamtleiters eher belustigt hin. Das Plakat allerdings wurde tatsächlich verboten:

„Kanaille“ Sophia zu lüstern. Ihre Augen gefährden Wien. Wegen „Aufreizung zur Lüsternheit“ verboten: Sophia Loren. Nicht etwa wegen des Busens, wie man vermuten könnte, nein: Das Samstag verbotene Plakat zeigt lediglich das schöne Gesicht und die großen Augen der schönen Sophia. Und das ganze spielt nicht etwa in Vorarlberg, wie man vermuten könnte, sondern in Wien. Samstag vormittag begann man mit der „Liquidierung“ der über ganz Wien verbreiteten Plakate für den neuen Loren-Film „Schade, dass sie eine Kanaille ist“. Außerdem wurde die Straßenbahnzeitung „Ring-Rund“ eingesammelt, deren Titelblatt ebenfalls die anstößige Sophia zeigt.

Die Misshandlungs- und Missbrauchsfälle unter der Ägide des selben Jugendamtes wurden erst Jahrzehnte später untersucht. Das Wichtige eben zuerst.

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