Die ersten Februartage ’56 waren saukalt plus Gluthölle in Favoriten

Sind schon einige Tage in den Februar hineingewachsen, Großereignisse vor 60 Jahren waren der heutige Opernball, die Olympiade von Cortina d’Ampezzo und gegen Ende des Monats der 20. Parteitag der KPdSU. Aber im Übergang vom Jänneer zum Februar war das Wetter in aller Munde:

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Eiszeit in Wien ausgebrochen. Gemeinde: Beten und warten. Es geht um die „Urbarmachung“ der Wiener Straßen. Packeis sperrt die Hauseingänge, gewaltige Eisschollen haben Haupt- und Nebenstraßen in gemeingefährliche Hindernisbahnen verwandelt, Autos schlittern die Fahrbahn entlang und bedrohen die Straßenbahnen, Passanten stürzen, die Rettung ist pausenlos unterwegs. Auf der Wiedner Hauptstraße schleuderte der Wagen des Besitzers der „Rainer-Diele“, Leo Nedomansky, und jagte 30 Meter weiter verkehrt in ein Schaufenster. Die Rolltreppen der Opern-Passage standen heute früh still, frosterstarrte Straßenbahnleitungen brachen und legten den Tramverkehr auf einigen Linien für Stunden still.

Gigantischer Brand wütet bei „Felten & Guilleaume“ in Favoriten. Eine riesige Feuerwolke steht im Süden über Wien. Bei minus zwanzig Grad. Lötlampe war schuld. Passant meldete den Großbrand nicht, obwohl er ihn als erster sah. Er fürchtete, die Feuerwehr bezahlen zu müssen. Die Reparationslieferungen an die Sowjetunion dürften durch die Katastrophe zum Teil bedeutende Verzögerungen erfahren.

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Seit Tagen ist der Verkehr in Wien praktisch lahmgelegt. Seit Tagen herrscht gefährliches Glatteis. Im Schrittempo rollt der Verkehr und die Unfallziffern steigen ins Unermessliche. Die Straßenräumung – das ist die Meinung vieler Wiener – ist voll verantwortlich für die vielen Unfälle. Von seiten der Stadtverwaltung wird aber weder dafür gesorgt, das Eis zu beseitigen, noch daß Sand und Schotter in genügendem Maße gestreut werden. Verantwortungslos läßt man alles beim alten. Höchstens ein paar Ausreden werden den erbitterten Wienern serviert, das ist aber auch alles.

In Wien wird jedes Jahr über die Straßenräumung und Straßenbestreuung geschimpft, das ist eine alte Tradition, an der nichts geändert werden kann, meint die MA 48 bei einer Pressekonferenz.

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Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Glatteis tanzen. Wie kommt der Wiener dazu, den „Esel“ spielen zu müssen“? Wir wollen nicht rutschen, sagen alle. Die einen sagen: Der Straßendienst versagt auf der ganzen Linie. Dazu der Magistrat: wir haben getan, was wir konnten. Die Beamten des Verkehrsunfallkommandos dürfen nicht reden. Die zwei Männer vom „Stoßtrupp Jonas“ waren schweigsam. Ihre Namen wollten sie nicht nennen. „Wir streuen aus Leibeskräften“ sagten sie. Sonst nichts. Was sie streuten, war weder Sand noch Kies. Es ähnelte sehr dem Schutt aus den Bombenruinen. Ihre Bezahlung ist, wie sie erzählen, „nicht gerade glänzend“. „Ausweichen!“ schreien sie, wenn ihnen gar zu viele Passanten vor die Schaufel rennen. Und dann werfen sie mit Schwung die nächste Handvoll „Pseudokies“ über die Fahrbahn. Schon das nächste Auto schleudert die Steinchen wieder beiseite.

Straßenbahnen und Uhren standen still. Aufzüge und Fernschreiber funktionierten nicht. Das Radio fiel aus und schließlich erlosch die elektrische Beleuchtung. Auch die Telefonverbindungen waren zum Teil veeinträchtigt. Der Stromausfall von gestern ist auf die große Kälte zurückzuführen.

Es erwischt nicht nur die „gewöhnlichen Leute“: gestern rutschte Nationalrat Horr auf dem glatten Wiener Eispflaster aus und brach sich den Knöchel. Horr gehört der sozialistischen Fraktion an. Hoffentlich hat er im Krankenhaus ein Telephon, Er könnte dem zuständigen Stadtrat über den Zustand seiner Straßen einen Augenzeugenbericht geben.

Mit Napalmbomben gegen die Eiszeit. Eine Sprengstraße flog in die Luft. Im Eisdom hängen die Feuerkörbe. Eis auch unter Wasser! Kälteschock ist ohne Bedeutung. In Island blühen die Blumen.

Polarluft in Europa kann abgeschafft werden. Sensationelles Projekt eines sowjetischen Ingenieurs – „Klimafabrik“ in der Beringstraße. Diese soll nach einem älteren Projekt durch einen 85 km langen Damm abgesperrt werden, dessen mittlere Breite nur etwa 40 Meter betragen würde.
Der bekannte sowjetische Hydrotechniker Ingenieur A. Markin berichtet in der Zeitschrift „Nowyj Mir“ von einem aufsehenerregenden Projekt, durch welches das Klima des Polarbeckens erheblich gemildert werden soll, was eine völlige Klimaänderung Ostsibiriens und Nordwestamerikas zur Folge hätte und auch Europa von dem Einströmen der gefürchteten kalten Polarluftmassen befreien würde.
Es soll an dem zu errichtenden Damm zwischen Eismeer und Stillem Ozean ein riesiges Atomkraftwerk gebaut werden, das hunderte Propellerpumpen in Bewegung setzt, die eine künstliche warme Strömung erzeugen, welche eine ebensolche Wirkung ausüben würde wie der Golfstrom.

Sibirische Kälte vor dem Rückzug. So hätte es nicht weitergehen dürfen. Jetzt müsste man auf dem Nordpol sein! Das ist kein Witz, weil auf dem Nordpol wurden nur minus zwei Grad gemessen, im Wiener Becken aber minus 18, Reutte minus 30 und Kitzbühel minus 23 Grad. Wassernot bedroht Wien. Sieben Zehntel der Donau sind mit Eis bedeckt. Donnerstag mittag gingen die Wiener mit roten Nasen und Ohren zu Fuß. Die Straßenbahnen standen still, die Lampen verloschen, die Heizgeräte versagten den Dienst und die Lifts in den Häusern blieben stecken: Verbundnetzzusammenfall. Riesige Zugverspätungen. Fast alle Auslandszüge haben mehrstündige Verspätungen, auch im Inlandsverkehr traten Kältestörungen auf. Auch die Kreatur leidet. Hundert halberfrorene Vögel, Hunde und Katzen wurden im Tierschutzhaus Khleslplatz abgegeben.

Jetzt gehen wir in den Schlamm hinein.