Von der Opfer- zur Skination

Share

Vor einem Dreivierteljahr nun war Österreich aus der befreiten Opferrolle in die eines selbständigen Staates geschlüpft. Die Massenfreude vor dem Belvedere anlässlich der Ausrufung der Unabhängigkeit war groß gewesen, massenmäßig allerdings etwas kleiner als 17 Jahre zuvor auf dem Heldenplatz. Es schien aber, als hätte sich bislang noch gar nicht so recht das vertraute “mir san mir”-Gefühl einstellen wollen. Es gab kleinere Aufräumarbeiten, etwa Kommunisten aus staatlichen Posten, vor allem aus der Polizei zu verdrängen. Auch intensivierten sich die Auseinandersetzungen innerhalb der Koalition aus ÖVP und SPÖ und steuerten auf Neuwahlen zu.  Doch von einer Hoch- oder Aufbruchsstimmung war noch nicht viel zu bemerken, wenn man den Medien der damaligen Zeit glauben darf. Die Wohnungsnot war groß und die vielen Morde, die es unterm Hitler nicht gegeben hätte, üblich geworden. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, als “wir” Dritte geworden waren, hatte sich die Position der Nationalmannschaft um den 11. Platz in der Weltrangliste eingependelt und die Erfolge hielten sich nun in Grenzen. Es gab aber einige junge, siegeshungrige Skifahrer in diesem Land. Z.B. einer aus Kitzbühel, der von Erfolg zu Erfolg fuhr und daher bei den Olympischen Winterspielen dafür belohnt wurde:

Alle Hoffnungen hefteten sich auf das Auftreten der Herren Skifahrer bei den Bewerben. Zuvor gab es noch einen Frauenbewerb – und zur Überraschung aller gewann Putzi Frandl die Silber- und Thea Hochleitner die Bronzemedaille im Riesentorlauf. Oooops:

Die beiden Medaillengewinne bei den Frauen haben im österreichischen Männerlager Freude, aber auch etwas Nervosität hervorgerufen. “Die Dirndln fuhren ganz ausgezeichnet”, meinte Anderl Molterer, wieder gänzlich hergestellt und tatendurstig wie selten zuvor. Die Nervosität ist verständlich: bei allen internationalen Veranstaltungen haben die österreichischen Frauen bisher ausgezeichnet abgeschnitten.

Später errang Regina Schöpf auch noch die Silbermedaille im Slalom. Was natürlich Verpflichtungen mit sich brachte, wie seiner- und immerzeit die Journalistenschaft vermeinte:

“WAS IST DENN LOS?” fragte Regina Schöpf erschrocken. Aber als Silbermedaillengewinnerin muß man es sich gefallen lassen, schon in aller Herrgottsfrüh von Photographen aufgeweckt zu werden. Sie sieht nicht nur auf der Piste reizend aus, sondern auch im – Bett!

Aber endlich war es soweit. Nach den Mädchen kamen die Männer. Es wurde sozusagen ernst:

Downhill

Der Spengler aus Kitzbühel ließ die Nerven am Start. Praktisch fielen drei Österreicher aus, aber der Vierte erzielte in beiden Läufen Bestzeit. Molterer war nicht Herr seiner Nerven. Favoritensterben auf dem Slalomhang. Torwirrwarr wie noch nie.

Wie eine aufgescheuchte Hühnerschar liefen sie herum, die Funktionäre der Franzosen, Schweizer, Schweden und Italiener.

Molterer war durch Sailer schockiert. Er verlor den Slalom nicht erst am Slalomhang. Er hatte ihn bereits am vergangenen Sonntag verloren, als Toni Sailer ihm beim Riesentorlauf sechs Sekunden abgenommen hatte. Das war für Anderl zu viel. Sein Tempo war phänomenal, sein Sturz nicht minder.

Hämisch grinste man uns an, die ganze Welt schien sich gegen Österreich verschworen zu haben. Der Hase wurde bereits geschlachtet, ehe man ihn richtig ins Visier gebracht hatte. Die Rechnung wurde ohne den Wirt gemacht.

Da fixierte Igaya, dessen Schlitzaugen optischen Linsen gleichen, eine Zeit, die ihn mit einem Schlag an die Spitze setzte. Libanesen, Türken und Griechen zerpflügten die Piste, als wären nicht sie, sondern ein Schneepflug der Gemeinde Wien darüber gefahren.

Rüdi hatte bis zum Höllentor eine ausgezeichnete Zwischenzeit. Dann versperrte ihm Zerberus den weiteren Weg. Er hob den Schweizer auf, warf ihn von einer Kuppe zur anderen, ließ ihn aufprallen und setzte ihn dann in den dort aufgestellten Zaun hinein, dass sich fünf Helfer bemühen mussten, ihn aus den Drahtschlingen zu klauben. Von den ersten acht Abfahrern hatten nur 3 das Ziel erreicht, nur einer davon ohne Sturz.

