Straßenbahnerstreik und Fahrscheinpreiserhöhung

Um die Jahreswende 1955/1956 erregten heftige Auseinandersetzungen zwischen den StraßenbahnerInnen und der Gemeindeverwaltung respektive der SPÖ die Gemüter. Angesichts der sturen Haltung des Dienstgebers und einer Gewerkschaft, die eher der SPÖ zuwillen war als den Bediensteten (kommt das jemandem bekannt vor?), fanden Betriebsversammlungen statt und bildeten sich unabhängige Komitees zur Vorbereitung und Durchführung eines Streiks und einer Kundgebung zur Durchsetzung ihrer Forderungen nach höheren Löhnen und dienstrechtlichen Verbesserungen . Die schwarzen Blätter heulten ebenso dagegen auf wie die SPÖ und die SPÖ-dominierte Gewerkschaft. Die Unzufriedenheit und das Aufbegehren der StraßenbahnerInnen wurde als kommunistische Infiltration gewertet und entsprechend verteufelt. Tja.

Man trägt wieder Klassenkampf

Am Abend des 1. Dezember 1955, als in dem fünfeckigen Zimmer des „Arbeiter-Zeitung“-Chefredakteurs Dr. Oscar Pollak mit den schwarzen Jugendstilmöbeln aus der Otto-Wagner-Zeit die Schlagzeile „Straßenbahner, streikt nicht!“ ausgekocht wurde, an diesem Abend trat nicht nur die latente Krise der sozialistischen Partei Österreichs in ein akutes Stadium. An diesem Abend beschlossen die Delegierten der einzelnen Betriebsbahnhöfe der Wiener Verkehrsbetriebe in den Streiklokalen, am nächsten Morgen die bis ins letzte Detail durchgearbeitete Aktion, trotz eines letzten Appells des Gewerkschaftsbundpräsidenten Johann Böhm, am nächsten Morgen um 5 Uhr früh zu starten.
An diesem Abend überließen sich die Wiener Straßenbahner, die zu 90% sozialistische Parteibücher in den Taschen trugen, nahezu widerspruchslos einem der perfekten Bürgerkriegsstrategie kommunistischer Spezialisten entsprungenen Plan.
Der Erfolg war total. Er übertraf die schlimmsten Erwartungen nicht etwa, weil die Androhung nackter Gewalt nach einem kurzen Versuch der Gegenwehr auch die Arbeitswilligen zur Teilnahme am Streik zwang, sondern vor allem deshalb, weil die Aktion zumindest in den ersten Morgenstunden des 2. Dezember auf die unerwartete Sympathie eines beträchtlichen Teiles der Bevölkerung stieß.
Die Sympathie galt keineswegs den Lohnforderungen der Straßenbahner. Sie galt einer gegen die Wiener Gemeindeverwaltung gerichteten Aktion.

Streikkomitee

Das Zentrale Streikkomitee fühlt sich verpflichtet, im Namen der Straßenbahnerschaft der Wiener Bevölkerung für die entgegengebrachte aufrichtige Sympathie in unserem Kampf, die bedeutend zu unserem ersten Erfolg beigetragen hat, unseren aus tiefstem Herzen kommenden Dank auszusprechen.

Im Bayrischen Hof auf der Taborstraße findet um 8.30 die vom Zentralen Streikkomitee der Wiener Straßenbahner einberufene Großversammlung der Straßenbahner statt. Tagesordnung beinhaltet einen Bericht über das neue Gehaltsgesetz und über die Misstrauensanträge der Bediensteten gegen Vertrauensmännerausschüsse sowie eine Stellungnahme zu den Maßregelungen im Zusammenhang mit dem Dankflugblatt der Streikleitung an die Bevölkerung. Der Gewerkschaftsbund behauptete gestern, es sei ihm bekannt geworden, dass sich ein Straßenbahnerkomitee als “Zentrale Streikleitung im ÖGB der Straßenbahner” bezeichne, was ein Missbrauch des Namens ders ÖGB sei. Dazu erfahren wir, dass sich die Streikleitung der Straßenbahner niemals die vom ÖGB genannte unsinnige Bezeichnung gegeben hat. Diese kann nur eine böswillige Erfindung von ÖGB-Funktionären sein, die die Einberufung der Großversammlung nervös gemacht hat. Sie haben schon bessere Versuche gemacht, die Straßenbahner zu diskreditieren und die Bevölkerung gegen sie aufzubringen. Doch auch diese waren bekanntlich vergebens.

Eine Großkundgebung der Straßenbahner

Allen Einschüchterungen zum Trotz. Demonstration verboten, aber “Spaziermarsch” zum Rathaus. Bürgermeister Jonas hinter Polizeikette und versperrten Toren. Die Straßenbahner ließen sich nicht provozieren. Sie, die in den letzten Wochen so oft als “Wilde” verschrien worden sind, wahrten musterhafte Disziplin, verhandelten mit der Polizei und erhielten die Erlaubnis, auf dem rechten Gehsteig über den Kai, die Maria-Theresienstraße und den Ring zum Rathaus zu gehen.

Stadtrat Dr. Migsch, an den sich eine Delegation der Straßenbahner wenden wollten, ließ ihnen sagen, er empfange sie nicht und wolle auch drei Resolutionen nicht entgegennehmen, die von einer Vollversammlung am Vortag beschlossen worden waren: „Disziplinlosigkeit der Straßenbahner dulde ich nicht! Ich denke nicht im Schlaf daran, eine Delegation von Straßenbahnern zu empfangen, die nicht ordnungsgemäß gewählt worden ist. Ich versichere allen diesen Männern, dass die Verwaltung in Zukunft nicht mehr diese Toleranz wie bisher beweisen wird“

Jonas empfängt keine Straßenbahner. Die gleichen Unternehmermethoden wie in der kapitalistischen Privatwirtschaft.

