Automation zwischen Postmodern und Urknall

Eine Reihe von Nachrichten befassten sich auch im Jänner 1956 mit der technisch geprägten Zukunft bzw. mit schon eingeleiteten Maßnahmen zur Automatisierung und Modernisierung des Lebens. Dazu kommt noch das Zauberwort “Atom”.
Dass auch die Ideologie nicht zu kurz kommt, ist aus der Polemik um den Urknall zu entnehmen.

Postmodern

Bildschreiber

Die österreichische Postverwaltung beabsichtigt für die Übermittlung von Telegrammen sogenannte Bildschreiber (Telefax-Geräte) aufzustellen. Noch im Jänner werden in Wien zwei Telefax-Geräte ausprobiert werden.

Dreiräder statt Rohrpost

Die Post wird immer moderner. Sofort nach der geplanten Bewaffnung der Postbeamten wurde beschlossen: Die Wiener Rohrpostanlage soll noch in diesem Frühjahr aufgelassen werden. Eilsendungen werden ab jetzt durch Motorradfahrer befördert und alle Eilsendungen werden auf den Bezirkspostämtern zentralisiert bearbeitet. Zwölf Motordreiräder werden in Kürze in den Dienst gestellt.

Atom

Atomuhr

Zwei britische Wissenschafter stellten eine “Atomuhr” her. Sie soll innerhalb von 24 Stunden auf weniger als eine Zehntausendstelsekunde genau gehen. Ihr potentieller Genauigkeitswert liegt noch wesentlich höher.

Atomreaktor in Wien

Atomreaktor in das Arsenal. 100 Millionen S Baukosten. Österreich bekommt einen Atomreaktor. Das ist so gut wie sicher. Es steht auch schon ziemlich fest, wo der „Supermeiler des zwanzigsten Jahrhunderts“ aufgestellt werden soll. Man denkt vor allem an das Wiener Arsenal. In der engeren Wahl sind allerdings auch noch Döllersheim, Linz oder das rechte Donauufer in der Nähe von Hainburg.

Fasching im Zeichen der Atomspaltung

Im Zeichen der Astronomie und der Gammastrahlen.
Am 16. Jänner findet im Künstlerhaus der traditionelle Farbfaß-Anstrich statt, dann ist kein futuristischer Maler mehr zu halten, um der Devise Atomalerisches gerecht zu werden. Den Gschnasgästen, die als Moleküle oder Atom(Sex)-Bomben durch die Säle schwirren werden. Am 28. Jänner ist das Motto „Herzspaltung“.Das zweite atomarische Fest heißt „Kettenreaktion“, das letzte „entfesselte Neutronen“.

Automation

Geisterbüros und 30-Stundenwoche

Was werden die Menschen mit der vielen Freizeit machen? Elektronengehirn “denkt” für 200 Angestellte. Im Geisterbüro. Das Kernstück der Automation sind jene komplizierten Apparate, die ebenso anschaulich wie unfachmännisch als “Elektronengehirne” bezeichnet werden. Die Automation verdrängt Menschen aus Büros und Fabriken. Wie soll man sich ihr gegenüber also verhalten? Manche Fachleute sind der Ansicht, dass die Automation wahrscheinlich überhaupt neue Industriezweige schaffen wird, wie es bisher noch durch jede technische Entwicklung der Fall war. Die 30-Stundenwoche wird kommen.

Halbautomaten

Da gibt es zum Beispiel die sogenannten Halbautomaten, das sind Verkehrsampeln, die vom Fußgänger betätigt werden. Will der Fußgänger die Straße überqueren, so drückt er auf den Schaltknopf der Ampel. Er bekommt für 30 Sekunden grünes Licht, während gleichzeitig der Fahrzeugverkehr mit rotem Licht gestoppt wird. Nachher schaltet sich die Ampel wieder automatisch um – grün für Fahrzeuge, rot für die Fußgänger. Solche Halbautomaten sind vor allem für Großverkehrs- und Einfallsstraßen geeignet, die nicht von sehr vielen Fußgängern überquert werden.

Schuldlose Automatik

Eheleute waren beim Aussteigen zwischen die automatischen Schiebetüren des O-Wagens eingeklemmt worden. Frau zeigte an, dass sie dadurch einen Sprung des linken Wadenbeins erlitten hätte. Der Sachverständige schloss eine Verletzung wegen des Gummibelags aus. Keine der Versuchspersonen verspürte das Zuklappen, der Fuß konnte sogar herausgezogen werden, wenn die Tür nicht wieder geöffnet wurde. Damit wurden die Straßenbahntüren rehabilitiert und der angeklagte Schaffner freigesprochen.

Maschinen rechnen, denken, übersetzen

Die Wissenschaft, deren Rolle wächst, dringt immer tiefer in das Leben der Sowjetgesellschaft ein, erschließt immer neue Möglichkeiten des technischen Fortschritts. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Elektronenrechenmaschinen. Die sowjetischen Gelehrten stehen in der vordersten Reihe auf dem Gebiet der Rechenmaschinentechnik. Die große Elektronenrechenmaschine BESM, die durchschnittlich 7000 bis 8000 arithmetische Operationen in der Sekunde durchführt, ist offensichtlich eine der schnellsten in Europa. Die von dieser Maschine allein in kurzer Zeit durchgeführte Rechenarbeit ist der Arbeit einer großen Zahl von Mathematikern gleichwertig.

Über-Macht durch Über-Maschinen

An einem Landesparteitag der bayrischen Sozialdemokratie waren nur kurz die üblichen Berichte zu Gehör gebracht worden und dann war ein Vortrag eines bekannten Kernphysikers über die Atomkraft und einen zweiten über die „Automation“, die Automatisierung in den amerikanischen Fabriken. Die Vertrauensmänner aus Partei und Gewerkschaft waren tief beeindruckt von dem Problem, das sie hier auf einmal – zum erstenmal – vor sich sahen: die zweite industrielle Revolution. Für die moderne Über-Macht, die sich auf Über-Maschinen gründet, gibt es zwei mögliche Ausdrucksformen in der gesellschaftlichen Organisation: Totalitäres System der Staatssklaverei oder demokratisches und kollektives System, das die geordnete Zusammenarbeit vieler Völker sichert und dadurch die Erfordernisse der Großraum-Produktion, der Großraum-Planung, der Großraum-Sicherheit und des Großraum-Fortschrittes erfüllt: das ist der Sozialismus im Atomzeitalter.

Urknall

Friedrich Katscher orakelt darüber, wie das Weltall entstanden ist und wie es enden wird – in einem Urknall ward es geboren und im Wärmetod wird es enden, also spricht Katscher, Nachbeter jeder aus westlicher Himmelsrichtung gelieferter Metaphysik, glaubt er den Leuten aufs Wort, welche von einem „Anfang des Weltalls“ faseln, als könne man von der berechtigten Frage nach dem Beginn dieses oder jenes Stadiums, Gebildes, Prozesses im Universum zu der jede Wissenschaft negierende Frage nach dem „Ursprung des Weltalls“ selbst übergehen, als gehöre nicht jeder frühere wie spätere Zustand des Entwicklungsprozesses eben dem Universum an. Verläßt man aber die materielle Welt „im Gedanken“ – indem man von einem nicht-materiellen Ursprungszustand phantasiert -, so wird damit auch die Wissenschaft über Bord geworfen und jener Nebelbereich idealistischer Spekulationen betreten, wo der Geist über den Wassern schwebt und aus Nichts Etwas wird. Meinte Walter Holitscher im Wiener Tagebuch.