Der Japs Chiharu Igaya kann nicht hoch fallen. Er ist klein, beweglich wie eine Katze, dabei von einem Stehvermögen, wie man es selten gesehen hat. Aber alle Balancekünste nützten dem Japaner nichts. Sein Sturz glich dem eines Kamikazefliegers.

Was könnte über diese mörderische Strecke mehr sagen, als die Tatsache, dass von 84 Startern nur 45 das Ziel erreichten und davon knapp mehr als die Hälfte ohne Sturz blieben.

Da stand eine Handvoll Österreicher an der Piste, die auf ihn hofften. Da saßen daheim Tausende und aber Tausende Österreicher, die an ihn glaubten.

Und so etwas geht auch an einem Sailer-Toni nicht spurlos vorbei. Der Spengler mit Nerven aus Eisen und Stahl. Es hätte nicht viel gefehlt und der Kitzbüheler hätte mitten auf der Piste begonnen, ein Lied zu pfeifen.

Tonis Nerven sind, wie es sich für einen richtigen Spengler gehört, aus Eisen. Die Beine sind Gummischnüre, die Hüften aus Schaumgummi und die Augen Radargeräte.

Toni peilt die Tore mit einer Sicherheit an, die an einen Blindflieger erinnerte. Den Steilhang nahm Sailer, als hätte er ihn selbst gebaut. Das Höllentor sah aus, als hätte er das Tor selbst geschweißt. Die Rumpeln im Waldstück schienen vom Spengler Sailer geklopft. Und während die anderen Läufer am Ziel ausgebrannt und fertig ihren Betreuern in die Arme fielen, hatte der Toni wie eh und je sein lustiges Lachen im Gesicht.

Über die Höllenfahrt erzählte er mit seinen bescheidenen Worten: „Ich bin eben so gefahren, wie ich immer fahre. Wenn man da nicht sakrisch achtgibt, haut es einen in den Schnee. Die Kälte trieb mir trotz der Brillen die Tränen in die Augen. Am Ziel habe ich ein Busserl gekriegt. Erst da habe ich gewusst, dass das Rennen zu Ende ist. Zwischen Skifahren und Skifahren ist genau derselbe Unterschied, wie zwischen Singen und Singen. 

Frauen und andere Mütter

Aus der Menge löste sich eine Mädchengestalt und lief auf den keuchenden Toni zu. Seine Schwester Rosi fiel ihm um den Hals, herzte und küsste ihn, als wäre er ihr verlorener Sohn. 
Er war immer „ein guter Bub“, sagt seine Mutter, und dieser Bub ist er bis heute geblieben. Auch seine einmaligen Triumphe haben ihn nicht narrisch gemacht. Seitdem er seinen zweiten Olympiasieg in der Tasche hat, geht der Toni nicht mehr zum Five o’clock ins „Bellevue“. “Gut, dass es drei Medaillen waren: Eine für den Vater, eine für die Mutter – und für mich blieb auch noch eine.”  

Er, der nun mit seiner Leistung mit wahrhaft goldenen Lettern in die Geschichte des Sports eingehen wird, saß auf seinem Zimmer im Kreise der nahezu vollzählig versammelten Familie. Mutter, Vater, Rosi und die neueste Skihoffnung Rudi umlagerten ihren Toni. Aber welch tiefe Seufzer entrangen sich ihren Kehlen als Toni zu erzählen begann: „Viel hätt‘ nit g’fehlt, und i wär nie und nimmer unten ankommen. Droben beim Start ist mir justament ein Langriemen g’rissen. Da ist auf einmal der Senger-Hansi auf mit zusprungen, hat mir von ihm oan Riemen eing’fadelt. Ja, und dann hab‘ i noch dreißig Sekunden Zeit g’habt. Wär‘ der Hansl net g’wesen…“  

Macht sie das Rennen um Toni Sailer? Im Gegenteil, behaupten Eingeweihte, der “Tonai” ist hinter ihr her. Ob der Toni freilich das Rennen um die Französin Francine Briand macht? Auch sieben Goldmedaillen sind in der Sparte Liebe noch keine Garantie. Doch die Eingeweihten setzen bei Sailer auf Sieg und Goldring. Francine, noch im Vorjahr Favoritin unter den französischen Läuferinnen, hat seither mehr auf Haushalt umgeschaltet. doch in Cortina, in Cortina war sie wieder dabei. Nur um dem Toni zu gratulieren, wie es offiziell heißt. 