Das Verhalten der Gemeinde Wien ist weit über die Kreise der Straßenbahner hinaus für die ganze Arbeiterschaft ein Schulbeispiel. In der Gemeinde Wien hat die SP die Mehrheit, und die sozialistischen Arbeiter erwarten, dass daher auch ein ganz anderes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herrschen müsste, als in irgendeinem kapitalistischen Betrieb. Das Verhalten der Gemeinde als Dienstgeber unterscheidet sich aber gar nicht von den Unternehmermethoden in der kapitalistischen Privatwirtschaft.

Verzweifelte Abwehr gegen kommunistische Infiltration: Die innere Krise der Sozialisten.

Angesichts des Straßenbahnerstreiks wird klar, dass trotz des Ausschlussbeschlusses der SPÖ gegenüber Straßenbahnern, die gemeinsame Sache mit den Kommunisten machten, dies nur als wohlvorbereitetes Manöver angesehen werden kann, weil es viele Fälle gebe, in denen Sozialisten und Kommunisten zusammenarbeiteten.

SPÖ warnt sozialistische Straßenbahner …

… dass sie ausgeschlossen würden, wenn sie sich nicht von den sogenannten Streikkomitees distanzierten. Die sozialistischen Straßenbahner antworten dem Parteivorstand der SPÖ: Die Bedrohung der Mitglieder der SPÖ im zentralen Streikkomitee der Straßenbahner mit dem Ausschluß aus der SPÖ stellt eine Einmischung des Wiener Vorstandes der SPÖ in den gewerkschaftlichen Kampf der Straßenbahner zugunsten des Unternehmers dar. Unsere sozialistische Gesinnung verpflichtet uns, der Arbeitersolidarität die Treue zu halten.

Straßenbahner: Die SPÖ ließ uns im Stich

Die Unzufriedenheit unter den Wiener Straßenbahnern wächst von Woche zu Woche. Die rund 2000 sozialistischen Straßenbahner, die ihren sozialistischen Betriebsratsobmännern das Vertrauen entzogen haben, erhielten Zuzug von weiteren 800 Bediensteten, die eine Aufstellung von parteifreien Namenslisten bei den Betriebsratswahlen der Wiener Straßenbahn fordern.

Wieder ein Wortbruch an den Straßenbahnern! Einschüchterungsversuche der Gemeindeverwaltung.

Auf einigen Bahnhöfen begann die Gemeinde Wien mit der Versetzung beziehungsweise Androhung von Disziplinarmaßnahmen gegen je ein Mitglied des Streikkomitees vorzugehen, darunter auch gegen gewählte Vertrauensmänner. Diese Maßnahmen und Drohungen sind ein Bruch der bindenden Zusage, die dem zentralen Streikkomitee unmittelbar nach dem Streik vom Vorsitzenden der Gewerkschaft Pölzer gegeben wurde. Die gleiche Zusage, daß keinerlei Maßregelungen durchgeführt werden, machte damals auch der Bürgermeister Jonas und der Stadtrat für Personalwesen Migsch.
Gestern ließ die Gemeindeverwaltung noch auf den Bahnhöfen eine „Direktionsverfügung“ anschlagen, deren Scharfmacherton wieder zeigt, wie sehr sie die Straßenbahner unterschätzt:

„Obwohl nach den Dienstvorschriften die Vornahme nichtdienstlicher Handlungen im Dienst oder innerhalb des Dienstbereiches der Verkehrsbetriebe untersagt ist, wurden in letzter Zeit von einzelnen Bediensteten ‚An die Bevölkerung Wiens‘ gerichtete Flugblätter an Fahrgäste verteilt. Diese und ähnliche Handlungen, wie zum Beispiel das Nichtentfernen ausgelegter Flugblätter, sind auch im allgemeinen Geschäftsleben als Behelligung der Kunden – also unserer Fahrgäste – undenkbar. Bedienstete, die auf diese Art gegen die Dienstvorschriften verstoßen haben oder in Hinkunft verstoßen, werden disziplinär zur Verantwortung gezogen. Es wird daher vor weiteren derartigen Handlungen oder Unterlassungen nachdrücklichst gewarnt.“

 

Die Straßenbahnen waren aber noch aus einem anderen Grund in den Medien:

Verteuerung der Straßenbahnfahrscheine

Weil die Straßenbahn teurer ist: Zahnziehen stark zurückgegangen. Pater Nikodemus von den Barmherzigen Brüdern ist der Ansicht, dass jene vielen Minderbemittelten, die zur Gratiszahnbehandlung in das Spital der “Barmherzigen” kamen, sich nicht einmal das höhere Fahrgeld leisten können. Im Jahr 1955 wurden 12.985 Zähne gezogen. Tageshöchstleistung: hundert Zähne, bei Einmannbetrieb, mit einem Assistenten.

Der sozialistische Funktionär Josef Lindowsky warf einer Frau, die mit ihrer Familie am Tisch eines Gasthauses in Meidling saß und ihre Empörung über die Erhöhung der Straßenbahntarife ausdrückte, einen Aschenbecher an den Kopf. Ein anderer SPÖ-Funktionär ohrfeigte den Sohn der Frau.