Dollarprinzessin jagt Sailer. Will Toni unbedingt heiraten. Yinx Rosen meint, Toni sei der schönste Mann, den sie je gesehen hätte. Toni Sailer, der mit der Mannschaft im Hotel „Bianca Croce“ gewohnt hatte, musste als „U-Boot“ heimlich in eine Pension übersiedeln. Doch der Portier verriert Yinx das neue Quartier und nun wird Toni auch dort belagert. Er will übrigens gar nicht in die USA, nichtmal für 500 Dollar wöchentlich = 12.500 S., vermutlich in einem gigantischen Skizirkus, hat abgelehnt.  

Upstairs

Oben in der Zimmerflucht schritt Landeshauptmann Grauss mit Bürgermeister Dr. Greiter durch eine murmelnde Schar höherer Persönlichkeiten. Der Herr Bürgermeister blickte auf seine Uhr: „Nun müssten sie aber schon da sein“, flüsterte er. Aber die, die schon da sein sollten, fuhren inzwischen noch im Schrittempo durch die Tiroler Ortschaften an der Brennerstraße. Die Skiasse wurden buchstäblich von der Menge aus den Bussen gehoben. Unbeschreiblicher Jubel brauste auf, als Anderl Molterer seinen Olympiahut schwenkte und die Polizeikapelle plötzlich spontan das Andreas-Hofer-Lied zu intonieren begann. Es hätte nicht viel gefehlt und der letzte Ritter, Maximilian I., wäre in seiner Gruft erwacht, so brandete es empor: „… für dich mein Land Tirol!“

Toni Sailer bekam den Ehrenring der Stadt Kitzbühel und 1000m2 Grund für den Bau eines Eigenheimes sowie die nötige Holzmenge dazu.
In Wien werden die Olympioniken um 14.15 Uhr ankommen und nach einer Feierstunde in der Spanischen Hofreitschule noch Sonntag abend Raimunds „Verschwender“ besuchen.
Nun auch Goldsegen für Toni Sailer vom Vater Staat: das „Große Ehrenzeichen um die Verdienste der Republik Österreich“.

Zerfetzte Kleider, verlorene Handtaschen, gezogene Börsen und einen Menschenauflauf, wie ihn Wien in den letzten zehn Jahren nicht mehr erlebt hat. Menschen rasten, drängten, stießen, suchten, schrien, kreischten, Mütter hatten ihre Kinder verloren, Bräute ihre Verlobten, Väter ihre Töchter.

Wien bereitete den Olympioniken einen Empfang, wie er selbst einem siegreichen Feldherren nicht schöner bereitet hätte werden können. Man glaubte sich in die Zeit der Staatsvertragsunterzeichnung zurückversetzt. Freuen wir uns, dass es einmal Sportler waren, Menschen jener Zunft, die im letzten Jahrzehnt für die allgemeine Verständigung so viel beigetragen haben.

 

Es hätte nicht viel gefehlt und Toni Sailer wäre zerstückelt worden. Als Andenken.

„Sie haben ja selbst gesehen, wie sich die Wiener freuen, dass Sie gekommen sind“, sagte der Bürgermeister. „Ich hoffe, dass Sie sich wohl fühlen werden.“ Toni Sailer dankte. Ruhig aber doch ergriffen. Einfach, aber doch zu Herzen gehend: „Ehrlich gesagt, das habe ich mir nicht erwartet“.
„Ich hoffe“, führte der Herr Bundespräsident aus, „ihr bleibt trotz dieses überwältigenden Empfanges bescheidene Sportler.“ Toni Sailer war tief beeindruckt: „Der Herr Bundespräsident ist ein lieber Mensch“, meinte er nachher.
Vor dem Kanzler-Empfang statteten die Olympioniken dem Kaufhaus Neumann einen Besuch ab und durften dort nach freier Wahl „Einkäufe“ tätigen. Der fesche Toni suchte sich einen Smoking aus.

Im Burgtheater wurde Sailer in der Pause zum „Autogrammverschwender“
Papst Pius sandte Sailer ein Glückwunschtelegramm.
1300 Briefe und Telegramme sowie 10 Filmangebote hat der Kitzbühler bisher erhalten.

Glücklich das Land, das solche Sportler wie einen Toni Sailer, den olympischen Sportler, wie man ihn sich nicht besser vorstellen könnte, hervorbringen kann.
 Seit gestern ist ein Kurzfilm in den Non-Stop-Kinos zu sehen, der auch allen anderen Lichtspieltheatern zur Verfügung steht, und den Titel „Toni Sailer – das Skiwunder aus Kitzbühel“ tragen wird.
Über Nacht ist der „Grandsigneur du ski“, wie ihn der große Pariser „Figaro“ bezeichnet, weltberühmt geworden: „Jesse Owens du ski“

Er war immer „ein guter Bub“, sagt seine Mutter, und dieser gute Bub ist er bis heute geblieben.

Share